Buch des Monats Juni 2017

30.05.2017 by

ballonSimon van der Geest: Das geheime Logbuch, das magnetische Mädchen und eine fast brillante Erfindung
Aus dem Museum für «Fast Brillante Erfindungen» in einer kleinen holländischen Stadt ist ein berühmtes Logbuch gestohlen worden. Ausgerechnet die Mama des etwa 11-jährigen Ro soll es gestohlen haben. Deshalb sitzt sie nun in einem riesigen Gefängnis auf einer nahegelegenen Insel. Ros Vater hat seit der Verhaftung das kleine Haus kaum mehr verlassen. Jeden Abend  hockt er auf dem Sofa und spielt Computerspiele, pausenlos. Ro weiss, dass seine Mutter niemals etwas Unrechtes tun würde und Ro ist einer, der niemals aufgibt. Es ist gut, dass Ro seinen besten Freund Archie an seiner Seite hat. Auch Lela, mit ihrer dunklen Haut, dem ständig verschmitzten Lächeln im Gesicht und ihrer Allergie gegen Ungerechtigkeiten ist bei den vielen wichtigen Besprechungen dabei. Die drei wollen um alles in der Welt Ros Mama befreien. Dafür entwickeln sie einen absolut verrückten Plan: Einen Ballon wollen sie fertigen und damit auf die Gefängnisinsel fliegen. Das Unterfangen stellt sich allerdings als sehr viel schwieriger heraus, als sie erwartet haben. Aber als schliesslich alle Kinder aus Ros Schulklasse von dieser geheimen Mission erfahren und mithelfen, da hebt dieser Ballon in einer windstillen Mondnacht doch tatsächlich ab. Es gelingt den Kindern zwar nicht, Ros Mama zu befreien, aber ihre tollkühne Aktion löst einen solchen Wirbel aus, dass der Fall des gestohlenen Logbuchs neu recherchiert wird. Ja und zum Schluss, da kommt alles gut, sogar Papa ist aus seiner Starre erwacht, verlässt sein Sofa und wirft die Computerspiele in den Sondermüll.
Das Lesen dieses Buches macht vielleicht deshalb so grossen Spass, weil sich die Handlung haarscharf an der Grenze dessen bewegt, was überhaupt möglich ist. Um den Ballon zu fertigen, nähen die Kinder 37 Zelte aneinander und um an das nötige Helium zu kommen sind auch ein paar ziemlich gewagte Schwindeleien nötig. Der Spannungsbogen beginnt gleich auf den ersten Seiten und zieht sich bis zum überraschenden und glücklichen Ende durch. Ro erzählt diese Geschichte aus seiner Perspektive und er tut dies überaus glaubhaft. Mirjam Pressler hat das Buch übersetzt, dass sie eine Garantin für gute Lesestoffe ist, beweist sie mit dem vorliegenden Buch einmal mehr. Zum Vorlesen und Selberlesen für Kinder ab etwa 9 Jahren.

Simon van der Geest: Das geheime Logbuch, das magnetische Mädchen und eine fast brillante Erfindung. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18454-0

Rezension: Maria Riss

Sigrid Zeevaert: Emma ist doch eben ein Glückskind

28.04.2017 by

46431709zEmma geht in die zweite Klasse. Emma hat zwei kleine Brüder, eine Schwester, sie hat eine Mama und einen Papa und sie hat einen kleinen Hund, Wuschel. Emma geht es sehr gut, vor allem auch deshalb, weil sie seit neustem einen Freund hat. Paul kommt jeden Nachmittag vorbei, und dann gehen die beiden mit Wuschel spazieren. Paul, der wünscht sich ja nichts sehnlicher, als selber einen Hund zu haben. Manchmal machen sie lustige Dinge, die beiden, laufen rückwärts oder klettern um die Wette. Als Emma von Paul eine Halskette mit Glitzerherz bekommt, ist ihr Glück kaum zu überbieten. Paul und Emma wollen heiraten, das versprechen sie sich an diesem Tag. Aber dann, ein paar Tage später, wartet Paul nicht an der Hausecke, um mit Emma in die Schule zu gehen und am Nachmittag, da hat er bereits mit seinen Freunden abgemacht, um Fussball zu spielen. Emma wird so traurig, dass sie ständig heulen muss. Da ist es gut, eine ältere Schwester zu haben, die Rat weiss. Jungen sind manchmal so, meint sie, aber dann hört das auch wieder auf. Und bald schon ist es auch bei Paul so. Er verspricht Emma, immer ein guter Freund für sie zu bleiben und das mit dem Heiraten, das wird sich sicher geben, später, wenn beide gross sind.

