Tamara Bos: Romys Salon

31.07.2018 by

Romy ist 10 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Ort in Holland. Erst kürzlich haben sich ihre Eltern getrennt und Papa fehlt ihr sehr. Mama hat einen Job bei der Tankstelle und muss dauernd arbeiten. Romy geht nach der Schule immer zu Oma in deren Frisiersalon. Aber Oma macht es einem nicht leicht, sie gern zu haben. Oma ist Geschäftsfrau und Romy muss stundenlang alleine oben in der Wohnung sitzen. Oma ist streng und unnahbar. Aber dann
beginnt Oma sich zu verändern. Plötzlich ist sie für ziemlich verrückte Sachen zu haben, dreht dafür das Schild an der Ladentür einfach auf geschlossen. Auf einmal nimmt sie ihre Enkelin öfters in den Arm. Manchmal hat Oma Mühe mit dem Rechnen, vergisst die Türen abzuschliessen oder verlegt ihre Tageseinnahmen. Romy mag diese neue Oma viel lieber. Jetzt freut sie sich sogar, ihre freie Zeit im Salon zu verbringen, vor allem auch, weil sie nun mithelfen darf. Ohne ihre Enkelin wäre Oma ganz schön aufgeschmissen. Schliesslich drängt Mama darauf, mit Oma zum Arzt zu gehen. Die Diagnose steht schnell fest: Oma ist dement. Da helfen keine Pillen oder Therapien. Oma muss ins Pflegeheim. Romy kann sich damit nicht abfinden, zu lieb hat sie ihre Oma mittlerweile gewonnen. In letzter Zeit erzählt Oma viel von ihrer Kindheit, vom Strand in Dänemark. Und wenn sie davon berichtet, dann lächelt Oma und manchmal rinnt ihr eine Träne über die Wange. Weil sich nie jemand die Zeit nimmt, mit ihr zu reden, muss Romy handeln. Man darf Oma doch nicht einfach wegsperren. Sie packt ihren Rucksack, leert ihre Spardose und holt Oma aus dem Heim. Oma soll noch einmal diesen Strand sehen, koste es was es wolle. Erst als Romys Eltern ihre Tochter nach dieser abenteuerlichen Flucht wieder in ihre Arme schliessen, hören die Eltern endlich zu. Und Romy wird bewusst, dass Veränderungen nicht immer schön sind, aber dass sie zum Leben dazu gehören.
Tamara Bos beherrscht ihr Metier, das beweist sie mit dieser wunderschön feinfühligen Geschichte einmal mehr. Romy erzählt das Geschehen in einer einfachen und doch präzisen Sprache aus ihrer Perspektive. Man kommt der so mutigen Zehnjährigen sehr nahe und man gewinnt, gemeinsam mit Romy, diese altersschwache Oma lieb. Obwohl das Thema ja im Grunde sehr traurig ist, kann man beim Lesen auch immer wieder lächeln und man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen und richtet sich an Kinder ab etwa 10 Jahren.
Die Autorin hat zu dieser Geschichte auch gleich ein Drehbuch verfasst, der Film wird noch in diesem Jahr produziert.

Tamara Bos: Romys Salon. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5626-0

 

Rose Lagercrantz / Karen Kings: Wozu hat man eine beste Freundin?

24.04.2018 by

freundiCäcilia geht in die zweite Klasse. Weil ihre beiden Beine nicht gleich lang sind, kann sie beim Turnen nicht mitmachen und wurde deswegen schon mehrmals an der Hüfte operiert. Einmal gab es bei einer Operation einen Zwischenfall und Cäcilie hat damals den Eingriff fast nicht überlebt. Aber sonst ist alles in Ordnung mit ihr, vor allem seit sie in Melody eine neue beste Freundin gefunden hat. Blöd ist nur, dass Melody so gerne Fussball spielt und Cäcilia nicht mitspielen kann. Als Cäcilia eines Abends heimkommt, hält Mama einen Brief in Händen und macht ein sehr ernstes Gesicht. Cäcilia soll noch einmal operiert werden, diesmal mit grosser Hoffnung auf Erfolg. Aber Cäcilia hat doch so grosse Angst! Sie könnte diesmal ja wirklich sterben. So schreibt sie am Abend vor der Operation Abschiedsbriefe: Einen für Melody und einen für Papa, der nicht mehr bei ihnen wohnt. Aber die Operation verläuft gut und was das allerschönste ist, Cäcilias Beine sind nun gleich lang und sie kann schon bald, auch wenn Mama das strikt verbietet, mit dem Fussballtraining beginnen.
Rose Lagercrantz greift in ihren Büchern auch immer wieder sehr ernsthafte Themen auf. Sie macht dies aber auf eine so leichte, glaubhafte Art und Weise, dass Kinder sich bestens mit Cäcilia und ihrer grossen Angst identifizieren können. Denn solche Ängste, die kennen alle Kinder, auch wenn keine grosse Operation ansteht. Es ist nicht so, dass Kinder nur lustige Geschichten mögen, wenn man ehrlich und in einer so einfachen und behutsam gestalteten Sprache über ein Thema schreibt, wird dies die meisten Kinder faszinieren. Für Kinder ab etwa 8 Jahren, zum Vorlesen schon für jüngere Kinder.

