Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee

05.10.2018 by

Die Tagebucheintragungen der Zwillinge Nadja und Viktor beginnen in Leningrad, am 23. Juni 1941. Die deutsche Front nähert sich und alle Kinder der Stadt müssen sich am Bahnhof einfinden, um evakuiert zu werden. Vor der Abreise muss Viktor seinem Vater versprechen, immer bei seiner Schwester Nadja zu bleiben und gut auf sie aufzupassen. Aber schon bei der Aufteilung der vielen Kinder auf die hereinfahrenden Züge werden die Zwillinge getrennt. Viktor landet im Zug Nr. 77 und wird in eine Kolchose in Tatarstan gebracht. Nadjas Zug kommt nicht weit, die Lokomotive bleibt bereits nach rund 70 Kilometern stecken. Nadja und all die andern Kinder aus dem Zug werden in ein nahegelgenes Dorf gebracht, das schon kurze Zeit später von den Deutschen eingenommen wird. Nadja gelingt die Flucht und sie rettet sich auf die Inselfestung Oreschek im riesigen Ladoga-See. Diese Festung ist noch immer in russischer Hand, wird aber ständig beschossen und bombardiert. Nicht erst hier entpuppt sich Nadja als überaus mutiges Mädchen. Die Zwillinge waren noch nie voneinander getrennt, beide sehnen sich schrecklich nacheinander und deshalb will Viktor seine Schwester um alles in der Welt wiederfinden, auch weil er dies seinen Eltern verspochen hat. Nichts kann ihn dabei aufhalten. Er flieht aus der Kolchose, wird gefangen genommen, reisst aus, kämpft sich, zusammen mit ein paar Kameraden, über mehrere hundert Kilometer durch Eis und Schnee, überlistet die Truppen an der Front und gelangt schliesslich in einem gestohlenen Lastwagen über den mittlerweile zugefrorenen See zur Festung Oreschek, wo er seine geliebte Schwester Nadja lebend wiederfindet.
Die Geschichte wird von Nadja und Viktor in Tagebucheinträgen erzählt, beide sind mit zahlreichen Fotografien, Zeitungsausschnitten und Karten ergänzt. Der Autor hat sich über weite Strecken an historischen Fakten gehalten, die Geschichte der beiden Geschwister ist aber frei erfunden. Was die beiden erleben und vor allem, was sie beim Kampf ums Überleben unternehmen, erinnert hier und da an ein Heldenepos, es macht dieses Buch aber unglaublich spannend. Oft geht der Autor an die Grenze des Beschreibbaren, er tut dies aber behutsam und geht öfters auf eine gewisse Distanz. Trotzdem erlebt man beim Lesen sehr eindringlich mit, wie schrecklich dieser Krieg war und wie Hunger, Kälte, Gewalt und Angst Menschen verändern können. Vergangenes darf nicht in Vergessenheit geraten, weil sich Geschichte immer wiederholt, so die klare Botschaft dieser so eindringlich verfassten Erzählung. Der grosse Spannungsbogen, das fundiert recherchierte Hintergrundwissen und die wunderschöne, spezielle Aufmachung, all dies kann hoffentlich viele jugendliche Leserinnen und Leser zum Lesen dieses Buches verlocken.

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN: 978-3-522-20251-0

Rezension: Maria Riss

 