Sigrid Zeevaert hat eine Geschichte geschrieben, in der sich wohl alle Leserinnen und Leser wiederfinden werden, ganz egal wie alt sie sind. Es geht um Liebe, um Nähe und Distanz, es geht um Abgrenzung, um Freundschaft und Neid. Die Autorin beschreibt Emmas Gefühlsdurcheinander in einer einfachen, aber treffenden Sprache, die schon ganz kleine Kinder verstehen werden. Die gute Gliederung des Inhalts und die grosse Nähe zu dem, was Kinder bestens kennen, machen dieses Buch zu einem idealen Vorlesebuch für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Sigrid Zeevaert: Emma ist doch eben ein Glückskind. Mit farbigen Bildern von Sabine Büchner. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-18431-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Februar 2017

01.02.2017 by

kondomDudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen
Anton ist 13 Jahre alt und seit jeher der Kleinste in der Klasse. Und abstehende, grosse Ohren, das hat er auch. Nicht gerade gute Voraussetzungen um in der Schule gross Eindruck machen zu können. Eines Tages, Anton flickt gerade seinen gerissenen Fahrradschlauch, bemerkt sein Vater mit einem Grinsen im Gesicht: «Gummis sind eben nicht immer reissfest.» Anton wird klar, dass er kein gewolltes Kind war, ein Kondomunfall quasi. Diese Tatsache bringt Anton dermassen ins Grübeln, dass seine Welt richtig in Schieflage gerät. Aber nicht nur er selber ist aus dem Takt, auch sein Papa macht einen unglücklichen Eindruck. Seit Mamas Tod hatte er nie mehr näheren Kontakt zu einer Frau. Anton ist überzeugt: Papa braucht dringend eine Abwechslung, sprich eine neue Frau. Da ist es gut, dass er Ine hat. Ine ist seine allerbeste Freundin, seit er denken kann. Die beiden machen sich also daran, für Antons Papa eine Frau zu finden. Das ist gar nicht so einfach: Was macht Menschen anziehend? Wie kann man sich verlieben? Es war dann schliesslich Ines Idee, Papa ausgerechnet für einen Strickkurs anzumelden. Ulla aus dem Strickkurs ist zwar nett, will aber am liebsten gleich einziehen und das Kommando übernehmen, das vor allem. Nein, so kommt das nicht gut. Wie das ganze Unterfangen schliesslich doch zu einem guten Ende findet, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Das alles nachzulesen macht nicht nur grossen Spass, man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei.
Gudrun Skretting ist eine norwegische Autorin und dies ihr erstes Kinderbuch. Bücher aus Norwegen sind oft etwas schräg. Das vorliegende Buch macht da keine Ausnahme. Es ist humorvoll, voll von unglaublichen Zufällen, spannend und doch auch überaus klug. Und wenn Ine und Anton über die Liebe diskutieren, wenn sie beide merken, wie wichtig sie füreinander sind, was Freundschaft ausmacht, dann ist das Buch stellenweise auch richtig weise. Der Text ist voll von passenden Metaphern, die muss man beim Lesen nicht unbedingt alle verstehen, es macht die Lektüre aber vielschichtiger, so dass auch geübte Leserinnen und Leser voll auf ihre Rechnung kommen. Ein Buch, das man gar nicht mehr weglegen mag für Kinder ab etwa 12 Jahren ebenso wie für Erwachsene.

