Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück

15.11.2016 by

bellaDie Geschichte spielt irgendwo in der Zeit der Goldgräber und Siedler im Westen Amerikas. Bella Rossa ist etwa siebzehn Jahre alt und bisher weiss Gott nicht vom Leben verwöhnt worden. Ihre Mom hat es nicht mehr ausgehalten in dieser leidigen Hütte mit diesem stets betrunkenen halb gelähmten Mann und ist vor langer Zeit schon abgehauen. Und jetzt kommt nach der grossen Dürre und der Heuschreckenplage auch noch ein Krieg hinzu. Bella Rossa ist es so Leid! Aber Bella Rossa ist stark und schön ist sie auch, mit ihren wunderbar feuerroten Locken und dem verlockend grossen Busen.
So holt sie den alten Wagen aus dem Schuppen, spannt die Kühe ein, schmeisst den ganzen Hausrat auf die Ladefläche, packt den gelähmten Pa obendrauf und fährt los. Nur weg von hier und möglichst weit. Bald schon gerät der alte Planwagen zwischen die Fronten des Krieges und Bella Rossa bekommt nicht nur drei Kugeln in den Bauch, nein, sie verliebt sich auch über beide Ohren in Jaroslaw, einen wunderhübschen Soldaten mit nur einem Arm. Bella Rossa wär nicht Bella Rossa, wenn sie all dies aufhalten würde. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in die Welt hinauszufahren und als Hausiererin endlich Geld zu machen. Sofort nach ihrer Genesung bricht sie wieder auf, allerdings mit einem Fahrgast mehr auf dem alten Wagen. Jaroslaw hat sich dem kleinen Trupp angeschlossen. Immer weiter geht die Reise, eine Katastrophe folgt der nächsten. Bela Rossa kämpft und gibt nicht auf. Und zu guter Letzt, da hat sie nicht nur ihre Mutter wieder gefunden, sondern sie weiss nun auch, wo ihr ganz persönliches Glück zu finden ist.
Bella Rossa ist eine Buchfigur, der man im realen Leben liebend gern begegnen würde: So viel Kraft und Wille, so viel Wärme und Herzlichkeit, so viel Klugheit beim Nachdenken darüber, was für einen ganz persönlich wichtig ist. Dies alles in einer Figur abzubilden, das hat die Autorin überaus glaubhaft zu Papier gebracht. Kraftvoll ist auch die Sprache des Buches, treffend, bildhaft und wundervoll passend gestaltet. Bella Rossas Abenteuer nachzulesen ist nicht nur überaus spannend und zwar gleich von der ersten Seite an, das Buch gibt auch einen Einblick in die damalige wirklich wilden Zeiten im Westen Amerikas. Und so meint Bella Rossa am glücklichen Ende ihrer langen Reise: «Ab und zu braucht man ‘n Wunder. Sonst wär das Leben nur ‘n Haufen Dreck.» Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-58322-2

Rezension: Maria Riss

Philip Kerr: Winterpferde

20.11.2015 by

pferdDie Geschichte spielt 1941 in der Ukraine. Es ist Winter, bitterkalt. Im Naturreservat Askania-Nowa sind SS-Truppen eingefallen. Nur der alte Maxim hat überlebt. Ihn brauchen die Deutschen als Knecht. Im Reservat lebt eine Herde von seltenen Przewalski-Pferden. Dort hat sich aber auch die 12-jährige Kalinka, ein jüdisches Mädchen auf der Flucht, versteckt. Seit Monaten lebt sie heimlich draussen bei den Pferden. Sie ist in dieser Zeit fast eins geworden mit der herben Natur und den eigentlich sehr wilden Pferden. Eines Morgens gibt der Hauptmann den Befehl, diese unedlen Pferde abzuknallen. Kalinka gelingt es, zwei der Pferde zu retten und zu fliehen. Der alte Maxim

hilft ihr dabei und muss dies schliesslich mit seinem Leben bezahlen. Ganz alleine mit den beiden Pferden gelingt Kalinka die Flucht durch die eisige Steppe. Immer gen Osten, denn dort irgendwo, hunderte von Kilometern entfernt, muss sie die russischen Stellungen finden. Dort werden sie und die seltenen Pferde endlich in Sicherheit sein.