Rose Lagercrantz / Karen Kings: Wozu hat man eine beste Freundin? Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Moritz 2018. ISBN: 978 3 89565 359 9

Rezension: Maria Riss

Tae Keller: Wie man Wunder wachsen lässt

20.04.2018 by

wunderNatalie geht in die siebte Klasse. Sie hat es momentan ziemlich schwer. Ihre Mutter, früher immer eine engagierte Zuhörerin, eine begeisterte Naturwissenschaftlerin, die zusammen mit Natalie eine seltene, wunderbare Blumenpracht im Gewächshaus gepflegt hat, steht kaum mehr auf, lässt die Vorhänge im Schlafzimmer zu und bleibt alleine im Dunkeln. Die Blumen im Gewächshaus verwelken und nicht mal Papa, der von Beruf Therapeut ist, kann Mama zum Aufstehen bewegen. Papa kann überhaupt nicht kochen und wenn er diesen therapeutischen Dauertonfall drauf hat, da kriegt Natalie erst recht die Krise. Natalie bleibt mit ihren Ängsten allein, nicht mal die von Papa befohlenen Stunden bei einer Psychotante bringen Besserung. Gottlob gibt es Twig, die allerbeste Freundin, die sich sogar bereit erklärt, mit Natalie an einem Forschungswettbewerb teilzunehmen. Wenn sie den gewinnen, dann kann Natalie mit dem Preisgeld vielleicht Mama aus ihrem Schlafzimmer locken. Sie kann mit Mama ein Flugzeug besteigen und zu den blauen Orchideen reisen. Diese Orchideen sind ein Wunder der Natur, dort können auch andere Wunder passieren, die, davon ist Natalie überzeugt, ihre Mama gesund machen werden.
Tae Keller hat eine sehr spannende und zugleich berührende Geschichte geschrieben. Sie ist eine sehr genaue Beobachterin. So gelingt es ihr mit ein paar Worten, manchmal auch ziemlich versteckt, ihre Figuren so glaubhaft darzustellen, dass man sie zu kennen glaubt. Man spürt beim Lesen die drückende Stimmung daheim, die meist hilflosen Versuche des Vaters, so etwas wie Normalität entstehen zu lassen. Gleichermassen staunt man über Natalies Willenskraft, ihren Mut und ihre Fähigkeit, Freundschaften aufzubauen und immer wieder neu zu beleben. Und Natalie gelingt es, wenn auch auf einem ganz andern als dem geplanten Weg, ihre Mama dazu zu bringen, ihr Zimmer zu verlassen und endlich Hilfe bei einem Psychiater in Anspruch zu nehmen. Dieses, im wahrsten Sinne «Wunder-volle» Buch, sei Leserinnen ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen.

