Rose Lagercrantz / Eva Eriksson: Glücklich ist, wer Dunne kriegt

23.08.2018 by

Dunnes allerliebste beste Freundin Ella Frida ist weggezogen. Nach Norrköping. Es ist Winter und Ella Frida hat bald Geburtstag. Dunne will unbedingt als besondere Überraschung hinfahren. Aber Papa ist in Italien, Grossmutter hat Freundinnen eingeladen und Opas Auto, das ist kaputt. Aber Dunne ist doch schon gross, sie kann selber mit dem Zug dahinfahren. Norrköping ist ja gar nicht weit. Dunne ist gut darin, Leute rumzukriegen. Sie bettelt so lange, bis Oma schliesslich einwilligt, mit ihr zum Bahnhof geht und Dunne in den richtigen Zug setzt. Dunne kommt wohlbehalten in Norrköpng an. Nur steht da niemand am Bahnhof, es ist ganz schrecklich kalt und hört gar nicht mehr auf zu schneien. Wie Dunne zu guter Letzt wieder heimkommt und wie sie ihre liebste Freundin doch noch trifft, das ist spannend und wunderschön nachzulesen.
«Glücklich ist, wer Dunne kriegt» ist bereits der sechste Band um Dunne und ihre Freundin Ella Frida. Rose Lagercrantz (Text) und Eva Eriksson (Bilder) beweisen auch in diesem Buch, wie sehr sie sich in Kinder einfühlen können. In einer einfachen Sprache und skizzenhaften, ausdrucksstarken schwarzweiss Illustrationen erzählen sie die Geschichte dieser tiefen Freundschaft. Beim Text- und Bilderlesen kommt man Dunne, ihrem liebevollen und doch so sturen Wesen sehr nahe. Dunne weiss, was sie will, setzt sich durch, auch wenn ihre Vorhaben nicht immer von Erfolg gekrönt sind. Dies werden viele Kinder aus eigener Erfahrung kennen. Alle Bände können unabhängig voneinander gelesen werden und bei allen Bänden lohnt sich die Lektüre gleichermassen. Zum Lesen und Vorlesen für Kinder ab etwa 6 Jahren.

Rose Lagercrantz / Eva Eriksson: Glücklich ist, wer Dunne kriegt. Moritz 2018. ISBN: 978-3-89565-369-8

Rezension: Maria Riss

Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat

23.08.2018 by

Man glaubt es zwar nicht, aber ist tatsächlich so: Oma hat mit der Maus zweimal Klick! Klick! gemacht und jetzt geht das Internet nicht mehr. Oma und Opa passen heute auf die drei Kinder auf, Luisa die älteste, kann plötzlich keine Musik mehr hören, der zehnjährige Max kann keine Games mehr spielen und Tiffany, gerade mal sechs Jahre alt, versucht das Ganze irgendwie zu verstehen. Plötzlich benehmen sich alle ganz anders, als gewohnt. Mama und Papa kommen viel früher heim und als es klingelt, steht da ein völlig verstörter Pizzabote vor der Tür, der sich ohne Navi-App verlaufen hat. Das passt gar nicht schlecht, Hunger hat mittlerweile nämlich die ganze Familie. Und als Opa sein altes Kofferradio hervorsucht, ein Relikt, das die Kinder noch nie gesehen haben, können sie alle die Nachrichten und sogar Musik hören. Und sie erfahren, dass das Internet tatsächlich auf der ganzen Welt wegen Omas Klick! Klick! kaputt gegangen ist. Obwohl Oma sich deswegen sehr schämt, wird dieser Abend einmalig schön. Tiffany findet es fast ein bisschen schade, als spätabends ein IT-Techniker klingelt, zum Computer marschiert und den Schaden behebt.
Marc-Uwe Kling ist Kabarettist, vielleicht ist dies der Grund, dass dieses Buch so überaus lustig zu lesen ist. Er erzählt das ganze Drama aus der Sicht der kleinen Tiffany, die irgendwie versucht zu verstehen, was das Internet eigentlich ist. Es ist gut, dass in Büchern so vieles möglich ist und dass man bei dieser Geschichte selber zu überlegen beginnt, wie das Leben ohne Computer überhaupt noch funktionieren würde. Das vorliegende Buch bringt nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene mit Sicherheit zum Lachen. Ein «Gute-Laune-Buch» also, zum Lesen oder Vorlesen für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-51679-4
Rezension: Maria Riss

