Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert

24.04.2018 by

stellaDie Geschichte spielt in England etwa zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Stellas Leben könnte eintöniger nicht sein. Sie zieht mit ihren drei schrulligen, überaus strengen Tanten von einem Kurhotel zum nächsten. Mädchen müssen artig sein, fleissig und keinesfalls vorlaut. Mädchen lernen stricken und nette Konversation, so lauten ihre Erziehungsgrundsätze. Aber Stella eignet sich ganz und gar nicht für ein Leben als wohlerzogenes Mädchen. Zu neugierig ist sie, zu sehr auf Abenteuer aus. Und dann wird sie doch tatsächlich nicht nur Zeugin eines Mordes am Hotelgast Mr Filbert, sondern auch von lebensgefährlichen magischen Ereignissen in der Hotelhalle. Stella will um alles in der Welt herausfinden, wer die Mörder des alten Mr Filbert waren, zumal ihr dieser kurz vor seinem mysteriösen Tod ein magisches Fläschchen anvertraut hat, das keinesfalls in fremde Hände geraten darf. Stella macht sich also auf Verbrecherjagd und nimmt dabei die schlimme tägliche Schelte der alten Tanten nur allzu gerne in Kauf. Bald kommt sie einem skrupellosen alten Magier auf die Spur, der unbedingt dieses Fläschchen will. Sie lernt Ben und Gerti kennen, die ihr helfen und ebenso interessiert sind, dem grausamen Magier auf die Schliche zu kommen. Bald wird es für Stella aber richtig gefährlich. Sie muss fliehen, wird gekidnappt und kann sich zu guter Letzt, dank der Hilfe von Geri und Ben, aus ihrer Gefangenschaft in einer alten, gruseligen Burgruine befreien.
Stellas abenteuerlichen Ermittlungen zu folgen, macht grossen Spass. Mit viel Geschick hat die Autorin es verstanden, in dieser Geschichte verschiedene Genres miteinander zu verknüpfen. So liest sich das Buch stellenweise wie ein Krimi, manchmal wie ein Fantasyroman und ab und zu wie eine reale Lebensgeschichte aus jener Zeit. Weil der Spannungsbogen gleich auf den ersten Seiten beginnt, mag man die Lektüre kaum mehr unterbrechen, zudem gibt es auch immer wieder Szenen zum Schmunzeln, wenn sich die alten Tanten beispielsweise beim Tee über all den Ärger mit Kindern heutzutage unterhalten. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen für unerschrockene Leser und Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert. Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN:978-3-522-18489-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2018

01.03.2018 by

meerLauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Die Geschichte spielt im Jahr 1925 auf den Elisabeth-Inseln vor der Küste Massachusetts.
Vor fast zwölf Jahren, als der alte Osh am Meer stand, entdeckte er ein kleines Boot vor der Küste. Erst beim Näherkommen sah er das kleine Baby darin, fest und warm eingepackt, aber mutterseelenallein. Er nannte das kleine Mädchen Crow. Seither leben die beiden zusammen auf dieser kleinen abgeschiedenen Insel, in einer einfachen Hütte, aber im Einklang mit der Natur. Crow fehlt es an nichts, sie ist glücklich und liebt den alten Osh über alles. Auch Miss Maggie, eine nette Frau von der Nachbarinsel, kümmert sich um Crow, bringt ihr das Lesen und Schreiben bei und eine ganze Menge über Heilkräuter und den Umgang mit Tieren. Als Crow etwa 12 Jahre ist, beginnt sie mit den Fragen: Sie will wissen, woher sie kommt, will herausfinden, wer ihre Eltern sind und weshalb sie in einem alten Kahn ausgesetzt wurde. Osh hat zwar grosse Angst, seine geliebte Pflegetochter zu verlieren, aber er versteht ihren Wunsch und hilft bei der Suche, wo er nur kann. Die Nachforschungen erweisen sich nicht nur als abenteuerlich, sondern auch als gefährlich. Was am Schluss zur Gewissheit wird, macht eher traurig, denn niemand aus Crows Familie ist noch am Leben. Trotzdem war die Suche wertvoll, weil Crow dabei gelernt hat, was im Leben wirklich wichtig ist. Und dass man mit liebevollen Menschen an seiner Seite, auch sehr schwierige Dinge überstehen kann.
Die Geschichte begeistert vor allem durch die so gelungene Beschreibung der Figuren und deren warmherzige, feinfühlige Beziehung zueinander.  In einer wundervoll umsichtigen Sprache erzählt die Autorin von Crows Suche nach ihrer Identität, aber auch vom kargen und einfachen Leben in dieser unwirtlichen Gegend. Dies beeindruckt und berührt gleichermassen.  Leserinnen und Leser erhalten zudem einen Einblick in das Leben  jener Zeit und erfahren einen Teil der amerikanischen Geschichte, den kaum jemand kennt. Ein spannendes, anspruchsvolles und wunderbar stilles Buch, dessen Figuren und auch die Handlung lange nachhallen. Für Jugendliche.

Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. dtv Reihe Hanser 2018. ISBN: 978-3-423-64035-0

Rezension: Maria Riss

 

Lucy Strange: Der Gesang der Nachtigall

30.01.2018 by

nachtigallEngland im Jahr 1919. Henry, eigentlich Henriette, ist etwa 12 Jahre alt, als ihre Familie aufs Land zieht. Seit dem Tod ihres älteren Bruders ist nichts mehr so, wie es sein sollte. Mama liegt nur noch im Bett, Papa ist dauernd auf Geschäftsreisen und um das Baby kümmert sich eine Nanny. Henry ist meist allein, sie liest, streift durch die Gegend und unterhält sich immer öfter mit ihrem verstorbenen Bruder. Im nahen Wald trifft sie auf Moth, einer Frau, die alleine im Wald lebt. Bei Moth fühlt sich Henry geborgen, Moth kennt sich nicht nur mit Tieren aus, sie weiss auch eine ganze Menge über Menschen, was sie bedrückt und quält. Immer öfter flüchtet sich Henry in Moth’ Wohnwagen. Daheim kommt Doktor Hardy nun fast täglich vorbei, ordnet an, dass Mama auf keinen Fall ihr Zimmer verlassen dürfe und bringt immer mehr Medikamente ins Haus. Bald müsse Mama in eine Klinik meint er, man habe dort neue Methoden entwickelt, um solch schweren seelische Krankheiten zu heilen. Das Baby könnten ja er und seine Frau bei sich aufnehmen. Henry wird immer banger, sie muss etwas unternehmen. Heimlich schleicht sie sich, trotz Verbot, immer wieder in Mamas Zimmer, öffnet dort die Gardinen, lässt Sonne und Licht ins Dunkel. Auf keinen Fall darf Mama in diese Klinik gebracht werden, über die neuartigen Heilmethoden grassieren schreckliche Gerüchte in der Gegend. Aber dann passiert es doch: Ein Wagen holt Mama ab. In ihrer Verzweiflung bittet Henry Moth um Hilfe und gemeinsam gelingt es ihnen, Mama aus dieser schrecklichen Klinik zu befreien. Und als Papa endlich wieder auftaucht, erkennt auch er, dass Flucht gegen die Trauer nichts hilft und was für eine besonders starke und mutige Tochter er hat.
Einfühlsam und beeindruckend beschreibt die Autorin ihre Figuren und deren Schicksal. Henry ist eine mutige und starke Mädchenfigur, die sich auch in dieser, für junge Mädchen so eng begrenzten Umgebung wehrt und nicht aufgibt. Der Roman ermöglicht zudem einen spannenden Einblick ins Leben jener Zeit und erzählt von den schrecklichen Methoden und Massnahmen, die man zur Heilung psychisch Kranker ausprobierte. Henry lesend zu begleiten macht man so gerne, dass man das Buch kaum mehr weglegen mag. Für Mädchen und junge Frauen ab etwa 14 Jahren.