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden

27.09.2018 by

Die Geschichte spielt im November 1945 in einem kleinen Dorf in Deutschland. Der Krieg ist vorbei, aber die Welt ist noch nicht wieder in ihren Fugen. Dies spürt die vierzehnjährige Hanne täglich. Ihre Familie lebte den Krieg über auf dem Bauernhof ihres Onkels und vom wirklichen Kriegsgeschehen hat Hanne nicht so viel mitbekommen. Umso mehr treffen sie jetzt all die schlimmen Erzählungen und die Wahrheit über das Regime der Nazis. Sie selbst kann sich ja auch nicht erklären, weshalb sie sich dermassen täuschen liess in den letzten Jahren. Sie hat sich an den BDM Heimabenden so amüsiert und mitreissen lassen. Im Dorf gibt es viele alte Nazis und einige davon können auch jetzt noch ihren Hass gegen alles Fremde nicht zügeln. Es gibt Schlägereien und einige aus der Dorfgemeinschaft zerbrechen daran, dass sie nicht mehr die Anführer sind, dass alles, wofür sie gekämpft haben, nun zerstört ist. Hanne ist ein kluges und vor allem auch mutiges Mädchen und stellt sich der neuen Zeit. Bald zieht sie in die Stadt, um an die Oberschule zu wechseln. Wenn man Bescheid weiss, läuft man viel weniger Gefahr, blindlings irgendwelchen Parolen zu gehorchen und Leuten hinterherzulaufen. Es ist gut, dass ihre Tante ihr zur Seite steht und noch viel besser, dass sie in der Stadt auf Gunnar trifft, mit dem sie all das, was sie belastet, besprechen kann. Von Gunnar bekommt sie auch ihren ersten Kuss und das ist eine ganz wunderbare neue Erfahrung.
Kann man so schnell seine Gesinnung ändern? Wie kommt man damit zurecht, dass man lange einfach weggeschaut hat? Ist man ein Fähnchen im Wind, wenn man plötzlich seine Gesinnung ändert? Weshalb kann man sich so täuschen lassen und einfach alles glauben, was erzählt wird? All diese Fragen beschäftigen Hanne und sie versteht es wunderbar, Leserinnen und Leser an all diesen Gedanken teilhaben zu lassen. Herbert Günther hat einen berührenden und spannenden Roman geschrieben. So wird Geschichte erlebbar und man schafft damit auch, weil all diese Fragen ja nach wie vor aktuell sind, einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart und zu eigenen Erfahrungen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5661-1

Rezension: Maria Riss

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten

04.10.2016 by

kadirKadir ist Deutscher und Türke zugleich. Er ist 16 Jahre alt, lebt in Hamburg, hat die Schule geschmissen, jobbt bei seinem Verwandten im türkischen Laden und spielt Fussball, das vor allem. Aber dann erscheint Kadir nicht zum entscheidenden Spiel. Kadir ist plötzlich spurlos verschwunden. Mark, sein bester Freund, lässt nicht locker, will wissen, wo Kadir steckt. Ist es wirklich möglich, dass sein Freund ein Islamkämpfer geworden und nach Syrien abgehauen ist, um für den Sieg des IS zu kämpfen? Mark trifft Kadir erst ein paar Wochen später wieder. Sein Freund ist nicht mehr der Alte, er hat sich verändert und dies nicht zu seinem Guten. Kadir redet mit niemandem, schliesst sich ein und tut doch so, als sei alles in bester Ordnung, normal eben. Er habe nur seine Verwandten in der Türkei besucht, meint er. Als aber Kadir dann mit seiner Sporttasche vor dem besetzten Fussballstadion die Hände in die Höhe reisst und «Allahu Akbar» brüllt, greift Mark ein. Mark ist es schliesslich auch, dem Kadir seine ganze Geschichte erzählen kann.
Peter Mathews, von Beruf Schriftsteller, und Benno Köpfer, der als Analyst beim Verfassungsschutz zur Bekämpfung islamistischen Terrors arbeitet, haben ein sehr eindrückliches Buch geschrieben. Die Geschichte ist glaubhaft, spannend, berührend auch. Es geht nicht um Schwarzmalerei, es geht darum, zu begreifen, was Jugendliche dazu bringen kann, in diesen schrecklichen Krieg zu ziehen. Und das Buch will informieren, über die Geschichte des Islams, über die Glaubenslehre der Salafisten und wie es in IS-Ausbildungslagern zu und her geht. Es beschreibt realitätsnah und an manchen Stellen schonungslos den Kriegsalltag in denen vom IS besetzten Gebieten. Der vorliegende Roman will aufwecken, will dazu anregen, dass Leserinnen und Leser das Weltgeschehen kritisch hinterfragen und er will Hintergründe aufzeigen (auch wenn dies stellenweise nur in Ansätzen möglich ist). Die Beschreibung der Figuren ist über weite Strecken überzeugend und differenziert. So nimmt man Kadir, obwohl er in den Krieg zieht und sich aufs Schiessen freut, nicht einfach als grausamen Bösewicht wahr. Und Mark ist nicht nur ein Gutmensch, der alles im Griff hat. So vergisst er etwa die Suche nach seinem Freund über mehrere Tage, weil ihm Kadirs Schwester Meran so sehr gefällt. Dies alles ist in eine wirklich spannende Geschichte verpackt, die viele Jugendliche, egal welchen Geschlechts, faszinieren wird. Gibt man bei youtube die Namen der Autoren ein, kann man sich einen kurzen, sehr informativen Film zur Entstehung dieses Buches ansehen.

