Buch des Monats Juni 2018

08.06.2018 by

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht
Emilia ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie alleine und heimlich nach New York fliegt. Mithilfe einer der Kreditkarten ihres Papas war das kein so grosses Problem. Als sie spät abends ihr bereits bezahltes Appartement beziehen will, stellt sich heraus, dass es dieses Appartement gar nicht gibt. An der Adresse trifft sie nur Seth, einen etwa gleichaltrigen Jungen, und seine kleine Schwester Abby. Emilia steht also mit ihrem grossen Koffer wieder alleine auf der Strasse, müde ist sie und kalt ist ihr auch. Bei Jim, einem ziemlich bekifften und kaum mehr ansprechbaren Jungen, findet sie schliesslich Unterschlupf in einem Abbruchhaus. Diese Nacht wird ein einziger Albtraum, weil Emilia, immer so sehr auf Sauberkeit und Ordnung bedacht, in dieser völlig verdreckten Absteige kaum ein Auge schliessen kann. Am nächsten Morgen herrscht in ganz New York Alarmstimmung. Ein Wirbelsturm nähert sich der Stadt. Emilia wendet sich in ihrer Not an die beiden einzigen Menschen, mit denen sie schon einigermassen normal hatte sprechen können, an den Jungen Seth und seine Schwester Abby. Beide lassen Emilia und schliesslich auch Jim nach einigem Zögern in die Wohnung. Weil ihre Mutter für ein paar Tage verreist ist, haben sie Platz. Mit Emilias Kreditkarte lassen sich Vorräte einkaufen und die vier verschanzen sich in der Wohnung. Dann bricht der Sturm mit aller Kraft los, das Haus wackelt und bald gehen auch alle Lichter aus. Die vier müssen zusammenrücken, ob sie wollen oder nicht. So nah mit andern zusammen kann Emilia ihren Sauberkeits-Zwang nicht länger verheimlichen, und sie verrät jetzt auch den Grund ihrer Flucht nach New York: Ihr Vater, Schuldirektor an ihrer Schule, hatte mit einer Schülerin ein Verhältnis. Dies ist erst kürzlich durch die sozialen Medien ans Licht gekommen. Aber jetzt gilt es erstmal, diesen Hurrikan gemeinsam zu überleben. Alle vier wachsen in dieser Situation über sich hinaus. Und in den langen Gesprächen während der dunklen Sturmnächte lernt Emilia eine völlig neue Art von Freundschaft und Geborgenheit kennen. Und das tut unsagbar gut.
Anna Woltz hat einen in jeder Beziehung sehr spannenden Roman geschrieben. Da ist die äusserliche Spannung, dieser Hurrikan, der bei allen grosse Angst auslöst und der so viel Überlebenskunst, Solidarität und Ideenreichtum erfordert. Da ist aber auch die innere Spannung von Emilia, wie kann sie ihre Zwänge meistern, wie soll sie sich gegenüber ihren Eltern verhalten? Einfach wegzulaufen, das kann ja nicht die Lösung sein. Da hilft die grosse Anteilnahme der andern in diesem Hurrikan-Asyl, die zarten Zeichen einer ersten Liebe zu Seth, die Erkenntnis, dass sie selber sehr viel stärker ist, als sie es jemals vermutet hätte. «Hundert Stunden Nacht» ist ein Buch, das vor allem junge Mädchen mit Sicherheit begeistern wird, weil es so viele aktuelle Themen auf eine sehr spannende und doch auch humorvolle Weise anspricht. Für Lesende ab etwa 14 Jahren.

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-58348-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats April 2018

02.04.2018 by

familieGerda Raidt: Meine ganze Familie
Was den Urmenschen und mich verbindet
Das vorliegende Sachbuch widmet sich der Geschichte der Menschen und wie wir alle eigentlich auf irgendeine Weise miteinander verwandt sind. Ein grosser Stammbaum findet sich gleich auf der zweiten Doppelseite, schon da wird deutlich, wie viele Leute zur eigenen Familie gehören können und wie gross das Wirrwarr wird, je weiter man in der Vergangenheit zurückgeht. Die Grosseltern kennt man ja in aller Regel noch, aber wie ist das mit den Ururgrosseltern? Und vielleicht ist es ja so, dass man die eigenen schwarzen Locken irgendeiner Urgrosstante aus Südafrika zu verdanken hat oder das Talent zum Lernen von Sprachen dem Grossonkel, der ein berühmter Sprachwissenschaftler war. Auf jeden Fall haben alle Menschen ihre Wurzeln in der Vergangenheit und diese Vergangenheit bestimmt unser Leben in der Gegenwart. Junge Leserinnen und Leser wiederum werden die Zukunft und unsere Nachfahren bestimmen, mit diesem Thema befasst sich der letzte Abschnitt des so übersichtlich gestalteten Buchs.
Das grossformatige, sehr gut verständliche Sachbilderbuch lädt zum Verweilen, zum Nachdenken und vielleicht auch zum Nachforschen ein: Ein bisschen Ahnenforschung, ein bisschen Philosophie und ein Nachdenken darüber, dass Menschen zwar sehr verschieden sein können, aber dass uns auch, weil wir alle Teil der Geschichte sind, vieles verbindet. Die wunderbar farbigen, eindrücklichen und detailreichen Bilder helfen, dass bereits jüngere Kinder sich das alles besser vorstellen können. Ein Bilderbuch, das in viele Kinderzimmer und unbedingt in jede Bibliothek gehört. Für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Gerda Raidt: Meine ganze Familie.Was den Urmenschen und mich verbindet. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82343-4