Lucy Strange: Der Gesang der Nachtigall. Königskinder 2017. ISBN: 978-3-551-56041-4

Rezension: Maria Riss

Silke Vry: Verborgene Schätze, versunkene Welten

18.11.2017 by

schaetzeSchon immer waren die Menschen daran interessiert, mehr über frühere Kulturen zu erfahren. Die 21 Kapitel des kostbar gestalteten Buches sind bekannten Forschern und ihren Entdeckungen gewidmet. So erfahren Leserinnen und Leser nicht nur Wichtiges über archäologische Pioniere, sondern auch darüber, was bei all diesen Grabungen entdeckt wurde. Manchmal waren solche Entdeckungen blosse Zufälle, oft steckten aber auch Forschende dahinter, die regelrecht besessen von ihren Ideen waren. Die einzelnen Berichte sind alle gleich aufgebaut und gestaltet. Wichtiges ist in Kästchen zusammengefasst und jedes Kapitel endet mit der Schlussfolgerung: Was bleibt? Der erste Bericht geht in das Jahr 1506 zurück, damals entdeckte Felice de Fredis, ein einfacher Weinbauer aus Rom, ganz zufällig die ersten antiken Statuen zwischen den Hügeln der Stadt. Der letzte Beitrag im Buch berichtet vom Jahr 1995, als der Unterwasserarchäologe Franck Goddio Teile des Königsviertels von Alexandria im Meer entdeckte.
Der vorliegende Band besticht durch die klare, übersichtliche Gestaltung, durch die hohe Qualität der Texte und Bilder und dem fundierten Quellenstudium der Autorin Silke Vry. Die einzelnen Berichte sind nicht nur sehr spannend zu lesen, sondern regen dazu an, noch mehr über all die wunderbaren Funde zu erfahren. Die Informationen über die Forscher sind so verfasst, dass man zwar staunen kann, aber keine Heldenepen zu lesen bekommt. Oft werden auch kritische Fragen aufgeworfen. «Verborgene Schätze, versunkene Welten» ist ein überaus spannendes und lehrreiches Sachbuch für Jugendliche und Erwachsene.

Silke Vry: Verborgene Schätze, versunkene Welten. Gerstenberg 2017. ISBN: 978-3-8369-5994-0

