Buch des Monats Februar 2017

01.02.2017 by

kondomDudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen
Anton ist 13 Jahre alt und seit jeher der Kleinste in der Klasse. Und abstehende, grosse Ohren, das hat er auch. Nicht gerade gute Voraussetzungen um in der Schule gross Eindruck machen zu können. Eines Tages, Anton flickt gerade seinen gerissenen Fahrradschlauch, bemerkt sein Vater mit einem Grinsen im Gesicht: «Gummis sind eben nicht immer reissfest.» Anton wird klar, dass er kein gewolltes Kind war, ein Kondomunfall quasi. Diese Tatsache bringt Anton dermassen ins Grübeln, dass seine Welt richtig in Schieflage gerät. Aber nicht nur er selber ist aus dem Takt, auch sein Papa macht einen unglücklichen Eindruck. Seit Mamas Tod hatte er nie mehr näheren Kontakt zu einer Frau. Anton ist überzeugt: Papa braucht dringend eine Abwechslung, sprich eine neue Frau. Da ist es gut, dass er Ine hat. Ine ist seine allerbeste Freundin, seit er denken kann. Die beiden machen sich also daran, für Antons Papa eine Frau zu finden. Das ist gar nicht so einfach: Was macht Menschen anziehend? Wie kann man sich verlieben? Es war dann schliesslich Ines Idee, Papa ausgerechnet für einen Strickkurs anzumelden. Ulla aus dem Strickkurs ist zwar nett, will aber am liebsten gleich einziehen und das Kommando übernehmen, das vor allem. Nein, so kommt das nicht gut. Wie das ganze Unterfangen schliesslich doch zu einem guten Ende findet, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Das alles nachzulesen macht nicht nur grossen Spass, man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei.
Gudrun Skretting ist eine norwegische Autorin und dies ihr erstes Kinderbuch. Bücher aus Norwegen sind oft etwas schräg. Das vorliegende Buch macht da keine Ausnahme. Es ist humorvoll, voll von unglaublichen Zufällen, spannend und doch auch überaus klug. Und wenn Ine und Anton über die Liebe diskutieren, wenn sie beide merken, wie wichtig sie füreinander sind, was Freundschaft ausmacht, dann ist das Buch stellenweise auch richtig weise. Der Text ist voll von passenden Metaphern, die muss man beim Lesen nicht unbedingt alle verstehen, es macht die Lektüre aber vielschichtiger, so dass auch geübte Leserinnen und Leser voll auf ihre Rechnung kommen. Ein Buch, das man gar nicht mehr weglegen mag für Kinder ab etwa 12 Jahren ebenso wie für Erwachsene.

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carlsen 2016. ISBN: 978-3-551-58370-3
Rezension: Maria Riss

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert

13.01.2017 by

wir_beide_wussten_es_war_was_passiertBilly geht weg, schnell und möglichst weit. Heimlich, als blinder Passagier im Güterwagen. Mit seinem ständig betrunkenen Vater zu leben, das schafft er einfach nicht mehr. Billy erreicht mit dem Zug eine andere Stadt. Billy weiss, wie man sich durchschlagen kann und findet in einem alten Bahnwagon ein vorläufiges Zuhause. Tagsüber verbringt er die meiste Zeit in der Bibliothek. Er mag es zu lesen, Neues zu erfahren und fremde Erfahrungen lesend zu teilen. Bei MacDonald, wo er die Essensreste anderer isst, trifft er Caitlin. Sie ist etwa gleich alt, geht aufs College und putzt hier, um eigenes Geld zu verdienen. Wenn Caitlin auftaucht, wird Billy nervös. Wenn Caitlin Billy sieht, stolpert sie öfters über ihren Wischmop. Wenn die beiden miteinander reden, tut sich für beide eine neue Welt auf. Durch einen wunderbaren Zufall kommt Billy zu einem alten Haus, das er in Ordnung halten muss und dafür bewohnen darf. Billy hat nicht nur eine wunderbare Freundin und erste Liebe gefunden, sondern ist sich auch selber ein Stück weit näher gekommen.

