Silke Vry: Verborgene Schätze, versunkene Welten

18.11.2017 by

schaetzeSchon immer waren die Menschen daran interessiert, mehr über frühere Kulturen zu erfahren. Die 21 Kapitel des kostbar gestalteten Buches sind bekannten Forschern und ihren Entdeckungen gewidmet. So erfahren Leserinnen und Leser nicht nur Wichtiges über archäologische Pioniere, sondern auch darüber, was bei all diesen Grabungen entdeckt wurde. Manchmal waren solche Entdeckungen blosse Zufälle, oft steckten aber auch Forschende dahinter, die regelrecht besessen von ihren Ideen waren. Die einzelnen Berichte sind alle gleich aufgebaut und gestaltet. Wichtiges ist in Kästchen zusammengefasst und jedes Kapitel endet mit der Schlussfolgerung: Was bleibt? Der erste Bericht geht in das Jahr 1506 zurück, damals entdeckte Felice de Fredis, ein einfacher Weinbauer aus Rom, ganz zufällig die ersten antiken Statuen zwischen den Hügeln der Stadt. Der letzte Beitrag im Buch berichtet vom Jahr 1995, als der Unterwasserarchäologe Franck Goddio Teile des Königsviertels von Alexandria im Meer entdeckte.
Der vorliegende Band besticht durch die klare, übersichtliche Gestaltung, durch die hohe Qualität der Texte und Bilder und dem fundierten Quellenstudium der Autorin Silke Vry. Die einzelnen Berichte sind nicht nur sehr spannend zu lesen, sondern regen dazu an, noch mehr über all die wunderbaren Funde zu erfahren. Die Informationen über die Forscher sind so verfasst, dass man zwar staunen kann, aber keine Heldenepen zu lesen bekommt. Oft werden auch kritische Fragen aufgeworfen. «Verborgene Schätze, versunkene Welten» ist ein überaus spannendes und lehrreiches Sachbuch für Jugendliche und Erwachsene.

Silke Vry: Verborgene Schätze, versunkene Welten. Gerstenberg 2017. ISBN: 978-3-8369-5994-0

Rezension: Maria Riss

John Boyne: Der Junge auf dem Berg

01.08.2017 by

jungeDie ersten Jahre seiner Kindheit waren wunderschön. Pierrot lebte mit seiner Mutter in Paris, in der Nähe des Montmartre. Sein Vater, ein deutscher Soldat, hat sich das Leben genommen, weil er mit den Erinnerungen an den letzten Krieg nicht zurechtkam. Pierrot hatte einen Freund, Anshel, ein Judenjunge, der ganz wunderbare Geschichten schreiben konnte. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Als Pierrots Mutter an einer Lungenerkrankung stirbt, ist er gerade mal sechs Jahre alt. Er kommt zu seiner Tante Beatrix in die Nähe von Salzburg. Es ist gut, dass Pierrot zweisprachig aufgewachsen ist, so kann er sich problemlos auch auf Deutsch verständigen. Tante Beatrix ist Haushälterin auf einem Berghof, der Adolf Hitler gehört. Schon bald ist Pierrot, den hier alle ab sofort Peter nennen, von den vielen Uniformen und der Person des Führers absolut fasziniert. Endlich ein starker Mann, einer der sich durchsetzt, einer der gar schon ein Buch geschrieben hat. Auch Adolf Hitler scheint den kleinen Buben zu mögen, er verbringt immer wieder Zeit mit ihm, erklärt ihm die geschichtlichen Zusammenhänge und die Demütigungen, die das Deutsche Reich nach dem Krieg erleben musste. Der Führer spricht von der Judenplage und vom kommenden grossen Sieg. Als er Peter eines Tages eine Uniform der Hitlerjugend schenkt, ist es um den Jungen endgültig geschehen. Für seinen Führer würde er durchs Feuer gehen und wäre zu allem bereit. Auch zum Verrat an jenen Menschen, die er geliebt hat, die ihm früher sehr wichtig waren. Peter bleibt auf dem Berghof, auch dann, als der Führer sich in Berlin das Leben nimmt. Schliesslich kommen amerikanische Soldaten und nehmen ihn gefangen. Im Epilog erfahren Leserinnen und Leser, was später aus Peter wurde, wie er nie mehr ganz in ein normales Leben zurückfindet. Wie er aber durch einen glücklichen Zufall seinen alten Freund Anshel wieder trifft. Erst Anshel kann Peter erzählen, was er in den Jahren auf dem Berghof erlebt hat, wie er sich schuldig gemacht hat und wie er an dieser Schuld schier zerbricht. Es war schon früher so, wenn Peter oder eben damals Pierrot eine Geschichte erzählte, war es Anshel, der sie zu Papier brachte.
Wie schon in seinem ersten Buch «Der Junge im gestreiften Pyjama» zu diesem schrecklichen Teil deutscher Geschichte schreibt der Autor die Geschichte durchwegs aus der Perspektive eines Jungen. Und das geht unter die Haut. Als Leserin oder Leser kann man die Gedanken, die Entwicklung des Jungen, seinen Wandel der Werte ganz nah miterleben und zumindest stellenweise kann man dies gar verstehen. Zu Beginn der Lektüre schliesst man den kleinen Pierrot sofort ins Herz. Mit jedem Tag, den er auf dem Berghof verbringt, wird er einem fremder. Hitler hat diesen Jungen verführt, dies in einer solchen Geschichte nachzulesen, das ist sehr eindrücklich und lässt einen lange nicht mehr los. Ein überaus beeindruckender Roman für Jugendliche und Erwachsene.