Rezension: Maria Riss

John Boyne: Der Junge auf dem Berg

01.08.2017 by

jungeDie ersten Jahre seiner Kindheit waren wunderschön. Pierrot lebte mit seiner Mutter in Paris, in der Nähe des Montmartre. Sein Vater, ein deutscher Soldat, hat sich das Leben genommen, weil er mit den Erinnerungen an den letzten Krieg nicht zurechtkam. Pierrot hatte einen Freund, Anshel, ein Judenjunge, der ganz wunderbare Geschichten schreiben konnte. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Als Pierrots Mutter an einer Lungenerkrankung stirbt, ist er gerade mal sechs Jahre alt. Er kommt zu seiner Tante Beatrix in die Nähe von Salzburg. Es ist gut, dass Pierrot zweisprachig aufgewachsen ist, so kann er sich problemlos auch auf Deutsch verständigen. Tante Beatrix ist Haushälterin auf einem Berghof, der Adolf Hitler gehört. Schon bald ist Pierrot, den hier alle ab sofort Peter nennen, von den vielen Uniformen und der Person des Führers absolut fasziniert. Endlich ein starker Mann, einer der sich durchsetzt, einer der gar schon ein Buch geschrieben hat. Auch Adolf Hitler scheint den kleinen Buben zu mögen, er verbringt immer wieder Zeit mit ihm, erklärt ihm die geschichtlichen Zusammenhänge und die Demütigungen, die das Deutsche Reich nach dem Krieg erleben musste. Der Führer spricht von der Judenplage und vom kommenden grossen Sieg. Als er Peter eines Tages eine Uniform der Hitlerjugend schenkt, ist es um den Jungen endgültig geschehen. Für seinen Führer würde er durchs Feuer gehen und wäre zu allem bereit. Auch zum Verrat an jenen Menschen, die er geliebt hat, die ihm früher sehr wichtig waren. Peter bleibt auf dem Berghof, auch dann, als der Führer sich in Berlin das Leben nimmt. Schliesslich kommen amerikanische Soldaten und nehmen ihn gefangen. Im Epilog erfahren Leserinnen und Leser, was später aus Peter wurde, wie er nie mehr ganz in ein normales Leben zurückfindet. Wie er aber durch einen glücklichen Zufall seinen alten Freund Anshel wieder trifft. Erst Anshel kann Peter erzählen, was er in den Jahren auf dem Berghof erlebt hat, wie er sich schuldig gemacht hat und wie er an dieser Schuld schier zerbricht. Es war schon früher so, wenn Peter oder eben damals Pierrot eine Geschichte erzählte, war es Anshel, der sie zu Papier brachte.
Wie schon in seinem ersten Buch «Der Junge im gestreiften Pyjama» zu diesem schrecklichen Teil deutscher Geschichte schreibt der Autor die Geschichte durchwegs aus der Perspektive eines Jungen. Und das geht unter die Haut. Als Leserin oder Leser kann man die Gedanken, die Entwicklung des Jungen, seinen Wandel der Werte ganz nah miterleben und zumindest stellenweise kann man dies gar verstehen. Zu Beginn der Lektüre schliesst man den kleinen Pierrot sofort ins Herz. Mit jedem Tag, den er auf dem Berghof verbringt, wird er einem fremder. Hitler hat diesen Jungen verführt, dies in einer solchen Geschichte nachzulesen, das ist sehr eindrücklich und lässt einen lange nicht mehr los. Ein überaus beeindruckender Roman für Jugendliche und Erwachsene.

John Boyne: Der Junge auf dem Berg. Fischer 2017. Aus dem Englischen von Ilse Layer. ISBN: 978-3-7373-4062-5

Rezension: Maria Riss

Caroline Carlson: Der weltbeste Detektiv

01.08.2017 by

etektivDie Geschichte spielt irgendwo in England zu einer Zeit, als es weder Autos noch Handys gab. Toby ist etwa 12 Jahre alt und erst kürzlich zu seinem Onkel an die Schnüfflergasse gezogen. Toby ist Vollwaise und wird von einem Familienmitglied zum nächsten weitergereicht. Bei seinem Onkel, einem bekannten Detektiv, gefällt es ihm aber auf Anhieb. Er will später unbedingt selber Detektiv werden. Wenn nur das Geld bei seinem Onkel nicht so knapp wäre. Da erfährt Toby von einem Wettbewerb, den der berühmte Detektiv Hugo Abercrombie ausgeschrieben hat. Gesucht wird der beste Detektiv der Welt und als Gewinn lockt eine sehr hohe Geldsumme. Mittels einer kleinen Lüge gelingt es Toby auf das Landgut zu reisen, wo der Wettbewerb stattfinden wird. Alle bekannten Detektive des Landes haben sich dort versammelt, um den fingierten Fall zu lösen. Aber schon am ersten Abend geschieht ein wahres Verbrechen: Hugo Abercrombie wird tot in seinem Arbeitszimmer aufgefunden. Er wurde vergiftet. Alle versammelten Detektive machen sich sofort an die Arbeit. Auch Toby und seine neue Freundin Ivy, ebenfalls eine junge Ermittlerin, suchen mit Feuereifer nach dem Täter. Alle sind verdächtig, aber nur einer wird den Fall lösen und das Preisgeld gewinnen. Klar, dass Toby und Ivy da ein Wörtchen mitreden.
Das Buch besticht nicht nur durch die spannende Handlung, sondern auch besonders durch die leicht ironische Beschreibung dieser englischen Detektive, die sich allesamt als kleine «Sherlock Holmes» fühlen. Gemeinsam mit den beiden Protagonisten geht man beim Lesen falschen Fährten nach und weiss nie, wem man trauen kann. Umso überraschender ist dann im allerletzten Kapitel die Auflösung des Falls. Die Lektüre ist nicht immer einfach, man muss viele Personen und Indizien im Kopf behalten. Beim Lesen helfen aber einerseits der wirklich spannende Plot und die gute Gliederung in kurze Kapitel. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Caroline Carlson: Der weltbeste Detektiv. Aus dem Amerikanischen von Emily Huggins. Ueberreuter 2017. ISBN: 978-3-7641-5130-0