Das ganze Buch ist in einer Art Gedichtform verfasst, in einer einfachen und doch poetischen Sprache, leicht lesbar an der Oberfläche und mit Details, die zwischen den Zeilen stehen. Caitlin und Billy kommen beide zu Wort und berichten vom Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Plot ist vielleicht ein bisschen gar rosa gefärbt, wirkt aber an keiner Stelle kitschig. Das Buch eignet sich sehr gut, um Jugendlichen Erfahrungen mit literarischen Texten zu ermöglichen. Hier können sie, leicht zugänglich, Metaphern deuten und sich dank der bildhaften Sprache in die Figuren hineindenken. Eine dichte und doch leicht lesbare Lektüre, die viele Jugendliche faszinieren wird.

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-20219-0

Rezension: Maria Riss

 

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte

14.11.2016 by

gipsFitz (seit kurzem will sie nicht mehr Felicia genannt werden) ist 12 Jahre und drei Wochen alt. Sie ist zum ersten Mal in der Wohnung ihres Vaters. Ihre Eltern wollen sich scheiden lassen, das mit der ewigen Liebe hat bei ihnen wohl nicht hingehauen. Fitz findet es schrecklich, dass sich Menschen, die sich so geliebt haben, sich plötzlich trennen wollen. Fitz ist verzweifelt, ihre Welt ist aus den Fugen geraten und sie hat das Gefühl, niemand mehr habe sie lieb. Da sieht sie vom Fenster aus, wie Papa mit seinem Fahrrad hinfällt und mit ihm ihre kleinere Schwester Bente. Bente blutet wie verrückt, ihre eine Fingerkuppe liegt im Schnee. Bente muss sofort ins Krankenhaus und natürlich geht Fitz mit. Es dauert ewig, bis sie drankommen, es dauert den ganzen Tag, bis Bente ihre Fingerkuppe wieder angenäht bekommt. Fitz hat Zeit nachzudenken, Fitz hat auch Zeit, sich in diesem riesigen Krankenhaus umzuschauen und Leute kennenzulernen. Sie begegnet in den langen Gängen Adam, einem Jungen, der nicht nur toll aussieht, sondern auch sehr gut zuhören kann. Endlich kann sie mit jemandem reden und von ihrem Kummer berichten. Fitz und Adam besuchen dann gemeinsam nicht nur das viel zu früh geborene Brüderchen von Adam, sie klauen wegen besonderer Umstände auch Gips aus einem Behandlungszimmer, freunden sich mit der herzkranken Primula an und helfen der besonders netten Krankenschwester Yasmine, sich endlich zu verlieben. Wahnsinn, was man an einem einzigen Tag erleben kann, verrückt, wie viel klüger man abends sein kann, wenn man sich auf Menschen und Gespräche einlässt, findet Fitz. Sie hat nicht nur viel gelernt, sie hat sich wohl auch ein bisschen verliebt. Und dies ist ein völlig neues, aber einmalig schönes Gefühl.
Fitz hat eine ganze Menge Sorgen, aber Fitz ist eine, die etwas dagegen unternimmt. Frech ist sie stellenweise, sie schwindelt und kann sich total daneben benehmen. Aber sie ist mutig, setzt alle Hebel an, damit es ihr besser geht, bringt sogar einen Oberarzt dazu, über seine Jugend als Scheidungskind zu berichten. Und wenn sie sich mit Adam über die Liebe unterhält, über die Angst einen Menschen zu verlieren, dann ist Fitz sehr viel älter als gerade mal 12 Jahre und 3 Wochen, dann bringen die beiden Lesende zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Staunen. Anna Woltz greift ein ernsthaftes Thema auf, sie tut dies aber inhaltlich und sprachlich so glaubhaft und humorvoll, dass man beim Lesen gar nicht weiss, ob man lachen oder heulen soll. Eine ernsthaft vergnügliche und wunderbare Lektüre also für Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-55676-9

