Buch des Monats November 2017

31.10.2017 by

tiereKatharina von der Gathen und Anke Kuhl: Das Liebesleben der Tiere
Tiere haben sehr verschiedene Liebesweisen das ist uns zwar bekannt, aber was sich da genau abspielt, das wissen die wenigsten. Dass die Paarung beim Marienkäfer bis zu 18 Stunden dauern kann beispielsweise oder dass es bei Rennechsen gar keine Männchen gibt. Dass Straussenväter nicht nur eine Mulde ausbuddeln, in die alle Weibchen der Gruppe ihre Eier legen, sondern dass diese emanzipierten Männchen all diese Eier auch ausbrüten oder dass Mehlkäfer auch schon mal ihre männlichen Artgenossen begatten, weiss kaum jemand. Im Buch geht es um unterschiedlichste Verführungskünste, um die Paarung, die Entstehung und das Wachstum von Tierkindern und um die Geburt. Egal, auf welcher Seite man das Buch aufschlägt: Man kommt aus dem Staunen einfach nicht heraus! Der Text ist in kurze, leicht verständliche Leseportionen unterteilt, so dass man im Buch auch einfach ein bisschen Stöbern kann. Und immer wieder darf über die wunderbaren, klaren und aberwitzigen Illustrationen von Anke Kuhl gelacht werden. Wenn man beim Thema Liebe und Sex immer wieder schmunzeln, lachen und staunen kann, dann fallen meist auch Hemmungen weg.  Das Buch fordert geradezu heraus, Gelesenes weiter zu erzählen, kurze Abschnitte andern vorzulesen oder besonders eindrückliche Bilder gemeinsam zu betrachten. Katharina von der Gathen und Anke Kuhl, beide bestens bekannt durch das erfolgreiche Aufklärungsbuch «Klär mich auf», haben ein ganz wundervolles, lehrreiches und humorvolles Sachbuch für Kinder geschaffen. Es sei Kindern ab etwa 8 Jahren genauso empfohlen wie allen Erwachsenen und gehört unbedingt in jede Bibliothek.

Katharina von der Gathen und Anke Kuhl: Das Liebesleben der Tiere. Klett Kinderbuch 2017. ISBN: 978-3-95470-169-8

Rezension: Maria Riss

 

 

Buch des Monats September 2017

01.09.2017 by

 

heidiAlexa Hennig von Lange: Mein Sommer als Heidi

Islas Mutter hat grosse Pläne. Sie will nach Ibiza reisen, dort eine kleine Finka mieten und dann ihre elfjährige Tochter nachholen. Ein neues Leben plant sie dort, will Muschelketten herstellen und an die vielen Touristen verkaufen. Ja, und bis in Ibiza alles geklärt ist, soll Isla bei ihrem alten Opa in den Bergen leben. Per Mitfahrzentrale geht es von Berlin in die Schweiz. Isla kennt ihren Opa überhaupt nicht und als sie da oben in der Berghütte ankommt, möchte sie am liebsten sofort wieder abhauen. Bei Opa gibt es immer nur Käse und Brot zu essen, zur Schule muss Isla ganz weit den Berg runter laufen, und Handyempfang gibt es in dieser armseligen Hütte auch nicht. Isla fühlt sich weggeschoben, im Stich gelassen und einsam. Trotz allem, Isla ist stärker als sie sich dies selbst je zugetraut hätte. Schon bald lernt sie nette Leute im Dorf kennen, allen voran den gleichaltrigen Peter, der ihr nicht nur endlich das Schwimmen beibringt. Auch Opa scheint mit jedem Tag zugänglicher zu werden. Ganz allmählich fühlt sich Isla bei diesen netten Schweizern fast ein bisschen daheim. Das ist gut so, denn ihre Mutter lässt sich in Ibiza Zeit und meldet sich über Wochen einfach nicht. In diesem Sommer lernt Isla nicht nur, wie man Geissen wieder sicher ins Tal bringt, sie lernt auch viel über sich selbst und kommt einem lang gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur.

