Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten

04.10.2016 by

kadirKadir ist Deutscher und Türke zugleich. Er ist 16 Jahre alt, lebt in Hamburg, hat die Schule geschmissen, jobbt bei seinem Verwandten im türkischen Laden und spielt Fussball, das vor allem. Aber dann erscheint Kadir nicht zum entscheidenden Spiel. Kadir ist plötzlich spurlos verschwunden. Mark, sein bester Freund, lässt nicht locker, will wissen, wo Kadir steckt. Ist es wirklich möglich, dass sein Freund ein Islamkämpfer geworden und nach Syrien abgehauen ist, um für den Sieg des IS zu kämpfen? Mark trifft Kadir erst ein paar Wochen später wieder. Sein Freund ist nicht mehr der Alte, er hat sich verändert und dies nicht zu seinem Guten. Kadir redet mit niemandem, schliesst sich ein und tut doch so, als sei alles in bester Ordnung, normal eben. Er habe nur seine Verwandten in der Türkei besucht, meint er. Als aber Kadir dann mit seiner Sporttasche vor dem besetzten Fussballstadion die Hände in die Höhe reisst und «Allahu Akbar» brüllt, greift Mark ein. Mark ist es schliesslich auch, dem Kadir seine ganze Geschichte erzählen kann.
Peter Mathews, von Beruf Schriftsteller, und Benno Köpfer, der als Analyst beim Verfassungsschutz zur Bekämpfung islamistischen Terrors arbeitet, haben ein sehr eindrückliches Buch geschrieben. Die Geschichte ist glaubhaft, spannend, berührend auch. Es geht nicht um Schwarzmalerei, es geht darum, zu begreifen, was Jugendliche dazu bringen kann, in diesen schrecklichen Krieg zu ziehen. Und das Buch will informieren, über die Geschichte des Islams, über die Glaubenslehre der Salafisten und wie es in IS-Ausbildungslagern zu und her geht. Es beschreibt realitätsnah und an manchen Stellen schonungslos den Kriegsalltag in denen vom IS besetzten Gebieten. Der vorliegende Roman will aufwecken, will dazu anregen, dass Leserinnen und Leser das Weltgeschehen kritisch hinterfragen und er will Hintergründe aufzeigen (auch wenn dies stellenweise nur in Ansätzen möglich ist). Die Beschreibung der Figuren ist über weite Strecken überzeugend und differenziert. So nimmt man Kadir, obwohl er in den Krieg zieht und sich aufs Schiessen freut, nicht einfach als grausamen Bösewicht wahr. Und Mark ist nicht nur ein Gutmensch, der alles im Griff hat. So vergisst er etwa die Suche nach seinem Freund über mehrere Tage, weil ihm Kadirs Schwester Meran so sehr gefällt. Dies alles ist in eine wirklich spannende Geschichte verpackt, die viele Jugendliche, egal welchen Geschlechts, faszinieren wird. Gibt man bei youtube die Namen der Autoren ein, kann man sich einen kurzen, sehr informativen Film zur Entstehung dieses Buches ansehen.

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-43038-8

Rezension: Maria Riss

Martin Petersen: Exit Sugartown

04.10.2016 by

sugarDawn sitzt im Gefängnis fest und erzählt dem Reporter Marcus die Geschichte ihrer Flucht für eine Artikelserie in der Sonntagszeitung. Was sie ins Diktiergerät spricht, ist von unfassbarer Tragweite. Ungeschönt gibt sie wieder, in welch schwierigen Verhältnissen sie in «Sugartown» aufgewachsen ist und wie sie sich als 17-Jährige auf den Weg nach Europa begeben hat, um die unhaltbaren Zustände, in welchen ihr kleiner Bruder aufwachsen muss, zu verbessern. Wie rücksichtslos die Schlepperbanden vorgehen und mit welchen Mitteln sie die Flüchtenden und ihre Familien unter Druck setzen, das musste Dawn am eigenen Leib erfahren. Die Stationen der Flucht werden genau geschildert: die ruppige Busfahrt übers Land, die gefahrvolle Fahrt mit dem Gummiboot übers Meer, das Leben in der Containerstadt und schliesslich die Ankunft als Illegale in der «Weissen Welt». Beeindruckend ist, wie sie trotz ihrer aussichtslosen und immer wieder unhaltbaren Lebenssituationen unbeirrt ihren Weg geht.
Was Dawn erzählt, geht unter die Haut, wühlt auf und hinterlässt Spuren. Ein hochaktuelles, berührendes Buch, dem man möglichst viele Leserinnen und Leser wünscht.