Philip Kerr hat ein sehr ungewöhnliches und eindrückliches Pferdebuch geschrieben, das an vielen Stellen auf historischen Fakten beruht. Im Mittelpunkt steht dabei dieses so überaus tapfere und kluge Mädchen Kalinka. Sie beeindruckt nicht nur durch ihre grosse Willenskraft, sondern auch durch die Fähigkeit, in dieser eisigen Wildnis zu überleben und sich mit den beiden Tieren zu verständigen. Besonders treffend ist dem Autor auch die Schilderung des SS-Hauptmanns geglückt. Ein adeliger Herr, mit extrem guten Manieren, mit einer grossen Liebe zur Kunst. Ein Herr aber auch, der das Töten und Leiden anderer geniesst und all seine Handlungen mit den Befehlen von oben rechtfertigt. Ein Buch, das betroffen macht, das die Stimmung in diesen endlosen kalten Steppen Russlands sehr eindrucksvoll beschreibt. Diese spannende Geschichte geht Leserinnen und Lesern unter die Haut. Für Jugendliche.

Philip Kerr: Winterpferde. Rowohlt 2015. ISBN: 978-3-499-21715-9

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Juni

28.05.2015 by

Makiia Lucier: Das Fieber
Die Geschichte spielt im Herbst des Jahres 1918. Cleo lebt unter der Obhut ihres Bruders in einem wunderschönen Haus am Stadtrand von Portland. Sie besucht als externe Schülerin ein Internat für junge Mädchen, spielt Klavier, lernt Lateinisch und weiss im Grunde genommen überhaupt nicht, was einmal aus ihr werden soll. Nun tritt ihr Bruder mit seiner jungen Frau eine Reise nach San Francisco an. Cleo soll während dieser Zeit in ihrer Schule leben und dort beaufsichtigt werden. Ausgerechnet in diesen Tagen wird auch in Portland das erste Opfer der Spanischen Grippe entdeckt. Sofort treten Notmassnahmen in Kraft: Alle Schulen werden geschlossen, das Konzerthaus wird in ein Notkrankenhaus umgebaut, grössere Ansammlungen sind verboten. In diesem ganzen Durcheinander entflieht Cleo der Enge ihrer Schule und meldet sich als freiwillige Helferin beim Roten Kreuz. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Cleo das Gefühl, etwas wirklich Wichtiges zu tun. Zum ersten Mal erlebt sie, dass sie gebraucht wird und dass sie viel mehr kann, als Gedichte zu lernen, Kleider zu sticken und Klavier zu üben. Cleo wächst in dieser Zeit über sich hinaus. Sie trifft Menschen, denen es genauso geht, die arbeiten und helfen bis zum Umfallen, auch wenn sie sich dabei selber in Lebensgefahr begeben.
Mit dem Buch «Das Fieber» ist der amerikanischen Autorin ein ganz wunderbares, berührendes Debüt gelungen. Die Autorin schreibt bildhaft und präzise, so dass man beim Lesen mittendrin ist, im Buchgeschehen. Das geht bei solchen Themen aber auch ganz schön unter die Haut. In der Figur der jungen Cleo werden sich viele Leserinnen wiederfinden und ihre Entwicklung vom gelangweilten, verwöhnten Mädchen zu einer wagemutigen, tatkräftigen jungen Frau mit grosser Begeisterung nachlesen. «Das Fieber» ist kein Heldenepos, es ist die glaubhafte und eindrückliche Geschichte einer jungen Frau, die durch extreme Erfahrungen an ihre Grenzen stösst und dadurch aber auch mehr zu sich selber findet, erwachsen wird. Besonders gut gelungen ist der Autorin auch der Einblick in die Zeit dieser schrecklichen Epidemie, der so unsagbar viele Menschen zum Opfer fielen. Das auf Tatsachen beruhende Buch ist im Verlag Königskinder erschienen, mittlerweile ist dies ein Label für anspruchsvolle, aber wunderschöne und kostbare Jugendliteratur. Für Jugendliche.

