Dave Cousins: 15 kopflose Tage

28.04.2015 by

tageLaurence ist 15 Jahre alt. Er lebt zusammen mit seiner alkoholkranken Mutter und dem sechsjährigen Bruder Jay in einer Sozialwohnung am Stadtrand. Und dann ist eines Morgens Mum einfach nicht mehr da. Das ist erstmal nicht gar so schlimm, das gab es schon öfters. Laurence macht Frühstück für seinen Bruder und bringt ihn anschliessend zur Schule. Natürlich kommt er selber dafür zu spät. Aber was soll’s, einen Eintrag mehr im Klassenbuch! Aber am Abend ist Mum immer noch nicht da, auch am kommenden Morgen nicht. Laurence muss das alles alleine schaffen, obwohl kein Cent mehr auffindbar ist. Nur leere Flaschen, überall in der Wohnung. Aber Laurence glaubt an seine grosse Chance: Jeden Abend schleicht er sich zur Telefonzelle und ruft punkt acht beim Radio an. Da spielt er in einer Quiz-Sendung mit. Jeden Abend kommt er eine Runde weiter. Er will um alles in der Welt am 15. Tag den Hauptpreis gewinnen: 2 Wochen Urlaub in einem Hotel der Extra-Klasse. Laurence ist überzeugt, dass er damit seine Familie retten wird. Und so kämpft er weiter, bringt sich und seinen kleinen Bruder irgendwie über die Tage, spielt Runde um Runde weiter. Und dann, nach gut zwei Wochen findet er seine Mum endlich wieder. Sie hatte sich versteckt, wollte einfach vergessen, hat aufgegeben. Und so gibt es zum Schluss die Hoffnung, dass Mama den Entzug schaffen wird, dass alles wirklich gut kommen kann. Es war nicht der gewonnene Hauptpreis, der die Wendung brachte. Es war Laurence mit seinem unbändigen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, seine Fürsorge für den kleinen Bruder, seine Glaube daran, dass Mum ihre Kinder nicht einfach im Stich lassen wird.

Laurence hat wahrlich eine Menge Probleme, aber Laurence ist kein Looser. Es ist schlicht beeindruckend, berührend auch, nachzulesen, wie er seinen kleinen Bruder umsorgt und beschützt, wie er auf die verrücktesten Ideen kommt, um irgendwie an Geld zu kommen, wie er neugierige Nachbarn und die Sozialarbeiterin überlistet und wie er die Kraft aufbringt, jeden Abend all die Fragen am Telefon richtig zu beantworten. Aber Laurence ist kein Superheld und zwischendurch gibt es beim Lesen auch immer wieder Stellen, an denen man lachen kann. Als Laurence sich beispielsweise als seine Mutter verkleidet, um an sein Sparbuchgeld zu kommen. Dave Cousins hat kein Problembuch im herkömmlichen Sinn geschrieben. Er hat es fertiggebracht, einen sehr authentisch wirkenden, spannenden und unterhaltsamen Roman zu schreiben, den viele Jugendliche mit Sicherheit gerne lesen werden.

Dave Cousins: 15 kopflose Tage. Verlag Freies Geistesleben 2015. ISBN: 978-3-7725-2778-4

Rezension: Maria Riss

 

Vince Vawter: Wörter auf Papier

25.11.2014 by

Wörter auf PapierDie Geschichte spielt in Memphis, im Jahre 1959. Hauptperson ist Victor, im Baseball der beste Werfer aller Zeiten. Victor ist überaus klug. Nur wenn er den Mund aufmacht, meinen ganz viele Leute, er sei nicht ganz klar im Kopf. Victor stottert. Meist redet er deshalb gar nicht. Nur bei Mam, seiner schwarzen Nanny, da traut er sich. Sie umsorgt ihn seit er denken kann, ihr vertraut er sich immer wieder an. Victor will nun aber unabhängiger und selbständiger werden. Aus diesem Grund nimmt er einen Job als Zeitungsausträger an. Reden muss er da nicht viel, nur Zeitungen werfen und das kann er ja bestens. Ausser an den Freitagen, da sind Kassiertage. Victor übt die nötigen Sätze vorher, er wendet all seine Tricks an. Vermeidet Wörter, die mit einem P oder B beginnen, weil er diese Buchstaben kaum aussprechen kann. Beginnt alle Sätze mit einem kurzen s-s-s, dann geht das Reden ein ganz klein wenig leichter. Trotzdem wird seine Runde jeden Freitag zur Tortur. Nur bei Mr. Spiro, da ist es anders. Mr. Spiro spricht ihn auf sein Stottern an. Mr. Spiro bringt ihm etwas zu trinken. Mr. Spiro hat Zeit, das vor allem. Allmählich entwickelt sich zwischen dem alten ulkigen, aber sehr belesenen Mr. Spiro und Victor eine ganz spezielle Freundschaft. Mr. Spiro ist es zudem, der Victor beibringt, dass man sich auch anders als mit Sprechen ausdrücken kann. Mit Schreiben zum Beispiel.