Dieses Heidi-Sommerbuch ist überaus unterhaltsam, spannend, in einer  lockeren und doch präzisen Sprache geschrieben und voll von unerwarteten Wendungen. Es gibt wohl kaum einen Kinderroman, in dem die Gefühle und die Stimmungen eines Mädchens beim Beginn der Pubertät so treffend beschrieben sind. Das ständige Auf und Ab, die Faszination des andren Geschlechts, die dauernde Suche nach der eigenen Identität. Isla schafft all diese Wirrungen mit Bravour und am Ende dieses einmaligen Sommers hat sie ein gutes Stück an Einsicht und Selbstbewusstsein dazugewonnen. Ein Buch, dem man möglichst viele Leserinnen ab etwa 11 Jahren wünscht.

Alexa Hennig von Lange: Mein Sommer als Heidi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18468-7

Rezension: Maria Riss

Ulf Stark/Eva Eriksson: Das grosse Fest im Häschenwald

28.04.2017 by

haseEndlich ist Frühling. Endlich kann die Kaninchenfamilie wieder hinaus, um frische Kräuter zu fressen und die warme Sonne zu geniessen. Im Frühling wachen nicht nur Tiere und Pflanzen auf, der Frühling weckt oft auch ganz besondere Gefühle. Dem Kaninchenmädchen Nina geht das nicht anders. Als sie den Kaninchenjungen Anton zum ersten Mal sieht, da klopft ihr Herz wie wild und es kitzelt im Bauch auf neue, wundersame Weise. Anton scheint es nicht anders zu ergehen, am liebsten würde er die ganze Zeit mit Nina zusammen sein. Das sieht Papa Kaninchen allerdings anders und gar nicht gern. Ein dahergelaufener Nichtsnutz ist doch dieser Anton, will ihm seine geliebte Tochter wegnehmen. Aber dann bricht ein schreckliches Unwetter aus, alle Kaninchen rennen um ihr Leben und finden schliesslich beim Hauswichtel Grantel Zuflucht. Als alle beisammen in der warmen Stube hocken, merken sie, dass ein Kaninchen fehlt: Anton ist verschwunden! Gleich machen sich alle auf die Suche und finden schliesslich das bewusstlose Kaninchen unter einem Dornenbusch. Anton wollte um alles in der Welt den geliebten Hut von Papa Kaninchen aus den Wassermassen retten. Es ist nicht nur dem Kräuterwissen des alten Hauswichtels zu verdanken, dass Anton wieder gesund wird. Es ist vor allem auch die Tatsache, dass Nina die ganze Zeit neben seinem Bett sitzt, dass sie ihm immer wieder versichert, wie gern sie ihn mag. Und so wird im Wald schon bald nicht nur Mittsommer, sondern auch eine grosse Hochzeit gefeiert.
Ulf Stark hat eine wunderbare Geschichte geschrieben, die sich zwar in einer sehr heilen Welt abspielt, die aber in einer sehr treffenden Sprache von wesentlichen menschlichen Gefühlen erzählt: Von der Liebe natürlich, aber auch vom Loslassen, vom Abschied nehmen, von Mut und gegenseitigem Respekt. Der spannende Plot und die zarten, aussagekräftigen Bilder von Eva Eriksson tragen dazu bei, dass Kinder diese Geschichte mit Sicherheit lieben werden. Und zwischendurch tut ein bisschen heile Wald-Welt doch auch einfach gut. Die Geschichte ist in kurze Kapitel gegliedert und eignet sich auch deshalb hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Ulf Stark/Eva Eriksson: Das grosse Fest im Häschenwald. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Oetinger 2017. ISBN: 978-3-7891-0491-6