Rezension: Maria Riss

Katrin Bongard: Lass uns fliegen

04.10.2016 by

fliegenPaulina ist eigentlich eine Topschülerin mit vielen Freundinnen an der Schule. Auf der anderen Seite ist da Vincent. Eigentlich ein Kiffer, der sich in der Schule nur knapp über Wasser hält. Die beiden treffen sich im Schreibkurs. Was sich nun sehr nach Klischee anhört, löst sich in der Folge rasch auf. Vorsichtig nähern sich die beiden an, doch die Freundschaft ist zerbrechlich und droht immer wieder auseinander zu gehen. Erst allmählich erfahren die beiden voneinander, was sie wirklich bewegt und welche Schicksale sie zu tragen haben. Doch gerade die grossen Schwierigkeiten, die beide zu bewältigen haben, machen sie so stark.
Das Buch lebt davon, dass abwechslungsweise aus der Sicht von Paulina und der Sicht von Vincent geschrieben wird. Ein sehr berührender Jugendroman, der in die Tiefe geht und einem von der ersten Seite her nicht mehr loslässt. Packend und authentisch geschrieben. Eine Geschichte, die ermutigt, hinter die Fassaden zu blicken und trotz grosser Probleme seinen Weg zu gehen.

Katrin Bongard: Lass uns fliegen. Oetinger Taschenbuch, 2016. ISBN: 978-3-8415-0416-6

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Gayle Forman: Nur ein Tag

04.10.2016 by

tagAllyson Healy hat von ihren Eltern zum Highschool-Abschluss eine Bildungsreise nach Europa geschenkt bekommen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Melanie erlebt sie eine eher öde Reise quer durch den Kontinent. In England schliesslich lernt sie bei einer aussergewöhnlichen Hamlet-Aufführung Willem kennen, die beiden mögen sich auf Anhieb. Gemeinsam beschliessen sie, einen Kurztrip nach Paris zu unternehmen. In der Stadt der Liebe verliebt sich Allyson unsterblich in Willem, doch ihr Ausflug endet in einem Desaster. Eines Morgens ist Willem einfach nicht mehr da, unauffindbar.
Zurück in Amerika fällt Allyson in ein Loch. Die schulischen Leistungen fallen massiv, nichts mehr kann sie begeistern. Nach einem Gespräch mit ihrer Vertrauenslehrerin traut sich Allyson, die von ihren Eltern angesteuerte Laufbahn zur Medizinerin abzubrechen. Sie besucht stattdessen Vorlesungen zu Shakespeare. Wiederum lösen diese alten Texte neue Gefühle, Gedanken und eine unbestimmte Sehnsucht in ihr aus. Gemeinsam mit dem etwas verrückten Dee macht sie sich schliesslich auf die Suche nach Antworten auf das Leben, auf die Suche nach sich selbst und auf die Suche nach Willem. Zu guter Letzt bricht sie noch einmal zu einer abenteuerlichen Reise quer durch Europa auf.
Die herzzerreisende Liebesstory lässt sich trotz der 400 Seiten rasch und flüssig lesen. Ein Mädchenroman, der für Herzklopfen und unbeschwerte Stunden sorgt. Ein Roman aber auch, der ermutigt, eigene Wege zu gehen. Bereits ist eine Fortsetzung dieses Buches unter dem Titel «Und ein ganzes Jahr» erschienen.

