Buch des Monats März 2016

01.04.2016 by

sturmMats Wahl: Sturmland. Die Reiter

Die Geschichte spielt im Jahr 2060 in Schweden. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Schnee gibt es schon lange nicht mehr, dafür werden die Menschen von heftigen Stürmen geplagt, roter Sand bedeckt immer wieder die Landschaft. Elin ist etwa 16 Jahre alt. Sie und ihre Familie haben der Regierung getrotzt, sind nicht in die grossen Städte gezogen und leben auf einem der verstreuten Höfe. Tag und Nacht müssen die Überwachungskameras laufen, ständig sind sie unter der Kontrolle der Mächtigen. Und dann passiert es: Auf dem Ritt nach Hause werden Elin und ihr Bruder überfallen. Elin hat ihre Armbrust dabei und kann sich wehren. Ihr Bruder Vagn aber wird entführt. Sofort macht sich Elin auf die Suche nach ihrem geliebten Bruder. Dies ist lebensgefährlich. Nicht nur die Entführer, eine verfeindete Familie, machen ihr zu schaffen, es ist auch die Armee und die Polizei und das Gefühl, niemandem wirklich trauen zu können.

Mats Wahl hat ein absolut spannendes, packendes Buch geschrieben, das Jugendliche beider Geschlechter gleichermassen begeistern wird. Und dies bereits ab der ersten Seite. Das Buch besticht nicht nur durch die enorme Spannung, besonders beeindruckend ist auch die Zeichnung der Figuren gelungen. Elin und Vagn könnten nebenan wohnen, so glaubhaft und nachvollziehbar sind ihre Handlungsweisen. Obwohl die Geschichte in ferner Zukunft spielt und vieles fremd erscheint, stellt der Autor beklemmende Bezüge zu unserer heutigen Welt her. Das Buch ist aus diesem Grund sehr viel mehr als bloss ein Abenteuerbuch oder Fantasy Roman. Mats Wahl gehört zu den wichtigsten Autoren der modernen Jugendliteratur. Mit diesem Buch, das unbedingt in jede Bibliothek gehört, beweist er dies einmal mehr. Bereits ist der zweite Band erschienen: Sturmland. Die Kämpferin. Hanser.

Mats Wahl: Sturmland. Die Reiter. Aus dem Schwedischen von Gesa Kunter. Hanser 2016. ISBN: 978-3-446-24936-3

Rezension: Maria Riss

Gordon Korman : Masterminds. Im Auge der Macht

25.02.2016 by

augeSerenity ist ein wunderbarer kleiner Ort, abgelegen, ruhig, sauber. Alle haben Arbeit. Der etwa 13-jährige Eli wächst wie alle andern sehr behütet auf, alles ist geregelt, fast perfekt. Was für ein Glück, hier zu leben, betonen die Erwachsenen immer wieder. Der Albtraum beginnt, als Eli eines Tages versucht, den Ort mit dem Fahrrad zu verlassen. Er fällt mit schrecklichen Schmerzen plötzlich vom Rad und wird sofort von einem Rettungshelikopter zurückgebracht. Irgendetwas stimmt hier nicht. Offenbar ist Serenity eine Art Gefängnis und der Ort darf von einigen Jugendlichen nicht verlassen werden. Hier gibt es auch diese seltsame Plastikfabrik, in der alle Eltern arbeiten. Eli und seine Freunde entdecken, dass in der Fabrik gar nichts produziert wird und dass auch das Internet ganz offensichtlich manipuliert wird. Und dann, eines Nachts, brechen Eli und seine Freunde in die Fabrik ein. Was sie dort aufspüren, ist so ungeheuerlich, dass es ihnen allen erstmal die Sprache verschlägt. Eli und ein paar seiner Freunde sind offensichtlich Teil eines schrecklichen Experiments. Sie sind Klone und wurden aus dem Erbgut von Verbrechern im Reagenzglas «hergestellt». jetzt ist den Freunden klar: Sie müssen abhauen, so schnell es geht. Die waghalsige Flucht gelingt zwar, der Preis für die Freiheit ist aber überaus hoch.
Ganz langsam baut sich die Spannung auf. So harmonisch die Geschichte zu Beginn wirkt, so bizarr und dramatisch endet das Ganze. Leserinnen und Leser sind genauso verunsichert wie Eli und seine Freunde. Da die Figuren abwechselnd erzählen, werden die verschiedenen Charaktere deutlich und ihre Entwicklung sehr gut nachvollziehbar. Alles, was so vertraut war, auch die Liebe einzelner zu ihren vermeintlichen Eltern, gerät ins Wanken und endet schliesslich in blanker Panik. Ein sehr spannendes Jugendbuch zu einem äusserst aktuellen Thema, das beide Geschlechter gleichermassen ansprechen wird. Für Jugendliche ab etwa 14 Jahren.
Die Story endet mit einem Cliffhanger, Leserinnen und Leser werden gespannt auf den zweiten Band sein, der für Herbst 2016 angekündigt ist.