Rezension: Maria Riss

Sigrid Zeevaert: Emma ist doch eben ein Glückskind

28.04.2017 by

46431709zEmma geht in die zweite Klasse. Emma hat zwei kleine Brüder, eine Schwester, sie hat eine Mama und einen Papa und sie hat einen kleinen Hund, Wuschel. Emma geht es sehr gut, vor allem auch deshalb, weil sie seit neustem einen Freund hat. Paul kommt jeden Nachmittag vorbei, und dann gehen die beiden mit Wuschel spazieren. Paul, der wünscht sich ja nichts sehnlicher, als selber einen Hund zu haben. Manchmal machen sie lustige Dinge, die beiden, laufen rückwärts oder klettern um die Wette. Als Emma von Paul eine Halskette mit Glitzerherz bekommt, ist ihr Glück kaum zu überbieten. Paul und Emma wollen heiraten, das versprechen sie sich an diesem Tag. Aber dann, ein paar Tage später, wartet Paul nicht an der Hausecke, um mit Emma in die Schule zu gehen und am Nachmittag, da hat er bereits mit seinen Freunden abgemacht, um Fussball zu spielen. Emma wird so traurig, dass sie ständig heulen muss. Da ist es gut, eine ältere Schwester zu haben, die Rat weiss. Jungen sind manchmal so, meint sie, aber dann hört das auch wieder auf. Und bald schon ist es auch bei Paul so. Er verspricht Emma, immer ein guter Freund für sie zu bleiben und das mit dem Heiraten, das wird sich sicher geben, später, wenn beide gross sind.

Sigrid Zeevaert hat eine Geschichte geschrieben, in der sich wohl alle Leserinnen und Leser wiederfinden werden, ganz egal wie alt sie sind. Es geht um Liebe, um Nähe und Distanz, es geht um Abgrenzung, um Freundschaft und Neid. Die Autorin beschreibt Emmas Gefühlsdurcheinander in einer einfachen, aber treffenden Sprache, die schon ganz kleine Kinder verstehen werden. Die gute Gliederung des Inhalts und die grosse Nähe zu dem, was Kinder bestens kennen, machen dieses Buch zu einem idealen Vorlesebuch für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Sigrid Zeevaert: Emma ist doch eben ein Glückskind. Mit farbigen Bildern von Sabine Büchner. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-18431-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Februar 2017

01.02.2017 by

kondomDudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen
Anton ist 13 Jahre alt und seit jeher der Kleinste in der Klasse. Und abstehende, grosse Ohren, das hat er auch. Nicht gerade gute Voraussetzungen um in der Schule gross Eindruck machen zu können. Eines Tages, Anton flickt gerade seinen gerissenen Fahrradschlauch, bemerkt sein Vater mit einem Grinsen im Gesicht: «Gummis sind eben nicht immer reissfest.» Anton wird klar, dass er kein gewolltes Kind war, ein Kondomunfall quasi. Diese Tatsache bringt Anton dermassen ins Grübeln, dass seine Welt richtig in Schieflage gerät. Aber nicht nur er selber ist aus dem Takt, auch sein Papa macht einen unglücklichen Eindruck. Seit Mamas Tod hatte er nie mehr näheren Kontakt zu einer Frau. Anton ist überzeugt: Papa braucht dringend eine Abwechslung, sprich eine neue Frau. Da ist es gut, dass er Ine hat. Ine ist seine allerbeste Freundin, seit er denken kann. Die beiden machen sich also daran, für Antons Papa eine Frau zu finden. Das ist gar nicht so einfach: Was macht Menschen anziehend? Wie kann man sich verlieben? Es war dann schliesslich Ines Idee, Papa ausgerechnet für einen Strickkurs anzumelden. Ulla aus dem Strickkurs ist zwar nett, will aber am liebsten gleich einziehen und das Kommando übernehmen, das vor allem. Nein, so kommt das nicht gut. Wie das ganze Unterfangen schliesslich doch zu einem guten Ende findet, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Das alles nachzulesen macht nicht nur grossen Spass, man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei.
Gudrun Skretting ist eine norwegische Autorin und dies ihr erstes Kinderbuch. Bücher aus Norwegen sind oft etwas schräg. Das vorliegende Buch macht da keine Ausnahme. Es ist humorvoll, voll von unglaublichen Zufällen, spannend und doch auch überaus klug. Und wenn Ine und Anton über die Liebe diskutieren, wenn sie beide merken, wie wichtig sie füreinander sind, was Freundschaft ausmacht, dann ist das Buch stellenweise auch richtig weise. Der Text ist voll von passenden Metaphern, die muss man beim Lesen nicht unbedingt alle verstehen, es macht die Lektüre aber vielschichtiger, so dass auch geübte Leserinnen und Leser voll auf ihre Rechnung kommen. Ein Buch, das man gar nicht mehr weglegen mag für Kinder ab etwa 12 Jahren ebenso wie für Erwachsene.