Gayle Forman: Nur ein Tag. Fischer FJB, 2016. ISBN: 978-3-8414-2106-7

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis

17.06.2016 by

erbsenPaul ist etwa 11 Jahre alt. Er will später Detektiv werden. Hauptaufgabe von Detektiven ist das Observieren. Als ins gegenüberliegende Haus ein Mädchen einzieht, hat Paul auch ein denkbar spannendes Subjekt zum Überwachen gefunden. Tessa wird seiner Klasse zugeteilt, so kann Paul sie auch in der Schule im Auge behalten. Und Tessas Benehmen, das gibt tatsächlich Rätsel auf. Weshalb macht sie auf dem Schulweg so grosse Umwege? Weshalb packt sie jeden Morgen auf der Parkbank all ihre Schulsachen aus und wieder ein? Paul macht sich Gedanken und Notizen und er beginnt, dieses seltsame Mädchen zu mögen, findet sie hübscher als andere. Und so kommt es, dass sich die beiden ganz allmählich anfreunden, dass Paul nach und nach dem Geheimnis von Tessa auf die Spur kommt. Zum ersten Mal erzählt Tessa einem Aussenstehenden von ihren Ticks und Zwängen, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit vertraut sie wieder jemanden. Tessa will unbedingt gesund werden, deshalb geht sie auch regelmässig zum Psychiater und deshalb erlaubt sie Paul schliesslich auch, sie auf diesem schwierigen Weg zu begleiten und zu unterstützen.

Paul erzählt die Geschichte selber, es ist nicht ein Tagebuch der gewohnten Art, eher sind es an Tessa gerichtete Aufzeichnungen. So benutzt er die Du-Form, wenn es um Tessa geht. Spannend ist die Geschichte, weil Leserinnen und Leser ständig selber Hypothesen anstellen. Genau wie Paul kann man sich zu Beginn keinen Reim auf Tessa Verhalten machen. Umso so mehr berührt es dann, als Tessa ihr Schweigen bricht und den Grund für ihr seltsames Verhalten zu erklären versucht. Nur wenn Tessa ganz bestimmte Dinge tut, kann sie ihre riesengrossen Ängste vor einem Unglück bezwingen. Lena Hach hat diese wunderschöne Geschichte in einer sehr leichten Sprache verfasst. Ernsthaft und doch immer wieder so, dass man beim Lesen schmunzeln kann. Tessa und Paul sind glaubhafte Figuren, deren Entwicklung und zaghafte erste Liebe man überaus gern nachliest. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis. Mixtvision 2016. ISBN: 978-3-95854-055-2

Rezension: Maria Riss

 

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln

20.11.2015 by

nuriNuri und Calvin. Sie lernen sich kennen im Wartezimmer von Frau Silbermann. Calvin muss dort seine kleinen Geschwister von der Nachhilfe abholen und Nuri wartet, weil Frau Silbermann ihr Deutschunterricht erteilt. Beide sind sie auf unerklärliche Art und Weise voneinander fasziniert. Nuri ist noch nicht lange in Deutschland. Sie wohnt in einem Asylbewerberheim irgendwo im Osten Deutschlands. Nuri beginnt schon bei ihrer ersten Begegnung zu erzählen. Sie berichtet von ihrem früher so wundervollen Leben in Syrien, und dann von der Angst, dem Krieg und der langen Odyssee nach Deutschland.

Calvin wohnt ganz in der Nähe. Dort, wo die heruntergekommenen Wohnblocks stehen. Calvins Freunde brüllen Parolen, sie hassen alles, was fremd und anders ist. Und im nächsten Jahr, da soll Calvin die Führung der Truppe übernehmen.

Calvin und Nuri. Sie verlieben sich ineinander. Niemand darf davon erfahren. Nur bei der alten Frau Silbermann oder draussen im Wald können sich die beiden heimlich treffen. Calvin verstrickt sich bei seiner Truppe immer stärker in ein Netz aus Lügen. Und vor allem: Er selbst ist zutiefst verunsichert, all seine Ideale und Überzeugungen geraten ins Wanken, der bis anhin wichtigste Halt in seinem Leben, das Zusammensein mit der Gruppe, droht zu zerbrechen. Auch seine Kameraden beginnen, ihm zu misstrauen und schliesslich soll er beweisen, dass er noch immer treu zur Truppe steht: Ein Angriff auf diese Asylantenbrut ist längst überfällig.

