Silvia Hüsler: Kinderverse in über 50 Sprachen

23.03.2017 by

kinderverseSilvia Hüsler ist Fachfrau für interkulturelle Pädagogik und sammelt seit Jahrzehnten Kinderverse und Geschichten aus aller Welt. Der vorliegende, wunderschön illustrierte Band enthält wohl einen beträchtlichen Teil ihrer Sammlung. Die einzelnen Gedichte sind nicht nur in der Originalsprache und Schrift abgedruckt, alle Verse sind auch übersetzt und mit einer lautgetreuen Aussprachehilfe ergänzt. Es sind nicht nur die Sprachen der Länder darin vereint, sondern auch Verse aus verschiedenen Sprachregionen (Bsp. arabisch, wie man es in Syrien spricht oder ein kleines Gedicht in Portugiesisch aus Brasilien). Ganz besonders eindrücklich ist auch die CD gelungen. Die Verse, Liedchen und kurzen Gedichte werden von verschiedenen Personen vorgelesen und sind mit passender Musik untermalt. Allein zu raten, welche Sprache da gesprochen wird, macht grossen Spass und lädt dazu ein, über Sprache, Laute oder Satzmelodien nachzudenken. «Kinderverse in über 50 Sprachen» ist ein bis ins Detail wunderschön gestaltetes Buch, das Kindern einen spielerischen Zugang zur grossen Sprachenvielfalt ermöglicht, das aber auch Erwachsene immer wieder zum Staunen bringen kann. Das Buch gehört unbedingt in jede Schulbibliothek.

Silvia Hüsler: Kinderverse in über 50 Sprachen. Lambertus, 3. erweiterte Ausgabe 2017. ISBN: 978-3-7841-2884-9

Rezension: Maria Riss

Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders

23.03.2017 by

salamiAlles beginnt damit, dass die zwölfjährige Hani Samali (nicht Salami) mit einem scharfen Tomatenmesser eine Bank überfällt. Natürlich wird sie sofort festgenommen. Sie kommt aber nicht ins Gefängnis, wie sie sich das gewünscht hat, nein, sie landet beim Jugendamt. Dort schweigt Hani verbissen. Aber Mira, die nette Frau dort, die lässt nicht locker, die nimmt Hani ernst. Sie bringt das Mädchen erstmal heim. An den folgenden Tagen trifft sie sich aber immer wieder mit Hani und gewinnt deren Vertrauen. Und so kommt schliesslich alles heraus: Hanis Vater hat einen Friseursalon, die Mutter ist seit ein paar Wochen verschwunden. Hani versorgt nicht nur ihren kleinen Bruder liebevoll, sie hilft auch im Salon, putzt dort und kocht Tee für die Kundschaft. Hani hat nun aber herausgefunden, dass ihre Mutter nicht einfach verreist ist, sondern im Gefängnis sitzt. Und dies alles, weil ihr autoritärer Onkel krumme Geschäfte macht. Hani ist ein starkes Mädchen und Hani schmiedet nach dem missglückten Banküberfall einen andern, ziemlich verrückten Plan. Gottlob hilft ihr Mira dabei und so kommt zu guter Letzt doch noch fast alles gut.
«Salon Salami» ist das erste Kinderbuch des Autors, der nebst dem Schreiben an einer Schule in Neukölln unterrichtet. Mit der Geschichte der mutigen Hani ist ihm gleich ein kleiner Wurf geglückt. Der Plot ist spannend, etwas schräg vielleicht, aber auch überaus berührend. Hani ist eine Protagonistin, mit der man gerne befreundet sein würde. In ihr stecken so viel Willenskraft, Engagement und Einfallsreichtum. Überzeugend ist Benjamin Tienti auch die Schilderung des Milieus geglückt, eine Strasse, mit vorwiegend türkischen Läden und Familien. Hier hilft man sich gegenseitig, hier weiss man fast alles voneinander, das ist einerseits gut und gibt Halt, anderseits gelten hier aber auch sehr strenge Hierarchien und ganz klare Regeln, wie man miteinander umzugehen hat. Und Hanis Verhaltensweisen passen da nicht immer ganz dazu. Ein spannendes Lesevergnügen für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0047-8