Rezension: Maria Riss

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern

01.08.2017 by

U_5955_1A_JUGE_BIS_DIE_STERNE_ZITTERN.IND11Die Geschichte spielt im Jahre 1936 in Leipzig. Hauptperson ist Harro, etwa 17 Jahre alt. Als eine Schar Hitlerjungen an ihm vorübergeht und Harro die Fahne nicht grüsst, wird er von den uniformierten Jungen angegriffen und verprügelt. Völlig unerwartet kommen ihm ein paar andere Jugendliche zu Hilfe und die Hitlerjungen ergreifen die Flucht. So lernt Harro die «Leipziger Meuten» kennen. Diese Gruppe junger Menschen ist eine Art Edelweisspiraten. Sie haben sich zusammengeschlossen, um für Freiheit, für Menschenrechte und gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen. Bei Harro zuhause, da wird kaum noch gesprochen, Harros Eltern sind verstummt und lassen den Jungen mehr oder weniger gewähren. Harro hat deshalb sehr viel Freiraum und schliesst sich schon bald dieser Bewegung mit Feuereifer an. Er lernt nicht nur viele gleichgesinnte Jugendliche kennen, er wird auch mit neuen Sichtweisen konfrontiert, hilft bei verschiedenen Aktionen mit und erlebt in dieser intensiven Zeit auch, was es mit der Liebe auf sich hat. Harro wird eines Tages zwar verhaftet, lernt die grausamen Verhörmethoden kennen, kommt aber wieder frei. Er ist einer von denen, die Glück hatten, zumindest vorläufig.
Johannes Herwig ermöglicht Leserinnen und Leser einen fundierten Einblick in einen wenig bekannten Bereich deutscher Geschichte. Und er tut dies absolut glaubhaft und gekonnt. Es ist vor allem die Sprache, welche diesen Roman so besonders eindrücklich macht. In fast kargen, ungeheuer dichten Sätzen und mit wunderschönen Metaphern lässt der Text unvergessliche Bilder entstehen. Das Buch berichtet nicht in erster Linie von den Gräueltaten der Nazis, es erzählt von Jugendlichen, die sich abgrenzen wollen, die sich wehren gegen das herrschende System, die auf der Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft sind. Dass sich junge Menschen gegen Regeln und Normen auflehnen, das kennen die meisten Jugendlichen, sie werden sich deshalb in der Figur von Harro, seinen Gedanken und Gefühlen sehr gut wiederfinden. Mit diesem Romandebut macht der Autor Geschichte auf eindrückliche Weise erlebbar.