Burny Bos / Hans de Beer: Familie Maulwurf voll in Fahrt

23.08.2018 by

In einzelnen, wirklich sehr kurzen Geschichten und mit vielen, ganz wundervollen farbigen Bildern untermalt, wird hier vom Alltag der Familie Maulwurf erzählt. Ein paar Beispiele: Da sind die Zwillinge Mats und Mia, die ein Baumhaus bauen wollen. Natürlich kommt Papa dazu und kann das alles viel besser. Während die Kinder bald darauf vor dem Fernseher sitzen, baut Papa eine echt geniale Baumhütte und lädt die Familie schliesslich doch wenigstens zur Einweihung ein. Ein andermal kommt Oma zu Besuch. Stolz zeigt sie den Zwillingen ihre eben erhaltene Kreditkarte. «Damit kann man einfach alles kaufen», meint Oma stolz. Nur am Stand des Eisverkäufers kommt sie damit nicht weit. Alles kein Problem, Oma hat ihre Blockflöte dabei, gibt ein Konzert und bald ist genug Kleingeld fürs Eis in ihrem Hut. Oder dann wird berichtet, wie die Zwillinge freiwillig den ganzen Abwasch erledigen. Sie tragen das schmutzige Geschirr einfach in den Garten, mit dem Gartenschlauch geht das alles doch sehr viel schneller. Mama und Papa Maulwurf werden eigentlich nie richtig böse, auch diesmal nicht. Ganz im Gegenteil, bald spritzen sie sich alle gegenseitig nass und geniessen diesen Abwasch so richtig.
Hans de Beer und Burny Bos verstehen ihr Fach, das vorliegende Bilder- und Erzählbuch wird Kindern begeistern: Man kann immer wieder lachen und es gibt in den wunderschönen Bildern viele Details zu entdecken. Das Buch eignet sich sehr gut für kleinere Kinder, weil die über vierzig Geschichten so kurz und einfach sind und weil sie von einem Familienalltag erzählen, den alle wohl bestens kennen. Ein Erzähl-und Entdeckerbuch für Kinder ab etwa 4 Jahren.

Burny Bos / Hans de Beer: Familie Maulwurf voll in Fahrt. Aus dem Niederländischen von Sonja Fiedler-Tresp. WooW Books im Atrium Verlag 2018. ISBN: 978-3-96177-020-5

Rezension: Maria Riss

Tamara Bos: Romys Salon

31.07.2018 by

Romy ist 10 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Ort in Holland. Erst kürzlich haben sich ihre Eltern getrennt und Papa fehlt ihr sehr. Mama hat einen Job bei der Tankstelle und muss dauernd arbeiten. Romy geht nach der Schule immer zu Oma in deren Frisiersalon. Aber Oma macht es einem nicht leicht, sie gern zu haben. Oma ist Geschäftsfrau und Romy muss stundenlang alleine oben in der Wohnung sitzen. Oma ist streng und unnahbar. Aber dann
beginnt Oma sich zu verändern. Plötzlich ist sie für ziemlich verrückte Sachen zu haben, dreht dafür das Schild an der Ladentür einfach auf geschlossen. Auf einmal nimmt sie ihre Enkelin öfters in den Arm. Manchmal hat Oma Mühe mit dem Rechnen, vergisst die Türen abzuschliessen oder verlegt ihre Tageseinnahmen. Romy mag diese neue Oma viel lieber. Jetzt freut sie sich sogar, ihre freie Zeit im Salon zu verbringen, vor allem auch, weil sie nun mithelfen darf. Ohne ihre Enkelin wäre Oma ganz schön aufgeschmissen. Schliesslich drängt Mama darauf, mit Oma zum Arzt zu gehen. Die Diagnose steht schnell fest: Oma ist dement. Da helfen keine Pillen oder Therapien. Oma muss ins Pflegeheim. Romy kann sich damit nicht abfinden, zu lieb hat sie ihre Oma mittlerweile gewonnen. In letzter Zeit erzählt Oma viel von ihrer Kindheit, vom Strand in Dänemark. Und wenn sie davon berichtet, dann lächelt Oma und manchmal rinnt ihr eine Träne über die Wange. Weil sich nie jemand die Zeit nimmt, mit ihr zu reden, muss Romy handeln. Man darf Oma doch nicht einfach wegsperren. Sie packt ihren Rucksack, leert ihre Spardose und holt Oma aus dem Heim. Oma soll noch einmal diesen Strand sehen, koste es was es wolle. Erst als Romys Eltern ihre Tochter nach dieser abenteuerlichen Flucht wieder in ihre Arme schliessen, hören die Eltern endlich zu. Und Romy wird bewusst, dass Veränderungen nicht immer schön sind, aber dass sie zum Leben dazu gehören.
Tamara Bos beherrscht ihr Metier, das beweist sie mit dieser wunderschön feinfühligen Geschichte einmal mehr. Romy erzählt das Geschehen in einer einfachen und doch präzisen Sprache aus ihrer Perspektive. Man kommt der so mutigen Zehnjährigen sehr nahe und man gewinnt, gemeinsam mit Romy, diese altersschwache Oma lieb. Obwohl das Thema ja im Grunde sehr traurig ist, kann man beim Lesen auch immer wieder lächeln und man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen und richtet sich an Kinder ab etwa 10 Jahren.
Die Autorin hat zu dieser Geschichte auch gleich ein Drehbuch verfasst, der Film wird noch in diesem Jahr produziert.