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carlsen 2016. ISBN: 978-3-551-58370-3
Rezension: Maria Riss

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert

13.01.2017 by

wir_beide_wussten_es_war_was_passiertBilly geht weg, schnell und möglichst weit. Heimlich, als blinder Passagier im Güterwagen. Mit seinem ständig betrunkenen Vater zu leben, das schafft er einfach nicht mehr. Billy erreicht mit dem Zug eine andere Stadt. Billy weiss, wie man sich durchschlagen kann und findet in einem alten Bahnwagon ein vorläufiges Zuhause. Tagsüber verbringt er die meiste Zeit in der Bibliothek. Er mag es zu lesen, Neues zu erfahren und fremde Erfahrungen lesend zu teilen. Bei MacDonald, wo er die Essensreste anderer isst, trifft er Caitlin. Sie ist etwa gleich alt, geht aufs College und putzt hier, um eigenes Geld zu verdienen. Wenn Caitlin auftaucht, wird Billy nervös. Wenn Caitlin Billy sieht, stolpert sie öfters über ihren Wischmop. Wenn die beiden miteinander reden, tut sich für beide eine neue Welt auf. Durch einen wunderbaren Zufall kommt Billy zu einem alten Haus, das er in Ordnung halten muss und dafür bewohnen darf. Billy hat nicht nur eine wunderbare Freundin und erste Liebe gefunden, sondern ist sich auch selber ein Stück weit näher gekommen.

Das ganze Buch ist in einer Art Gedichtform verfasst, in einer einfachen und doch poetischen Sprache, leicht lesbar an der Oberfläche und mit Details, die zwischen den Zeilen stehen. Caitlin und Billy kommen beide zu Wort und berichten vom Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Plot ist vielleicht ein bisschen gar rosa gefärbt, wirkt aber an keiner Stelle kitschig. Das Buch eignet sich sehr gut, um Jugendlichen Erfahrungen mit literarischen Texten zu ermöglichen. Hier können sie, leicht zugänglich, Metaphern deuten und sich dank der bildhaften Sprache in die Figuren hineindenken. Eine dichte und doch leicht lesbare Lektüre, die viele Jugendliche faszinieren wird.

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-20219-0

Rezension: Maria Riss

 