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carlsen 2016. ISBN: 978-3-551-58370-3
Rezension: Maria Riss

Jo Cotterill: Eine Geschichte der Zitrone

13.12.2016 by

zitroneCalypso ist fast zwölf. Sie lebt mit ihrem Vater zusammen. Ihre Mutter ist gestorben, als Calypso fünf Jahre alt war. Calypso ist still. Sie hat ihre eigene Welt, lebt mit ihren vielen Büchern und einem Vater, der dauernd schreibt und alles um sich herum zu vergessen scheint. Wenn Calypso nicht wäre, er würde sogar nicht mal dran denken, etwas zu essen. Er schreibt ein Buch über Zitronen und züchtet die Pflanzen im Wintergarten. Und dann kommt Mae in Calypsos Klasse. Zum ersten Mal hat Calypso eine Art Freundin gefunden. Mae nimmt Calypso zu sich nach Haus und ganz allmählich wird Calypso bewusst, wie leer, trist und einsam ihr eigenes Zuhause ist. Wie lange sie nicht mehr gelacht hat, wie gut es tut, von einer Freundin in den Arm genommen zu werden. Ganz langsam brechen ihre Mauern ein, die sie sich seit dem Tod ihrer Mutter aufgebaut hat. Calypso kann endlich weinen, loslassen und um ihre Mutter trauern. Auch ihr Vater bekommt das mit. Calypso ist nicht mehr ständig daheim und sorgt für ihn. Calypso drängt ihn dazu, endlich etwas zu verändern. Aber Veränderungen sind schwer, aufgestaute Trauer endlich zuzulassen, das tut weh. Calypsos Vater hat immer gesagt, dass man nur in sich selber die nötige Stärke finden kann, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Calypso belehrt ihn auf sehr eindrückliche Art eines Besseren.
Konsequent aus der Sicht der zwölfjährigen Calypso beschreibt die Autorin eindringlich und in einer wunderbar einfachen, treffenden Sprache, wie schwer es Kinder haben, deren Eltern psychisch erkrankt sind. Wie viel auf ihren Schultern lastet. Es ist gut, dass Calypso nun eine Freundin hat und eine Lehrerin dazu, die ihr weiterhelfen. Man muss nicht alles alleine schaffen. Es ist auch gut, dass Calypso so viel und gerne schreibt. Ihr helfen die geschriebenen Zeilen, ihren Kummer zu verarbeiten. Die Geschichte dieses Aufbruchs nachzulesen, das ist sehr eindrücklich. «Eine Geschichte der Zitrone» gehört zu jenen Büchern, bei denen man sich die letzten Seiten aufspart, weil die Lektüre so berührend und wunderschön ist. Für Jugendliche und Erwachsene.

Jo Cotterill: Eine Geschichte der Zitrone. Königskinder 2016. ISBN: 978-3-551-56036-0

Rezension: Maria Riss

Salah Naoura: Chris, der grösste Retter aller Zeiten

20.11.2015 by

retterChris ist bald 12 Jahre alt. In der ganzen Schule ist er berühmt dafür, dass er Gutes tut. Er rettet einfach alles, angefangen bei der alten Oma, die fast unters Auto kommt, bis hin zu Spinnen und Schnecken, die in Todesgefahr schweben. Und dann kommt Titus, ein Neuer, in die Schule. Titus lässt sich einfach nicht helfen, ganz egal, ob bei den Hausaufgaben oder der Suche nach den richtigen Unterrichtsräumen. Aber dann findet Chris heraus, dass Titus in wirklich grossen Schwierigkeiten steckt: Seine Mama liegt seit Langem im Spital und sein Vater kümmert sich überhaupt nicht mehr um ihn und seinen kleinen Bruder Benni. Es ist klar, Titus muss geholfen werden, und zwar sofort. Gleichzeitig merkt Chris aber auch, dass in seiner eigenen Familie nicht alles zum Besten steht. Chris weiss zwar, dass er einmal einen Zwillingsbruder hatte, aber wie der kleine Bruder damals verstorben ist, über das wird in der Familie kein Wort verloren. Als Chris seinen Schulkameraden mit dem kleinen Bruder einfach mit zu sich nach Hause nimmt, bricht die sorgsam gehütete Eisschicht ein. Endlich sprechen die Familienmitglieder miteinander, endlich erfährt Chris die Wahrheit, endlich ist ein Neuanfang möglich. Chris hat seine Familie – und in gewisser Weise auch sich selbst – gerettet.