Aktueller kann ein Jugendroman momentan kaum sein. Dem Autor ist es gelungen diese beiden unterschiedliche Figuren so überzeugend darzustellen, dass man sie zu kennen glaubt. Peer Martin kennt sich aus in der rechten Szene. Er beschreibt eindringlich und absolut glaubhaft, wie stark der Gruppendruck sein kann. Zugleich schafft er es aber auch, dass die Lesenden an Nuris so anderer Welt teilhaben können. Nuri erzählt ihre Geschichte, ganz der arabischen Tradition verpflichtet, in einer wunderschön gestalteten und bildhaften Sprache. Lesende erfahren dabei auch, wie der Konflikt in Syrien begann. Das Aufdecken von Hintergründen, das Aufklären ist dem Autor ein grosses Anliegen, egal ob er von Calvins oder Nuris Welt erzählt. Man liest dieses dicke Buch in einem Zug, weil es von der ersten Seite an spannend ist, weil man die beiden Protagonisten so gern begleitet. Ein bisschen konstruiert wirkt vielleicht der Anfang der Geschichte, aber das tut der restlichen Qualität und der Wichtigkeit des Buches keinen Abbruch. Ein Buch, dem man ganz viele junge Leserinnen und Leser wünscht, weil es nicht nur Lesegenuss bietet, sondern weil es aufklärt und so sehr viel zum Verstehen der momentanen politischen Situation beiträgt.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln. Oetinger 2015. ISBN: 978-3-7891-4297-0

Rezension: Maria Riss

Dianne Touchell: Kleiner Wahn

20.11.2015 by

wahnSie lieben sich, Rose und Michael. Und für beide ist es das erste Mal. Und es ist wunderschön. Aber dann wird für Rose der Kalender immer wichtiger, ihre Regel bleibt aus. Sie will das ganz einfach nicht wahrhaben, Michael geht es genauso. Sie verweigern sich beide der Realität. Augen zu und durch. Das geht sicher wieder weg. Rose verweigert das Essen. Rose beginnt mit dem Rauchen. Rose nimmt heimlich von Mamas Tabletten und Rose verkriecht sich immer mehr. Und Michael bleibt immer öfter einfach weg. Niemand merkt etwas: Rose hat etwas Schlechtes gegessen, meint ihre Mutter. Rose hat sich in letzter Zeit etwas übernommen. Bis es schliesslich zur Katastrophe kommt.

Was an dieser Geschichte so beeindruckt, ist diese beklemmende Atmosphäre, von der Dianne Touchell so treffend, eindringlich und bildhaft erzählt. Dieses Erstarren aller Protagonisten, die unglaubliche Ignoranz, mit welcher die Erwachsenen, Eltern wie Lehrer, den beiden Jugendlichen begegnen: Wenn man die Augen nur ganz fest zumacht, dann sieht man auch nichts. Es ist besser so. Wichtig ist, dass kein Gerede aufkommt. Man weiss, dass das alles in einer Katastrophe enden wird und als diese dann tatsächlich eintrifft, ist man fast ein bisschen erleichtert. Die australische Autorin Dianne Touchell hat ein fantastisches Buch geschrieben, das einem bis zur letzten Seite in den Bann zieht, das unter die Haut geht. Für Jugendliche und Erwachsene.

Dianne Touchell: Kleiner Wahn. Königskinder Verlag bei Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-56009-4

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Oktober 2014

23.09.2014 by

parafiAnna Kuschnarowa: Djihad Paradise

Ich, Abdel Jabbar Shahid, bin bereit. Der Sprengstoffgürtel, der um meine Brust liegt, ist bereit, ich muss ihn nur noch zünden… So beginnt dieses Buch – und wie es zu diesem Szenario kommen konnte, das erzählt die Autorin auf ausserordentlich eindrückliche Art und Weise:

