Peter Frankopan: Die Seidenstrasse

24.11.2018 by

Peter Frankopan, Historiker in Oxford, hat eine ganz spezielle Art Weltgeschichte geschrieben. Er setzt in seinem Buch die Seidenstrasse in den Mittelpunkt seiner Erläuterungen. Dort, zwischen Mittelmeer und Pazifik, liegt eigentlich die Wiege unserer Zivilisation. Die Seidenstrasse diente während Jahrhunderten nicht nur als Transportachse für Stoffe, Gewürze und Sklaven, entlang dieser Strasse wurden auch Religionen, Kultur und Wissenschaften verbreitet. Das wunderbar und kostbar gestaltete Buch enthält eine riesige Fülle an Informationen und zeigt vor allem wichtige Zusammenhänge auf. Das erste Kapitel beginnt mit dem Altertum, das letzte befasst sich mit den aktuellen Plänen Chinas, einen «Seidenstrasse-Wirtschaftsgürtel» zu schaffen. Das Buch besticht durch die fantastischen Bilder und das wunderschöne Layout, selbst der Buchdeckel fühlt sich seidenartig an und der Titel ist in goldenen Lettern gedruckt. Der Inhalt stellt trotz guter Gliederung und einer übersichtlichen Darstellung hohe Ansprüche an Leserinnen und Leser, weil die Informationen sehr dicht sind und weil man vieles besser versteht, wenn man ein bisschen Vorwissen mitbringt. Wer sich aber für Geschichte interessiert, wird das grossformatige und spannende Buch mit Hochgenuss lesen, weil es viele Fakten aus einer völlig anderen Perspektive aufzeigt. Für Jugendliche und Erwachsene.

Peter Frankopan: Die Seidenstrasse. Illustriert von Neil Packer. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21827-9

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juli 2018

03.07.2018 by

Philip Pullman: Über den wilden Fluss
Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Daemon Asta in Oxford. Er ist etwa 12 Jahre alt und ein ungemein kluger und hilfsbereiter Junge. Gegenüber dem Fluss gibt es ein Nonnenkloster, Malcolm hilft dort immer wieder aus. Eines Tages wird im Kloster ein Baby abgegeben, ein kleines Mädchen mit dem Namen Lyra. Zur gleichen Zeit passieren merkwürdige Dinge: Malcolm beobachtet einen Mord und belauscht beim Helfen in der Gaststube seiner Eltern geheime Gespräche über Macht, Krieg und Religion. Malcolm erfährt auch, wer der Vater der kleinen Lyra ist. Lyras Vater wird verfolgt und kann sich nicht um seine kleine Tochter kümmern. Malcolm verspricht ihm, was immer auch kommen möge, er werde Lyra beschützen. Man munkelt in diesen Tagen auch von einer Flut, die kommen werde, so gross, wie sie noch nie jemand erlebt habe. Es ist Malcom, der zusammen mit dem Küchenmädchen Alice das kleine Baby vor den schrecklichen Fluten rettet. In Malcolms kleinem Boot gelingt ihnen die Flucht. Um das Baby Lyra scheinen sich die Mächtigen des Landes zu streiten, deshalb wird Malcoms Boot verfolgt. Nicht nur die riesigen Wassermassen, auch bewaffnete Verfolger bedrohen das Leben der drei Flüchtenden. Alice und Malcolm haben Lyra vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen und verteidigen ihr Leben mit allen Mitteln. Erst ganz am Schluss, nach dem Bestehen von unglaublich vielen Gefahren, können sie Lyra endlich in die Hände ihres Vaters legen.
Philip Pullman hat einen ganz fantastischen Roman geschrieben, dies in jeder Beziehung. In welcher Zeit und Welt die Geschichte spielt, ist unklar, im Vordergrund steht aber der Konflikt zwischen mächtigen Religionsführern und den Gelehrten der Wissenschaft. Der Autor hat den Plot mit vielen fantastischen Elementen ausgestattet, so wird etwa jede Figur von einem passenden Daemon begleitet, dies macht die Lektüre zusätzlich spannend und geheimnisvoll. Auch die Beschreibungen der Figuren sind so treffend, dass Lesende Alice und Malcolm zu kennen glauben und wohl mit allen beiden gern befreundet wären. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst, würde man gerne weiterlesen, so eindrücklich ist diese Lektüre, auch wegen der vielen, aktuellen und politischen Anspielungen. Da ist es gut, dass bereits im Herbst der nächste Band «Ans andere Ende der Welt»erscheinen wird.
«Über den wilden Fluss» ist Teil der Vorgeschichte zur unvergesslichen Trilogie «Der goldene Kompass».

Philip Pullman: Über den wilden Fluss. Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-58393-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats November 2016

14.11.2016 by

okJason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay!