Tae Keller: Wie man Wunder wachsen lässt. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck. Fischer Kinderbuch 2018. ISBN: 978-3-7373-4096-0

Rezension: Maria Riss

Lucy Strange: Der Gesang der Nachtigall

30.01.2018 by

nachtigallEngland im Jahr 1919. Henry, eigentlich Henriette, ist etwa 12 Jahre alt, als ihre Familie aufs Land zieht. Seit dem Tod ihres älteren Bruders ist nichts mehr so, wie es sein sollte. Mama liegt nur noch im Bett, Papa ist dauernd auf Geschäftsreisen und um das Baby kümmert sich eine Nanny. Henry ist meist allein, sie liest, streift durch die Gegend und unterhält sich immer öfter mit ihrem verstorbenen Bruder. Im nahen Wald trifft sie auf Moth, einer Frau, die alleine im Wald lebt. Bei Moth fühlt sich Henry geborgen, Moth kennt sich nicht nur mit Tieren aus, sie weiss auch eine ganze Menge über Menschen, was sie bedrückt und quält. Immer öfter flüchtet sich Henry in Moth’ Wohnwagen. Daheim kommt Doktor Hardy nun fast täglich vorbei, ordnet an, dass Mama auf keinen Fall ihr Zimmer verlassen dürfe und bringt immer mehr Medikamente ins Haus. Bald müsse Mama in eine Klinik meint er, man habe dort neue Methoden entwickelt, um solch schweren seelische Krankheiten zu heilen. Das Baby könnten ja er und seine Frau bei sich aufnehmen. Henry wird immer banger, sie muss etwas unternehmen. Heimlich schleicht sie sich, trotz Verbot, immer wieder in Mamas Zimmer, öffnet dort die Gardinen, lässt Sonne und Licht ins Dunkel. Auf keinen Fall darf Mama in diese Klinik gebracht werden, über die neuartigen Heilmethoden grassieren schreckliche Gerüchte in der Gegend. Aber dann passiert es doch: Ein Wagen holt Mama ab. In ihrer Verzweiflung bittet Henry Moth um Hilfe und gemeinsam gelingt es ihnen, Mama aus dieser schrecklichen Klinik zu befreien. Und als Papa endlich wieder auftaucht, erkennt auch er, dass Flucht gegen die Trauer nichts hilft und was für eine besonders starke und mutige Tochter er hat.
Einfühlsam und beeindruckend beschreibt die Autorin ihre Figuren und deren Schicksal. Henry ist eine mutige und starke Mädchenfigur, die sich auch in dieser, für junge Mädchen so eng begrenzten Umgebung wehrt und nicht aufgibt. Der Roman ermöglicht zudem einen spannenden Einblick ins Leben jener Zeit und erzählt von den schrecklichen Methoden und Massnahmen, die man zur Heilung psychisch Kranker ausprobierte. Henry lesend zu begleiten macht man so gerne, dass man das Buch kaum mehr weglegen mag. Für Mädchen und junge Frauen ab etwa 14 Jahren.

Lucy Strange: Der Gesang der Nachtigall. Königskinder 2017. ISBN: 978-3-551-56041-4

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2017

02.03.2017 by

danielWesley King: Daniel is different
Daniel ist ein besonders kluger Schüler. Nur mit dem Rechnen hat er es nicht so, es gibt Zahlen, die ihm Angst machen, die Unglück bringen. Und der Sport, vor allem das Footballspielen, ist für Daniel eigentlich ein Albtraum, obwohl er in der Schulmannschaft mitspielt. Daniel ist anders und er läuft immer wieder Gefahr, von den andern ausgegrenzt zu werden. Aber er hat Gottlob einen Freund. Wenn der starke und bei allen beliebte Max an seiner Seite ist, kann ihm niemand was anhaben. Und dann findet er diesen seltsamen Zettel in seinem Schulrucksack: Ich brauche deine Hilfe. Ein anderes Sternenkind. Max ist verwirrt und muss sein abendliches Programm sofort ausbauen: Exakt 35-mal vom Bett ins Bad wandern, den Lichtschalter 120-mal betätigen, jede Hand mit zehn Rubbelbewegungen waschen und vieles mehr. Oft dauert sein Programm mehrere Stunden, bis er endlich einschlafen darf. Bald stellt sich heraus, dass dieser Zettel von Sara kam. Sara, die mit niemandem spricht. Sara, die stets nur mit einer Betreuerin in der Schule auftaucht. Aber Daniel wird von Sara angesprochen, sie bittet ihn um Hilfe, den Mörder ihres Vaters zu finden. Sara ist klug, Sara ist auch direkt und sie konfrontiert ihren neuen und bisher einzigen Freund mit seiner Krankheit. Daniel war bis dahin ein Meister darin, seine Zwangsstörung vor andern geheim zu halten. Sara hilft Daniel, endlich über seine Ängste zu reden. Daniel wiederum hilft seiner so ungewöhnlichen Freundin, dem mysteriösen Verschwinden ihres Vaters auf die Spur zu kommen. Dass sie dabei einbrechen, heimliche Tonaufnahmen machen und Überwachungen anstellen müssen, macht die Lektüre überaus spannend. Im Buch von Wesley King geht es nicht nur um das Tabu rund um Zwangsneurosen, es geht vor allem auch um Zivilcourage, um Freundschaft, um das «Über-sich-hinauswachsen». Der Autor litt als Jugendlicher selber unter Zwangsstörungen, dies ist sicherlich ein Grund, weshalb ihm die Beschreibung der Hauptfigur so überaus glaubhaft gelungen ist. Man versteht Daniel beim Lesen, leidet mit ihm mit, kann seine Ängste und Zwänge auch nachvollziehen. Dies alles ist verpackt in einen sehr spannenden und verzwickten Plot. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Wesley King: Daniel is different. Aus dem Englischen von Claudia Max. Magellan, 2017. ISBN: 978 3 7348 4710-3

