Melvin Burgess: Kill all Enemies

24.03.2015 by

enemisDrei Jugendliche erzählen ihre Geschichte: Billie, Rob und Chris. Alle drei stammen aus völlig verschiedenen Familien und doch verbindet sie vieles. Zu wenig Wärme und Zuwendung haben sie bekommen, zu wenig Respekt und Liebe, dafür umso mehr Streit und Schläge. Gemeinsam ist ihnen auch, dass keiner mehr sie haben will. Alle drei landen in einer Spezialschule, da wo Jugendliche hinkommen, die als nur schwer «beschulbar» gelten. Im Grunde stehen sie alle drei am Abgrund. Aber sie begegnen sich. Und dies ist ihre ganz grosse, vielleicht letzte Chance.

Ursprünglich war das Buch als Drehbuch geplant. Melvin Burgess hat intensiv recherchiert. Das merkt man beim Lesen, der Autor kennt sie, diese drei Jugendlichen und er ist ihnen sehr nahe gekommen. Ähnlich geht es den Lesenden. Man versteht, weshalb Billie ausflippt und auf jeden eindrischt, weil ihre Mutter sie nicht mal mehr sehen will. Begreift, weshalb Rob sich so gut fühlt, wenn er auf das Schlagzeug eindrischt und nur Heavy Metall Rhythmen mag und man kann nachempfinden, weshalb Chris sich immer wieder weigert, in die Schule zu gehen. Der mehrfach preisgekrönte Autor erzählt in einer eindrücklichen Sprache von Wut und Verletzlichkeit, vom ganz grossen Mut und dem unbändigen Willen, den Jugendliche, auch aus miserablen Verhältnissen, in Grenzsituationen aufbringen können. Für Jugendliche.

Melvin Burgess: Kill all Enemies. Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-58303-1

Rezension: Maria Riss

Gideon Samson: Doppeltot

03.03.2015 by

DoppeltotDüveke und Rifka sind beste Freundinnen. Rifka ist die Anführerin, diejenige, die stets neue und oft verrückte Ideen hat. Düveke ist vor allem stolz darauf, dass sie Rifkas Freundin sein darf und macht alles, um in Rifkas Gunst zu bleiben. Sehr aussergewöhnlich ist Rifkas neuste Idee: Rifka will an ihrer eigenen Beerdigung teilnehmen. Dies möchte sie, weil sie erleben und dabei zusehen will, wie die Leute um sie trauern. Auch wird Rifka zuhause von ihren Eltern kaum beachtet und vernachlässigt. An ihrer Beerdigung könnte sie im Mittelpunkt stehen und die Beachtung bekommen, die sie sich so sehr wünscht. Rifka heckt einen Plan aus, bei dem sie alles perfekt plant: Von ihrer eigenen Entführung, über die Musik, die an ihrer Beerdigung gespielt werden soll bis zu ihrem überraschenden Auftauchen danach als lebendige Person. Düveke soll Rifka helfen, den makabren Plan in die Tat umzusetzen. Anfangs läuft alles gut, doch dann passieren unvorhergesehene Dinge und der ursprünglich perfekte Plan endet in einer Katastrophe.

«Doppeltot» ist ein dramatisches und in vielerlei Hinsicht eindrückliches Buch: Es zeigt menschliche und seelische Abgründe auf, die den Atem stocken lassen. Dabei spielt der Autor mit den Grenzen von gut und böse, von nachvollziehbaren und unbegreiflichen Handlungen und hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht und Unfassbarkeit. Wie weit gehen diese Mädchen? Wann erreichen sie ihre Grenzen? Die Geschichte ist hochspannend erzählt und aufgebaut und überzeugt auch literarisch. Gideon Samson ist der jüngste Autor, der je mit dem Silbernen Griffel ausgezeichnet wurde. Er hat bereits mit seinem Buch «70 Tricks, um nicht baden zu gehen» ein kleines Meisterwerk geschaffen. Dies ist ihm auch – wenn auch auf ganz andere Art und Weise – mit seinem neuen Titel gelungen: «Doppeltot» bewegt, erschüttert und wirkt auch noch lange nach der Lektüre nach. Empfohlen für Lesende ab 14 Jahren.

Gideon Samson: Doppeltot. Gerstenberg 2015. ISBN: 978-3-8369-5799-1

Rezension: Claudia Hefti

Mats Wahl: Wie ein flammender Schrei

25.11.2014 by

flammender SchreiEllen ist mit ihrer Mutter gerade umgezogen und neu an der Schule. Obwohl sie schon bald neue Freunde findet, merkt sie, dass an dieser Schule vieles schief läuft. Einige Mitschüler terrorisieren die ganze Schule: Sie stören mit allen Mitteln den Unterricht, schüchtern Schüler und Lehrpersonen ein und machen auch vor sexuellen Übergriffen auf Schülerinnen nicht Halt. Gewalt in jeglicher Form ist an der Tagesordnung. Lehrpersonen, Schüler und Schülerinnen sind machtlos und die neue Schulleitung sieht tatenlos zu. Als Ellen einer Mitschülerin zu Hilfe kommt und sich für sie einsetzt, wird sie selbst zur Zielscheibe der jugendlichen Krawalltäter. Sie wendet sich an erwachsene Autoritätspersonen, welche ihr aber mehr schaden als nutzen. Die Gewalt an dieser Schule eskaliert und es kommt zur schrecklichen Katastrophe mit verheerenden Folgen.