Martin Petersen: Exit Sugartown. Dressler Verlag, 2016. ISBN: 978-3-7915-0007-2

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

 

Kirsten Boie / Jan Birck: Bestimmt wird alles gut

14.02.2016 by

boie2Rahaf und Hassan leben mit ihrer Familie in Homs. Sie haben ein gutes Leben, bis die Flugzeuge kommen, bis das Leben in der syrischen Stadt so gefährlich wird, dass ihre Eltern beschliessen zu fliehen. Zuerst nach Ägypten, dann mit einem viel zu kleinen Schiff nach Italien. Alle haben eine riesengrosse Angst, diese fürchterliche Reise über das Meer nicht zu überleben. In Italien kommt die Familie in ein Lager, erhält endlich zu essen und zu trinken. Schliesslich gelingt es ihnen nach Deutschland weiterzureisen. Jetzt wohnen sie in einem abgelegenen Dorf in einem kleinen Zimmer. Das Einleben in der Fremde ist nicht einfach, dafür fühlen sie sich seit langer Zeit endlich einigermassen sicher.

Kirsten Boie hat mit Flüchtlingskindern gesprochen und die Erlebnisse ihrer Flucht zu Papier gebracht. Aus der Perspektive der beiden Kinder erzählt sie in einer betont schlichten Sprache die Geschichte dieser Flucht. Es gab auf dieser Flucht auch immer wieder Menschen, die gut zu Rahafs Familie waren. Der Schaffner im Zug beispielsweise, der wegblickte und keine Fahrkarten sehen wollte. Oder Emma aus der neuen deutschen Schule, die den beiden ohne Vorurteile begegnete, ihnen half und mit der sich Rahaf schon bald anfreundete. Das reich bebilderte Buch gibt Kindern die Möglichkeit, Erfahrungen anderer nachzulesen, dies kann in hohem Masse dazu beitragen, sich gegenseitig besser zu verstehen. «Bestimmt wird alles gut»ist zweisprachig erschienen, so können Flüchtlingskinder die Geschichte auch in ihrer eigenen Sprache lesen. Ein wichtiges Buch für Kinder ab etwa 5 Jahren. Es eignet sich aber auch für sehr viel ältere Leserinnen und Leser.

Kirsten Boie / Jan Birck: Bestimmt wird alles gut. Übersetzung ins Arabische von Mahmoud Hassanein. Klett Kinderbuch 2016. ISBN 978-3-95470-134-6

