Ingrid O. Volden: Unendlich mal unendlich mal mehr

24.11.2018 by

Petra lebt zusammen mit ihrer Mutter in einem kleinen Dorf in Norwegen. Sie geht gerne zur Schule und kommt mit dem Leben eigentlich ganz gut zurecht. Sie spielt überaus gut Fussball, liebt Gruks (das sind ganz kurze Aphorismen) und sie hat eine sehr spezielle Beziehung zu Zahlen. Allerdings dürfen das nur gerade Zahlen sein, sonst bringen sie Unglück. Auch die Schuhe im Korridor müssen ganz genau an ihrem Platz stehen und Gully Deckel, die darf sie unter keinen Umständen betreten. All diese für sie magischen Dinge bereiten ihrer Lehrerin Sorge, deshalb geht Petra seit kurzem einmal in der Woche zu Stephen, dem Schulpsychologen. Der ermutigt sie, ihre Angst vor dem Wasser zu überwinden und endlich ins Hallenbad zu gehen. Denn Wasser, das gehört für Petra auch zu diesen unkontrollierbaren Dingen, da weiss man nie, wie es sich bewegt und ob man nicht doch den Boden unter den Füssen verliert. Es braucht ein bisschen Zeit, bis Petra sich schliesslich ins Hallenbad traut. Da sitzt sie auf der Tribüne und guckt zu. Aber dann trifft sie Thomas, der so wunderbar schwimmt, wie wenn er Propeller statt Arme hätte. Petra fühlt bald nur noch Brausepulver und Sprudelwasser in sich drin. Mit Thomas traut sie sich nach einiger Zeit sogar, den Kopf ins gefährliche Nass zu tauchen. Der Name Petra bedeutet «Stein» oder «Fels» und genauso stark ist auch die Protagonistin dieser Geschichte. Petra ist eine Kämpferin und auch eine, die mit ihren eigenen Gefühlen und denen anderer sehr sorgfältig umgehen kann. So erlebt sie nicht nur ihre erste scheue Liebe, sie bringt es auch fertig, einen Flüchtling aus Calais nach Norwegen einzuschleusen, damit die Familie ihrer besten Freundin endlich wieder komplett ist
Ingrid O. Volden hat sich für ihr erstes Kinderbuch nicht nur diese eindrückliche Mädchenfigur ausgedacht, sie hat deren Entwicklung und die spannende Geschichte auch in ganz wunderbare Worte gefasst. Karg könnte man die Sätze bezeichnen aber voller Metapher und mit ganz vielen leisen Tönen dazwischen. Ein Buch, das literarische Erfahrungen ermöglicht und das sich ganz wunderbar für unvergessliche Vorlesestunden eignet. Für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Ingrid O. Volden: Unendlich mal unendlich mal mehr. Aus dem Norwegischen von Nora Pröfrock. Thienemann 2018. ISBN: 978-3-522-18461-8