Der deutschsyrische Autor Salah Naoura – unter anderem Träger des Peter-Härtling-Preises und des Jahres-LUCHS – erzählt in prägnanten Bildern, atmosphärisch dicht und sehr spannend. Selten hat es ein Autor so meisterhaft hingekriegt, ein so weises Buch mit so vielen Botschaften zu schreiben, ohne dass man beim Lesen all dies wirklich wahrnimmt. Die Geschichte ist humorvoll, locker geschrieben und die Lektüre so unterhaltsam, dass man das Buch kaum weglegen mag. Einmal mehr beweist Salah Naoura, dass er zu den ganz wichtigen Autoren der modernen Kinderliteratur gehört. Weil es sich lohnt, über all die versteckten Weisheiten miteinander zu diskutieren, eignet sich das Buch sehr gut zum Vorlesen für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Salah Naoura: Chris, der grösste Retter aller Zeiten. Beltz 2015. ISBN: 978-3-407-81198-1

Rezension: Maria Riss

Christa Ludwig: Ein Schatz für Bingo

20.11.2015 by

bingoCecilia, Jona und Yannick, das sind drei ganz dicke Freunde. Nun ist es aber so, dass Bingo, der Hund von Cecilia, sehr krank ist und operiert werden sollte. Dafür braucht man ganz viel Geld. Die Eltern sind nicht bereit, für den alten Hund so viel auszugeben, zumal Papa eben seine Stelle verloren hat. Die drei Freunde geben aber nicht so schnell auf. Sie organisieren einen Flohmarkt. Dafür brauchen sie möglichst viele alte Sachen vom Estrich Jona entdeckt dort den Zettel zuerst, es ist ein Hinweis auf einen versteckten Schatz. Die Suche erweist sich allerdings als ganz schön knifflig, da alle weiteren Hinweise zum Finden des Verstecks in verschiedenen Geheimschriften notiert sind. Ob die drei das Geld zusammenbekommen, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Spass macht das Entziffern der geheimen Botschaften den Lesenden mit Sicherheit.

Eine Erstlesegeschichte, die sich sehr wohltuend von den gängigen Reihen unterscheidet. Der Plot bietet nicht nur Spannung, da steckt auch viel Sprachwitz drin und Ideen, wie man mit Sprache spielen kann. Für Kinder ab 8 Jahren.

Christa Ludwig: Ein Schatz für Bingo. Verlag Freies Geistesleben 2015. ISBN: 978-3-7725-2605-3

Rezension: Maria Riss

Ciara Flood: Bruno und die Nervkaninchen

20.11.2015 by

brunoBruno ist nicht mehr der Jüngste, er ist ein alter Bär, der am liebsten seine Ruhe hat, der tagein tagaus im gleichen Trott leben will und Veränderungen überhaupt rein gar nicht mag. Aber dann zieht im Nachbarhaus eine Kaninchenfamilie ein. Kaninchenfamilien sind in aller Regel ziemlich gross und ziemlich laut. Schon am ersten Tag bitten die Kaninchen Bruno um Hilfe: Sie brauchen Honig, um einen Kuchen zu backen. Aber Bruno behält seinen Honig lieber für sich. Auch beim Holzhacken will er nicht helfen und Bücherlesen mit den Kaninchen, das will er schon gar nicht. Die Kaninchen allerdings lassen nicht locker. Mit einer wunderschönen Überraschung gelingt es ihnen, den alten Griesgram aus seiner Deckung zu locken. Und schliesslich sieht auch Bruno ein: Manchmal kann das Zusammensein mit andern der Seele so wunderbar wohltun.

Die Geschichte ist so simpel, wie das Leben eben manchmal spielt. Kinder lieben solche Geschichten, weil die Handlung linear verläuft und auch voraussehbar ist, weil es grossen Spass macht, Brunos Geschimpfe in Bild und Text nachzulesen und weil der Plot so wunderbar harmonisch endet.