Mats Wahl ist unbestritten ein Meister seines Fachs. Sein Können hat der schwedische Autor schon in zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern unter Beweis gestellt. Auch sein neues Buch überzeugt von Grund auf: Die Geschichte zieht Lesende von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann. Hochspannend und in atemberaubendem Tempo erzählt der vielfach preisgekrönte Autor die dramatische Romanhandlung. Ein interessanter Kniff gelingt ihm auch mit der Erzählperspektive, da mehrere Perspektivenwechsel den Blick auf die Handlungsmotive der verschiedenen Figuren ermöglichen. Dies nimmt zwar der unfassbaren Katastrophe nichts von ihrer Grausamkeit, aber es hilft, die Ursachen und den Weg zur Katastrophe nachvollziehbarer zu machen. Empfohlen ist dieses hochspannende, eindrückliche und aktuelle Buch jugendlichen Leserinnen und Lesern ab etwa 13 Jahren.

Mats Wahl: Wie ein flammender Schrei. Hanser 2014. ISBN: 978-3-446-24790-1

Rezension: Claudia Hefti

T.A. Wegberg: Klassenziel

03.12.2012 by

Jamie ist siebzehn Jahre alt, er beginnt in Berlin bei seinem Vater ein neues Leben. Wie es dazu kam? Das erfahren Leserinnen und Leser häppchenweise, in kurzen linear erzählten Rückblenden. Es begann schon sehr früh, sein älterer Bruder Dominik war ungeschickter als er, weniger herzlich, man durfte ihn kaum anfassen, er war schlechter in der Schule und kapselte sich immer mehr ab. Dominik hatte kaum Freunde und verschwand immer wieder. Und dann passierte es: Dominik schaffte das Klassenziel nicht und lief in seiner Schule Amok. Siebzehn Leben löschte er aus. Für Jamie und seine Eltern begann ein Albtraum. Und nun lebt Jamie seit kurzem bei seinem Vater in Berlin. Radikal musste er sein «altes» Leben zurücklassen, niemand hier darf wissen, was geschehen ist. Das ist schwer auszuhalten und manchmal schier zum Verzweifeln. Aber Jamie will weiterleben und er findet mit der Zeit auch Freunde, nicht zuletzt deshalb, weil Jamie stundenlang Gitarre übt bis er in einer Band mitspielen kann.

Das Buch ist in einer sehr einfachen Alltagssprache geschrieben, auch die Erzählweise stellt keine hohen Ansprüche an die Lesekompetenz von jugendlichen Leserinnen und Lesern. Die Story beeindruckt und fesselt, weil man Seite um Seite zumindest in Ansätzen begreift, wie es zu einem solch grausamen Massacker kommen konnte. « Klassenziel» ist keine hohe Literatur und doch empfehlenswert, weil Jamies Gefühle und seine Versuche die Tat seines Bruders irgendwie zu verstehen und zu bewältigen eindrücklich beschrieben werden. Der Text wird mit Sicherheit Fragen aufwerfen, Diskussionen anregen und viele Jugendliche faszinieren.

Rezension: Maria Riss

T.A. Wegberg: Klassenziel. rororo, 2012.

Watte Key: Niemandsland

30.03.2012 by

Hal ist vierzehn, als er in den Jugendknast Hallenweiler eingeliefert wird. Er will das durchstehen, ohne Schlägereien. Er will für sich bleiben, sich zurückziehen und keinen Kontakt zu den andern Insassen aufnehmen. Hal weiss, dass er nur wenige Wochen absitzen muss, vorausgesetzt, er macht keinen Ärger. Das Lager wird von zwei Bandenbossen regiert, beide Gangs bekämpfen sich bis aufs Blut. Für Hal wird es mit jedem Tag schwieriger, keine Stellung zu beziehen und sich nicht einzumischen. Zumal er auch Jungen antrifft, die ihm sympathisch sind, die ihn warnen, die fast so etwas wie Freunde werden. Hal erlebt, was alle im Heim vor ihm schon durchgemacht haben: Er gerät in einen Strudel von Gewalt und Brutalität. Und die Aufseher, die Heimleitung? Die schauen weg, das vor allem. Hal sammelt Beweise. Hal gibt nicht auf. Er will raus hier, heim zu seinem Vater. Und ihm gelingt schliesslich, was niemand bis jetzt schaffte: Er zeigt die Heimleitung an und bekommt Recht. Endlich ist er draussen, endlich kann er wieder atmen und nicht nur seinen Vater, sondern auch seine treue Freundin Carla in die Arme schliessen. Watte Kay hat eine sehr beeindruckende und zugleich spannende Geschichte geschrieben, mit einem Protagonisten, den man beim Lesen mit jeder Seite lieber gewinnt. Mit Hal werden sich viele Jugendliche identifizieren können. Er wehrt sich nicht nur gegen das Unrecht, er ist auch einer, der andere genau beobachtet und Vertrauen schaffen kann. Wer mit dem Lesen dieses Romans beginnt, wird nur schlecht wieder aufhören können, zu sehr nimmt man bei der Lektüre Anteil. Hals Geschichte nachzulesen ist nicht nur äusserst spannend, sondern schlicht auch sehr ergreifend. Für Jugendliche.

Rezension: Maria Riss

Watte Key: Niemandsland. Dressler, 2011. Roman.