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern. Gerstenberg 2017. ISBN: 978-3-8369-5955-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Mai 2017

04.05.2017 by

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande.

missiDie Geschichte beginnt in den Südstaaten von Amerika und spielt am Ende des 19. Jahrhunderts. Vier Kinder aus völlig verschiedenen Milieus haben in den Sümpfen heimlich eine Hütte gebaut und verbringen dort ihre ganze Freizeit. Beim Angeln passiert es: Sie fischen aus dem Fluss eine alte Dose mit drei Dollar drin. Die drei bestellen sich mit dem Geld beim Versandhauskatalog eine Pistole, mit passender Munition versteht sich. Als das Paket endlich eintrifft, finden sie darin aber bloss eine alte Uhr. Bald erfahren die vier, dass diese Uhr ein Vermögen wert ist, denn die Falschlieferung wird im ganzen Land gesucht. Wenn diese alte Uhr tatsächlich mehrere tausend Dollar wert ist, dann wollen die vier auch etwas davon abkriegen. Dafür muss man die Uhr aber in Chicago vorbeibringen. Also beschliessen die vier, nach Norden abzuhauen.
Diese Reise durch ganz Amerika wird für die Kinder abenteuerlich und gefährlich, zumal sie kaum Geld besitzen. Zuerst fahren sie in ihrem selbstgebauten Einbaum nach New Orleans, dann mit dem Raddampfer den Mississippi hoch, später als blinde Passagiere im Zug weiter gen Norden. Sie werden überfallen, fahren zum ersten Mal mit einem Tram, staunen über Automobile, erfahren, da der jüngste von allen schwarz ist, wie verbreitet der Rassismus in bestimmten Gegenden noch immer ist und erleben auch öfters, wie hilfsbereit Menschen sein können. Ja und am Schluss, nachdem sie sogar einen Mord aufgeklärt haben, da werden die vier doch tatsächlich steinreich.
Der italienische Autor Davide Morosinotto hat ein ganz wunderbares Abenteuerbuch geschrieben: Eine überaus packende Handlung mit vielen, unvorhersehbaren Wendungen, schrägen Typen, fernen Schauplätzen und Hauptfiguren, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Und vor allem am Anfang hat man beim Lesen das Gefühl, Huckleberry Finn tauche nächstens hinter einer Hausecke auf. Besonders faszinierend sind zudem die vielen Einblicke in das Leben jener Zeit: der technische Fortschritt, das schwierige Leben der Farmer, der für alle Beteiligten schreckliche Aufenthalt in einem Gefängnis. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, jede der Hauptfiguren berichtet von einem Teil der gefährlichen Reise. Dadurch wird die Verschiedenartigkeit der vier Abenteurer spürbar. Diese spannende Art von Road Movie wird Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren, Mädchen wie Jungen, mit Sicherheit begeistern. Das Buch eignet sich zudem dank der klaren Gliederung auch hervorragend zum Vorlesen.

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18455-8

Rezension: Maria Riss

 

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück

15.11.2016 by

bellaDie Geschichte spielt irgendwo in der Zeit der Goldgräber und Siedler im Westen Amerikas. Bella Rossa ist etwa siebzehn Jahre alt und bisher weiss Gott nicht vom Leben verwöhnt worden. Ihre Mom hat es nicht mehr ausgehalten in dieser leidigen Hütte mit diesem stets betrunkenen halb gelähmten Mann und ist vor langer Zeit schon abgehauen. Und jetzt kommt nach der grossen Dürre und der Heuschreckenplage auch noch ein Krieg hinzu. Bella Rossa ist es so Leid! Aber Bella Rossa ist stark und schön ist sie auch, mit ihren wunderbar feuerroten Locken und dem verlockend grossen Busen.
So holt sie den alten Wagen aus dem Schuppen, spannt die Kühe ein, schmeisst den ganzen Hausrat auf die Ladefläche, packt den gelähmten Pa obendrauf und fährt los. Nur weg von hier und möglichst weit. Bald schon gerät der alte Planwagen zwischen die Fronten des Krieges und Bella Rossa bekommt nicht nur drei Kugeln in den Bauch, nein, sie verliebt sich auch über beide Ohren in Jaroslaw, einen wunderhübschen Soldaten mit nur einem Arm. Bella Rossa wär nicht Bella Rossa, wenn sie all dies aufhalten würde. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in die Welt hinauszufahren und als Hausiererin endlich Geld zu machen. Sofort nach ihrer Genesung bricht sie wieder auf, allerdings mit einem Fahrgast mehr auf dem alten Wagen. Jaroslaw hat sich dem kleinen Trupp angeschlossen. Immer weiter geht die Reise, eine Katastrophe folgt der nächsten. Bela Rossa kämpft und gibt nicht auf. Und zu guter Letzt, da hat sie nicht nur ihre Mutter wieder gefunden, sondern sie weiss nun auch, wo ihr ganz persönliches Glück zu finden ist.
Bella Rossa ist eine Buchfigur, der man im realen Leben liebend gern begegnen würde: So viel Kraft und Wille, so viel Wärme und Herzlichkeit, so viel Klugheit beim Nachdenken darüber, was für einen ganz persönlich wichtig ist. Dies alles in einer Figur abzubilden, das hat die Autorin überaus glaubhaft zu Papier gebracht. Kraftvoll ist auch die Sprache des Buches, treffend, bildhaft und wundervoll passend gestaltet. Bella Rossas Abenteuer nachzulesen ist nicht nur überaus spannend und zwar gleich von der ersten Seite an, das Buch gibt auch einen Einblick in die damalige wirklich wilden Zeiten im Westen Amerikas. Und so meint Bella Rossa am glücklichen Ende ihrer langen Reise: «Ab und zu braucht man ‘n Wunder. Sonst wär das Leben nur ‘n Haufen Dreck.» Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-58322-2