Dieser Roman von Vince Vawter berührt sehr. Es ist vor allem Victor, der Lesende ganz nah an sich heranlässt. Man versteht seinen Kummer, man fühlt mit und weiss plötzlich wenigstens ansatzweise, was es heisst, wenn man sich sprachlich nicht ausdrücken kann. Wie es ist, wenn sich Worte und Gedanken stauen, weil man sie einfach nicht loswerden kann. Wie gut, dass Victor die alte Schreibmaschine hat, wie tröstend, dass er Mam und Mr. Spiro um sich weiss, die ihn verstehen, auch ohne grosse Worte. Der Autor erzählt in diesem Buch von seiner eigenen Kindheit. Er ist um diese Zeit in den Südstaaten aufgewachsen und ist selbst Stotterer, seit über 60 Jahren. Die berührende Geschichte, die Figuren, die Sprache und die feinen Zwischentöne, das alles macht dieses Buch in jeder Hinsicht zu einem ganz besonderen Buch, dem man möglichst viele Leserinnen und Leser wünscht. Für Jugendliche und Erwachsene.

Vince Vawter: Wörter auf Papier. Königskinder Verlag bei Carlsen 2014. ISBN 978-3-551-56001-8

Rezension: Maria Riss

Erin Jade Lange: Butter

10.04.2014 by

imagesButter (das Wort wird englisch ausgesprochen) ist der vielsagende Spitzname eines 16-jährigen High-School-Aussenseiters, der mit seinen über 200 Kilo schwer übergewichtig ist. Kein Wunder hat er auch in seiner Schule einen schweren Stand. Er ist ein unfreiwilliger Einzelgänger, der von seinen Mitschülern beim Essen angestarrt und eher bemitleidet als direkt gemobbt wird. Butters Aufstieg und Fall beginnt damit, dass er auf einer Webseite verkündet, dass er sich in der Silvesternacht online zu Tode essen will. Plötzlich wird der Aussenseiter zum umschwärmten Star seiner Schule: Macht er das tatsächlich? Oder ist alles nur gespielt? Das Entsetzen mischt sich mit Sensationslust und Voyeurismus. Während Butters Mitschüler über den Ernst seines Vorhabens rätseln, wird Butters Plan immer konkreter. Gleichzeitig geniesst Butter sein makabres Ansehen: Endlich ist er nicht mehr alleine, weder in der Schule noch an den Wochenenden. Und endlich schafft er es, seine grosse Liebe nicht nur virtuell, sondern auch in der Realität anzusprechen. Trotzdem: Die Zeit tickt und bald ist sie da, die finale und alles entscheidende Silvesternacht.

„Butter“ ist ein sagenhaft spannender Roman, der die Lesenden von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und in seinen Bann zieht. Die Geschichte des übergewichtigen Aussenseiters berührt und entfacht viele Emotionen: Mitleid, Ärger, Angst und Wut gegenüber der Hauptfigur, den Eltern und den Mitschülern wechseln sich ab und machen die Lektüre dieses Buches so lebendig und wertvoll.

„Butter“ ist in vielfältiger Weise ein anspruchsvolles Buch – nicht zuletzt wegen seines Umfangs. Trotzdem oder gerade deshalb sei es hier insbesondere lesegewohnten und viellesenden Jugendlichen ab ca. 14 Jahren wärmstens empfohlen.