Tamara Bos: Romys Salon. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5626-0

 

Buch des Monats Juni 2018

08.06.2018 by

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht
Emilia ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie alleine und heimlich nach New York fliegt. Mithilfe einer der Kreditkarten ihres Papas war das kein so grosses Problem. Als sie spät abends ihr bereits bezahltes Appartement beziehen will, stellt sich heraus, dass es dieses Appartement gar nicht gibt. An der Adresse trifft sie nur Seth, einen etwa gleichaltrigen Jungen, und seine kleine Schwester Abby. Emilia steht also mit ihrem grossen Koffer wieder alleine auf der Strasse, müde ist sie und kalt ist ihr auch. Bei Jim, einem ziemlich bekifften und kaum mehr ansprechbaren Jungen, findet sie schliesslich Unterschlupf in einem Abbruchhaus. Diese Nacht wird ein einziger Albtraum, weil Emilia, immer so sehr auf Sauberkeit und Ordnung bedacht, in dieser völlig verdreckten Absteige kaum ein Auge schliessen kann. Am nächsten Morgen herrscht in ganz New York Alarmstimmung. Ein Wirbelsturm nähert sich der Stadt. Emilia wendet sich in ihrer Not an die beiden einzigen Menschen, mit denen sie schon einigermassen normal hatte sprechen können, an den Jungen Seth und seine Schwester Abby. Beide lassen Emilia und schliesslich auch Jim nach einigem Zögern in die Wohnung. Weil ihre Mutter für ein paar Tage verreist ist, haben sie Platz. Mit Emilias Kreditkarte lassen sich Vorräte einkaufen und die vier verschanzen sich in der Wohnung. Dann bricht der Sturm mit aller Kraft los, das Haus wackelt und bald gehen auch alle Lichter aus. Die vier müssen zusammenrücken, ob sie wollen oder nicht. So nah mit andern zusammen kann Emilia ihren Sauberkeits-Zwang nicht länger verheimlichen, und sie verrät jetzt auch den Grund ihrer Flucht nach New York: Ihr Vater, Schuldirektor an ihrer Schule, hatte mit einer Schülerin ein Verhältnis. Dies ist erst kürzlich durch die sozialen Medien ans Licht gekommen. Aber jetzt gilt es erstmal, diesen Hurrikan gemeinsam zu überleben. Alle vier wachsen in dieser Situation über sich hinaus. Und in den langen Gesprächen während der dunklen Sturmnächte lernt Emilia eine völlig neue Art von Freundschaft und Geborgenheit kennen. Und das tut unsagbar gut.
Anna Woltz hat einen in jeder Beziehung sehr spannenden Roman geschrieben. Da ist die äusserliche Spannung, dieser Hurrikan, der bei allen grosse Angst auslöst und der so viel Überlebenskunst, Solidarität und Ideenreichtum erfordert. Da ist aber auch die innere Spannung von Emilia, wie kann sie ihre Zwänge meistern, wie soll sie sich gegenüber ihren Eltern verhalten? Einfach wegzulaufen, das kann ja nicht die Lösung sein. Da hilft die grosse Anteilnahme der andern in diesem Hurrikan-Asyl, die zarten Zeichen einer ersten Liebe zu Seth, die Erkenntnis, dass sie selber sehr viel stärker ist, als sie es jemals vermutet hätte. «Hundert Stunden Nacht» ist ein Buch, das vor allem junge Mädchen mit Sicherheit begeistern wird, weil es so viele aktuelle Themen auf eine sehr spannende und doch auch humorvolle Weise anspricht. Für Lesende ab etwa 14 Jahren.