Rezension: Maria Riss

Cornelia Funke/Susanne Göhlich: Fabers Schatz

21.09.2016 by

faberAls Opa beschliesst, nach Amerika auszuwandern, schenkt er seinem Enkel Faber nur einen alten Teppich. Den hat er vor vielen Jahren von einem Freund aus Damaskus bekommen. «Damit du mich besuchen kannst, du musst nur die Worte auf dem Teppich lesen», meint er beim Abschied. Aber auf dem Teppich sind nur Muster und seltsame Ornamente. Faber weiss nicht, was er mit diesem Teppich soll. Er klemmt ihn unter den Arm und geht zum Hafen, dort trifft er auf eine Kinderschar aus vielen fremden Ländern, die miteinander spielen. Faber setzt sich auf seinen Teppich und schaut zu. Shaima, ein Mädchen mit schwarzem Haar und seltsamen Kleidern, setzt sich zu Faber auf den Teppich. Sie erkennt, dass diese Ornamente arabische Schriftzeichen sind, sie lächelt und liest die Worte: «Tier ya besat, tier!» In diesem Moment hebt der Teppich vom Boden ab, ganz sacht. Den beiden verschlägt es zuerst die Sprache, aber dann geniessen sie den wunderschönen Flug. Es geht höher, immer höher über die Stadt und dann über fremde unbekannte Länder. Faber und Shaima staunen, wie bunt und vielfältig die Welt ist. Und ganz nebenbei lernt Faber von Shaima ein paar Worte Arabisch. Die beiden werden Freunde und fliegen künftig öfters zusammen aus. Und wer weiss, vielleicht schaffen es die beiden ja sogar mal bis zu Fabers Opa nach Amerika.

In diesem Buch ergänzen sich Text und Bilder ganz wunderbar. Alles, was Cornelia Funke im Text auslässt, ergänzt Sabine Göhlich mit ihren klaren, so stimmungsvollen Bildern. Das Buch erzählt von Freundschaft, vom Abschiednehmen und dem Staunen über die Vielfalt unserer Erde. Die Geschichte eröffnet Lesenden einen ganz anderen, unbeschwerten Zugang zum Thema Migration. Die Handlung hat einen linearen Aufbau, ist spannend und lässt sich deshalb ganz wunderbar vorlesen und erzählen. Und dass man beim Lesen oder Zuhören gleich noch ein paar arabische Worte lernen kann, macht das Ganze besonders reizvoll. Für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Cornelia Funke/Susanne Göhlich: Fabers Schatz. aladin Verlag, 2016. ISBN: 978-3-8489-0122-7

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Februar 2016

01.02.2016 by

februarIngeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben

Albin ist elf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Zwillingsschwestern in einem sicheren Land. Doch das war nicht immer so. Bruchstücke aus seiner Erinnerung holen ihn immer wieder ein. Dann denkt Albin daran, wie es vor fünf Jahren war, als seine Familie aus Bosnien fliehen musste. An Soldaten, die an die Tür pochen und das Haus stürmen, an Schüsse, an den tagelangen Marsch durch den Wald, an Hunger und Durst. Nun sollen sie in die alte Heimat zurückgeschickt werden. Das möchte Albin mit aller Kraft verhindern und flieht erneut. Allein. Er steigt in einen Bus, in dem der Fahrer so verdächtig lächelt, dass Albin sicher ist, dass er gleich die Türen verriegeln und die Polizei rufen wird. Doch nichts geschieht und ganz unbefangen dreht sich das jüngerer der zwei vor ihm sitzenden Mädchen um. Fröhlich plappert es los und erzählt, dass sie und ihre Schwester auf dem Weg zu den Grosseltern sind. Als die beiden schliesslich aussteigen, zögert Albin nur einen kurzen Augenblick – dann springt auch er aus dem Bus und versteckt sich im Auto der Grosseltern. Ganz still, unter einer Decke im Kofferraum, liegt er da. Beim Ferienhaus angekommen schleicht Albin um das entlegene Ferienhaus der Grosseltern. Eine verlassene Ferienhütte im Wald gleich nebenan bietet ihm ein recht sicheres Versteck. Trotzdem zittert er jede Nacht unter der Decke. Früher oder später ahnen die Mädchen, dass Albin sich in ihrer Nähe versteckt, dass er Hunger und Durst hat. Ob der rettende warme Kakao und die Brötchen extra für Albin hingestellt wurden oder Teil eines Spiels für die Mädchen waren, ist nicht sicher. Doch sicher ist, dass Albin irgendwann entdeckt wird, in den Grosseltern und den Mädchen guten Menschen begegnet und am Ende noch eine Chance bekommt. Denn vielleicht, vielleicht dürfen er und seine Familie doch bleiben.
Die norwegische Autorin erzählt in ihrem Debüt zwei eng miteinander verwobene Fluchtgeschichten – direkt aus Albins Perspektive. Auf diese Weise sind die Lesenden ganz nah dran an Albins Weltsicht, an seinem Misstrauen, seiner Furcht und seiner Einsamkeit. So schwer zu verkraften die Szenen aus Albins Erinnerung an die erste Flucht teilweise sind, so sehr helfen sie, Albin zu verstehen. Auch Kindern, denen dieses Schicksal fremd ist. Die Geschichte ist gerade durch ihre schlichte Sprache unglaublich berührend und bietet mit diesem aktuellen Thema viel Stoff für Diskussionen. Das schmale Buch mit seinen kurzen Kapiteln eignet sich für jugendliche Leserinnen und Leser ab elf Jahren genauso wie für Erwachsene.

Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben. Aus dem Norwegischen von Heike Dörries. Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-55597-7

Rezension: Franziska Weber


 

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln

20.11.2015 by

nuriNuri und Calvin. Sie lernen sich kennen im Wartezimmer von Frau Silbermann. Calvin muss dort seine kleinen Geschwister von der Nachhilfe abholen und Nuri wartet, weil Frau Silbermann ihr Deutschunterricht erteilt. Beide sind sie auf unerklärliche Art und Weise voneinander fasziniert. Nuri ist noch nicht lange in Deutschland. Sie wohnt in einem Asylbewerberheim irgendwo im Osten Deutschlands. Nuri beginnt schon bei ihrer ersten Begegnung zu erzählen. Sie berichtet von ihrem früher so wundervollen Leben in Syrien, und dann von der Angst, dem Krieg und der langen Odyssee nach Deutschland.

Calvin wohnt ganz in der Nähe. Dort, wo die heruntergekommenen Wohnblocks stehen. Calvins Freunde brüllen Parolen, sie hassen alles, was fremd und anders ist. Und im nächsten Jahr, da soll Calvin die Führung der Truppe übernehmen.

Calvin und Nuri. Sie verlieben sich ineinander. Niemand darf davon erfahren. Nur bei der alten Frau Silbermann oder draussen im Wald können sich die beiden heimlich treffen. Calvin verstrickt sich bei seiner Truppe immer stärker in ein Netz aus Lügen. Und vor allem: Er selbst ist zutiefst verunsichert, all seine Ideale und Überzeugungen geraten ins Wanken, der bis anhin wichtigste Halt in seinem Leben, das Zusammensein mit der Gruppe, droht zu zerbrechen. Auch seine Kameraden beginnen, ihm zu misstrauen und schliesslich soll er beweisen, dass er noch immer treu zur Truppe steht: Ein Angriff auf diese Asylantenbrut ist längst überfällig.

Aktueller kann ein Jugendroman momentan kaum sein. Dem Autor ist es gelungen diese beiden unterschiedliche Figuren so überzeugend darzustellen, dass man sie zu kennen glaubt. Peer Martin kennt sich aus in der rechten Szene. Er beschreibt eindringlich und absolut glaubhaft, wie stark der Gruppendruck sein kann. Zugleich schafft er es aber auch, dass die Lesenden an Nuris so anderer Welt teilhaben können. Nuri erzählt ihre Geschichte, ganz der arabischen Tradition verpflichtet, in einer wunderschön gestalteten und bildhaften Sprache. Lesende erfahren dabei auch, wie der Konflikt in Syrien begann. Das Aufdecken von Hintergründen, das Aufklären ist dem Autor ein grosses Anliegen, egal ob er von Calvins oder Nuris Welt erzählt. Man liest dieses dicke Buch in einem Zug, weil es von der ersten Seite an spannend ist, weil man die beiden Protagonisten so gern begleitet. Ein bisschen konstruiert wirkt vielleicht der Anfang der Geschichte, aber das tut der restlichen Qualität und der Wichtigkeit des Buches keinen Abbruch. Ein Buch, dem man ganz viele junge Leserinnen und Leser wünscht, weil es nicht nur Lesegenuss bietet, sondern weil es aufklärt und so sehr viel zum Verstehen der momentanen politischen Situation beiträgt.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln. Oetinger 2015. ISBN: 978-3-7891-4297-0