Rezension: Maria Riss

Sarah Crossan / Brian Conaghan: Nicu & Jess

08.11.2018 by

Nicu ist ein Roma-Junge mit traditionsverhafteten, strengen Eltern, der erst seit etwa einem Monat in England lebt. Nicu will unbedingt in England bleiben, deshalb lernt er richtig verbissen diese Sprache, deshalb passt er sich immer und überall an und will keinesfalls auffallen. Er steckt alle Erniedrigungen weg, leidet still vor sich. Jess kommt aus einem völlig anderen Milieu, sie leidet unter ihrer ängstlichen Mutter und deren tyrannischem Freund, der trinkt und immer wieder zuschlägt. Trotz der unterschiedlichen Herkunft eint die beiden 15-Jährigen eines: Beide sind zum dritten Mal beim Klauen erwischt worden und müssen deshalb Sozialstunden absitzen, das heisst Müll einsammeln und in Sozialtrainings mitmachen. So kommen sich Jess und Nicu ganz allmählich näher. Aber Nicus Vater will zurück nach Rumänien und seinen Sohn dort verheiraten und bei Jess zuhause eskaliert der Streit zwischen ihr und ihrem gewalttätigen Stiefvater. Nicu und Jess haben sich lieben gelernt und wollen gemeinsam abhauen, nur weg und möglichst weit. Wie die Geschichte endet, das bleibt offen, stimmt aber Lesende nachdenklich.
Die Kapitel werden von Jess und Nicu abwechselnd in einer Art Gedichtform erzählt, in einer wunderbar einfachen, rhythmischen Sprache, oft leicht lesbar an der Oberfläche und mit ganz vielen Details, die zwischen den Zeilen stehen. Nicu erzählt mit den Wörter, die er in dieser fremden Sprache eben kennt. Das ist manchmal so, dass man lächeln muss, es ist aber auch unsagbar berührend, wie er um die richtigen Worte ringt und dabei grammatikalische Regeln ausser Acht lässt. Das Autorenteam hat es geschafft, dass diese Zeilen nicht klischeehaft, sondern überaus echt wirken. Das vorliegende Buch ist trotz der speziellen Form und der an sich leicht lesbaren Sprache keine einfache Kost. Da gilt es einerseits die vielen Leerstellen beim Lesen zu füllen und da ist auch das Geschehen, das unter die Haut geht und einen nicht mehr loslässt. Sarah Crossan hat für ihre Bücher bereits mehrere Preise erhalten, mit diesem Buch über diese ungewöhnliche und verbotene Liebe beweist sie ihr grosses Können erneut. Ein wundervolles, spezielles Buch für Jugendliche und Erwachsene.

Sarah Crossan / Brian Conaghan: Nicu & Jess. Aus dem Englischen von Cordula Setsman. mixtvision 2018. ISBN: 978-3-95854-106-1

Rezension: Maria Riss

 

Silke Lambeck: Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich

23.08.2018 by

Matti und Otto, die beiden sind ganz dicke Freunde und halten zusammen wie Pech und Schwefel. Beide besuchen die gleiche Klasse. An diesem Morgen ist der Musikunterricht richtig spannend, denn die Musiklehrerin zeigt der Klasse einen Youtube – Film. Er zeigt einen Rap von Bruda Berlin. Bruda Berlin heisst mit richtigem Namen Mahmoud, ist dreizehn Jahre alt und hat das Video selbst produziert. Echt cool ist das. Nun erhält die Klasse den Auftrag, in Gruppen selbst einen Rap zu erfinden. Matti und Otto sind sich einig, sie wollen eine Art Gangstarap aufnehmen. Aber wie kann man das, wenn man selber ganz brav und wohlerzogen ist? Die beiden beschliessen, als erstes, wilder und frecher zu werden.
Zu Beginn wollen sie Hotte Zimmermann, den stets schlecht gelaunten Kioskbetreiber an der Ecke mit einem Rap einfach nur ärgern. Aber dann bekommen sie mit, wie dieser alte Mann von Immoblienheinis bedroht und erpresst wird. Jetzt gilt es zu handeln. Einerseits wollen Matti und Otto, dass der Kiosk mit all den verlockenden ungesunden Süssigkeiten erhalten bleibt und andrerseits tut ihnen der alte Mann trotz allem leid. Die beiden wagen sich ins gefährliche Viertel Neukölln vor, um von Bruda Berlin Hilfe zu bekommen. Ganz schön spannend wird das Ganze und von «brav» kann bald überhaupt keine Rede mehr sein. Wie die beiden es schaffen, nicht nur den Kiosk zu erhalten, sondern einen wirklich coolen Rap zu drehen, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten, es lohnt sich aber auf jeden Fall diese turbulente Geschichte nachzulesen.
Matti erzählt diese Geschichte aus seiner kindlichen Perspektive und führt so Leserinnen und Leser ganz nah ans Geschehen. Wunderbar ist es der Autorin zudem gelungen, die verschiedenen Milieus auf eine humorvolle, leicht ironisierende Art und Weise zu beschreiben. Da sind auf der einen Seite diese beiden wohlbehütenden Jungs, die vor allem von ihren Müttern auf jede nur denkbare Art gefördert werden. Auf der anderen Seite ist diese arabische Grossfamilie von Mahmoud, wo Otto und Matti überaus nett empfangen werden (die Männer dort sehen zwar wie Gangster aus, sind aber Lehrer oder Sozialarbeiter). So müssen gute Kinderbücher geschrieben sein: spannend, humorvoll, in einer einfachen, aber gestalteten Sprache, übersichtlich gegliedert und mit vielen Bildern versehen. Zum Vorlesen oder Selberlesen für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Silke Lambeck: Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich.Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5625-3
Rezension: Maria Riss