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-43038-8

Rezension: Maria Riss

Martin Petersen: Exit Sugartown

04.10.2016 by

sugarDawn sitzt im Gefängnis fest und erzählt dem Reporter Marcus die Geschichte ihrer Flucht für eine Artikelserie in der Sonntagszeitung. Was sie ins Diktiergerät spricht, ist von unfassbarer Tragweite. Ungeschönt gibt sie wieder, in welch schwierigen Verhältnissen sie in «Sugartown» aufgewachsen ist und wie sie sich als 17-Jährige auf den Weg nach Europa begeben hat, um die unhaltbaren Zustände, in welchen ihr kleiner Bruder aufwachsen muss, zu verbessern. Wie rücksichtslos die Schlepperbanden vorgehen und mit welchen Mitteln sie die Flüchtenden und ihre Familien unter Druck setzen, das musste Dawn am eigenen Leib erfahren. Die Stationen der Flucht werden genau geschildert: die ruppige Busfahrt übers Land, die gefahrvolle Fahrt mit dem Gummiboot übers Meer, das Leben in der Containerstadt und schliesslich die Ankunft als Illegale in der «Weissen Welt». Beeindruckend ist, wie sie trotz ihrer aussichtslosen und immer wieder unhaltbaren Lebenssituationen unbeirrt ihren Weg geht.
Was Dawn erzählt, geht unter die Haut, wühlt auf und hinterlässt Spuren. Ein hochaktuelles, berührendes Buch, dem man möglichst viele Leserinnen und Leser wünscht.

Martin Petersen: Exit Sugartown. Dressler Verlag, 2016. ISBN: 978-3-7915-0007-2

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

 

Kirsten Boie / Jan Birck: Bestimmt wird alles gut

14.02.2016 by

boie2Rahaf und Hassan leben mit ihrer Familie in Homs. Sie haben ein gutes Leben, bis die Flugzeuge kommen, bis das Leben in der syrischen Stadt so gefährlich wird, dass ihre Eltern beschliessen zu fliehen. Zuerst nach Ägypten, dann mit einem viel zu kleinen Schiff nach Italien. Alle haben eine riesengrosse Angst, diese fürchterliche Reise über das Meer nicht zu überleben. In Italien kommt die Familie in ein Lager, erhält endlich zu essen und zu trinken. Schliesslich gelingt es ihnen nach Deutschland weiterzureisen. Jetzt wohnen sie in einem abgelegenen Dorf in einem kleinen Zimmer. Das Einleben in der Fremde ist nicht einfach, dafür fühlen sie sich seit langer Zeit endlich einigermassen sicher.

Kirsten Boie hat mit Flüchtlingskindern gesprochen und die Erlebnisse ihrer Flucht zu Papier gebracht. Aus der Perspektive der beiden Kinder erzählt sie in einer betont schlichten Sprache die Geschichte dieser Flucht. Es gab auf dieser Flucht auch immer wieder Menschen, die gut zu Rahafs Familie waren. Der Schaffner im Zug beispielsweise, der wegblickte und keine Fahrkarten sehen wollte. Oder Emma aus der neuen deutschen Schule, die den beiden ohne Vorurteile begegnete, ihnen half und mit der sich Rahaf schon bald anfreundete. Das reich bebilderte Buch gibt Kindern die Möglichkeit, Erfahrungen anderer nachzulesen, dies kann in hohem Masse dazu beitragen, sich gegenseitig besser zu verstehen. «Bestimmt wird alles gut»ist zweisprachig erschienen, so können Flüchtlingskinder die Geschichte auch in ihrer eigenen Sprache lesen. Ein wichtiges Buch für Kinder ab etwa 5 Jahren. Es eignet sich aber auch für sehr viel ältere Leserinnen und Leser.