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Januar 2017

13.12.2016 by

omaPeter Schössow: Wo ist Oma?
Zu Besuch im Krankenhaus
Henry will mit seiner Babysitterin Gülsa seine Oma im Krankenhaus besuchen. Aber Gülsa hat ein neues Handy und sie hört einfach nicht auf zu telefonieren. Henry kennt das schon, das kann dauern. Also macht er sich selbst auf die Suche nach seiner Oma. Mensch, ist dieses Krankenhaus riesig! Henry probiert alle Türen aus, schreitet kilometerlange Korridore ab, trifft sehr viele nette Menschen, kommt in die unterschiedlichsten Abteilungen. Nur seine Oma, die findet er nicht. Weiter geht die Suche, von der Geburtenabteilung über den Flur vor dem Operationssaal, von einem Zimmer mit streitenden Männern zu einem Jungen ganz ohne Haare und zur Notfallstation, wo er Dakota aus der Kita begegnet, ausgerechnet. Dakota hat sich eine Bohne in die Nase gesteckt, die jetzt irgendwie wieder raus muss. Nur seine Oma, die findet Henry nicht. Und dann endlich, im riesigen Keller, trifft er den Hausmeister, der ihm weiterhilft. Und so kommt es, dass Henry, mitsamt seinem mittlerweile etwas kümmerlich aussehenden Blumenstrauss, endlich bei Oma ankommt. Natürlich ist auch Gülsa da und die heult, weil sie solche Angst um Henry hatte. Oma schimpft ihren Enkel zuerst aus und dann schliesst sie ihn ganz fest in den Arm. Allerdings nur in den einen Arm, der andere ist zugegipst.
Mit Henry durch dieses riesige Krankenhaus zu wuseln, das macht ganz grossen Spass. Obwohl das Thema so ernst ist, gelingt es dem grossen Meister der Illustrationen, das alles völlig undramatisch und doch realistisch darzustellen. Die Farben sind gedämpft, drücken die sterile Stimmung aus, die Menschen dafür sind umso farbiger. Henry begegnet einem richtigen Sammelsurium an unterschiedlichsten Leuten, Patienten, Besuchern und schier dem ganzen Personal. Peter Schössow malt nicht nur ganz wunderbare Bilder, es ist ihm auch sprachlich gelungen, das Leben in einem Gebäude, das man in aller Regel nicht gerne betritt, locker und leicht darzustellen. Eine wunderbare Mischung aus Erzählung und Sachbuch für Kinder ab dem Kindergartenalter.

Peter Schössow: Wo ist Oma? Zu Besuch im Krankenhaus. Hanser 2016. ISBN: 978-3-446-24952-3