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Februar 2016

01.02.2016 by

februarIngeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben

Albin ist elf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Zwillingsschwestern in einem sicheren Land. Doch das war nicht immer so. Bruchstücke aus seiner Erinnerung holen ihn immer wieder ein. Dann denkt Albin daran, wie es vor fünf Jahren war, als seine Familie aus Bosnien fliehen musste. An Soldaten, die an die Tür pochen und das Haus stürmen, an Schüsse, an den tagelangen Marsch durch den Wald, an Hunger und Durst. Nun sollen sie in die alte Heimat zurückgeschickt werden. Das möchte Albin mit aller Kraft verhindern und flieht erneut. Allein. Er steigt in einen Bus, in dem der Fahrer so verdächtig lächelt, dass Albin sicher ist, dass er gleich die Türen verriegeln und die Polizei rufen wird. Doch nichts geschieht und ganz unbefangen dreht sich das jüngerer der zwei vor ihm sitzenden Mädchen um. Fröhlich plappert es los und erzählt, dass sie und ihre Schwester auf dem Weg zu den Grosseltern sind. Als die beiden schliesslich aussteigen, zögert Albin nur einen kurzen Augenblick – dann springt auch er aus dem Bus und versteckt sich im Auto der Grosseltern. Ganz still, unter einer Decke im Kofferraum, liegt er da. Beim Ferienhaus angekommen schleicht Albin um das entlegene Ferienhaus der Grosseltern. Eine verlassene Ferienhütte im Wald gleich nebenan bietet ihm ein recht sicheres Versteck. Trotzdem zittert er jede Nacht unter der Decke. Früher oder später ahnen die Mädchen, dass Albin sich in ihrer Nähe versteckt, dass er Hunger und Durst hat. Ob der rettende warme Kakao und die Brötchen extra für Albin hingestellt wurden oder Teil eines Spiels für die Mädchen waren, ist nicht sicher. Doch sicher ist, dass Albin irgendwann entdeckt wird, in den Grosseltern und den Mädchen guten Menschen begegnet und am Ende noch eine Chance bekommt. Denn vielleicht, vielleicht dürfen er und seine Familie doch bleiben.
Die norwegische Autorin erzählt in ihrem Debüt zwei eng miteinander verwobene Fluchtgeschichten – direkt aus Albins Perspektive. Auf diese Weise sind die Lesenden ganz nah dran an Albins Weltsicht, an seinem Misstrauen, seiner Furcht und seiner Einsamkeit. So schwer zu verkraften die Szenen aus Albins Erinnerung an die erste Flucht teilweise sind, so sehr helfen sie, Albin zu verstehen. Auch Kindern, denen dieses Schicksal fremd ist. Die Geschichte ist gerade durch ihre schlichte Sprache unglaublich berührend und bietet mit diesem aktuellen Thema viel Stoff für Diskussionen. Das schmale Buch mit seinen kurzen Kapiteln eignet sich für jugendliche Leserinnen und Leser ab elf Jahren genauso wie für Erwachsene.

Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben. Aus dem Norwegischen von Heike Dörries. Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-55597-7

Rezension: Franziska Weber


 

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln

20.11.2015 by

nuriNuri und Calvin. Sie lernen sich kennen im Wartezimmer von Frau Silbermann. Calvin muss dort seine kleinen Geschwister von der Nachhilfe abholen und Nuri wartet, weil Frau Silbermann ihr Deutschunterricht erteilt. Beide sind sie auf unerklärliche Art und Weise voneinander fasziniert. Nuri ist noch nicht lange in Deutschland. Sie wohnt in einem Asylbewerberheim irgendwo im Osten Deutschlands. Nuri beginnt schon bei ihrer ersten Begegnung zu erzählen. Sie berichtet von ihrem früher so wundervollen Leben in Syrien, und dann von der Angst, dem Krieg und der langen Odyssee nach Deutschland.

Calvin wohnt ganz in der Nähe. Dort, wo die heruntergekommenen Wohnblocks stehen. Calvins Freunde brüllen Parolen, sie hassen alles, was fremd und anders ist. Und im nächsten Jahr, da soll Calvin die Führung der Truppe übernehmen.

Calvin und Nuri. Sie verlieben sich ineinander. Niemand darf davon erfahren. Nur bei der alten Frau Silbermann oder draussen im Wald können sich die beiden heimlich treffen. Calvin verstrickt sich bei seiner Truppe immer stärker in ein Netz aus Lügen. Und vor allem: Er selbst ist zutiefst verunsichert, all seine Ideale und Überzeugungen geraten ins Wanken, der bis anhin wichtigste Halt in seinem Leben, das Zusammensein mit der Gruppe, droht zu zerbrechen. Auch seine Kameraden beginnen, ihm zu misstrauen und schliesslich soll er beweisen, dass er noch immer treu zur Truppe steht: Ein Angriff auf diese Asylantenbrut ist längst überfällig.