Gordon Korman: Masterminds. Im Auge der Macht. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina-Scholz. Beltz 2106. ISBN: 978-3-407-74594-1

Rezension: Maria Riss

Christian Linker: Stadt der Wölfe

28.04.2015 by

woelfe«Ich wünschte, es gäbe euch alle gar nicht. Am liebsten wär ich ganz allein auf der Welt!» Mit diesen Worten geht Janek nach einem schlimmen Streit mit seinen Eltern abends ins Bett. Am Morgen wacht Janek auf, geht in die Küche. Es ist niemand da. Er macht sich Frühstück, holt sein Rad und will zur Schule fahren. Keine Menschenseele ist unterwegs. Völlig sinnlos wechseln die Ampeln ihre Farben. Die Schule ist leer. Absolut unheimlich. Janek schreibt eine Botschaft an die Tafel. Vielleicht gibt es ja irgendwo doch noch jemanden. Anschliessend macht er sich in der ganzen Stadt auf die Suche nach Menschen. Er verfährt sich und als ihn aus einem Tunnel zwei Augen anstarren, als er das laute Knurren hört, weiss er, dass Wölfe unterwegs sind. Die erste einsame Nacht daheim wird zu einem einzigen Albtraum. Janek fühlt eine Angst, wie er sie niemals zuvor erlebt hat. Wieder fährt er am Morgen darauf zur Schule und dort, dort findet er endlich jemanden. Es ist Anouk, ein Mädchen aus seiner Klasse, die sich endlich aus ihrem Versteckt traut. Die beiden fallen sich in die Arme, sind so froh, nicht mehr ganz alleine zu sein. Bald merken die beiden aber, dass sie verfolgt werden, nicht nur von Wölfen. Wie die Geschichte ausgeht, das sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Man kann das Buch vor dem Lesen der letzten Seite nicht zur Seite legen.

So muss gute Unterhaltungsliteratur für Kinder geschrieben sein: Es braucht einen spannenden Plot, eine gut verständliche Sprache, die aber niemals anbiedernd sein darf und es braucht Protagonisten, mit denen sich die Lesenden identifizieren können. Christian Linker schreibt über all die Abenteuer, die Janek und Anouk bestehen müssen, er regt an, darüber nachzudenken, wie es wäre, als eine Art Robinson in unserer Welt zurecht zu kommen. Er erzählt von Vertrauen, vom Zusammenhalten und ein bisschen auch von einer ersten Liebe. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen, weil es nicht nur so spannend ist, sondern Mädchen wie Jungen gleichermassen anspricht. Der Text ist in grossen Lettern gedruckt und sei für Leserinnen und Leser ab etwa 11 Jahren empfohlen.