Rezension: Maria Riss

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis

17.06.2016 by

erbsenPaul ist etwa 11 Jahre alt. Er will später Detektiv werden. Hauptaufgabe von Detektiven ist das Observieren. Als ins gegenüberliegende Haus ein Mädchen einzieht, hat Paul auch ein denkbar spannendes Subjekt zum Überwachen gefunden. Tessa wird seiner Klasse zugeteilt, so kann Paul sie auch in der Schule im Auge behalten. Und Tessas Benehmen, das gibt tatsächlich Rätsel auf. Weshalb macht sie auf dem Schulweg so grosse Umwege? Weshalb packt sie jeden Morgen auf der Parkbank all ihre Schulsachen aus und wieder ein? Paul macht sich Gedanken und Notizen und er beginnt, dieses seltsame Mädchen zu mögen, findet sie hübscher als andere. Und so kommt es, dass sich die beiden ganz allmählich anfreunden, dass Paul nach und nach dem Geheimnis von Tessa auf die Spur kommt. Zum ersten Mal erzählt Tessa einem Aussenstehenden von ihren Ticks und Zwängen, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit vertraut sie wieder jemanden. Tessa will unbedingt gesund werden, deshalb geht sie auch regelmässig zum Psychiater und deshalb erlaubt sie Paul schliesslich auch, sie auf diesem schwierigen Weg zu begleiten und zu unterstützen.

Paul erzählt die Geschichte selber, es ist nicht ein Tagebuch der gewohnten Art, eher sind es an Tessa gerichtete Aufzeichnungen. So benutzt er die Du-Form, wenn es um Tessa geht. Spannend ist die Geschichte, weil Leserinnen und Leser ständig selber Hypothesen anstellen. Genau wie Paul kann man sich zu Beginn keinen Reim auf Tessa Verhalten machen. Umso so mehr berührt es dann, als Tessa ihr Schweigen bricht und den Grund für ihr seltsames Verhalten zu erklären versucht. Nur wenn Tessa ganz bestimmte Dinge tut, kann sie ihre riesengrossen Ängste vor einem Unglück bezwingen. Lena Hach hat diese wunderschöne Geschichte in einer sehr leichten Sprache verfasst. Ernsthaft und doch immer wieder so, dass man beim Lesen schmunzeln kann. Tessa und Paul sind glaubhafte Figuren, deren Entwicklung und zaghafte erste Liebe man überaus gern nachliest. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis. Mixtvision 2016. ISBN: 978-3-95854-055-2

Rezension: Maria Riss

 

Xavier-Laurent Petit: Mein kleines dummes Herz

25.11.2014 by

HerzDie neunjährige Sisanda erzählt ihre Geschichte selber. Sie lebt in einem kleinen Dorf in Kenia. Liebevoll wird sie von allen umsorgt, denn Sisanda hat einen Herzfehler. Sie weiss, dass sie nicht lange leben wird. Sisanda ist ein ganz besonders kluges Mädchen, vor allem rechnen kann sie exzellent gut. Jeden Morgen zählt sie ihre Herzschläge und rechnet aus, an wie vielen Tagen es bereits schlägt. In die Schule wird Sisanda getragen, denn gehen, das würde ihr dummes kleines Herz zu sehr anstrengen. Sisandas Mutter heisst Swala, das heisst Antilope. Denn wie diese Tiere ist Swala eine hervorragende Läuferin. Täglich dreht sie ihre Runden ums Dorf. Und dann erfährt Swala, dass in Nairobi ein Marathon stattfinden wird und dass die Siegerin eine hohe Summe Geld erhalten soll. Swala ist wild entschlossen. Sie wird diesen Marathon gewinnen, damit sie mit dem Preisgeld die teure Herzoperation für ihre geliebte Tochter bezahlen kann. Doch dann wird Swala kurz vor dem Rennen von einem Skorpion gebissen. Die Geschichte nimmt ein gutes Ende, wie das kommt, das lohnt sich nachzulesen.

Einmal mehr hat der französische Autor Xavier-Laurent Petit ein ganz wunderbares, sehr berührendes und auch spannendes Buch geschrieben. In einer fast spröden, aber umso treffenderen Sprache lässt er die Lesenden an den Gefühlen und Gedanken der kleinen Sisanda teilhaben. Nicht nur die kleine Sisanda wächst einem beim Lesen ans Herz, es sind auch die Dorfbewohner, der starke Onc’Benia zum Besipiel, auf dessen Rücken Sisanda jeden Morgen klettert, um in die Schule zu gelangen oder die alte, pfeifenrauchende Grossmutter, die Sisanda in die Steppe hinausträgt, um dort die Geister zu beschwören. «Mein kleines dummes Herz» ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Kinderliteratur längst keine «kleine Literatur» mehr ist, es eignet sich auch deshalb hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Xavier-Laurent Petit: Mein kleines dummes Herz. Dressler 2014. ISBN 978-3-7915-1614-1