Aktueller kann ein Jugendroman momentan kaum sein. Dem Autor ist es gelungen diese beiden unterschiedliche Figuren so überzeugend darzustellen, dass man sie zu kennen glaubt. Peer Martin kennt sich aus in der rechten Szene. Er beschreibt eindringlich und absolut glaubhaft, wie stark der Gruppendruck sein kann. Zugleich schafft er es aber auch, dass die Lesenden an Nuris so anderer Welt teilhaben können. Nuri erzählt ihre Geschichte, ganz der arabischen Tradition verpflichtet, in einer wunderschön gestalteten und bildhaften Sprache. Lesende erfahren dabei auch, wie der Konflikt in Syrien begann. Das Aufdecken von Hintergründen, das Aufklären ist dem Autor ein grosses Anliegen, egal ob er von Calvins oder Nuris Welt erzählt. Man liest dieses dicke Buch in einem Zug, weil es von der ersten Seite an spannend ist, weil man die beiden Protagonisten so gern begleitet. Ein bisschen konstruiert wirkt vielleicht der Anfang der Geschichte, aber das tut der restlichen Qualität und der Wichtigkeit des Buches keinen Abbruch. Ein Buch, dem man ganz viele junge Leserinnen und Leser wünscht, weil es nicht nur Lesegenuss bietet, sondern weil es aufklärt und so sehr viel zum Verstehen der momentanen politischen Situation beiträgt.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln. Oetinger 2015. ISBN: 978-3-7891-4297-0

Rezension: Maria Riss

David Cirici: So riecht Glück

25.11.2014 by

So riecht GlückLocke ist ein Hund und erzählt diese Geschichte aus seiner Perspektive. Während eines Bombenangriffs verliert Locke seine Familie. Plötzlich muss er für sich alleine sorgen, das hat er nie gelernt. Dazu kommt, dass die ganze Welt durcheinander geraten ist. Es herrscht Krieg, die Menschen haben selber kaum zu essen und überall lauern Gefahren. Locke sehnt sich so sehr nach seiner Familie, vor allem nach den beiden Kindern Janinka und Mireck zurück. Die Hoffnung, die beiden irgendwann wiederzufinden, lässt ihn durchhalten und alle schrecklichen Strapazen erdulden.

Die Welt aus der Sicht eines Hundes zu beschreiben, das ist nicht neu. Die Schrecken eines Krieges aus dieser Perspektive nachzulesen schon. Lesende bleiben auf diese Weise auf einer gewissen Distanz und doch bangt man mit, wünscht man sich so sehr, dass diese Geschichte ein gutes Ende nimmt. Dem katalonischen Autor David Cirici ist mit diesem Buch, auch wegen der wunderschön gestalteten Sprache, ein kleines Meisterwerk geglückt. Für Kinder ab etwa 12 Jahren und für Erwachsene.

David Cirici: So riecht Glück. Dressler 2014. ISBN 978-3-7915-2748-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Oktober 2014

23.09.2014 by

parafiAnna Kuschnarowa: Djihad Paradise

Ich, Abdel Jabbar Shahid, bin bereit. Der Sprengstoffgürtel, der um meine Brust liegt, ist bereit, ich muss ihn nur noch zünden… So beginnt dieses Buch – und wie es zu diesem Szenario kommen konnte, das erzählt die Autorin auf ausserordentlich eindrückliche Art und Weise:

Julien gehört zu jenen Jugendlichen, denen nichts in den Schoss fällt. Sein Vater ist Alkoholiker, seine Mutter längst ausgezogen, und er selbst wurde schon von mehreren Schulen geschmissen. Ganz anders Romea, sie lebt mit ihren Eltern in einer Villa, ist wohlbehütet und auch in der Schule bei allen beliebt. Julien und Romea, die beiden verlieben sich ineinander, eine Lovestory, die himmelblau und rosarot beginnt und bald so intensiv ist, dass beide bereit sind, alles füreinander zu geben und zu tun. Aber dann kommt es doch anders. Julien, in ständiger Geldnot, wird beim Dealen erwischt und kommt in den Knast. Sein Zellengenosse Murat ist streng gläubiger Moslem und wird bald zur wichtigsten Bezugsperson hinter Gittern. Nach der Entlassung ziehen Murat und Julien zusammen. Romea will Julien aber auf keinen Fall verlieren. Deshalb begleitet sie Julien bald regelmässig in die Moschee. Sie spürt gleichzeitig, dass Julien ihr entgleitet, dass sie seine Handlungs- und Denkweisen nicht länger nachvollziehen kann. Sie trennt sich zwar vorerst von Julien, hofft aber bis zur letzten Seite auf seine Einsicht, seine Rückkehr in ein einigermassen normales Leben.