John Boyne: Der Junge auf dem Berg. Fischer 2017. Aus dem Englischen von Ilse Layer. ISBN: 978-3-7373-4062-5

Rezension: Maria Riss

Caroline Carlson: Der weltbeste Detektiv

01.08.2017 by

etektivDie Geschichte spielt irgendwo in England zu einer Zeit, als es weder Autos noch Handys gab. Toby ist etwa 12 Jahre alt und erst kürzlich zu seinem Onkel an die Schnüfflergasse gezogen. Toby ist Vollwaise und wird von einem Familienmitglied zum nächsten weitergereicht. Bei seinem Onkel, einem bekannten Detektiv, gefällt es ihm aber auf Anhieb. Er will später unbedingt selber Detektiv werden. Wenn nur das Geld bei seinem Onkel nicht so knapp wäre. Da erfährt Toby von einem Wettbewerb, den der berühmte Detektiv Hugo Abercrombie ausgeschrieben hat. Gesucht wird der beste Detektiv der Welt und als Gewinn lockt eine sehr hohe Geldsumme. Mittels einer kleinen Lüge gelingt es Toby auf das Landgut zu reisen, wo der Wettbewerb stattfinden wird. Alle bekannten Detektive des Landes haben sich dort versammelt, um den fingierten Fall zu lösen. Aber schon am ersten Abend geschieht ein wahres Verbrechen: Hugo Abercrombie wird tot in seinem Arbeitszimmer aufgefunden. Er wurde vergiftet. Alle versammelten Detektive machen sich sofort an die Arbeit. Auch Toby und seine neue Freundin Ivy, ebenfalls eine junge Ermittlerin, suchen mit Feuereifer nach dem Täter. Alle sind verdächtig, aber nur einer wird den Fall lösen und das Preisgeld gewinnen. Klar, dass Toby und Ivy da ein Wörtchen mitreden.
Das Buch besticht nicht nur durch die spannende Handlung, sondern auch besonders durch die leicht ironische Beschreibung dieser englischen Detektive, die sich allesamt als kleine «Sherlock Holmes» fühlen. Gemeinsam mit den beiden Protagonisten geht man beim Lesen falschen Fährten nach und weiss nie, wem man trauen kann. Umso überraschender ist dann im allerletzten Kapitel die Auflösung des Falls. Die Lektüre ist nicht immer einfach, man muss viele Personen und Indizien im Kopf behalten. Beim Lesen helfen aber einerseits der wirklich spannende Plot und die gute Gliederung in kurze Kapitel. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Caroline Carlson: Der weltbeste Detektiv. Aus dem Amerikanischen von Emily Huggins. Ueberreuter 2017. ISBN: 978-3-7641-5130-0