Rashad ist schwarz. Er soll, wenn es nach dem Willen seines Vaters geht, Offizier werden und dem Land dienen. Deshalb besucht er auch eine Schule, wo militärischer Drill dazugehört. Es ist Freitag, Rashad will den Abend mit seinen Freunden verbringen. Nur rasch noch eine Tüte Chips im Laden kaufen. Und da passiert es: Rashad stösst unabsichtlich mit einer Frau zusammen. Sekunden später steht ein Polizist mit Waffe vor ihm, beschuldigt Rashad wegen Diebstahls und schlägt ihn nieder. Schlägt immer weiter, zerrt den Jungen auf die Strasse, legt ihm Handschellen an und tritt ohne Unterlass auf ihn ein. Schreit und schlägt und hört einfach nicht auf. Erst im Krankenhaus kommt Rashad wieder zu sich. Und hier muss er die nächsten Tage auch bleiben, zu schwer sind seine Verletzungen. Quinn, ein weisser Junge, hat das alles gesehen. Hat beobachtet, wie brutal der weisse Polizist zugeschlagen hat. Hat mitbekommen, wie wehrlos Rashad am Boden lag. Aber Quinn kennt diesen Polizisten sehr gut, ein Nachbar, ein Freund der Familie. Kann er da wirklich als Zeuge aussagen? Ihn als Täter belasten? Gleichzeitig wird ein Video des Vorfalls in den Medien gezeigt und Rashads Freunde organisieren eine Demonstration gegen die Gewalt an schwarzen Jugendlichen. Alle Einwohner der Stadt müssen nun auf irgendeine Weise Stellung beziehen.
Rashad und Quinn erzählen ihre Geschichte, ihre Sichtweise, ihre Gedanken und Gefühle selber, abwechselnd, jeder aus seiner Perspektive. Zwei verschiedene Autoren haben diese Geschichte auch geschrieben: Jason Reynolds , ein dunkelhäutiger Afroamerikaner, schildert das Geschehen aus der Sicht von Rashad, Brendan Kiely, ein weisser Autor, erzählt aus der Perspektive von Quinn. Zwei Seiten kommen zu Wort, zwei Seiten einer Medaille werden Leserinnen und Leser aufgezeigt. Das Buch zeigt Jugendliche im moralischen Dilemma und macht den überaus grossen Druck nachvollziehbar, unter dem die Menschen in dieser amerikanischen Stadt leben. Die beiden Autoren haben den Opfern und Tätern der zahlreichen Zeitungsberichte Namen gegeben und lassen Lesende unmittelbar teilhaben. Ein eindringlich erzähltes Buch, das nachdenklich stimmt, dem man viele jugendliche und erwachsene Leserinnen und Leser wünscht.

Jason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay! dtv: Reihe Hanser, 2016. ISBN: 978-3-423-65024-3

Rezension: Maria Riss

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten

04.10.2016 by

kadirKadir ist Deutscher und Türke zugleich. Er ist 16 Jahre alt, lebt in Hamburg, hat die Schule geschmissen, jobbt bei seinem Verwandten im türkischen Laden und spielt Fussball, das vor allem. Aber dann erscheint Kadir nicht zum entscheidenden Spiel. Kadir ist plötzlich spurlos verschwunden. Mark, sein bester Freund, lässt nicht locker, will wissen, wo Kadir steckt. Ist es wirklich möglich, dass sein Freund ein Islamkämpfer geworden und nach Syrien abgehauen ist, um für den Sieg des IS zu kämpfen? Mark trifft Kadir erst ein paar Wochen später wieder. Sein Freund ist nicht mehr der Alte, er hat sich verändert und dies nicht zu seinem Guten. Kadir redet mit niemandem, schliesst sich ein und tut doch so, als sei alles in bester Ordnung, normal eben. Er habe nur seine Verwandten in der Türkei besucht, meint er. Als aber Kadir dann mit seiner Sporttasche vor dem besetzten Fussballstadion die Hände in die Höhe reisst und «Allahu Akbar» brüllt, greift Mark ein. Mark ist es schliesslich auch, dem Kadir seine ganze Geschichte erzählen kann.
Peter Mathews, von Beruf Schriftsteller, und Benno Köpfer, der als Analyst beim Verfassungsschutz zur Bekämpfung islamistischen Terrors arbeitet, haben ein sehr eindrückliches Buch geschrieben. Die Geschichte ist glaubhaft, spannend, berührend auch. Es geht nicht um Schwarzmalerei, es geht darum, zu begreifen, was Jugendliche dazu bringen kann, in diesen schrecklichen Krieg zu ziehen. Und das Buch will informieren, über die Geschichte des Islams, über die Glaubenslehre der Salafisten und wie es in IS-Ausbildungslagern zu und her geht. Es beschreibt realitätsnah und an manchen Stellen schonungslos den Kriegsalltag in denen vom IS besetzten Gebieten. Der vorliegende Roman will aufwecken, will dazu anregen, dass Leserinnen und Leser das Weltgeschehen kritisch hinterfragen und er will Hintergründe aufzeigen (auch wenn dies stellenweise nur in Ansätzen möglich ist). Die Beschreibung der Figuren ist über weite Strecken überzeugend und differenziert. So nimmt man Kadir, obwohl er in den Krieg zieht und sich aufs Schiessen freut, nicht einfach als grausamen Bösewicht wahr. Und Mark ist nicht nur ein Gutmensch, der alles im Griff hat. So vergisst er etwa die Suche nach seinem Freund über mehrere Tage, weil ihm Kadirs Schwester Meran so sehr gefällt. Dies alles ist in eine wirklich spannende Geschichte verpackt, die viele Jugendliche, egal welchen Geschlechts, faszinieren wird. Gibt man bei youtube die Namen der Autoren ein, kann man sich einen kurzen, sehr informativen Film zur Entstehung dieses Buches ansehen.