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte

14.11.2016 by

gipsFitz (seit kurzem will sie nicht mehr Felicia genannt werden) ist 12 Jahre und drei Wochen alt. Sie ist zum ersten Mal in der Wohnung ihres Vaters. Ihre Eltern wollen sich scheiden lassen, das mit der ewigen Liebe hat bei ihnen wohl nicht hingehauen. Fitz findet es schrecklich, dass sich Menschen, die sich so geliebt haben, sich plötzlich trennen wollen. Fitz ist verzweifelt, ihre Welt ist aus den Fugen geraten und sie hat das Gefühl, niemand mehr habe sie lieb. Da sieht sie vom Fenster aus, wie Papa mit seinem Fahrrad hinfällt und mit ihm ihre kleinere Schwester Bente. Bente blutet wie verrückt, ihre eine Fingerkuppe liegt im Schnee. Bente muss sofort ins Krankenhaus und natürlich geht Fitz mit. Es dauert ewig, bis sie drankommen, es dauert den ganzen Tag, bis Bente ihre Fingerkuppe wieder angenäht bekommt. Fitz hat Zeit nachzudenken, Fitz hat auch Zeit, sich in diesem riesigen Krankenhaus umzuschauen und Leute kennenzulernen. Sie begegnet in den langen Gängen Adam, einem Jungen, der nicht nur toll aussieht, sondern auch sehr gut zuhören kann. Endlich kann sie mit jemandem reden und von ihrem Kummer berichten. Fitz und Adam besuchen dann gemeinsam nicht nur das viel zu früh geborene Brüderchen von Adam, sie klauen wegen besonderer Umstände auch Gips aus einem Behandlungszimmer, freunden sich mit der herzkranken Primula an und helfen der besonders netten Krankenschwester Yasmine, sich endlich zu verlieben. Wahnsinn, was man an einem einzigen Tag erleben kann, verrückt, wie viel klüger man abends sein kann, wenn man sich auf Menschen und Gespräche einlässt, findet Fitz. Sie hat nicht nur viel gelernt, sie hat sich wohl auch ein bisschen verliebt. Und dies ist ein völlig neues, aber einmalig schönes Gefühl.
Fitz hat eine ganze Menge Sorgen, aber Fitz ist eine, die etwas dagegen unternimmt. Frech ist sie stellenweise, sie schwindelt und kann sich total daneben benehmen. Aber sie ist mutig, setzt alle Hebel an, damit es ihr besser geht, bringt sogar einen Oberarzt dazu, über seine Jugend als Scheidungskind zu berichten. Und wenn sie sich mit Adam über die Liebe unterhält, über die Angst einen Menschen zu verlieren, dann ist Fitz sehr viel älter als gerade mal 12 Jahre und 3 Wochen, dann bringen die beiden Lesende zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Staunen. Anna Woltz greift ein ernsthaftes Thema auf, sie tut dies aber inhaltlich und sprachlich so glaubhaft und humorvoll, dass man beim Lesen gar nicht weiss, ob man lachen oder heulen soll. Eine ernsthaft vergnügliche und wunderbare Lektüre also für Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-55676-9

Rezension: Maria Riss

Katrin Bongard: Lass uns fliegen

04.10.2016 by

fliegenPaulina ist eigentlich eine Topschülerin mit vielen Freundinnen an der Schule. Auf der anderen Seite ist da Vincent. Eigentlich ein Kiffer, der sich in der Schule nur knapp über Wasser hält. Die beiden treffen sich im Schreibkurs. Was sich nun sehr nach Klischee anhört, löst sich in der Folge rasch auf. Vorsichtig nähern sich die beiden an, doch die Freundschaft ist zerbrechlich und droht immer wieder auseinander zu gehen. Erst allmählich erfahren die beiden voneinander, was sie wirklich bewegt und welche Schicksale sie zu tragen haben. Doch gerade die grossen Schwierigkeiten, die beide zu bewältigen haben, machen sie so stark.
Das Buch lebt davon, dass abwechslungsweise aus der Sicht von Paulina und der Sicht von Vincent geschrieben wird. Ein sehr berührender Jugendroman, der in die Tiefe geht und einem von der ersten Seite her nicht mehr loslässt. Packend und authentisch geschrieben. Eine Geschichte, die ermutigt, hinter die Fassaden zu blicken und trotz grosser Probleme seinen Weg zu gehen.

Katrin Bongard: Lass uns fliegen. Oetinger Taschenbuch, 2016. ISBN: 978-3-8415-0416-6