Rezension: Maria Riss

Jennifer Gooch Hummer: Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam

01.09.2014 by

Der Sommer alsIn Aprons Leben läuft gerade eine Menge schief: Ihre einzige und beste Freundin zeigt ihr die kalte Schulter und Margie, die neue Freundin ihres Vaters, ist gemein und unfreundlich zu ihr. Kein Wunder, kann sich Apron nur wenig freuen, als sie erfährt, dass Margie schwanger ist. Da hilft auch die Aussicht auf die langen Sommerferien wenig. Erst die Bekanntschaft mit Mike und Chad bringt einen Lichtblick in ihr Leben. Apron spürt schon bald, dass diese beiden jungen Männer anders sind: Dies nicht nur, weil sie eine beständige Aura von Herzlichkeit und Fröhlichkeit verbreiten, witzig und aufmerksam sind oder einen eigenen Blumenladen betreiben. Chad und Mike, so bemerkt Apron, sind ein Liebespaar. Trotz Vorurteilen und Bedenken von Seiten ihres Vaters, freundet sich Apron mit den beiden an und übernimmt einen Sommerferienjob in deren Blumenladen. Und damit ist sie mittendrin in den traurigen Veränderungen, die dieser Sommer 1985 für sie und ihre Freunde mit sich bringt: Chad ist krank und es geht ihm zunehmend schlechter. Wie damals, als ihre Mutter gestorben ist, wird Apron erneut mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert.

Mit ihrem Debutroman «Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam» hat die amerikanische Autorin Jennifer Gooch Hummer ein wunderbares Buch geschrieben, das schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden ist. Bemerkenswert ist dabei vielerlei: Ihre Sprache ist treffend, anregend und liest sich leicht und flüssig. Ihr gelingt ein einfühlsamer Umgang mit den Themen Aids und Homosexualität und lässt die Lesenden an einer Zeit vor 30 Jahren teilhaben. In ihrem Buch geht es um den Mut, anders zu sein, um die Schwierigkeiten, die damit verbunden sein können und um Menschen, die mit ihrer Toleranz und ihrer Herzenswärme die Welt stets ein bisschen besser machen. Für Leserinnen und Leser ab ca. 12 Jahren.

Jennifer Gooch Hummer: Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam. Carlsen 2014. ISBN: 978-3-551-58317-8

Rezension: Claudia Hefti

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter

03.12.2012 by

Als Hazel sechzehn ist, kommt ihre Mutter zum Schluss, dass Hazel unter Depressionen leide. In jeder Broschüre steht ja schliesslich auch, dass Depressionen bei Krebskranken sehr häufig vorkommen. Hazels Krebs ist nicht heilbar, sie weiss, dass sie nicht mehr allzu lange leben wird. Tapfer schleppt sie ihr Wägelchen mit der Sauerstoffflasche mit sich und besucht ihrer Mutter zuliebe auch tatsächlich jede Woche eine Selbsthilfegruppe. Dort lernt sie Gus kennen. Gus ist anders als alle andern jungen Männer, er ist intelligent, witzig, schlagfertig und Gus ist von einer umwerfenden Offenheit. Hazel und Gus verlieben sich ineinander. Gus ermöglicht ihr schliesslich die Erfüllung eines sehr grossen Wunsches: Sie kann mit ihm nach Amsterdam fliegen, um dort den Autor ihres Lieblingsbuches kennenzulernen. Hazel und Gus wollen auskosten, was ihnen an Zeit bleibt und sie erfahren, dass sich Liebe lohnt, ganz egal was passiert.

Der vorliegende Roman von John Green ist kein Buch über Krebskranke. Was Hazel und Gus in dieser Geschichte den Lesenden vorleben, ist im Grunde genommen eine wunderschöne, gänzlich unsentimentale Ode an das Leben. John Green lässt seine Figuren sehr offen über ihre Krankheit und über den drohenden Tod reden, lässt dabei aber kein Mitleid aufkommen und gerade dies macht einen, obwohl das Thema so ergreifend ist, die Lektüre so leicht. Die Geschichte regt zum Nachdenken an, sie berührt, ist stellenweise traurig aber keinesfalls deprimierend und lässt Lesende nicht mehr los. Eine unvergessliche Lektüre für Jugendliche und Erwachsene.

Rezension: Maria Riss

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Hanser, 2012.