Makiia Lucier: Das Fieber. Königskinder Verlag bei Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-56012-4

Rezension: Maria Riss

Rainer M.Schröder: Madison Mayfield: Die Augen des Bösen

08.04.2015 by

madisonLondon, 1890. Die 17-jährige Madison lebt nach dem Tod ihrer Eltern als unerwünschte Verwandte im Stadtpalais der Winslows. Ihre Tante und ihre Cousinen versuchen sie um jeden Preis loszuwerden, entspricht doch Madison alles andere als dem damaligen Frauenbild. Als sie wieder einmal von ihren anfallartigen Visionen heimgesucht wird, stecken die Winslows Madison ins Irrenhaus «Bedlam». Als die «medizinische Behandlung» erfolgreich abgeschlossen ist, wird ihr Leona Shaw als Gesellschafterin zur Seite gestellt. Und so nimmt Madisons Mayfields Leben eine unerwartete Wendung. Ein Ex-Detective des Scotland Yards behauptet, ihre grässlichen Visionen würden helfen, Verbrechen aufzuklären. Damit wird Madison auch für die Unterwelt Londons zu einer Gefahr. Ein Ereignis jagt nun das nächste und führt zu einem überraschenden Schluss.
Rainer M.Schröder gelingt es einmal mehr virtuos, einen spannenden Plot mit historischen Hintergründen zu verknüpfen. In reichhaltiger und vielschichtiger Art und Weise erfährt man so Einiges über das Leben in England Ende des 19. Jahrhunderts. Ungeahnte Wendungen, ungewohnte Schauplätze, spannende Charaktere, und ein Ende, das gut zur damaligen Zeit passt: ein packender, mitreissender und spannender Jugendroman für Leseratten (510 Seiten).

Rainer M.Schröder: Madison Mayfield: Die Augen des Bösen. Cbj, 2014. ISBN: 978-3-570-15898-2

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Buch des Monats April

01.04.2015 by

4123hmmdPNLAnna Kuschnarowa: Das Herz von Libertalia

Die Geschichte beginnt in Irland im Jahr 1700. Anne kommt als uneheliches Kind zur Welt. Sie ist ein wildes Kind, eines, das am liebsten in Jungenkleidern am Hafen herumtollt oder alleine durch die karge, wunderschöne Landschaft streunt. Aber Anne wird älter, sie soll sich endlich benehmen lernen, ihre Tage am Kochherd oder mit Handarbeiten zubringen, sie soll sich einschnüren und feine Kleider tragen. Zu so etwas taugt aber Anne einfach nicht. Immer wieder nimmt sie Reissaus, immer wieder schleicht sie sich heimlich zum Hafen und am liebsten hört sie dort dem alten Jan zu, wenn er erzählt, von seinen Fahrten auf hoher See, wenn er schwärmt von einem Land namens Libertalia, in dem alle Menschen in Freiheit leben können. Es kommt, wie es kommen muss: Anne haut ab. Lässt sich als Junge verkleidet von einem Schiff anheuern und sticht in See. In der Karibik lernt sie den Piratenkapitän James Bonny kennen und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. So wird Anne Piratin und kämpft an der Seite all der derben und doch oft so weichherzigen Gesellen, entert Schiffe und stellt sich dabei so geschickt an, dass sie sich bald den Respekt aller verschafft hat. Ihren grossen Traum einer Gesellschaft, in der alle die gleichen Rechte haben, in der Männer wie Frauen gleichgestellt sind, für diesen Traum kämpft sie, dieser Traum lässt sie bis zum Schluss nicht los.
Anna Kuschnarowa hat ein Buch geschrieben, das alle Kriterien für ein spannendes Abenteuerbuch erfüllt: Eine überaus packende Handlung mit viel unvorhersehbaren Wendungen, schräge Typen, ferne Schauplätze und eine Protagonistin, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Die Autorin lässt Lesende in einer gewissen Distanz, so wird auch das Nachlesen manch schlimmer Gräueltat auf hoher See fast zum Vergnügen. Die Geschichte beruht auf zumindest teilweise wahrem Hintergrund: Es gab zu dieser Zeit tatsächlich eine Frau, die Piratenschiffe lenkte, die sich ihren Platz in dieser absoluten Männerdomäne erobert hat. Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anna Kuschnarowa: Das Herz von Libertalia. Beltz 2015. ISBN: 978-3-407-81187-5