Rezension: Maria Riss

 

Mina Teichert: Ich wollt ich wär ein Kaktus

01.03.2018 by

katLu ist etwa 12 Jahre alt. Ihre Lieblingspflanzen sind Kakteen und sie hat auch eine recht imposante Sammlung davon in ihrem Zimmer stehen. Lu mag diese stacheligen Pflanzen nicht nur besonders gern, sie benimmt sich oft auch ziemlich «kaktusmässig». Zwischen Mama und Papa lief alles schief, deshalb ist Lu mit ihrer Mama zu Oma Käthe aufs Land gezogen. Nein, einfach ist das nicht: Eine neue Umgebung, eine Schule, wo man niemanden kennt, dann der Bauer Jo, in den sich Mama ganz offenbar verknallt hat. Da ist es nicht verwunderlich, dass Lu ihre Stacheln zeigt. Sie tut alles, um den Bauernfreund ihrer Mutter zu vergraulen und gerät damit in ziemliche Schwierigkeiten. Es ist gut, dass sie in der Schule bald Freunde findet, die der impulsiven Lu immer mal wieder aus dem Schlammassel helfen. Und Kakteen sind ja nicht nur stachelig, sondern auch sehr zäh, halten einiges aus und manchmal, da blühen sie sogar. Blühen, das tut Lu vor allem dann, wenn Julian in der Nähe ist und oder sie gar zum Eis essen einlädt.
Mina Teichert weiss, wie das Innenleben Pubertierender aus dem Gleichgewicht geraten kann. Ihre Protagonistin benimmt sich stellenweise wirklich unmöglich. Trotzdem gewinnt man sie beim Lesen lieb, weil man vieles verstehen kann und weil Lu eine solch eindrückliche Kämpferin ist. Sie setzt ihre Stacheln nicht nur für ihre eigenen Bedürfnisse ein,  sondern auch ganz stark für andere. Und diese zarte Annäherung an Julian, die ist so nah dran an der Realität, dass auch bei erwachsenen  Leserinnen alte Erinnerungen hochkommen. Das Buch ist ein Leservergnügen für Mädchen im gleichen Alter.

Mina Teichert: Ich wollt ich wär ein Kaktus. Thienemann-Esslinger, Reihe Planet 2018. ISBN: 978-3-522-50592-5

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2018

01.03.2018 by

meerLauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Die Geschichte spielt im Jahr 1925 auf den Elisabeth-Inseln vor der Küste Massachusetts.
Vor fast zwölf Jahren, als der alte Osh am Meer stand, entdeckte er ein kleines Boot vor der Küste. Erst beim Näherkommen sah er das kleine Baby darin, fest und warm eingepackt, aber mutterseelenallein. Er nannte das kleine Mädchen Crow. Seither leben die beiden zusammen auf dieser kleinen abgeschiedenen Insel, in einer einfachen Hütte, aber im Einklang mit der Natur. Crow fehlt es an nichts, sie ist glücklich und liebt den alten Osh über alles. Auch Miss Maggie, eine nette Frau von der Nachbarinsel, kümmert sich um Crow, bringt ihr das Lesen und Schreiben bei und eine ganze Menge über Heilkräuter und den Umgang mit Tieren. Als Crow etwa 12 Jahre ist, beginnt sie mit den Fragen: Sie will wissen, woher sie kommt, will herausfinden, wer ihre Eltern sind und weshalb sie in einem alten Kahn ausgesetzt wurde. Osh hat zwar grosse Angst, seine geliebte Pflegetochter zu verlieren, aber er versteht ihren Wunsch und hilft bei der Suche, wo er nur kann. Die Nachforschungen erweisen sich nicht nur als abenteuerlich, sondern auch als gefährlich. Was am Schluss zur Gewissheit wird, macht eher traurig, denn niemand aus Crows Familie ist noch am Leben. Trotzdem war die Suche wertvoll, weil Crow dabei gelernt hat, was im Leben wirklich wichtig ist. Und dass man mit liebevollen Menschen an seiner Seite, auch sehr schwierige Dinge überstehen kann.
Die Geschichte begeistert vor allem durch die so gelungene Beschreibung der Figuren und deren warmherzige, feinfühlige Beziehung zueinander.  In einer wundervoll umsichtigen Sprache erzählt die Autorin von Crows Suche nach ihrer Identität, aber auch vom kargen und einfachen Leben in dieser unwirtlichen Gegend. Dies beeindruckt und berührt gleichermassen.  Leserinnen und Leser erhalten zudem einen Einblick in das Leben  jener Zeit und erfahren einen Teil der amerikanischen Geschichte, den kaum jemand kennt. Ein spannendes, anspruchsvolles und wunderbar stilles Buch, dessen Figuren und auch die Handlung lange nachhallen. Für Jugendliche.

Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. dtv Reihe Hanser 2018. ISBN: 978-3-423-64035-0

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Dezember 2017

28.11.2017 by

ricoAndreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch
Rico sagt von sich, tiefbegabt zu sein. Sein bester Freund ist der hochbegabte Oskar. Beide wohnen nun an der Dieffe 93. Mama hat den Bühl, den nettesten Polizisten Berlins geheiratet und sie hat jetzt einen so dicken Bauch, als hätte sie einen Wasserball verschluckt und trägt sehr weite Klamotten wegen der Umstände. Es ist der 24. Dezember und Rico muss unbedingt zusammen mit Oskar nochmals zu Karstadt. Wegen den Geschenken. Seit einiger Zeit hat sich Ricos Tiefbegabung echt gebessert, er könnte, wenn es sein muss, auch ganz alleine zum Kaufhaus laufen und würde den Weg zurück wohl auch wieder finden. Aber mit Oskar macht Einkaufen sehr viel mehr Spass. Unterwegs kommen sie an einem Hinterhof vorbei, den beide möglichst ignorieren. Zu viele schöne und auch enttäuschende Erinnerungen kommen hoch. Die beiden kaufen also ihre Geschenke und kämpfen sich durch den hohen Schnee heim. Aber Rico lassen die Erinnerungen an den Sommer im Hinterhof nicht mehr los, und er erzählt sie seinen Leserinnen und Lesern nach und nach. Unterdessen tobt draussen ein richtig heftiger Schneesturm. Niemand traut sich mehr raus. Auch an der Dieffe 93 geht so ziemlich alles drunter und drüber und keiner weiss, wie dieser verrückte Tag noch enden wird. Plötzlich stehen da auch frühere Freunde vom Hinterhof vor der Tür und die wieder wegzuschicken, das geht bei diesem Wetter beim besten Willen nicht.  Rico und Oskar, die helfen fleissig mit am Wirbeln und am Hochhergehen und zu guter Letzt, da gibt es zwei riesengrosse Überraschungen, so richtig Vomhimmelhoch, mit denen wirklich an diesem Abend niemand gerechnet hätte.
Wer gute Laune braucht, nehme dieses Buch zur Hand. Ganz egal, wie alt man ist. Man spürt schier in jeder Zeile, wie viel Spass der Autor am Schreiben hatte und genauso geht es den Leserinnen und Lesern. Man geniesst jedes einzelne Wort, fiebert mit und lacht immer wieder zwischendurch. Und dann kommt dieses wunderfantastische Ende, das man sich genauso erträumt hat. Andreas Steinhöfel ist ein wunderbar einfühlsamer Beobachter, ein Sprachkünstler, ein in jeder Beziehung begnadeter Erzähler. Er hat seiner grossen Leserschaft mit diesem Buch ein einmalig schönes Weihnachtsgeschenk gemacht. Für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch. Mit Illustrationen von Peter Schössow. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-55665-3