Tanya Lieske: Mein Freund Charlie

05.11.2017 by

charlieNiks und sein Vater Mahris leben in Riga. Sie reisen in den Sommerferien nach Deutschland, Mahris will endlich richtig gut Geld verdienen. Sie landen in Dortmund in einem heruntergekommen Wohnblock. Niks staunt, wie unterschiedlich hier die Menschen sind, sie scheinen aus der ganzen Welt zu kommen und kaum jemand spricht Deutsch. Gleich gegenüber ihrer Wohnung leben Russen. Mit Russen haben Niks und Mahris in ihrer Heimat nicht wirklich gute Erfahrungen gemacht. Mahris findet nach ein paar Tagen endlich einen Job auf dem Bau und Niks, der ist ab sofort allein in dieser tristen Umgebung, fühlt sich einsam und hat Heimweh, das vor allem. Doch dann begegnet er Charlie. Der gehört zwar zu diesen Russen, aber Charlie ist so einer, der sich auskennt, der Niks einfach mitnimmt. Charlie muss man wegen seiner offenen Art und seinem verschmitzten Grinsen einfach gern haben. Niks und Charlie schliessen ganz schnell Freundschaft. Charlie zeigt Niks nicht nur, wie man sich in der Stadt zu Recht findet, er lernt ihm auch allerhand Tricks. Wie man sich unsichtbar machen kann oder wie man Dinge, die man gerne haben möchte, auch einfach mitgehen lassen kann. Niks lernt schnell und Niks ist gut. Nachdem sich Niks Vater auf der Baustelle so schwer verletzt, dass er ins Spital muss, verbringt Niks fast seine ganze Zeit mit Charlie. Dann taucht ein paar Tage später der Hausbesitzer auf, will die fällige Miete, aber die Blechdose mit dem Geld im Küchenschrank ist leer. Und es sind die Russen, die Niks aus der Patsche helfen und die ihn bald mitnehmen auf ihre geheimen Touren in der Nacht. Niks weiss, dass er Unrecht tut, aber er mag Charlie so sehr und es bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig! Als sich die Dinge überstürzen und Niks in allergrösster Gefahr schwebt, da taucht er plötzlich auf, wie ein rettender Engel: Sein Vater Mahris, der seinen Sohn in die Arme schliesst und ihn aus diesem ganzen Schlamassel rausholt. Deutschland ist nichts für die beiden und sie packen sofort ihre Koffer. Auch die Russen hauen ab und mit ihnen Charlie. Charlie, der in so kurzer Zeit zum besten Freund wurde, den wird Niks vermissen, wohl sein ganzes Leben lang.
Tanya Lieske hat ein ganz wundervolles Buch geschrieben. Niks erzählt seine Geschichte mit so treffenden Worten und Sätzen, dass man beim Lesen ganz nah dabei ist, dass man selbst den Geruch im Treppenhaus zu riechen scheint. Es geht im Buch um Heimat, um Zusammenhalt, um Vorurteile und um Freundschaft. Berührend ist dieser Roman und sehr spannend zugleich, eine grossartige Mischung aus Krimi und darüber, was Freundschaft bedeuten kann. Das Buch sei Leserinnen und Lesern ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen.