Rezension: Maria Riss

Herbert Günther: Die Zeit der grossen Worte

01.07.2014 by

herbertPaul lebt mit seiner Familie seit einiger Zeit in der Stadt. Mutter war es, die weg wollte vom Land, fort aus dieser Enge. Die Familie betreibt nun in der Stadt einen kleinen Lebensmittelladen. Und dann kommt der August 1914, der Krieg bricht aus. Pauls Vater und sein geliebter Bruder Max fahren an die Front. Der Vater, weil dies nun mal seine Pflicht ist und Max mit grosser Begeisterung: Er will etwas tun für sein Vaterland, will kämpfen und siegen. Kurz nach der Abreise wird Paul von einer jungen Frau angesprochen. Es ist Louise, sie ist die heimliche Geliebte seines Bruders Max. Louise kommt aus einer noblen, wohlhabenden Familie und sie denkt ganz anders über den Krieg. Louise arbeitet in einer Buchhandlung und nimmt Paul gleich mit. So viele Bücher! Paul kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Als er gar ein Buch geschenkt bekommt, verbringt er fast seine ganze Freizeit mit lesen, er hilft auch in der Buchhandlung aus und wird auf diese Weise mit völlig andern Ideen konfrontiert. Die meist kurzen Briefe von Max lassen aufhorchen. Da steht nichts mehr drin von Sieg, da ist von Angst, von Verlust und sinnlosen Strapazen die Rede. Bald ändert sich auch das Leben in der Stadt. Die Menschen hungern, sie haben Angst und sehnen ein Ende herbei. Paul wird klar: Er ist kein Held, er will auch nie einer sein und gerade dazu zu stehen, das braucht den grössten Mut. Zum Glück gibt es Ida, dieses Mädchen vom Land, in das sich Paul über beide Ohren verliebt. Ida kennt keine klugen Bücher, aber Ida hat das Herz auf dem rechten Fleck und sie steht im Leben und dies ganz stark, mit beiden Füssen.

Es ist nicht der erste historische Roman, den man von Herbert Günter zu lesen bekommt, da war ein Könner am Werk. Nicht nur, dass er seinen Leserinnen und Lesern einen tiefen und spannenden Einblick in diese Zeit gewährt, es sind auch die Figuren, an deren Gedanken und Handlungen er einen so intensiv teilhaben lässt. Paul setzt sich nicht nur mit dem politischen Gedankengut dieser Zeit auseinander, er lernt auch sehr unterschiedliche Lebensentwürfe kennen und er lernt zu sich, zu seiner ganz persönlichen Meinung zu stehen. Ein spannendes und berührendes Jugendbuch, dem man zahlreiche Leserinnen und Leser wünscht.

Herbert Günther: Die Zeit der grossen Worte. Gerstenberg 2014. ISBN: 978-3-8369-5757-1

Rezension: Maria Riss

Martín Blasco: Der Weg nach al-Andalus

05.06.2014 by

andalusDie Geschichte spielt im 12. Jahrhundert in Bagdad. Yusuf hat schon als Kind gelernt, sich selber durchzuschlagen. Er kennt den Bazar wie kein anderer. Yusuf ist sehr geschickt, vor allem, was das Stehlen betrifft. Aber dann wird er doch erwischt und landet im Gefängnis. Ahmad, ein alter Mann,  erzählt ihm dort die Legende vom silbernen Stab. Mit diesem Stab lassen sich alle Dinge in pures Gold verwandeln. Bevor der alte Ahmad stirbt, erfährt Yusuf, wo er mit der Suche nach diesem Stab beginnen muss. Kurz darauf glückt Yusuf die Flucht aus dem Kerker. Sofort macht er sich auf die beschwerliche Reise übers Meer nach Andalusien. Er will diesen Stab besitzen, um alles in der Welt. Yusufs lange und gefährliche Reise endet schliesslich bei einem alten Weisen in der Nähe von Cordoba, dem Besitzer des silbernen Stabs. Yusuf wird vom alten Mann als Schüler aufgenommen und bald ist er nicht mehr ganz so sicher, ob dieser Stab ihm wirklich Glück bringen wird. Es sind all die vielen Stunden des Lernens, des Studierens und Nachdenkens, die Yusuf verändert haben. Und deshalb trifft der Untertitel dieses eindrücklichen Buches auch zu: «Vom Leben eines Mannes, der auf der Suche nach einem Schatz, sich selber gefunden hat».