Rezension: Maria Riss

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern

01.08.2017 by

U_5955_1A_JUGE_BIS_DIE_STERNE_ZITTERN.IND11Die Geschichte spielt im Jahre 1936 in Leipzig. Hauptperson ist Harro, etwa 17 Jahre alt. Als eine Schar Hitlerjungen an ihm vorübergeht und Harro die Fahne nicht grüsst, wird er von den uniformierten Jungen angegriffen und verprügelt. Völlig unerwartet kommen ihm ein paar andere Jugendliche zu Hilfe und die Hitlerjungen ergreifen die Flucht. So lernt Harro die «Leipziger Meuten» kennen. Diese Gruppe junger Menschen ist eine Art Edelweisspiraten. Sie haben sich zusammengeschlossen, um für Freiheit, für Menschenrechte und gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen. Bei Harro zuhause, da wird kaum noch gesprochen, Harros Eltern sind verstummt und lassen den Jungen mehr oder weniger gewähren. Harro hat deshalb sehr viel Freiraum und schliesst sich schon bald dieser Bewegung mit Feuereifer an. Er lernt nicht nur viele gleichgesinnte Jugendliche kennen, er wird auch mit neuen Sichtweisen konfrontiert, hilft bei verschiedenen Aktionen mit und erlebt in dieser intensiven Zeit auch, was es mit der Liebe auf sich hat. Harro wird eines Tages zwar verhaftet, lernt die grausamen Verhörmethoden kennen, kommt aber wieder frei. Er ist einer von denen, die Glück hatten, zumindest vorläufig.
Johannes Herwig ermöglicht Leserinnen und Leser einen fundierten Einblick in einen wenig bekannten Bereich deutscher Geschichte. Und er tut dies absolut glaubhaft und gekonnt. Es ist vor allem die Sprache, welche diesen Roman so besonders eindrücklich macht. In fast kargen, ungeheuer dichten Sätzen und mit wunderschönen Metaphern lässt der Text unvergessliche Bilder entstehen. Das Buch berichtet nicht in erster Linie von den Gräueltaten der Nazis, es erzählt von Jugendlichen, die sich abgrenzen wollen, die sich wehren gegen das herrschende System, die auf der Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft sind. Dass sich junge Menschen gegen Regeln und Normen auflehnen, das kennen die meisten Jugendlichen, sie werden sich deshalb in der Figur von Harro, seinen Gedanken und Gefühlen sehr gut wiederfinden. Mit diesem Romandebut macht der Autor Geschichte auf eindrückliche Weise erlebbar.

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern. Gerstenberg 2017. ISBN: 978-3-8369-5955-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Mai 2017

04.05.2017 by

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande.

missiDie Geschichte beginnt in den Südstaaten von Amerika und spielt am Ende des 19. Jahrhunderts. Vier Kinder aus völlig verschiedenen Milieus haben in den Sümpfen heimlich eine Hütte gebaut und verbringen dort ihre ganze Freizeit. Beim Angeln passiert es: Sie fischen aus dem Fluss eine alte Dose mit drei Dollar drin. Die drei bestellen sich mit dem Geld beim Versandhauskatalog eine Pistole, mit passender Munition versteht sich. Als das Paket endlich eintrifft, finden sie darin aber bloss eine alte Uhr. Bald erfahren die vier, dass diese Uhr ein Vermögen wert ist, denn die Falschlieferung wird im ganzen Land gesucht. Wenn diese alte Uhr tatsächlich mehrere tausend Dollar wert ist, dann wollen die vier auch etwas davon abkriegen. Dafür muss man die Uhr aber in Chicago vorbeibringen. Also beschliessen die vier, nach Norden abzuhauen.
Diese Reise durch ganz Amerika wird für die Kinder abenteuerlich und gefährlich, zumal sie kaum Geld besitzen. Zuerst fahren sie in ihrem selbstgebauten Einbaum nach New Orleans, dann mit dem Raddampfer den Mississippi hoch, später als blinde Passagiere im Zug weiter gen Norden. Sie werden überfallen, fahren zum ersten Mal mit einem Tram, staunen über Automobile, erfahren, da der jüngste von allen schwarz ist, wie verbreitet der Rassismus in bestimmten Gegenden noch immer ist und erleben auch öfters, wie hilfsbereit Menschen sein können. Ja und am Schluss, nachdem sie sogar einen Mord aufgeklärt haben, da werden die vier doch tatsächlich steinreich.
Der italienische Autor Davide Morosinotto hat ein ganz wunderbares Abenteuerbuch geschrieben: Eine überaus packende Handlung mit vielen, unvorhersehbaren Wendungen, schrägen Typen, fernen Schauplätzen und Hauptfiguren, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Und vor allem am Anfang hat man beim Lesen das Gefühl, Huckleberry Finn tauche nächstens hinter einer Hausecke auf. Besonders faszinierend sind zudem die vielen Einblicke in das Leben jener Zeit: der technische Fortschritt, das schwierige Leben der Farmer, der für alle Beteiligten schreckliche Aufenthalt in einem Gefängnis. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, jede der Hauptfiguren berichtet von einem Teil der gefährlichen Reise. Dadurch wird die Verschiedenartigkeit der vier Abenteurer spürbar. Diese spannende Art von Road Movie wird Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren, Mädchen wie Jungen, mit Sicherheit begeistern. Das Buch eignet sich zudem dank der klaren Gliederung auch hervorragend zum Vorlesen.