Tanya Lieske: Mein Freund Charlie. Beltz 2017. ISBN: 978-3-407-82321-2

Rezension: Maria Riss

Silvia Hüsler: Kinderverse in über 50 Sprachen

23.03.2017 by

kinderverseSilvia Hüsler ist Fachfrau für interkulturelle Pädagogik und sammelt seit Jahrzehnten Kinderverse und Geschichten aus aller Welt. Der vorliegende, wunderschön illustrierte Band enthält wohl einen beträchtlichen Teil ihrer Sammlung. Die einzelnen Gedichte sind nicht nur in der Originalsprache und Schrift abgedruckt, alle Verse sind auch übersetzt und mit einer lautgetreuen Aussprachehilfe ergänzt. Es sind nicht nur die Sprachen der Länder darin vereint, sondern auch Verse aus verschiedenen Sprachregionen (Bsp. arabisch, wie man es in Syrien spricht oder ein kleines Gedicht in Portugiesisch aus Brasilien). Ganz besonders eindrücklich ist auch die CD gelungen. Die Verse, Liedchen und kurzen Gedichte werden von verschiedenen Personen vorgelesen und sind mit passender Musik untermalt. Allein zu raten, welche Sprache da gesprochen wird, macht grossen Spass und lädt dazu ein, über Sprache, Laute oder Satzmelodien nachzudenken. «Kinderverse in über 50 Sprachen» ist ein bis ins Detail wunderschön gestaltetes Buch, das Kindern einen spielerischen Zugang zur grossen Sprachenvielfalt ermöglicht, das aber auch Erwachsene immer wieder zum Staunen bringen kann. Das Buch gehört unbedingt in jede Schulbibliothek.

Silvia Hüsler: Kinderverse in über 50 Sprachen. Lambertus, 3. erweiterte Ausgabe 2017. ISBN: 978-3-7841-2884-9

Rezension: Maria Riss

Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders

23.03.2017 by

salamiAlles beginnt damit, dass die zwölfjährige Hani Samali (nicht Salami) mit einem scharfen Tomatenmesser eine Bank überfällt. Natürlich wird sie sofort festgenommen. Sie kommt aber nicht ins Gefängnis, wie sie sich das gewünscht hat, nein, sie landet beim Jugendamt. Dort schweigt Hani verbissen. Aber Mira, die nette Frau dort, die lässt nicht locker, die nimmt Hani ernst. Sie bringt das Mädchen erstmal heim. An den folgenden Tagen trifft sie sich aber immer wieder mit Hani und gewinnt deren Vertrauen. Und so kommt schliesslich alles heraus: Hanis Vater hat einen Friseursalon, die Mutter ist seit ein paar Wochen verschwunden. Hani versorgt nicht nur ihren kleinen Bruder liebevoll, sie hilft auch im Salon, putzt dort und kocht Tee für die Kundschaft. Hani hat nun aber herausgefunden, dass ihre Mutter nicht einfach verreist ist, sondern im Gefängnis sitzt. Und dies alles, weil ihr autoritärer Onkel krumme Geschäfte macht. Hani ist ein starkes Mädchen und Hani schmiedet nach dem missglückten Banküberfall einen andern, ziemlich verrückten Plan. Gottlob hilft ihr Mira dabei und so kommt zu guter Letzt doch noch fast alles gut.
«Salon Salami» ist das erste Kinderbuch des Autors, der nebst dem Schreiben an einer Schule in Neukölln unterrichtet. Mit der Geschichte der mutigen Hani ist ihm gleich ein kleiner Wurf geglückt. Der Plot ist spannend, etwas schräg vielleicht, aber auch überaus berührend. Hani ist eine Protagonistin, mit der man gerne befreundet sein würde. In ihr stecken so viel Willenskraft, Engagement und Einfallsreichtum. Überzeugend ist Benjamin Tienti auch die Schilderung des Milieus geglückt, eine Strasse, mit vorwiegend türkischen Läden und Familien. Hier hilft man sich gegenseitig, hier weiss man fast alles voneinander, das ist einerseits gut und gibt Halt, anderseits gelten hier aber auch sehr strenge Hierarchien und ganz klare Regeln, wie man miteinander umzugehen hat. Und Hanis Verhaltensweisen passen da nicht immer ganz dazu. Ein spannendes Lesevergnügen für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0047-8