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-58348-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats April 2018

02.04.2018 by

familieGerda Raidt: Meine ganze Familie
Was den Urmenschen und mich verbindet
Das vorliegende Sachbuch widmet sich der Geschichte der Menschen und wie wir alle eigentlich auf irgendeine Weise miteinander verwandt sind. Ein grosser Stammbaum findet sich gleich auf der zweiten Doppelseite, schon da wird deutlich, wie viele Leute zur eigenen Familie gehören können und wie gross das Wirrwarr wird, je weiter man in der Vergangenheit zurückgeht. Die Grosseltern kennt man ja in aller Regel noch, aber wie ist das mit den Ururgrosseltern? Und vielleicht ist es ja so, dass man die eigenen schwarzen Locken irgendeiner Urgrosstante aus Südafrika zu verdanken hat oder das Talent zum Lernen von Sprachen dem Grossonkel, der ein berühmter Sprachwissenschaftler war. Auf jeden Fall haben alle Menschen ihre Wurzeln in der Vergangenheit und diese Vergangenheit bestimmt unser Leben in der Gegenwart. Junge Leserinnen und Leser wiederum werden die Zukunft und unsere Nachfahren bestimmen, mit diesem Thema befasst sich der letzte Abschnitt des so übersichtlich gestalteten Buchs.
Das grossformatige, sehr gut verständliche Sachbilderbuch lädt zum Verweilen, zum Nachdenken und vielleicht auch zum Nachforschen ein: Ein bisschen Ahnenforschung, ein bisschen Philosophie und ein Nachdenken darüber, dass Menschen zwar sehr verschieden sein können, aber dass uns auch, weil wir alle Teil der Geschichte sind, vieles verbindet. Die wunderbar farbigen, eindrücklichen und detailreichen Bilder helfen, dass bereits jüngere Kinder sich das alles besser vorstellen können. Ein Bilderbuch, das in viele Kinderzimmer und unbedingt in jede Bibliothek gehört. Für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Gerda Raidt: Meine ganze Familie.Was den Urmenschen und mich verbindet. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82343-4

Rezension: Maria Riss

 

Mina Teichert: Ich wollt ich wär ein Kaktus

01.03.2018 by

katLu ist etwa 12 Jahre alt. Ihre Lieblingspflanzen sind Kakteen und sie hat auch eine recht imposante Sammlung davon in ihrem Zimmer stehen. Lu mag diese stacheligen Pflanzen nicht nur besonders gern, sie benimmt sich oft auch ziemlich «kaktusmässig». Zwischen Mama und Papa lief alles schief, deshalb ist Lu mit ihrer Mama zu Oma Käthe aufs Land gezogen. Nein, einfach ist das nicht: Eine neue Umgebung, eine Schule, wo man niemanden kennt, dann der Bauer Jo, in den sich Mama ganz offenbar verknallt hat. Da ist es nicht verwunderlich, dass Lu ihre Stacheln zeigt. Sie tut alles, um den Bauernfreund ihrer Mutter zu vergraulen und gerät damit in ziemliche Schwierigkeiten. Es ist gut, dass sie in der Schule bald Freunde findet, die der impulsiven Lu immer mal wieder aus dem Schlammassel helfen. Und Kakteen sind ja nicht nur stachelig, sondern auch sehr zäh, halten einiges aus und manchmal, da blühen sie sogar. Blühen, das tut Lu vor allem dann, wenn Julian in der Nähe ist und oder sie gar zum Eis essen einlädt.
Mina Teichert weiss, wie das Innenleben Pubertierender aus dem Gleichgewicht geraten kann. Ihre Protagonistin benimmt sich stellenweise wirklich unmöglich. Trotzdem gewinnt man sie beim Lesen lieb, weil man vieles verstehen kann und weil Lu eine solch eindrückliche Kämpferin ist. Sie setzt ihre Stacheln nicht nur für ihre eigenen Bedürfnisse ein,  sondern auch ganz stark für andere. Und diese zarte Annäherung an Julian, die ist so nah dran an der Realität, dass auch bei erwachsenen  Leserinnen alte Erinnerungen hochkommen. Das Buch ist ein Leservergnügen für Mädchen im gleichen Alter.