Rezension: Maria Riss

Sarah Crossan: Die Sprache des Wassers

04.12.2013 by

wasserDie etwa 16-jährige Kasienka wandert mit ihrer Mutter aus, von Polen nach England. Mama will dort Tata wiederfinden, der sie vor über einem Jahr verlassen hat. Die beiden finden zwar eine Bleibe, Mama auch Arbeit als Putzhilfe im Krankenhaus, aber das Leben in England ist nicht nur wegen der Nässe und dem ewig grauen Himmel einfach schrecklich. Sie fühlen sich ausgestossen, als Menschen zweiter Klasse und beide haben Heimweh. Die Suche nach ihrem Mann treibt Kasienkas Mutter an, obwohl sie im Grunde weiss, dass ihr Mann niemals mehr zu ihr zurückkehren wird. Kasienka hat es schwer in der Schule. Niemand will mit ihr befreundet sein, sie wird ausgelacht und gemoppt. Zum Glück entdeckt sie die Schwimmhalle, im Wasser da fühlt sich Kasienka stark und schön:
Das Wasser ist eine eigene Welt,
ein Land mit seiner eigenen Sprache,
und die spreche ich fliessend.
Im Schwimmbad trifft Kasienka auch auf William, der ihr zum ersten Mal das Gefühl gibt, dass es sich vielleicht in diesem Land leben liesse.
Das Besondere an diesem Buch ist nicht der eigentliche Plot, das Besondere ist die wunderschöne Sprache und Form des Textes. Das ganze Buch ist eine Art von Gedicht, geschrieben in einer wunderbar einfachen, rhythmischen Sprache, leicht lesbar an der Oberfläche und mit ganz vielen Details, die zwischen den Zeilen stehen. Beim Lesen entstehen eindrückliche Bilder, da werden selbst Gerüche und Geräusche wahrnehmbar. Leserinnen und Leser werden unmittelbar hineingezogen, erleben nicht nur das Geschehen, sondern auch die inneren Sichtweisen hautnah mit. Zu Recht ist das Buch in kostbares Leinen gebunden. Für Jugendliche.

Sarah Crossan: Die Sprache des Wassers. Mixtvision 2013. ISBN: 978-3-3939435-84-6

Rezension: Maria Riss

Frank Cottrell Boyce: Der unvergessene Mantel

13.06.2012 by

Julie kommt als erwachsene Frau zurück in ihr altes Schulhaus, das nächstens abgerissen werden soll. Erinnerungen kommen hoch, als Julie unter den Fundsachen den Mantel von Dschingis entdeckt und in dessen Tasche alte Polaroid-Aufnahmen. Es war ein heisser Sommertag damals, als Julie auf dem Pausenhof die beiden fremden Jungen in den langen Fellmänteln zum ersten Mal sah. Die beiden kamen aus der Mongolei und Julie sollte sich ein bisschen um sie kümmern. Weder Dschingis noch sein kleiner Bruder hatten eine Ahnung davon, wie der Schulalltag in England abläuft, sie wussten nicht einmal, wie man Fussball spielt. Julie hatte also recht viel zu erklären. Sie profitierte aber genauso von den beiden. So erfuhr sie, wie man Adler zähmt, sie lernte, dass in der Mongolei Riesenblumenbäume wachsen und wie man Dämone austrickst. Aber dann waren die beiden Brüder plötzlich nicht mehr da. Sie wurden abgeholt, zurückgeschickt in eine sehr ungewisse Zukunft.  Ganz am Schluss des Buches können Lesende aufatmen. Dank Internet gelingt es der erwachsenen Julie, Kontakt zu Dschingis und seinem Bruder aufzunehmen. Frank Cottrell  Boyce hat eine bewegende Geschichte über das Schicksal von zwei Flüchtlingskindern geschrieben. Die authentische Geschichte  besticht nicht nur durch die Schönheit der Sprache, sondern auch durch die vielen Fotos und Illustrationen, durch das spezielle Layout und die aussergewöhnliche Aufmachung. Ein besonderes Buch für besondere Kinder ab etwa 10 Jahren und Erwachsene.

Rezension: Maria Riss

Frank Cottrell  Boyce: Der unvergessene Mantel
Carlsen 978 3 551 55594 6