In Anna Kuschnarowas neuem Roman geht es primär um Liebe und um religiösen Fanatismus. Die wechselnde Erzählperspektive, einmal erzählt Julien, dann wieder Romea, erlaubt es, dass Lesende die inneren Sichtweisen, und so auch die Handlungsweisen, der beiden zumindest teilweise nachvollziehen können. Djihad Paradise zeigt sehr beeindruckend auf, wie Jugendliche in den Sog fanatisch religiöser Gruppierungen geraten können. Zugleich ist der Plot so fesselnd, die Liebesgeschichte so eindringlich erzählt, dass man die Lektüre kaum unterbrechen mag. Das Buch und seine Themen wird viele Jugendliche beeindrucken.

Anna Kuschnarowa: Djihad Paradise. Beltz 2013. ISBN: 978-3-407-81155-4

Rezension: Maria Riss

Herbert Günther: Die Zeit der grossen Worte

01.07.2014 by

herbertPaul lebt mit seiner Familie seit einiger Zeit in der Stadt. Mutter war es, die weg wollte vom Land, fort aus dieser Enge. Die Familie betreibt nun in der Stadt einen kleinen Lebensmittelladen. Und dann kommt der August 1914, der Krieg bricht aus. Pauls Vater und sein geliebter Bruder Max fahren an die Front. Der Vater, weil dies nun mal seine Pflicht ist und Max mit grosser Begeisterung: Er will etwas tun für sein Vaterland, will kämpfen und siegen. Kurz nach der Abreise wird Paul von einer jungen Frau angesprochen. Es ist Louise, sie ist die heimliche Geliebte seines Bruders Max. Louise kommt aus einer noblen, wohlhabenden Familie und sie denkt ganz anders über den Krieg. Louise arbeitet in einer Buchhandlung und nimmt Paul gleich mit. So viele Bücher! Paul kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Als er gar ein Buch geschenkt bekommt, verbringt er fast seine ganze Freizeit mit lesen, er hilft auch in der Buchhandlung aus und wird auf diese Weise mit völlig andern Ideen konfrontiert. Die meist kurzen Briefe von Max lassen aufhorchen. Da steht nichts mehr drin von Sieg, da ist von Angst, von Verlust und sinnlosen Strapazen die Rede. Bald ändert sich auch das Leben in der Stadt. Die Menschen hungern, sie haben Angst und sehnen ein Ende herbei. Paul wird klar: Er ist kein Held, er will auch nie einer sein und gerade dazu zu stehen, das braucht den grössten Mut. Zum Glück gibt es Ida, dieses Mädchen vom Land, in das sich Paul über beide Ohren verliebt. Ida kennt keine klugen Bücher, aber Ida hat das Herz auf dem rechten Fleck und sie steht im Leben und dies ganz stark, mit beiden Füssen.

Es ist nicht der erste historische Roman, den man von Herbert Günter zu lesen bekommt, da war ein Könner am Werk. Nicht nur, dass er seinen Leserinnen und Lesern einen tiefen und spannenden Einblick in diese Zeit gewährt, es sind auch die Figuren, an deren Gedanken und Handlungen er einen so intensiv teilhaben lässt. Paul setzt sich nicht nur mit dem politischen Gedankengut dieser Zeit auseinander, er lernt auch sehr unterschiedliche Lebensentwürfe kennen und er lernt zu sich, zu seiner ganz persönlichen Meinung zu stehen. Ein spannendes und berührendes Jugendbuch, dem man zahlreiche Leserinnen und Leser wünscht.

Herbert Günther: Die Zeit der grossen Worte. Gerstenberg 2014. ISBN: 978-3-8369-5757-1

Rezension: Maria Riss

David Safier: 28 Tage lang

15.04.2014 by

 

UnbenanntDie 16-jährige Mira lebt mit ihrer kleinen Schwester und ihrer Mutter im Warschauer Ghetto. Unter Lebensgefahr schmuggelt und verkauft sie Nahrungsmittel und versucht so, ihre Familie durch den harten Alltag zu bringen. Einzig die wenigen gemeinsamen Stunden mit ihrem Freund Daniel bringen etwas Freude und jugendliche Normalität in ihr Dasein. Doch dann verschlimmert sich die ohnehin schon schreckliche Situation dramatisch: Den Menschen im Ghetto wird klar, dass sie alle umgebracht werden sollen. Mira hat nichts mehr zu verlieren. Sie beschliesst zu kämpfen und schliesst sich dem Widerstand im Ghetto an. Gemeinsam kämpfen sie gegen den übermächtigen Feind. Obwohl dieser Kampf nicht zu gewinnen ist, geben sie den Menschen im Ghetto Hoffnung und neuen Lebensmut. Und sie trotzen der Übermacht: ganze 28 Tage lang.