Mina Teichert: Ich wollt ich wär ein Kaktus. Thienemann-Esslinger, Reihe Planet 2018. ISBN: 978-3-522-50592-5

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2018

01.03.2018 by

meerLauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Die Geschichte spielt im Jahr 1925 auf den Elisabeth-Inseln vor der Küste Massachusetts.
Vor fast zwölf Jahren, als der alte Osh am Meer stand, entdeckte er ein kleines Boot vor der Küste. Erst beim Näherkommen sah er das kleine Baby darin, fest und warm eingepackt, aber mutterseelenallein. Er nannte das kleine Mädchen Crow. Seither leben die beiden zusammen auf dieser kleinen abgeschiedenen Insel, in einer einfachen Hütte, aber im Einklang mit der Natur. Crow fehlt es an nichts, sie ist glücklich und liebt den alten Osh über alles. Auch Miss Maggie, eine nette Frau von der Nachbarinsel, kümmert sich um Crow, bringt ihr das Lesen und Schreiben bei und eine ganze Menge über Heilkräuter und den Umgang mit Tieren. Als Crow etwa 12 Jahre ist, beginnt sie mit den Fragen: Sie will wissen, woher sie kommt, will herausfinden, wer ihre Eltern sind und weshalb sie in einem alten Kahn ausgesetzt wurde. Osh hat zwar grosse Angst, seine geliebte Pflegetochter zu verlieren, aber er versteht ihren Wunsch und hilft bei der Suche, wo er nur kann. Die Nachforschungen erweisen sich nicht nur als abenteuerlich, sondern auch als gefährlich. Was am Schluss zur Gewissheit wird, macht eher traurig, denn niemand aus Crows Familie ist noch am Leben. Trotzdem war die Suche wertvoll, weil Crow dabei gelernt hat, was im Leben wirklich wichtig ist. Und dass man mit liebevollen Menschen an seiner Seite, auch sehr schwierige Dinge überstehen kann.
Die Geschichte begeistert vor allem durch die so gelungene Beschreibung der Figuren und deren warmherzige, feinfühlige Beziehung zueinander.  In einer wundervoll umsichtigen Sprache erzählt die Autorin von Crows Suche nach ihrer Identität, aber auch vom kargen und einfachen Leben in dieser unwirtlichen Gegend. Dies beeindruckt und berührt gleichermassen.  Leserinnen und Leser erhalten zudem einen Einblick in das Leben  jener Zeit und erfahren einen Teil der amerikanischen Geschichte, den kaum jemand kennt. Ein spannendes, anspruchsvolles und wunderbar stilles Buch, dessen Figuren und auch die Handlung lange nachhallen. Für Jugendliche.

Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. dtv Reihe Hanser 2018. ISBN: 978-3-423-64035-0

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Dezember 2017

28.11.2017 by

ricoAndreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch
Rico sagt von sich, tiefbegabt zu sein. Sein bester Freund ist der hochbegabte Oskar. Beide wohnen nun an der Dieffe 93. Mama hat den Bühl, den nettesten Polizisten Berlins geheiratet und sie hat jetzt einen so dicken Bauch, als hätte sie einen Wasserball verschluckt und trägt sehr weite Klamotten wegen der Umstände. Es ist der 24. Dezember und Rico muss unbedingt zusammen mit Oskar nochmals zu Karstadt. Wegen den Geschenken. Seit einiger Zeit hat sich Ricos Tiefbegabung echt gebessert, er könnte, wenn es sein muss, auch ganz alleine zum Kaufhaus laufen und würde den Weg zurück wohl auch wieder finden. Aber mit Oskar macht Einkaufen sehr viel mehr Spass. Unterwegs kommen sie an einem Hinterhof vorbei, den beide möglichst ignorieren. Zu viele schöne und auch enttäuschende Erinnerungen kommen hoch. Die beiden kaufen also ihre Geschenke und kämpfen sich durch den hohen Schnee heim. Aber Rico lassen die Erinnerungen an den Sommer im Hinterhof nicht mehr los, und er erzählt sie seinen Leserinnen und Lesern nach und nach. Unterdessen tobt draussen ein richtig heftiger Schneesturm. Niemand traut sich mehr raus. Auch an der Dieffe 93 geht so ziemlich alles drunter und drüber und keiner weiss, wie dieser verrückte Tag noch enden wird. Plötzlich stehen da auch frühere Freunde vom Hinterhof vor der Tür und die wieder wegzuschicken, das geht bei diesem Wetter beim besten Willen nicht.  Rico und Oskar, die helfen fleissig mit am Wirbeln und am Hochhergehen und zu guter Letzt, da gibt es zwei riesengrosse Überraschungen, so richtig Vomhimmelhoch, mit denen wirklich an diesem Abend niemand gerechnet hätte.
Wer gute Laune braucht, nehme dieses Buch zur Hand. Ganz egal, wie alt man ist. Man spürt schier in jeder Zeile, wie viel Spass der Autor am Schreiben hatte und genauso geht es den Leserinnen und Lesern. Man geniesst jedes einzelne Wort, fiebert mit und lacht immer wieder zwischendurch. Und dann kommt dieses wunderfantastische Ende, das man sich genauso erträumt hat. Andreas Steinhöfel ist ein wunderbar einfühlsamer Beobachter, ein Sprachkünstler, ein in jeder Beziehung begnadeter Erzähler. Er hat seiner grossen Leserschaft mit diesem Buch ein einmalig schönes Weihnachtsgeschenk gemacht. Für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch. Mit Illustrationen von Peter Schössow. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-55665-3