Kirsten Boie / Jan Birck: Bestimmt wird alles gut. Übersetzung ins Arabische von Mahmoud Hassanein. Klett Kinderbuch 2016. ISBN 978-3-95470-134-6

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Februar 2016

01.02.2016 by

februarIngeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben

Albin ist elf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Zwillingsschwestern in einem sicheren Land. Doch das war nicht immer so. Bruchstücke aus seiner Erinnerung holen ihn immer wieder ein. Dann denkt Albin daran, wie es vor fünf Jahren war, als seine Familie aus Bosnien fliehen musste. An Soldaten, die an die Tür pochen und das Haus stürmen, an Schüsse, an den tagelangen Marsch durch den Wald, an Hunger und Durst. Nun sollen sie in die alte Heimat zurückgeschickt werden. Das möchte Albin mit aller Kraft verhindern und flieht erneut. Allein. Er steigt in einen Bus, in dem der Fahrer so verdächtig lächelt, dass Albin sicher ist, dass er gleich die Türen verriegeln und die Polizei rufen wird. Doch nichts geschieht und ganz unbefangen dreht sich das jüngerer der zwei vor ihm sitzenden Mädchen um. Fröhlich plappert es los und erzählt, dass sie und ihre Schwester auf dem Weg zu den Grosseltern sind. Als die beiden schliesslich aussteigen, zögert Albin nur einen kurzen Augenblick – dann springt auch er aus dem Bus und versteckt sich im Auto der Grosseltern. Ganz still, unter einer Decke im Kofferraum, liegt er da. Beim Ferienhaus angekommen schleicht Albin um das entlegene Ferienhaus der Grosseltern. Eine verlassene Ferienhütte im Wald gleich nebenan bietet ihm ein recht sicheres Versteck. Trotzdem zittert er jede Nacht unter der Decke. Früher oder später ahnen die Mädchen, dass Albin sich in ihrer Nähe versteckt, dass er Hunger und Durst hat. Ob der rettende warme Kakao und die Brötchen extra für Albin hingestellt wurden oder Teil eines Spiels für die Mädchen waren, ist nicht sicher. Doch sicher ist, dass Albin irgendwann entdeckt wird, in den Grosseltern und den Mädchen guten Menschen begegnet und am Ende noch eine Chance bekommt. Denn vielleicht, vielleicht dürfen er und seine Familie doch bleiben.
Die norwegische Autorin erzählt in ihrem Debüt zwei eng miteinander verwobene Fluchtgeschichten – direkt aus Albins Perspektive. Auf diese Weise sind die Lesenden ganz nah dran an Albins Weltsicht, an seinem Misstrauen, seiner Furcht und seiner Einsamkeit. So schwer zu verkraften die Szenen aus Albins Erinnerung an die erste Flucht teilweise sind, so sehr helfen sie, Albin zu verstehen. Auch Kindern, denen dieses Schicksal fremd ist. Die Geschichte ist gerade durch ihre schlichte Sprache unglaublich berührend und bietet mit diesem aktuellen Thema viel Stoff für Diskussionen. Das schmale Buch mit seinen kurzen Kapiteln eignet sich für jugendliche Leserinnen und Leser ab elf Jahren genauso wie für Erwachsene.

Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben. Aus dem Norwegischen von Heike Dörries. Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-55597-7

Rezension: Franziska Weber


 

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln

20.11.2015 by

nuriNuri und Calvin. Sie lernen sich kennen im Wartezimmer von Frau Silbermann. Calvin muss dort seine kleinen Geschwister von der Nachhilfe abholen und Nuri wartet, weil Frau Silbermann ihr Deutschunterricht erteilt. Beide sind sie auf unerklärliche Art und Weise voneinander fasziniert. Nuri ist noch nicht lange in Deutschland. Sie wohnt in einem Asylbewerberheim irgendwo im Osten Deutschlands. Nuri beginnt schon bei ihrer ersten Begegnung zu erzählen. Sie berichtet von ihrem früher so wundervollen Leben in Syrien, und dann von der Angst, dem Krieg und der langen Odyssee nach Deutschland.

Calvin wohnt ganz in der Nähe. Dort, wo die heruntergekommenen Wohnblocks stehen. Calvins Freunde brüllen Parolen, sie hassen alles, was fremd und anders ist. Und im nächsten Jahr, da soll Calvin die Führung der Truppe übernehmen.

Calvin und Nuri. Sie verlieben sich ineinander. Niemand darf davon erfahren. Nur bei der alten Frau Silbermann oder draussen im Wald können sich die beiden heimlich treffen. Calvin verstrickt sich bei seiner Truppe immer stärker in ein Netz aus Lügen. Und vor allem: Er selbst ist zutiefst verunsichert, all seine Ideale und Überzeugungen geraten ins Wanken, der bis anhin wichtigste Halt in seinem Leben, das Zusammensein mit der Gruppe, droht zu zerbrechen. Auch seine Kameraden beginnen, ihm zu misstrauen und schliesslich soll er beweisen, dass er noch immer treu zur Truppe steht: Ein Angriff auf diese Asylantenbrut ist längst überfällig.