Die ganze Geschichte basiert auf einem uralten Manuskript, das bereits vor über 50 Jahren entdeckt worden ist. Martín Blasco, ein argentinischer Autor, hat die Legende nun so adaptiert, dass sie für zeitgenössische Leserinnen und Leser gut lesbar ist. Der Autor erzählt in einer wunderschön gestalteten und einfachen Sprache. Er hält Leserinnen und Leser auf Distanz, die innere Sichtweise des Protagonisten wird nur bedingt in Worten wiedergegeben. Es sind vielmehr die Botschaften zwischen den Zeilen, die Metaphern und stimmungsvollen Beschreibungen, die diese zeigen und die faszinieren. «Der Weg nach al-Andalus» ist ein Buch zum langsamen Geniessen und auch zum Nachdenken. Das kostbar gestaltete Bändchen ist ein weiteres Beispiel dafür, dass man zwischen der Literatur für Jugendliche und jener für Erwachsene oft keine Trennlinie ziehen kann. Für Jugendliche, die Freude an literarischen Texten haben und Erwachsene.

Martín Blasco: Der Weg nach al-Andalus. Carlsen 2014. ISBN: 978-3-551-58281-2

Rezension: Maria Riss

 

David Safier: 28 Tage lang

15.04.2014 by

 

UnbenanntDie 16-jährige Mira lebt mit ihrer kleinen Schwester und ihrer Mutter im Warschauer Ghetto. Unter Lebensgefahr schmuggelt und verkauft sie Nahrungsmittel und versucht so, ihre Familie durch den harten Alltag zu bringen. Einzig die wenigen gemeinsamen Stunden mit ihrem Freund Daniel bringen etwas Freude und jugendliche Normalität in ihr Dasein. Doch dann verschlimmert sich die ohnehin schon schreckliche Situation dramatisch: Den Menschen im Ghetto wird klar, dass sie alle umgebracht werden sollen. Mira hat nichts mehr zu verlieren. Sie beschliesst zu kämpfen und schliesst sich dem Widerstand im Ghetto an. Gemeinsam kämpfen sie gegen den übermächtigen Feind. Obwohl dieser Kampf nicht zu gewinnen ist, geben sie den Menschen im Ghetto Hoffnung und neuen Lebensmut. Und sie trotzen der Übermacht: ganze 28 Tage lang.

„28 Tage lang“ ist ein überaus wichtiges und grossartiges Buch: Es ist hochspannend, emotional, erschreckend und hoffnungsvoll zugleich. Dem deutschen Autor David Safier gelingt es, aus der Sicht der fiktiven, jugendlichen Mira die realen Ereignisse um den Widerstand im Warschauer Ghetto von 1942 authentisch darzustellen. Die fiktive Protagonistin erlaubt ein hohes Mass an Identifikation und Empathie. Die grosse Betroffenheit bei der Lektüre ergibt sich vor allem aus dem Wissen, dass solche und ähnliche Ereignisse vor noch nicht allzu langer Zeit stattgefunden haben. Auch wenn dieser Roman manchmal an die Grenze des Zumutbaren geht, lohnt sich die Lektüre unbedingt, weil sie die schrecklichen Ereignisse der damaligen Zeit wieder bewusst macht und weil auch heute und in Zukunft Ähnliches wieder geschehen könnte. „28 Tage lang“ geht unter die Haut und lässt kein Auge trocken. Für Jugendliche ab ca. 16 Jahren.

David Safier: 28 Tage lang. Rowohlt Rotfuchs 2014. ISBN: 978-3-499-21174-4.