Erin Jade Lange: Butter. Rowohlt 2014. ISBN: 978-3-499-21244-4

Rezension: Claudia Hefti

Rüdiger Bertram: Norden ist, wo oben ist

04.12.2013 by

norden3Paul hat seine getrennt lebenden Eltern ausgetrickst: Papa glaubt, er sei mit Mama in Indonesien und Mama glaubt, Paul sei mit seinem Vater nach Florida geflogen. Jetzt ist Paul alleine und trifft Mel. Mel ist ein aussergewöhnliches Mädchen, das ebenfalls alleine unterwegs ist und aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Paul dagegen ist Sohn eines Multimillionärs. Er schämt sich aber deswegen und flunkert Mel vor, sein Vater sei ein einfacher Klempner. Er nimmt Mel mit in die Luxusvilla seines Vaters, tut aber so, als würde er dort einbrechen — und Paul ist ein guter Schauspieler! Die Villa liegt an einem See, und dort am Ufer liegt die grosse Yacht seines Vaters. Mel und Paul steigen ein und machen sich auf eine lange Reise durch Seen, Flüsse und Kanäle nach Norden, dort wo oben ist. Diese abenteuerliche Schiffsreise verändert vieles. Die beiden geraten nicht nur in brenzlige Situationen und lernen andere Menschen kennen, sie erfahren beide auch sehr viel über sich selbst. Zu guter Letzt spielt es gar keine Rolle mehr, wer Geld hat und wer nicht, ganz anderes ist plötzlich sehr viel wichtiger geworden.
Rüdiger Bertram hat in jeder Beziehung einen sehr spannenden, gut lesbaren Roman geschrieben. Von der ersten Seite an ist man mittendrin im Buchgeschehen. Mel und Paul sind Protagonisten, denen man beim Lesen sehr nahe kommt, deren Handlungs- und Sichtweisen nachvollziehbar werden. Die beiden geraten sich gegenseitig auch immer wieder in die Haare, zu unterschiedlich sind ihre Interessen, zu verschieden die Milieus, in denen sie aufwachsen. Aber die beiden finden sich immer wieder, bestehen gar manches Abenteuer und erreichen schliesslich ihr Ziel, die Ostsee, die im Norden liegt. Ihre Freundschaft wird Bestand haben, auch wenn sie dort oben von der Polizei aufgegriffen und nach Hause verfrachtet werden. Das Buch eignet sich zum Vorlesen oder Selberlesen für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Rüdiger Bertram: Norden ist, wo oben ist. Ravensburger 2013. ISBN: 978-3-473-36865-5

Rezension: Maria Riss

Tamara Bach: Was vom Sommer übrig ist

04.07.2012 by

 

Tamara Bach lässt in ihrem neuen Buch gleich zwei Mädchen von sich erzählen: Da ist Louise, die momentan eine schwierige Zeit durchlebt. Nichts mehr ist so, wie es früher war. Ihre Eltern sind ihr plötzlich fremd, mit Paul ging alles schief und diesen ganzen Kleinstadtmief kann sie nicht mehr ausstehen. Sie will ihr Leben endlich wieder in den Griff kriegen, Geld verdienen und die Fahrprüfung bestehen. So nimmt sie nebst den Fahrstunden gleichzeitig zwei Sommerjobs an: Zeitungen austragen und Gehilfin beim Ampelbäcker. Klar, dass sie damit überfordert ist.

Und da ist Jana, zwei Jahre jünger als Louise. Auch ihr Leben ist in diesem Sommer aus den Fugen geraten. Ihr älterer Bruder liegt nach einem Selbstmordversuch im Koma liegt, ihre Eltern haben sich getrennt und Jana scheint für sie nicht mehr zu existieren. Sogar ihren Geburtstag haben sie vergessen. Jana kommt mit dieser Situation nicht klar, weiss nicht mehr, wo sie hingehört.

Louise und Jana begegnen sich. Sie versuchen einen Ausbruch und kehren zurück. Geändert hat sich ihre Situation nicht, aber die beiden haben gemeinsam ein Stück Freiheit erlebt, dass verändert hat. Durch den Wechsel der Erzählperspektive, einmal erzählt Jana – dann wieder Louise, kommen Lesende den beiden Figuren sehr nah und nehmen an deren Schicksal teil. Das macht die Lektüre des Buches anspruchsvoll aber sehr eindringlich. Tamara Bach erzählt von Einsamkeit, von Verzweiflung, vom Gefühl des Nichtgebrauchtwerdens und von einer Freundschaft, die all dies zu überwinden vermag. Ein wunderschönes, literarisch anspruchsvolles Buch für Jugendliche und Erwachsene.

Rezension: Maria Riss

Tamara Bach: Was vom Sommer übrig ist. Carlsen, 2012.