Aktueller kann ein Jugendroman momentan kaum sein. Dem Autor ist es gelungen diese beiden unterschiedliche Figuren so überzeugend darzustellen, dass man sie zu kennen glaubt. Peer Martin kennt sich aus in der rechten Szene. Er beschreibt eindringlich und absolut glaubhaft, wie stark der Gruppendruck sein kann. Zugleich schafft er es aber auch, dass die Lesenden an Nuris so anderer Welt teilhaben können. Nuri erzählt ihre Geschichte, ganz der arabischen Tradition verpflichtet, in einer wunderschön gestalteten und bildhaften Sprache. Lesende erfahren dabei auch, wie der Konflikt in Syrien begann. Das Aufdecken von Hintergründen, das Aufklären ist dem Autor ein grosses Anliegen, egal ob er von Calvins oder Nuris Welt erzählt. Man liest dieses dicke Buch in einem Zug, weil es von der ersten Seite an spannend ist, weil man die beiden Protagonisten so gern begleitet. Ein bisschen konstruiert wirkt vielleicht der Anfang der Geschichte, aber das tut der restlichen Qualität und der Wichtigkeit des Buches keinen Abbruch. Ein Buch, dem man ganz viele junge Leserinnen und Leser wünscht, weil es nicht nur Lesegenuss bietet, sondern weil es aufklärt und so sehr viel zum Verstehen der momentanen politischen Situation beiträgt.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln. Oetinger 2015. ISBN: 978-3-7891-4297-0

Rezension: Maria Riss

David Cirici: So riecht Glück

25.11.2014 by

So riecht GlückLocke ist ein Hund und erzählt diese Geschichte aus seiner Perspektive. Während eines Bombenangriffs verliert Locke seine Familie. Plötzlich muss er für sich alleine sorgen, das hat er nie gelernt. Dazu kommt, dass die ganze Welt durcheinander geraten ist. Es herrscht Krieg, die Menschen haben selber kaum zu essen und überall lauern Gefahren. Locke sehnt sich so sehr nach seiner Familie, vor allem nach den beiden Kindern Janinka und Mireck zurück. Die Hoffnung, die beiden irgendwann wiederzufinden, lässt ihn durchhalten und alle schrecklichen Strapazen erdulden.

Die Welt aus der Sicht eines Hundes zu beschreiben, das ist nicht neu. Die Schrecken eines Krieges aus dieser Perspektive nachzulesen schon. Lesende bleiben auf diese Weise auf einer gewissen Distanz und doch bangt man mit, wünscht man sich so sehr, dass diese Geschichte ein gutes Ende nimmt. Dem katalonischen Autor David Cirici ist mit diesem Buch, auch wegen der wunderschön gestalteten Sprache, ein kleines Meisterwerk geglückt. Für Kinder ab etwa 12 Jahren und für Erwachsene.

David Cirici: So riecht Glück. Dressler 2014. ISBN 978-3-7915-2748-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Oktober 2014

23.09.2014 by

parafiAnna Kuschnarowa: Djihad Paradise

Ich, Abdel Jabbar Shahid, bin bereit. Der Sprengstoffgürtel, der um meine Brust liegt, ist bereit, ich muss ihn nur noch zünden… So beginnt dieses Buch – und wie es zu diesem Szenario kommen konnte, das erzählt die Autorin auf ausserordentlich eindrückliche Art und Weise:

Julien gehört zu jenen Jugendlichen, denen nichts in den Schoss fällt. Sein Vater ist Alkoholiker, seine Mutter längst ausgezogen, und er selbst wurde schon von mehreren Schulen geschmissen. Ganz anders Romea, sie lebt mit ihren Eltern in einer Villa, ist wohlbehütet und auch in der Schule bei allen beliebt. Julien und Romea, die beiden verlieben sich ineinander, eine Lovestory, die himmelblau und rosarot beginnt und bald so intensiv ist, dass beide bereit sind, alles füreinander zu geben und zu tun. Aber dann kommt es doch anders. Julien, in ständiger Geldnot, wird beim Dealen erwischt und kommt in den Knast. Sein Zellengenosse Murat ist streng gläubiger Moslem und wird bald zur wichtigsten Bezugsperson hinter Gittern. Nach der Entlassung ziehen Murat und Julien zusammen. Romea will Julien aber auf keinen Fall verlieren. Deshalb begleitet sie Julien bald regelmässig in die Moschee. Sie spürt gleichzeitig, dass Julien ihr entgleitet, dass sie seine Handlungs- und Denkweisen nicht länger nachvollziehen kann. Sie trennt sich zwar vorerst von Julien, hofft aber bis zur letzten Seite auf seine Einsicht, seine Rückkehr in ein einigermassen normales Leben.

In Anna Kuschnarowas neuem Roman geht es primär um Liebe und um religiösen Fanatismus. Die wechselnde Erzählperspektive, einmal erzählt Julien, dann wieder Romea, erlaubt es, dass Lesende die inneren Sichtweisen, und so auch die Handlungsweisen, der beiden zumindest teilweise nachvollziehen können. Djihad Paradise zeigt sehr beeindruckend auf, wie Jugendliche in den Sog fanatisch religiöser Gruppierungen geraten können. Zugleich ist der Plot so fesselnd, die Liebesgeschichte so eindringlich erzählt, dass man die Lektüre kaum unterbrechen mag. Das Buch und seine Themen wird viele Jugendliche beeindrucken.

Anna Kuschnarowa: Djihad Paradise. Beltz 2013. ISBN: 978-3-407-81155-4

Rezension: Maria Riss

Herbert Günther: Die Zeit der grossen Worte

01.07.2014 by

herbertPaul lebt mit seiner Familie seit einiger Zeit in der Stadt. Mutter war es, die weg wollte vom Land, fort aus dieser Enge. Die Familie betreibt nun in der Stadt einen kleinen Lebensmittelladen. Und dann kommt der August 1914, der Krieg bricht aus. Pauls Vater und sein geliebter Bruder Max fahren an die Front. Der Vater, weil dies nun mal seine Pflicht ist und Max mit grosser Begeisterung: Er will etwas tun für sein Vaterland, will kämpfen und siegen. Kurz nach der Abreise wird Paul von einer jungen Frau angesprochen. Es ist Louise, sie ist die heimliche Geliebte seines Bruders Max. Louise kommt aus einer noblen, wohlhabenden Familie und sie denkt ganz anders über den Krieg. Louise arbeitet in einer Buchhandlung und nimmt Paul gleich mit. So viele Bücher! Paul kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Als er gar ein Buch geschenkt bekommt, verbringt er fast seine ganze Freizeit mit lesen, er hilft auch in der Buchhandlung aus und wird auf diese Weise mit völlig andern Ideen konfrontiert. Die meist kurzen Briefe von Max lassen aufhorchen. Da steht nichts mehr drin von Sieg, da ist von Angst, von Verlust und sinnlosen Strapazen die Rede. Bald ändert sich auch das Leben in der Stadt. Die Menschen hungern, sie haben Angst und sehnen ein Ende herbei. Paul wird klar: Er ist kein Held, er will auch nie einer sein und gerade dazu zu stehen, das braucht den grössten Mut. Zum Glück gibt es Ida, dieses Mädchen vom Land, in das sich Paul über beide Ohren verliebt. Ida kennt keine klugen Bücher, aber Ida hat das Herz auf dem rechten Fleck und sie steht im Leben und dies ganz stark, mit beiden Füssen.

Es ist nicht der erste historische Roman, den man von Herbert Günter zu lesen bekommt, da war ein Könner am Werk. Nicht nur, dass er seinen Leserinnen und Lesern einen tiefen und spannenden Einblick in diese Zeit gewährt, es sind auch die Figuren, an deren Gedanken und Handlungen er einen so intensiv teilhaben lässt. Paul setzt sich nicht nur mit dem politischen Gedankengut dieser Zeit auseinander, er lernt auch sehr unterschiedliche Lebensentwürfe kennen und er lernt zu sich, zu seiner ganz persönlichen Meinung zu stehen. Ein spannendes und berührendes Jugendbuch, dem man zahlreiche Leserinnen und Leser wünscht.

Herbert Günther: Die Zeit der grossen Worte. Gerstenberg 2014. ISBN: 978-3-8369-5757-1

Rezension: Maria Riss