„28 Tage lang“ ist ein überaus wichtiges und grossartiges Buch: Es ist hochspannend, emotional, erschreckend und hoffnungsvoll zugleich. Dem deutschen Autor David Safier gelingt es, aus der Sicht der fiktiven, jugendlichen Mira die realen Ereignisse um den Widerstand im Warschauer Ghetto von 1942 authentisch darzustellen. Die fiktive Protagonistin erlaubt ein hohes Mass an Identifikation und Empathie. Die grosse Betroffenheit bei der Lektüre ergibt sich vor allem aus dem Wissen, dass solche und ähnliche Ereignisse vor noch nicht allzu langer Zeit stattgefunden haben. Auch wenn dieser Roman manchmal an die Grenze des Zumutbaren geht, lohnt sich die Lektüre unbedingt, weil sie die schrecklichen Ereignisse der damaligen Zeit wieder bewusst macht und weil auch heute und in Zukunft Ähnliches wieder geschehen könnte. „28 Tage lang“ geht unter die Haut und lässt kein Auge trocken. Für Jugendliche ab ca. 16 Jahren.

David Safier: 28 Tage lang. Rowohlt Rotfuchs 2014. ISBN: 978-3-499-21174-4.

Rezension: Claudia Hefti

Mirjam Pressler: Ein Buch für Hanna

30.03.2012 by

Gerade mal 14 Jahre alt ist Hanna, als sie Leipzig verlassen muss. Es ist das Jahr 1939, sie fährt, zusammen mit vielen andern jüdischen Jugendlichen, nach Dänemark. Von dort soll die Reise weitergehen nach Palästina, ins gelobte Land.  Weil Hanna noch so jung, klein und mager ist, wird so von allen nur Püppchen genannt. In Dänemark hat es Hanna eigentlich gut, wenn nur das Heimweh zu ihrer Mutter nicht wäre und die ständige Ungewissheit, was mit ihr passieren wird. Aber Nazi-Deutschland macht auch vor Dänemark nicht Halt und Hanna wird, zusammen mit einer Gruppe jüdischer Mädchen, nach Theresienstadt deportiert. Mira, ein Mädchen aus dieser Gruppe, mahnt die andern immer wieder: Aufgeben, das gilt nicht! So kontrolliert sie, dass sich die Mädchen regelmässig waschen, dass sie den sinnlosen Kampf gegen Wanzen und Läuse nicht aufgeben, dass sie ihr Essen einteilen und verteilen. Als Mira an einer Lungenentzündung  stirbt, ist es plötzlich Hanna, die für die andern die Verantwortung übernimmt. Hanna hat Glück, mehr Glück als viele andere: Sie lebt, sie überlebt. Sie ist längst kein Püppchen mehr und was sie im Lager erlebt hat, wird sie prägen, für den Rest ihres Lebens.

Mirjam Pressler versteht es wie kaum eine andere Jugendbuchautorin, ihre Figuren so zu beschreiben, dass man sie nach der Lektüre zu kennen glaubt. Die Autorin schreibt bildhaft und präzise, so dass man beim Lesen mittendrin ist im Buchgeschehen. Das geht bei solchen Themen aber auch ganz schön unter die Haut. Die Schicksale bewegen, lassen einen nicht los. Es sind die starken Protagonistinnen, die wunderbaren Menschen, auch im grauenhaften Lageralltag, die einem so beeindrucken, dass man mit dem Lesen trotzdem kaum mehr aufhören kann. Damit die Figuren noch lebendiger werden, hat Mirjam Pressler Passagen eingebaut, in denen die Figuren immer wieder selber zu Wort kommen. Ein fantastisches, tief berührendes Buch für Jugendliche und Erwachsene.

Rezension: Maria Riss

Mirjam Pressler: Ein Buch für Hanna. Beltz, 2011.