Cristian Linker: Stadt der Wölfe. dtv Hardcover 2015. ISBN: 978-3-423-76114-7

Rezension: Maria Riss

Piers Torday: Die grosse Wildnis

04.12.2013 by

wildnisDie Geschichte spielt in einer Welt, die von einer einzigen Firma und deren schlimmen Machenschaften beherrscht wird und in der alle Tiere ausgerottet wurden. Der 12-jährige Kester, gefangen in einer Anstalt, glaubt, er sei nicht mehr ganz richtig im Kopf, als eines Tages eine Kakerlake auftaucht und ihn anspricht. Es gibt sie also doch noch, die Tiere, und er kann mit ihnen sprechen! Die Kakerlake ist nicht allein gekommen, ein ganzer Schwarm Tauben begleitet sie und es gelingt den Tieren, Kester zu befreien. Sie bringen ihn weit weg, an einen Ort, an dem sich die letzten überlebenden Tiere versteckt halten. Ein mächtiger und kluger Hirsch ist ihr Anführer und er ist es auch, der Kester begleiten wird. Kester ist nämlich der Auserwählte. Er soll losziehen und Hilfe suchen, um die letzten Tiere zu retten. Nebst dem weisen Hirsch begleiten ihn die Kakerlake, ein kleiner Wolf, eine kranke Katze und ein Mädchen, das manchmal ganz schön kratzbürstig sein kann. Es wird für alle eine Reise ins Ungewisse, voller Abenteuer und lebensbedrohender Gefahren.
Piers Torday hat mit seinem Debütroman ins Schwarze getroffen. Sein Roman ist nicht nur überaus spannend, es sind auch die Figuren, deren Beschreibung ihm sehr treffend und differenziert gelungen ist. Ganz egal, ob es sich bei der Figur um Kester, die grossmäulige Kakerlake, die oft so überhebliche Katze oder den jungen Wolf handelt, der den Kinderschuhen noch nicht ganz entwachsen ist. Der Plot ist von der ersten bis zur letzten Seite überaus spannend und lässt einen auch nach der Lektüre kaum mehr los. Vielleicht auch, weil das Thema so aktuell ist. Zum Selberlesen oder Vorlesen für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Piers Torday: Die grosse Wildnis. cbj 2013. ISBN: 978-3-570-15796-1

Rezension: Maria Riss

Charlotte Kerner (Hrsg.): Die fantastischen 6

19.03.2012 by

Diese Anthologie stellt sechs klassische Autorinnen und Autoren der Phantastik vor: die Autorin Mary Shelly und den Autor Bram Stoker aus dem 19. Jahrhundert; drei Schriftsteller – J.R.R. Tolkien, Stanislaw Len und Philip K. Dick – aus dem 20. Jahrhundert und Stephen King, der bis heute noch schreibt.

Das Buch wird mit einem literaturgeschichtlichen Abriss zu den Genren Horror, Science-Fiction und Fantasy eingeleitet. An die Einführung schliessen sich die sechs Porträts auf je etwa 40 Seiten an. Als Leserin oder Leser kriegt man einen detaillierten, lebendigen, sehr persönlichen und tiefschürfenden Einblick in das Leben der Bücher-schreibenden. Geschickt werden die Lebensgeschichten mit der Inhaltszusammenfassung ihrer wichtigsten Werke vermischt.

Es ist einmal mehr beeindruckend festzustellen, wie prägend sich die Kind- und Jugendzeit der Autorinnen und Autoren auf ihre schriftstellerischen Werke ausgewirkt haben. So kommt es nicht von ungefähr, dass Tolkiens Auenlandschaft im «Herr der Ringe» viele Anlehnungen an die Grafschaft Warwickshire in England aufweist, in der er vier Jahre seiner frühen Kindheit verbrachte.

Anschaulich und lebendig werden die Portäts durch zahlreiche Zitate. Da erklärt zum Beispiel Philip K. Dick (Blade Runner) ganz offen und selbstverständlich, weshalb er nie einen akademischen Abschluss zustande brachte: «Ich habe das, was sie beim Militär eine ‘erbärmliche Enstellung‘ nennen, und das heisst, ‘reiss dich zusammen oder zieh Leine‘. Ich habe es immer vorgezogen, Leine zu ziehen».

Am Schluss des Buches findet sich eine Bilbiographie zu den Werken der vorgestellten Autorinnen und Autoren sowie ein ausführliches Quellenverzeichnis. Zudem gibt es Kurzinformationen zu den sechs Verfassern dieser Porträts.

Das Buch lässt sich flüssig, ähnlich einem Roman lesen, verlangt aber auch, dass sich Lesende für die Biographien interessieren und bereit sind, mitzudenken. Dieses Buch ist sowohl für literaturinteressierte Jugendliche ab 14 Jahren, als auch für Erwachsene empfehlenswert.

Rezension: Claudia Rüetschi

Charlotte Kerner (Hrsg.): Die fantastischen 6. Beltz&Gelberg, 2010.