Rezension: Maria Riss

Cornelia Funke/Susanne Göhlich: Fabers Schatz

21.09.2016 by

faberAls Opa beschliesst, nach Amerika auszuwandern, schenkt er seinem Enkel Faber nur einen alten Teppich. Den hat er vor vielen Jahren von einem Freund aus Damaskus bekommen. «Damit du mich besuchen kannst, du musst nur die Worte auf dem Teppich lesen», meint er beim Abschied. Aber auf dem Teppich sind nur Muster und seltsame Ornamente. Faber weiss nicht, was er mit diesem Teppich soll. Er klemmt ihn unter den Arm und geht zum Hafen, dort trifft er auf eine Kinderschar aus vielen fremden Ländern, die miteinander spielen. Faber setzt sich auf seinen Teppich und schaut zu. Shaima, ein Mädchen mit schwarzem Haar und seltsamen Kleidern, setzt sich zu Faber auf den Teppich. Sie erkennt, dass diese Ornamente arabische Schriftzeichen sind, sie lächelt und liest die Worte: «Tier ya besat, tier!» In diesem Moment hebt der Teppich vom Boden ab, ganz sacht. Den beiden verschlägt es zuerst die Sprache, aber dann geniessen sie den wunderschönen Flug. Es geht höher, immer höher über die Stadt und dann über fremde unbekannte Länder. Faber und Shaima staunen, wie bunt und vielfältig die Welt ist. Und ganz nebenbei lernt Faber von Shaima ein paar Worte Arabisch. Die beiden werden Freunde und fliegen künftig öfters zusammen aus. Und wer weiss, vielleicht schaffen es die beiden ja sogar mal bis zu Fabers Opa nach Amerika.

In diesem Buch ergänzen sich Text und Bilder ganz wunderbar. Alles, was Cornelia Funke im Text auslässt, ergänzt Sabine Göhlich mit ihren klaren, so stimmungsvollen Bildern. Das Buch erzählt von Freundschaft, vom Abschiednehmen und dem Staunen über die Vielfalt unserer Erde. Die Geschichte eröffnet Lesenden einen ganz anderen, unbeschwerten Zugang zum Thema Migration. Die Handlung hat einen linearen Aufbau, ist spannend und lässt sich deshalb ganz wunderbar vorlesen und erzählen. Und dass man beim Lesen oder Zuhören gleich noch ein paar arabische Worte lernen kann, macht das Ganze besonders reizvoll. Für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Cornelia Funke/Susanne Göhlich: Fabers Schatz. aladin Verlag, 2016. ISBN: 978-3-8489-0122-7