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Gayle Forman: Nur ein Tag

04.10.2016 by

tagAllyson Healy hat von ihren Eltern zum Highschool-Abschluss eine Bildungsreise nach Europa geschenkt bekommen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Melanie erlebt sie eine eher öde Reise quer durch den Kontinent. In England schliesslich lernt sie bei einer aussergewöhnlichen Hamlet-Aufführung Willem kennen, die beiden mögen sich auf Anhieb. Gemeinsam beschliessen sie, einen Kurztrip nach Paris zu unternehmen. In der Stadt der Liebe verliebt sich Allyson unsterblich in Willem, doch ihr Ausflug endet in einem Desaster. Eines Morgens ist Willem einfach nicht mehr da, unauffindbar.
Zurück in Amerika fällt Allyson in ein Loch. Die schulischen Leistungen fallen massiv, nichts mehr kann sie begeistern. Nach einem Gespräch mit ihrer Vertrauenslehrerin traut sich Allyson, die von ihren Eltern angesteuerte Laufbahn zur Medizinerin abzubrechen. Sie besucht stattdessen Vorlesungen zu Shakespeare. Wiederum lösen diese alten Texte neue Gefühle, Gedanken und eine unbestimmte Sehnsucht in ihr aus. Gemeinsam mit dem etwas verrückten Dee macht sie sich schliesslich auf die Suche nach Antworten auf das Leben, auf die Suche nach sich selbst und auf die Suche nach Willem. Zu guter Letzt bricht sie noch einmal zu einer abenteuerlichen Reise quer durch Europa auf.
Die herzzerreisende Liebesstory lässt sich trotz der 400 Seiten rasch und flüssig lesen. Ein Mädchenroman, der für Herzklopfen und unbeschwerte Stunden sorgt. Ein Roman aber auch, der ermutigt, eigene Wege zu gehen. Bereits ist eine Fortsetzung dieses Buches unter dem Titel «Und ein ganzes Jahr» erschienen.

Gayle Forman: Nur ein Tag. Fischer FJB, 2016. ISBN: 978-3-8414-2106-7

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis

17.06.2016 by

erbsenPaul ist etwa 11 Jahre alt. Er will später Detektiv werden. Hauptaufgabe von Detektiven ist das Observieren. Als ins gegenüberliegende Haus ein Mädchen einzieht, hat Paul auch ein denkbar spannendes Subjekt zum Überwachen gefunden. Tessa wird seiner Klasse zugeteilt, so kann Paul sie auch in der Schule im Auge behalten. Und Tessas Benehmen, das gibt tatsächlich Rätsel auf. Weshalb macht sie auf dem Schulweg so grosse Umwege? Weshalb packt sie jeden Morgen auf der Parkbank all ihre Schulsachen aus und wieder ein? Paul macht sich Gedanken und Notizen und er beginnt, dieses seltsame Mädchen zu mögen, findet sie hübscher als andere. Und so kommt es, dass sich die beiden ganz allmählich anfreunden, dass Paul nach und nach dem Geheimnis von Tessa auf die Spur kommt. Zum ersten Mal erzählt Tessa einem Aussenstehenden von ihren Ticks und Zwängen, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit vertraut sie wieder jemanden. Tessa will unbedingt gesund werden, deshalb geht sie auch regelmässig zum Psychiater und deshalb erlaubt sie Paul schliesslich auch, sie auf diesem schwierigen Weg zu begleiten und zu unterstützen.

Paul erzählt die Geschichte selber, es ist nicht ein Tagebuch der gewohnten Art, eher sind es an Tessa gerichtete Aufzeichnungen. So benutzt er die Du-Form, wenn es um Tessa geht. Spannend ist die Geschichte, weil Leserinnen und Leser ständig selber Hypothesen anstellen. Genau wie Paul kann man sich zu Beginn keinen Reim auf Tessa Verhalten machen. Umso so mehr berührt es dann, als Tessa ihr Schweigen bricht und den Grund für ihr seltsames Verhalten zu erklären versucht. Nur wenn Tessa ganz bestimmte Dinge tut, kann sie ihre riesengrossen Ängste vor einem Unglück bezwingen. Lena Hach hat diese wunderschöne Geschichte in einer sehr leichten Sprache verfasst. Ernsthaft und doch immer wieder so, dass man beim Lesen schmunzeln kann. Tessa und Paul sind glaubhafte Figuren, deren Entwicklung und zaghafte erste Liebe man überaus gern nachliest. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis. Mixtvision 2016. ISBN: 978-3-95854-055-2

Rezension: Maria Riss