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18455-8

Rezension: Maria Riss

 

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück

15.11.2016 by

bellaDie Geschichte spielt irgendwo in der Zeit der Goldgräber und Siedler im Westen Amerikas. Bella Rossa ist etwa siebzehn Jahre alt und bisher weiss Gott nicht vom Leben verwöhnt worden. Ihre Mom hat es nicht mehr ausgehalten in dieser leidigen Hütte mit diesem stets betrunkenen halb gelähmten Mann und ist vor langer Zeit schon abgehauen. Und jetzt kommt nach der grossen Dürre und der Heuschreckenplage auch noch ein Krieg hinzu. Bella Rossa ist es so Leid! Aber Bella Rossa ist stark und schön ist sie auch, mit ihren wunderbar feuerroten Locken und dem verlockend grossen Busen.
So holt sie den alten Wagen aus dem Schuppen, spannt die Kühe ein, schmeisst den ganzen Hausrat auf die Ladefläche, packt den gelähmten Pa obendrauf und fährt los. Nur weg von hier und möglichst weit. Bald schon gerät der alte Planwagen zwischen die Fronten des Krieges und Bella Rossa bekommt nicht nur drei Kugeln in den Bauch, nein, sie verliebt sich auch über beide Ohren in Jaroslaw, einen wunderhübschen Soldaten mit nur einem Arm. Bella Rossa wär nicht Bella Rossa, wenn sie all dies aufhalten würde. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in die Welt hinauszufahren und als Hausiererin endlich Geld zu machen. Sofort nach ihrer Genesung bricht sie wieder auf, allerdings mit einem Fahrgast mehr auf dem alten Wagen. Jaroslaw hat sich dem kleinen Trupp angeschlossen. Immer weiter geht die Reise, eine Katastrophe folgt der nächsten. Bela Rossa kämpft und gibt nicht auf. Und zu guter Letzt, da hat sie nicht nur ihre Mutter wieder gefunden, sondern sie weiss nun auch, wo ihr ganz persönliches Glück zu finden ist.
Bella Rossa ist eine Buchfigur, der man im realen Leben liebend gern begegnen würde: So viel Kraft und Wille, so viel Wärme und Herzlichkeit, so viel Klugheit beim Nachdenken darüber, was für einen ganz persönlich wichtig ist. Dies alles in einer Figur abzubilden, das hat die Autorin überaus glaubhaft zu Papier gebracht. Kraftvoll ist auch die Sprache des Buches, treffend, bildhaft und wundervoll passend gestaltet. Bella Rossas Abenteuer nachzulesen ist nicht nur überaus spannend und zwar gleich von der ersten Seite an, das Buch gibt auch einen Einblick in die damalige wirklich wilden Zeiten im Westen Amerikas. Und so meint Bella Rossa am glücklichen Ende ihrer langen Reise: «Ab und zu braucht man ‘n Wunder. Sonst wär das Leben nur ‘n Haufen Dreck.» Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-58322-2

Rezension: Maria Riss

Philip Kerr: Winterpferde

20.11.2015 by

pferdDie Geschichte spielt 1941 in der Ukraine. Es ist Winter, bitterkalt. Im Naturreservat Askania-Nowa sind SS-Truppen eingefallen. Nur der alte Maxim hat überlebt. Ihn brauchen die Deutschen als Knecht. Im Reservat lebt eine Herde von seltenen Przewalski-Pferden. Dort hat sich aber auch die 12-jährige Kalinka, ein jüdisches Mädchen auf der Flucht, versteckt. Seit Monaten lebt sie heimlich draussen bei den Pferden. Sie ist in dieser Zeit fast eins geworden mit der herben Natur und den eigentlich sehr wilden Pferden. Eines Morgens gibt der Hauptmann den Befehl, diese unedlen Pferde abzuknallen. Kalinka gelingt es, zwei der Pferde zu retten und zu fliehen. Der alte Maxim

hilft ihr dabei und muss dies schliesslich mit seinem Leben bezahlen. Ganz alleine mit den beiden Pferden gelingt Kalinka die Flucht durch die eisige Steppe. Immer gen Osten, denn dort irgendwo, hunderte von Kilometern entfernt, muss sie die russischen Stellungen finden. Dort werden sie und die seltenen Pferde endlich in Sicherheit sein.