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-43038-8

Rezension: Maria Riss

Martin Petersen: Exit Sugartown

04.10.2016 by

sugarDawn sitzt im Gefängnis fest und erzählt dem Reporter Marcus die Geschichte ihrer Flucht für eine Artikelserie in der Sonntagszeitung. Was sie ins Diktiergerät spricht, ist von unfassbarer Tragweite. Ungeschönt gibt sie wieder, in welch schwierigen Verhältnissen sie in «Sugartown» aufgewachsen ist und wie sie sich als 17-Jährige auf den Weg nach Europa begeben hat, um die unhaltbaren Zustände, in welchen ihr kleiner Bruder aufwachsen muss, zu verbessern. Wie rücksichtslos die Schlepperbanden vorgehen und mit welchen Mitteln sie die Flüchtenden und ihre Familien unter Druck setzen, das musste Dawn am eigenen Leib erfahren. Die Stationen der Flucht werden genau geschildert: die ruppige Busfahrt übers Land, die gefahrvolle Fahrt mit dem Gummiboot übers Meer, das Leben in der Containerstadt und schliesslich die Ankunft als Illegale in der «Weissen Welt». Beeindruckend ist, wie sie trotz ihrer aussichtslosen und immer wieder unhaltbaren Lebenssituationen unbeirrt ihren Weg geht.
Was Dawn erzählt, geht unter die Haut, wühlt auf und hinterlässt Spuren. Ein hochaktuelles, berührendes Buch, dem man möglichst viele Leserinnen und Leser wünscht.

Martin Petersen: Exit Sugartown. Dressler Verlag, 2016. ISBN: 978-3-7915-0007-2

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

 

Klaus Kordon: Im Spinnennetz

24.09.2012 by

Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin. Der sechzehnjährige David muss immer wieder an den geliebten Grossvater denken, der seit über drei Jahren im Gefängnis sitzt. Grossvater ist dort, weil er gegen das von Bismarck initiierte Sozialistengesetz verstossen hat. In Davids Familie sind alle Sozialdemokraten. Eines Tages stehen preussische Polizeibeamte vor der Tür und verhaften David. In der Nacht wurden staatsfeindliche Plakate geklebt und man hat am Tatort Davis Gymnasiastenmütze gefunden. David will nicht im Gefängnis landen. Wer weiss, ob Anna auf ihn warten würde. Anna, dieses freche Mädchen aus dem Elendsquartier, Anna, die er so sehr ins Herz geschlossen hat, Anna, von der Onkel Fritz sagt: Also, dit is’n Mädel -‘n janz patenter Kerl! Und Augen hat die Kleene! Jar nich groß und jar nich besonders hübsch, aber da steckt wat drin. David muss tatsächlich nicht ins Gefängnis, aber mit dem Gymnasium ist Schluss, da will man ab sofort nichts mehr mit ihm zu tun haben, ganz egal, ob er Plakate geklebt hat oder nicht.

Fundiert recherchiertes Hintergrundwissen über die Zeit des Umbruchs in Berlin, Figuren, mit denen man sich gerne befreunden würde und ganz viel Herzenswärme zeichnen dieses Buch aus. So müssen historische Romane für Jugendliche geschrieben sein! Ganz besonders Spass macht es zudem, beim Lesen ein bisschen Berliner Jargon zu lernen. Für Leserinnen und Leser ab etwa 13 Jahren.

«Im Spinnennetz» ist nach «1848» und «Fünf Finger hat die Hand» der dritte und letzte Band einer Trilogie über die Familie Jacobi in Berlin. Alle Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden.

Rezension: Maria Riss.

Klaus Kordon: Im Spinnennetz. Beltz, 2010.