Rezension: Claudia Hefti

Mirjam Pressler: Ein Buch für Hanna

30.03.2012 by

Gerade mal 14 Jahre alt ist Hanna, als sie Leipzig verlassen muss. Es ist das Jahr 1939, sie fährt, zusammen mit vielen andern jüdischen Jugendlichen, nach Dänemark. Von dort soll die Reise weitergehen nach Palästina, ins gelobte Land.  Weil Hanna noch so jung, klein und mager ist, wird so von allen nur Püppchen genannt. In Dänemark hat es Hanna eigentlich gut, wenn nur das Heimweh zu ihrer Mutter nicht wäre und die ständige Ungewissheit, was mit ihr passieren wird. Aber Nazi-Deutschland macht auch vor Dänemark nicht Halt und Hanna wird, zusammen mit einer Gruppe jüdischer Mädchen, nach Theresienstadt deportiert. Mira, ein Mädchen aus dieser Gruppe, mahnt die andern immer wieder: Aufgeben, das gilt nicht! So kontrolliert sie, dass sich die Mädchen regelmässig waschen, dass sie den sinnlosen Kampf gegen Wanzen und Läuse nicht aufgeben, dass sie ihr Essen einteilen und verteilen. Als Mira an einer Lungenentzündung  stirbt, ist es plötzlich Hanna, die für die andern die Verantwortung übernimmt. Hanna hat Glück, mehr Glück als viele andere: Sie lebt, sie überlebt. Sie ist längst kein Püppchen mehr und was sie im Lager erlebt hat, wird sie prägen, für den Rest ihres Lebens.

Mirjam Pressler versteht es wie kaum eine andere Jugendbuchautorin, ihre Figuren so zu beschreiben, dass man sie nach der Lektüre zu kennen glaubt. Die Autorin schreibt bildhaft und präzise, so dass man beim Lesen mittendrin ist im Buchgeschehen. Das geht bei solchen Themen aber auch ganz schön unter die Haut. Die Schicksale bewegen, lassen einen nicht los. Es sind die starken Protagonistinnen, die wunderbaren Menschen, auch im grauenhaften Lageralltag, die einem so beeindrucken, dass man mit dem Lesen trotzdem kaum mehr aufhören kann. Damit die Figuren noch lebendiger werden, hat Mirjam Pressler Passagen eingebaut, in denen die Figuren immer wieder selber zu Wort kommen. Ein fantastisches, tief berührendes Buch für Jugendliche und Erwachsene.

Rezension: Maria Riss

Mirjam Pressler: Ein Buch für Hanna. Beltz, 2011.

Anne-Laure Bondoux: Die Zeit der Wunder

30.03.2012 by

Zu Beginn der Geschichte ist Koumaïl 7 Jahre alt. Er wohnt zusammen mit anderen Flüchtlingsfamilien im Grossen Haus, in irgendeiner Stadt im Kaukasus. Obwohl Krieg herrscht, es keinen Strom gibt, kein fliessendes Wasser und schon gar keine Heizung, fühlt Koumaïl sich geborgen, weil Gloria da ist. Gloria, die sich schon immer um ihn gekümmert hat. Gloria, die ihm Geschichten erzählt, die genau weiss, wann er frische Luft braucht und wann er in den Arm genommen werden will. Schon bald müssen die beiden aber weiterziehen, ins nächste Lager, ins nächste Versteck. Dass Gloria und Koumaïl nicht aufgeben, hängt mit ihrem Traum zusammen. Sie wollen nach Frankreich, egal wie, denn Koumaïl ist französischer Staatsbürger. Fünf Jahre sind die beiden unterwegs, fünf lange Jahre gelingt es Gloria, für den kleinen Koumaïl immer wieder eine neue kleine Welt einzurichten, in der er Kind sein darf. Koumaïls Kindheit endet mit 12 Jahren, als französische Zollbeamte ihn hinten in einem Lastwagen entdecken und Gloria plötzlich verschwunden ist. Ganz zum Schluss, Koumaïl ist bereits erwachsen, findet er Gloria wieder. Sie liegt schwerkrank in einem Spital in Tiflis, in der Stadt, wo ihre Flucht begann.

Das Buch ist überaus aktuell, nicht nur im Kaukasus sind Menschen auf der Flucht. Das Lesen dieser Geschichte berührt und bewegt, vielleicht vor allem deshalb, weil Anne-Laure Bondoux so konsequent aus der Perspektive des kleinen Koumaïl erzählt. Die einfache Wortwahl, die so authentisch wirkende, dichte Sprache und der berührende Plot machen aus diesem Band ein kleines Kunstwerk. Für Jugendliche und Erwachsene

Rezension: Maria Riss

Anne-Laure Bondoux: Die Zeit der Wunder. Carlsen, 2011.