Philip Kerr hat ein sehr ungewöhnliches und eindrückliches Pferdebuch geschrieben, das an vielen Stellen auf historischen Fakten beruht. Im Mittelpunkt steht dabei dieses so überaus tapfere und kluge Mädchen Kalinka. Sie beeindruckt nicht nur durch ihre grosse Willenskraft, sondern auch durch die Fähigkeit, in dieser eisigen Wildnis zu überleben und sich mit den beiden Tieren zu verständigen. Besonders treffend ist dem Autor auch die Schilderung des SS-Hauptmanns geglückt. Ein adeliger Herr, mit extrem guten Manieren, mit einer grossen Liebe zur Kunst. Ein Herr aber auch, der das Töten und Leiden anderer geniesst und all seine Handlungen mit den Befehlen von oben rechtfertigt. Ein Buch, das betroffen macht, das die Stimmung in diesen endlosen kalten Steppen Russlands sehr eindrucksvoll beschreibt. Diese spannende Geschichte geht Leserinnen und Lesern unter die Haut. Für Jugendliche.

Philip Kerr: Winterpferde. Rowohlt 2015. ISBN: 978-3-499-21715-9

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Juni

28.05.2015 by

Makiia Lucier: Das Fieber
Die Geschichte spielt im Herbst des Jahres 1918. Cleo lebt unter der Obhut ihres Bruders in einem wunderschönen Haus am Stadtrand von Portland. Sie besucht als externe Schülerin ein Internat für junge Mädchen, spielt Klavier, lernt Lateinisch und weiss im Grunde genommen überhaupt nicht, was einmal aus ihr werden soll. Nun tritt ihr Bruder mit seiner jungen Frau eine Reise nach San Francisco an. Cleo soll während dieser Zeit in ihrer Schule leben und dort beaufsichtigt werden. Ausgerechnet in diesen Tagen wird auch in Portland das erste Opfer der Spanischen Grippe entdeckt. Sofort treten Notmassnahmen in Kraft: Alle Schulen werden geschlossen, das Konzerthaus wird in ein Notkrankenhaus umgebaut, grössere Ansammlungen sind verboten. In diesem ganzen Durcheinander entflieht Cleo der Enge ihrer Schule und meldet sich als freiwillige Helferin beim Roten Kreuz. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Cleo das Gefühl, etwas wirklich Wichtiges zu tun. Zum ersten Mal erlebt sie, dass sie gebraucht wird und dass sie viel mehr kann, als Gedichte zu lernen, Kleider zu sticken und Klavier zu üben. Cleo wächst in dieser Zeit über sich hinaus. Sie trifft Menschen, denen es genauso geht, die arbeiten und helfen bis zum Umfallen, auch wenn sie sich dabei selber in Lebensgefahr begeben.
Mit dem Buch «Das Fieber» ist der amerikanischen Autorin ein ganz wunderbares, berührendes Debüt gelungen. Die Autorin schreibt bildhaft und präzise, so dass man beim Lesen mittendrin ist, im Buchgeschehen. Das geht bei solchen Themen aber auch ganz schön unter die Haut. In der Figur der jungen Cleo werden sich viele Leserinnen wiederfinden und ihre Entwicklung vom gelangweilten, verwöhnten Mädchen zu einer wagemutigen, tatkräftigen jungen Frau mit grosser Begeisterung nachlesen. «Das Fieber» ist kein Heldenepos, es ist die glaubhafte und eindrückliche Geschichte einer jungen Frau, die durch extreme Erfahrungen an ihre Grenzen stösst und dadurch aber auch mehr zu sich selber findet, erwachsen wird. Besonders gut gelungen ist der Autorin auch der Einblick in die Zeit dieser schrecklichen Epidemie, der so unsagbar viele Menschen zum Opfer fielen. Das auf Tatsachen beruhende Buch ist im Verlag Königskinder erschienen, mittlerweile ist dies ein Label für anspruchsvolle, aber wunderschöne und kostbare Jugendliteratur. Für Jugendliche.