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Februar 2016

01.02.2016 by

februarIngeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben

Albin ist elf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Zwillingsschwestern in einem sicheren Land. Doch das war nicht immer so. Bruchstücke aus seiner Erinnerung holen ihn immer wieder ein. Dann denkt Albin daran, wie es vor fünf Jahren war, als seine Familie aus Bosnien fliehen musste. An Soldaten, die an die Tür pochen und das Haus stürmen, an Schüsse, an den tagelangen Marsch durch den Wald, an Hunger und Durst. Nun sollen sie in die alte Heimat zurückgeschickt werden. Das möchte Albin mit aller Kraft verhindern und flieht erneut. Allein. Er steigt in einen Bus, in dem der Fahrer so verdächtig lächelt, dass Albin sicher ist, dass er gleich die Türen verriegeln und die Polizei rufen wird. Doch nichts geschieht und ganz unbefangen dreht sich das jüngerer der zwei vor ihm sitzenden Mädchen um. Fröhlich plappert es los und erzählt, dass sie und ihre Schwester auf dem Weg zu den Grosseltern sind. Als die beiden schliesslich aussteigen, zögert Albin nur einen kurzen Augenblick – dann springt auch er aus dem Bus und versteckt sich im Auto der Grosseltern. Ganz still, unter einer Decke im Kofferraum, liegt er da. Beim Ferienhaus angekommen schleicht Albin um das entlegene Ferienhaus der Grosseltern. Eine verlassene Ferienhütte im Wald gleich nebenan bietet ihm ein recht sicheres Versteck. Trotzdem zittert er jede Nacht unter der Decke. Früher oder später ahnen die Mädchen, dass Albin sich in ihrer Nähe versteckt, dass er Hunger und Durst hat. Ob der rettende warme Kakao und die Brötchen extra für Albin hingestellt wurden oder Teil eines Spiels für die Mädchen waren, ist nicht sicher. Doch sicher ist, dass Albin irgendwann entdeckt wird, in den Grosseltern und den Mädchen guten Menschen begegnet und am Ende noch eine Chance bekommt. Denn vielleicht, vielleicht dürfen er und seine Familie doch bleiben.
Die norwegische Autorin erzählt in ihrem Debüt zwei eng miteinander verwobene Fluchtgeschichten – direkt aus Albins Perspektive. Auf diese Weise sind die Lesenden ganz nah dran an Albins Weltsicht, an seinem Misstrauen, seiner Furcht und seiner Einsamkeit. So schwer zu verkraften die Szenen aus Albins Erinnerung an die erste Flucht teilweise sind, so sehr helfen sie, Albin zu verstehen. Auch Kindern, denen dieses Schicksal fremd ist. Die Geschichte ist gerade durch ihre schlichte Sprache unglaublich berührend und bietet mit diesem aktuellen Thema viel Stoff für Diskussionen. Das schmale Buch mit seinen kurzen Kapiteln eignet sich für jugendliche Leserinnen und Leser ab elf Jahren genauso wie für Erwachsene.

Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben. Aus dem Norwegischen von Heike Dörries. Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-55597-7

Rezension: Franziska Weber


 

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln

20.11.2015 by

nuriNuri und Calvin. Sie lernen sich kennen im Wartezimmer von Frau Silbermann. Calvin muss dort seine kleinen Geschwister von der Nachhilfe abholen und Nuri wartet, weil Frau Silbermann ihr Deutschunterricht erteilt. Beide sind sie auf unerklärliche Art und Weise voneinander fasziniert. Nuri ist noch nicht lange in Deutschland. Sie wohnt in einem Asylbewerberheim irgendwo im Osten Deutschlands. Nuri beginnt schon bei ihrer ersten Begegnung zu erzählen. Sie berichtet von ihrem früher so wundervollen Leben in Syrien, und dann von der Angst, dem Krieg und der langen Odyssee nach Deutschland.

Calvin wohnt ganz in der Nähe. Dort, wo die heruntergekommenen Wohnblocks stehen. Calvins Freunde brüllen Parolen, sie hassen alles, was fremd und anders ist. Und im nächsten Jahr, da soll Calvin die Führung der Truppe übernehmen.

Calvin und Nuri. Sie verlieben sich ineinander. Niemand darf davon erfahren. Nur bei der alten Frau Silbermann oder draussen im Wald können sich die beiden heimlich treffen. Calvin verstrickt sich bei seiner Truppe immer stärker in ein Netz aus Lügen. Und vor allem: Er selbst ist zutiefst verunsichert, all seine Ideale und Überzeugungen geraten ins Wanken, der bis anhin wichtigste Halt in seinem Leben, das Zusammensein mit der Gruppe, droht zu zerbrechen. Auch seine Kameraden beginnen, ihm zu misstrauen und schliesslich soll er beweisen, dass er noch immer treu zur Truppe steht: Ein Angriff auf diese Asylantenbrut ist längst überfällig.