Eine unbeschwerte Geschichte mit humorvollen Bildern, die sich sehr gut erzählen lässt. Für Kinder ab etwa 4 Jahren.

Ciara Flood: Bruno und die Nervkaninchen. Kerle 2015. ISBN: 978-3-451-71300-2

Kim Sang-Keun: Wenn du Sorgen hast, rolle einen Schneeball

02.11.2015 by

maulwurfOma Maulwurf hat mal gesagt: «Wenn du Sorgen hast, kleiner Maulwurf, dann roll sie alle einfach in einen Schneeball». Grossmutter war klug und deshalb beginnt der kleine Maulwurf mit dem Rollen eines Schneeballs. Laut sagt er seine grösste Sorge vor sich her. «Ich will Freunde haben.» So vertieft ist er in seine Arbeit, dass er gar nicht merkt, dass er einen Frosch einrollt. Immer grösser wird der Schneeball, bald ist auch ein Hase eingerollt. Der kleine Maulwurf ist dermassen beschäftigt mit dem schweren Schnee, dass er sogar einen Fuchs und einen Bären einrollt. Endlich macht er Halt, er braucht eine Pause. Da hört er Hilferufe aus seinem immens grossen Schneeball. Schnell gräbt sich der kleine Maulwurf in seine grosse Schneekugel und siehe da, er muss seine Freunde einfach nur aus dem Schnee buddeln. Grossmutter hatte mal wieder Recht!
Kinder werden diese Geschichte lieben, weil sie so viel klüger sind als der kleine Maulwurf, weil sie wissen, was als Nächstes passiert und weil sich die Szenen über mehrere Seiten hinweg wiederholen. Ein herrliches Bilderbuch, in dem sich Bild und Text wunderbar ergänzen. Weil die Geschichte so einfach und linear aufgebaut ist, können schon ganz kleine Kinder ab etwa 4 dem Geschehen folgen.

Kim Sang-Keun: Wenn du Sorgen hast, rolle einen Schneeball. Beltz 2015. ISBN: 978-3-407-82091-4

Rezension: Maria Riss

Erin Jade Lange: Halbe Helden

08.09.2015 by

heldenAuf dem Heimweg passiert es mal wieder. Der 16-jährige Dane verspürt ein Kribbeln in den Händen, so stark, dass er einen eingebildeten Lackaffen-Mitschüler einfach verhauen muss. Aber da schaut jemand zu, eindringlich und mit offenem Mund. Dane würde am liebsten schon wieder zuschlagen, hält aber inne und meint «Du hast Glück: Ich schlage keine Mongos». Aber der Zuschauer Billy lässt Dane nicht einfach weggehen. Er will um alles in der Welt, dass Dane ihn künftig zur Schule begleitet. Er fordert dies laut, eindringlich und mit grosser Beharrlichkeit. Denn Dane ist stark und Billy wird oft von andern geschlagen und fertig gemacht, mit Dane an der Seite würde er sicher zur Schule gehen können. Dane hat vor kurzem die letzte Warnung erhalten: Noch eine Schlägerei und er fliegt von der Schule. Und so kommt es, dass Dane vom Schuldirektor eine letzte Chace bekommt: Wenn er gut auf Billy aufpasst und ihn täglich auf dem Schulweg begleitet, darf er an der Schule bleiben. Und den Abschluss machen, das will Dane auf jeden Fall. Dane findet diesen Billy anfangs ziemlich grausam nervig, aber Billy hat ihn in der Hand. Dane muss tun, was Billy will. Billy will lernen, wie man kämpft, wie man sich wehrt und Billy will seinen Vater finden, das vor allem. Ganz allmählich entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen dem ungleichen Paar. Dane ist endlich einer, der Billy ernst nimmt, der sich traut, auch unangenehme Dinge zu sagen, obwohl sein Gegenüber unter den Down Syndrom leidet. Dane behandelt Billy ganz ohne Mitleid. Billy wiederum hat ein sehr feines Gespür dafür, was wirklich in Dane vorgeht, weshalb er sich immerzu schlagen muss. Als sich die beiden schliesslich ein Auto schnappen, um Billys Vater zu suchen, da wird die Geschichte erst richtig spannend.
«Halbe Helden» ist ein wunderbares Jugendbuch, dem man ganz viele Leserinnen und Leser wünscht. Da ist Dane, ein Schläger mit einem butterweichen Innenleben und Billy, der eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tun kann, der aber durch seine Beharrlichkeit oft zum Stärkeren der beiden avanciert. Die beiden sind wirklich nur halbe Helden, aber genau dieser Umstand ist der Grund, weshalb man sie beim Lesen so lieb gewinnt. Und es ist die ungewöhnliche und doch so starke Freundschaft zwischen einem Schlägertypen und einem Jungen mit Down Syndrom, von der so eindringlich erzählt wird. Stellenweise erinnert der Plot an Sequenzen aus dem Film «Ziemlich beste Freunde» und das war ein Film, der alle berührte, zugleich aber auch gute Laune machte. Ein Lesevergnügen für Jugendliche und Erwachsene.