Rezension: Maria Riss

Angie Thomas: The Hate U Give

31.10.2017 by

angieDie sechzehnjährige Starr lebt in einem Viertel der Stadt, in dem hauptsächlich Afroamerikaner mit kriminellem Hintergrund zuhause sind.  Sie besucht aber eine weisse Privatschule ausserhalb und versucht beide Welten möglichst strikt auseinanderzuhalten. Das Leben im Viertel ist gefährlich. All diese Jugendlichen mit schlechter Schulbildung, die keinen Job, keine Zukunft haben, sind besonders gefährdet auf eine schiefe Bahn zu geraten. Sie wollen raus aus diesem Elend, endlich richtig Kohle machen und nehmen dafür auch illegale Wege in Kauf . Starrs Vater will im Viertel wohnen bleiben, immer wieder meint er: «Wenn alle ehrlichen Leute wegziehen, wird es nur noch schlimmer. Man muss diesen Jugendlichen vorleben, dass es auch anders geht, jemand muss sich um sie kümmern, ihnen ihre Chance aufzeigen.» Und dann passiert es: Auf dem Heimweg von einer Party muss Starr mitansehen, wie ihr allerbester Freund Khalil neben seinem Auto erschossen wird. Von einem weissen Polizisten, ohne Vorwarnung, mitten auf der Strasse. Und Khalil war unschuldig, es war bloss eine Haarbürste, die der Polizist für eine Schusswaffe hielt. Aber jetzt sind diese Schüsse gefallen und Starr ist die einzige, die alles aus nächster Nähe beobachtet hat. Sie muss als Zeugin aussagen. Aber damit bringt sie sich und ihre Familie in Gefahr, denn ein Drogenboss und die Polizei setzen die Familie unter Druck. Bald wird in allen Medien über den Vorfall berichtet. Starr gerät zwischen die Fronten. Sie besucht eine weisse Schule, hat einen weissen Freund, lebt aber in dieser Gemeinschaft der Schwarzen, die sich alle gegenseitig helfen und füreinander in jeder noch so schlimmen Situation da sind. Es gibt grosse Demonstrationen, nicht nur im Viertel, sondern in der ganzen Stadt. Die Gewalt eskaliert und Starrs Familie muss zu Verwandten flüchten.  Wie soll das alles nur weitergehen?
Angie Thomas hat ein wunderbares Buch geschrieben. Es sind vor allem die Protagonisten, die sie so treffend und lebendig beschrieben hat. Allen voran natürlich Starr, ihr Ringen um Gerechtigkeit, ihr unbändiger Wille, sich gegenüber allen Formen von Rassismus zu wehren. Dann aber auch Starrs Eltern, der raubeinige und doch so liebevolle Vater, der sich mit dem weissen Freund seiner Tochter anfangs so schwer tut und für seine Vision einer besseren Welt bis an die Grenzen geht.  Ihm gegenüber Starrs Mama, die Sicherheit für ihre Familie fordert, die raus will, aus diesem schrecklich gefährlichen Viertel. Und doch schaffen es die beiden, nicht nur ihre Beziehung, sondern auch die Familie beisammen zu halten. Beeindrucken nachzulesen ist auch der grosse Zusammenhalt im Viertel, der oft grobe und doch so fürsorgliche Umgang miteinander. Kein Wunder, dass es dieses Buch auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times-Bestenliste geschafft hat. Das berührende Buch zu einem äusserst aktuellen Thema macht beim Lesen stellenweise Gänsehaut, es sei Jugendlichen und Erwachsenen wärmstens empfohlen.

Angie Thomas: The Hate U Give. Aus dem Amerikanischen  von Henriette Zeltner.  cbt 2017. ISBN: 978-3570164822

Rezension: Maria Riss