Aktueller kann ein Jugendroman momentan kaum sein. Dem Autor ist es gelungen diese beiden unterschiedliche Figuren so überzeugend darzustellen, dass man sie zu kennen glaubt. Peer Martin kennt sich aus in der rechten Szene. Er beschreibt eindringlich und absolut glaubhaft, wie stark der Gruppendruck sein kann. Zugleich schafft er es aber auch, dass die Lesenden an Nuris so anderer Welt teilhaben können. Nuri erzählt ihre Geschichte, ganz der arabischen Tradition verpflichtet, in einer wunderschön gestalteten und bildhaften Sprache. Lesende erfahren dabei auch, wie der Konflikt in Syrien begann. Das Aufdecken von Hintergründen, das Aufklären ist dem Autor ein grosses Anliegen, egal ob er von Calvins oder Nuris Welt erzählt. Man liest dieses dicke Buch in einem Zug, weil es von der ersten Seite an spannend ist, weil man die beiden Protagonisten so gern begleitet. Ein bisschen konstruiert wirkt vielleicht der Anfang der Geschichte, aber das tut der restlichen Qualität und der Wichtigkeit des Buches keinen Abbruch. Ein Buch, dem man ganz viele junge Leserinnen und Leser wünscht, weil es nicht nur Lesegenuss bietet, sondern weil es aufklärt und so sehr viel zum Verstehen der momentanen politischen Situation beiträgt.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln. Oetinger 2015. ISBN: 978-3-7891-4297-0

Rezension: Maria Riss

Sarah Crossan: Die Sprache des Wassers

04.12.2013 by

wasserDie etwa 16-jährige Kasienka wandert mit ihrer Mutter aus, von Polen nach England. Mama will dort Tata wiederfinden, der sie vor über einem Jahr verlassen hat. Die beiden finden zwar eine Bleibe, Mama auch Arbeit als Putzhilfe im Krankenhaus, aber das Leben in England ist nicht nur wegen der Nässe und dem ewig grauen Himmel einfach schrecklich. Sie fühlen sich ausgestossen, als Menschen zweiter Klasse und beide haben Heimweh. Die Suche nach ihrem Mann treibt Kasienkas Mutter an, obwohl sie im Grunde weiss, dass ihr Mann niemals mehr zu ihr zurückkehren wird. Kasienka hat es schwer in der Schule. Niemand will mit ihr befreundet sein, sie wird ausgelacht und gemoppt. Zum Glück entdeckt sie die Schwimmhalle, im Wasser da fühlt sich Kasienka stark und schön:
Das Wasser ist eine eigene Welt,
ein Land mit seiner eigenen Sprache,
und die spreche ich fliessend.
Im Schwimmbad trifft Kasienka auch auf William, der ihr zum ersten Mal das Gefühl gibt, dass es sich vielleicht in diesem Land leben liesse.
Das Besondere an diesem Buch ist nicht der eigentliche Plot, das Besondere ist die wunderschöne Sprache und Form des Textes. Das ganze Buch ist eine Art von Gedicht, geschrieben in einer wunderbar einfachen, rhythmischen Sprache, leicht lesbar an der Oberfläche und mit ganz vielen Details, die zwischen den Zeilen stehen. Beim Lesen entstehen eindrückliche Bilder, da werden selbst Gerüche und Geräusche wahrnehmbar. Leserinnen und Leser werden unmittelbar hineingezogen, erleben nicht nur das Geschehen, sondern auch die inneren Sichtweisen hautnah mit. Zu Recht ist das Buch in kostbares Leinen gebunden. Für Jugendliche.

Sarah Crossan: Die Sprache des Wassers. Mixtvision 2013. ISBN: 978-3-3939435-84-6

Rezension: Maria Riss