Makiia Lucier: Das Fieber. Königskinder Verlag bei Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-56012-4

Rezension: Maria Riss

Rainer M.Schröder: Madison Mayfield: Die Augen des Bösen

08.04.2015 by

madisonLondon, 1890. Die 17-jährige Madison lebt nach dem Tod ihrer Eltern als unerwünschte Verwandte im Stadtpalais der Winslows. Ihre Tante und ihre Cousinen versuchen sie um jeden Preis loszuwerden, entspricht doch Madison alles andere als dem damaligen Frauenbild. Als sie wieder einmal von ihren anfallartigen Visionen heimgesucht wird, stecken die Winslows Madison ins Irrenhaus «Bedlam». Als die «medizinische Behandlung» erfolgreich abgeschlossen ist, wird ihr Leona Shaw als Gesellschafterin zur Seite gestellt. Und so nimmt Madisons Mayfields Leben eine unerwartete Wendung. Ein Ex-Detective des Scotland Yards behauptet, ihre grässlichen Visionen würden helfen, Verbrechen aufzuklären. Damit wird Madison auch für die Unterwelt Londons zu einer Gefahr. Ein Ereignis jagt nun das nächste und führt zu einem überraschenden Schluss.
Rainer M.Schröder gelingt es einmal mehr virtuos, einen spannenden Plot mit historischen Hintergründen zu verknüpfen. In reichhaltiger und vielschichtiger Art und Weise erfährt man so Einiges über das Leben in England Ende des 19. Jahrhunderts. Ungeahnte Wendungen, ungewohnte Schauplätze, spannende Charaktere, und ein Ende, das gut zur damaligen Zeit passt: ein packender, mitreissender und spannender Jugendroman für Leseratten (510 Seiten).

Rainer M.Schröder: Madison Mayfield: Die Augen des Bösen. Cbj, 2014. ISBN: 978-3-570-15898-2

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Buch des Monats April

01.04.2015 by

4123hmmdPNLAnna Kuschnarowa: Das Herz von Libertalia

Die Geschichte beginnt in Irland im Jahr 1700. Anne kommt als uneheliches Kind zur Welt. Sie ist ein wildes Kind, eines, das am liebsten in Jungenkleidern am Hafen herumtollt oder alleine durch die karge, wunderschöne Landschaft streunt. Aber Anne wird älter, sie soll sich endlich benehmen lernen, ihre Tage am Kochherd oder mit Handarbeiten zubringen, sie soll sich einschnüren und feine Kleider tragen. Zu so etwas taugt aber Anne einfach nicht. Immer wieder nimmt sie Reissaus, immer wieder schleicht sie sich heimlich zum Hafen und am liebsten hört sie dort dem alten Jan zu, wenn er erzählt, von seinen Fahrten auf hoher See, wenn er schwärmt von einem Land namens Libertalia, in dem alle Menschen in Freiheit leben können. Es kommt, wie es kommen muss: Anne haut ab. Lässt sich als Junge verkleidet von einem Schiff anheuern und sticht in See. In der Karibik lernt sie den Piratenkapitän James Bonny kennen und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. So wird Anne Piratin und kämpft an der Seite all der derben und doch oft so weichherzigen Gesellen, entert Schiffe und stellt sich dabei so geschickt an, dass sie sich bald den Respekt aller verschafft hat. Ihren grossen Traum einer Gesellschaft, in der alle die gleichen Rechte haben, in der Männer wie Frauen gleichgestellt sind, für diesen Traum kämpft sie, dieser Traum lässt sie bis zum Schluss nicht los.
Anna Kuschnarowa hat ein Buch geschrieben, das alle Kriterien für ein spannendes Abenteuerbuch erfüllt: Eine überaus packende Handlung mit viel unvorhersehbaren Wendungen, schräge Typen, ferne Schauplätze und eine Protagonistin, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Die Autorin lässt Lesende in einer gewissen Distanz, so wird auch das Nachlesen manch schlimmer Gräueltat auf hoher See fast zum Vergnügen. Die Geschichte beruht auf zumindest teilweise wahrem Hintergrund: Es gab zu dieser Zeit tatsächlich eine Frau, die Piratenschiffe lenkte, die sich ihren Platz in dieser absoluten Männerdomäne erobert hat. Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anna Kuschnarowa: Das Herz von Libertalia. Beltz 2015. ISBN: 978-3-407-81187-5

Rezension: Maria Riss