Julien gehört zu jenen Jugendlichen, denen nichts in den Schoss fällt. Sein Vater ist Alkoholiker, seine Mutter längst ausgezogen, und er selbst wurde schon von mehreren Schulen geschmissen. Ganz anders Romea, sie lebt mit ihren Eltern in einer Villa, ist wohlbehütet und auch in der Schule bei allen beliebt. Julien und Romea, die beiden verlieben sich ineinander, eine Lovestory, die himmelblau und rosarot beginnt und bald so intensiv ist, dass beide bereit sind, alles füreinander zu geben und zu tun. Aber dann kommt es doch anders. Julien, in ständiger Geldnot, wird beim Dealen erwischt und kommt in den Knast. Sein Zellengenosse Murat ist streng gläubiger Moslem und wird bald zur wichtigsten Bezugsperson hinter Gittern. Nach der Entlassung ziehen Murat und Julien zusammen. Romea will Julien aber auf keinen Fall verlieren. Deshalb begleitet sie Julien bald regelmässig in die Moschee. Sie spürt gleichzeitig, dass Julien ihr entgleitet, dass sie seine Handlungs- und Denkweisen nicht länger nachvollziehen kann. Sie trennt sich zwar vorerst von Julien, hofft aber bis zur letzten Seite auf seine Einsicht, seine Rückkehr in ein einigermassen normales Leben.

In Anna Kuschnarowas neuem Roman geht es primär um Liebe und um religiösen Fanatismus. Die wechselnde Erzählperspektive, einmal erzählt Julien, dann wieder Romea, erlaubt es, dass Lesende die inneren Sichtweisen, und so auch die Handlungsweisen, der beiden zumindest teilweise nachvollziehen können. Djihad Paradise zeigt sehr beeindruckend auf, wie Jugendliche in den Sog fanatisch religiöser Gruppierungen geraten können. Zugleich ist der Plot so fesselnd, die Liebesgeschichte so eindringlich erzählt, dass man die Lektüre kaum unterbrechen mag. Das Buch und seine Themen wird viele Jugendliche beeindrucken.

Anna Kuschnarowa: Djihad Paradise. Beltz 2013. ISBN: 978-3-407-81155-4

Rezension: Maria Riss

Kari Ehrhardt: Giraffen in Finnland

01.07.2014 by

GiraffenFinn ist 16 Jahre alt und alles in ihrem Leben ist ziemlich unkonventionell: Zu 80% wohnt sie bei ihrer Mutter Marion, einer erfolgreichen Urologin, die immer noch auf der Suche nach dem richtigen Mann ist. Den Rest ihrer Zeit verbringt sie als Teilzeittochter bei ihrem Vater Marc. Er ist Schriftsteller und wohnt seit Jahren in einer Männer-WG, in der Frauen nur als Besucherinnen geduldet sind. Pünktlich zum neuen Jahr gerät ihr Leben vollends durcheinander: Ihr Freund hat am Silvesterabend mit ihr Schluss gemacht, ihre Mutter verliebt sich einmal mehr und möchte mit ihrer neuen Liebe, dessen Tochter und Finn in die Ferien fahren. Dabei wollte Finn ihren Urlaub viel lieber mit ihrem Vater, dessen WG-Kumpels und ihrem Wunschbruder Finn II verbringen. Dann verliebt sich ihre beste Freundin Collie auch noch unsterblich in eine Internetbekanntschaft, was ihre Freundschaft schliesslich auf eine harte Probe stellt.

Mit ihrem neuen Buch hat Kari Ehrhardt ein Mädchenbuch geschrieben, das wunderbar unkonventionell ist. Ihre Figuren sind wohl ironisch überzeichnet, gleichzeitig aber äusserst liebevoll gestaltet. Die Geschichte zeigt einen nicht ganz alltäglichen Teenageralltag, der im Kern aber Situationen und Probleme anspricht, die vielen Teenagern aus den Herzen sprechen: Es geht ums Erwachsenenwerden, um Liebe und Sexualität und es geht um die Abgrenzung gegenüber den Eltern und den vielen Ansprüchen anderer. Auch sprachlich überzeugt das Buch: Sowohl die Dialoge als auch Finns Gedankenwelt lässt die Autorin auf witzig-ironische Weise lebendig werden und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. «Giraffen in Finnland» ist ein Buch, das man nicht mehr weglegen kann. Von der ersten bis zur letzten Seite lässt es die Lesenden mitfühlen, mitleiden und mitfreuen. Für Jugendliche.

Kari Ehrhardt: Giraffen in Finnland. Carlsen 2014. ISBN: 978-3-646-92670-5

Rezension: Claudia Hefti