Rezension: Maria Riss

Philip Kerr: Winterpferde

20.11.2015 by

pferdDie Geschichte spielt 1941 in der Ukraine. Es ist Winter, bitterkalt. Im Naturreservat Askania-Nowa sind SS-Truppen eingefallen. Nur der alte Maxim hat überlebt. Ihn brauchen die Deutschen als Knecht. Im Reservat lebt eine Herde von seltenen Przewalski-Pferden. Dort hat sich aber auch die 12-jährige Kalinka, ein jüdisches Mädchen auf der Flucht, versteckt. Seit Monaten lebt sie heimlich draussen bei den Pferden. Sie ist in dieser Zeit fast eins geworden mit der herben Natur und den eigentlich sehr wilden Pferden. Eines Morgens gibt der Hauptmann den Befehl, diese unedlen Pferde abzuknallen. Kalinka gelingt es, zwei der Pferde zu retten und zu fliehen. Der alte Maxim

hilft ihr dabei und muss dies schliesslich mit seinem Leben bezahlen. Ganz alleine mit den beiden Pferden gelingt Kalinka die Flucht durch die eisige Steppe. Immer gen Osten, denn dort irgendwo, hunderte von Kilometern entfernt, muss sie die russischen Stellungen finden. Dort werden sie und die seltenen Pferde endlich in Sicherheit sein.

Philip Kerr hat ein sehr ungewöhnliches und eindrückliches Pferdebuch geschrieben, das an vielen Stellen auf historischen Fakten beruht. Im Mittelpunkt steht dabei dieses so überaus tapfere und kluge Mädchen Kalinka. Sie beeindruckt nicht nur durch ihre grosse Willenskraft, sondern auch durch die Fähigkeit, in dieser eisigen Wildnis zu überleben und sich mit den beiden Tieren zu verständigen. Besonders treffend ist dem Autor auch die Schilderung des SS-Hauptmanns geglückt. Ein adeliger Herr, mit extrem guten Manieren, mit einer grossen Liebe zur Kunst. Ein Herr aber auch, der das Töten und Leiden anderer geniesst und all seine Handlungen mit den Befehlen von oben rechtfertigt. Ein Buch, das betroffen macht, das die Stimmung in diesen endlosen kalten Steppen Russlands sehr eindrucksvoll beschreibt. Diese spannende Geschichte geht Leserinnen und Lesern unter die Haut. Für Jugendliche.

Philip Kerr: Winterpferde. Rowohlt 2015. ISBN: 978-3-499-21715-9

Rezension: Maria Riss