Erin Jade Lange: Halbe Helden. Magellan 2015. ISBN: 978-3-7348-5010-3

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats August

01.08.2015 by

tess

Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Samuel ist einer, der über alles nachdenken muss. Ein Träumer, einer, der im Vergleich zu andern 10-Jährigen zwar zu klein geraten ist, dafür aber mit ganz grossen Gedanken durchs Leben geht. Er ist mit seinen Eltern in den Ferien auf der niederländischen Insel Texel. Gleich am ersten Tag lernt er durch einen Zufall Tess kennen. Tess ist etwa gleich alt. Und Tess ist ein durch und durch ungewöhnliches Mädchen. Sie lebt bei ihrer Mutter und interessiert sich für sehr seltsame Dinge. Fürs Walzertanzen beispielsweise, fürs Holzschnitzen oder für alte Jazzplatten. Samuel ist von diesem seltsamen Mädchen völlig fasziniert und hilft ihr mit grosser Tatkraft bei all ihren Unternehmungen. Beide Kinder verbinden nicht nur ihre ungewöhnlichen Ideen, sie beide denken auch viel übers Leben nach. Bei Samuel ist es das Thema «Sterben». Erst kürzlich war er zum ersten Mal auf einer Beerdigung. Tess wiederum beschäftigt sich mit dem Thema «Vater». Sie hat ohne Wissen ihrer Mutter heimlich recherchiert und herausgefunden, wer ihr Vater ist. (Er tanzt gern Walzer, interessiert sich fürs Schnitzen und liebt alte Jazzplatten). Mit viel List und einigen Schummeleien hat es Tess doch tatsächlich fertig gebracht, dass ihr Vater eine Ferienwoche auf der Insel verbringt. Da will Tess ihn heimlich beobachten, da will Tess herausfinden, ob sie diesen Mann auch wirklich als Vater haben will. Da ist es von grossem Vorteil, dass Samuel hier ist, dass sie jemanden hat, der beim Testen und beim Nachdenken hilft.

Das vorliegende Buch ist eine ganz wunderschöne, spannende, turbulente und aussergewöhnliche Feriengeschichte. Da ist einerseits der wirklich spannende Plot, da sind aber auch die vielen Gedanken der beiden Protagonisten, die zum Nachdenken anregen. Samuel beispielsweise beschäftigt die Frage, ob der letzte Dinosaurier wohl wusste, dass er der letzte seiner Art war und ob das Sterben für ihn deshalb weniger schlimm war. Tess wiederum überlegt, wie wichtig Väter sind und ob sie diesen für sie fremden Mann wirklich kennenlernen will. Und wenn Samuel tief in die Pünktchenaugen von Tess guckt, dann bietet dieses Buch auch eine erste, zarte Liebesgeschichte. Ein ganz besonderes Lese- und Vorlesevergnügen, eine Geschichte, die gute Laune macht für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess. Carlsen 2015. ISBN: 978-3-551-55099-6

Rezension: Maria Riss