Rezension: Maria Riss

Angie Thomas: The Hate U Give

31.10.2017 by

angieDie sechzehnjährige Starr lebt in einem Viertel der Stadt, in dem hauptsächlich Afroamerikaner mit kriminellem Hintergrund zuhause sind.  Sie besucht aber eine weisse Privatschule ausserhalb und versucht beide Welten möglichst strikt auseinanderzuhalten. Das Leben im Viertel ist gefährlich. All diese Jugendlichen mit schlechter Schulbildung, die keinen Job, keine Zukunft haben, sind besonders gefährdet auf eine schiefe Bahn zu geraten. Sie wollen raus aus diesem Elend, endlich richtig Kohle machen und nehmen dafür auch illegale Wege in Kauf . Starrs Vater will im Viertel wohnen bleiben, immer wieder meint er: «Wenn alle ehrlichen Leute wegziehen, wird es nur noch schlimmer. Man muss diesen Jugendlichen vorleben, dass es auch anders geht, jemand muss sich um sie kümmern, ihnen ihre Chance aufzeigen.» Und dann passiert es: Auf dem Heimweg von einer Party muss Starr mitansehen, wie ihr allerbester Freund Khalil neben seinem Auto erschossen wird. Von einem weissen Polizisten, ohne Vorwarnung, mitten auf der Strasse. Und Khalil war unschuldig, es war bloss eine Haarbürste, die der Polizist für eine Schusswaffe hielt. Aber jetzt sind diese Schüsse gefallen und Starr ist die einzige, die alles aus nächster Nähe beobachtet hat. Sie muss als Zeugin aussagen. Aber damit bringt sie sich und ihre Familie in Gefahr, denn ein Drogenboss und die Polizei setzen die Familie unter Druck. Bald wird in allen Medien über den Vorfall berichtet. Starr gerät zwischen die Fronten. Sie besucht eine weisse Schule, hat einen weissen Freund, lebt aber in dieser Gemeinschaft der Schwarzen, die sich alle gegenseitig helfen und füreinander in jeder noch so schlimmen Situation da sind. Es gibt grosse Demonstrationen, nicht nur im Viertel, sondern in der ganzen Stadt. Die Gewalt eskaliert und Starrs Familie muss zu Verwandten flüchten.  Wie soll das alles nur weitergehen?
Angie Thomas hat ein wunderbares Buch geschrieben. Es sind vor allem die Protagonisten, die sie so treffend und lebendig beschrieben hat. Allen voran natürlich Starr, ihr Ringen um Gerechtigkeit, ihr unbändiger Wille, sich gegenüber allen Formen von Rassismus zu wehren. Dann aber auch Starrs Eltern, der raubeinige und doch so liebevolle Vater, der sich mit dem weissen Freund seiner Tochter anfangs so schwer tut und für seine Vision einer besseren Welt bis an die Grenzen geht.  Ihm gegenüber Starrs Mama, die Sicherheit für ihre Familie fordert, die raus will, aus diesem schrecklich gefährlichen Viertel. Und doch schaffen es die beiden, nicht nur ihre Beziehung, sondern auch die Familie beisammen zu halten. Beeindrucken nachzulesen ist auch der grosse Zusammenhalt im Viertel, der oft grobe und doch so fürsorgliche Umgang miteinander. Kein Wunder, dass es dieses Buch auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times-Bestenliste geschafft hat. Das berührende Buch zu einem äusserst aktuellen Thema macht beim Lesen stellenweise Gänsehaut, es sei Jugendlichen und Erwachsenen wärmstens empfohlen.

Angie Thomas: The Hate U Give. Aus dem Amerikanischen  von Henriette Zeltner.  cbt 2017. ISBN: 978-3570164822

Rezension: Maria Riss

Lizzie Wilcock: Brennender Durst

04.09.2017 by

durstKaranda ist auf der Fahrt zu ihrer neuen Pflegefamilie, als es passiert. Das Auto kommt von der Strasse ab, der Fahrer scheint tot zu sein und Karanda haut ab, so schnell sie ihre Füsse tragen. Sie will endlich frei sein, auch wenn sie dafür diese gottverdammte Wüste durchqueren muss. Karanda ist aber nicht allein, Solomon, ein achtjähriger Junge sass ebenfalls im Wagen und weicht ihr nicht von der Seite, ganz egal, wie sehr sie ihn wegschickt, ausschimpft und beleidigt. Dieser Weg durch die Wüste ist so hart, dass beide immer wieder an ihre Grenzen stossen. Als Karanda, um nicht zu verhungern, ein Kaninchen töten muss beispielsweise oder als plötzlich ein Unwetter losbricht und beide schier in den Wasserfluten ertrinken. Vom schrecklichen Durst und der sengende Hitze ganz zu schweigen. Bald ist Karanda froh, Solomon an ihrer Seite zu wissen, weil dieser sich in vielen Situationen besser zu helfen weiss. Während dieser Wanderschaft brechen bei Karanda und auch bei Solomon viele alte Narben wieder auf. Schlimme Erlebnisse bei den zahlreichen verschiedenen Pflegefamilien und auch die ständige Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme. Es ist ein Weg in die Vergangenheit, vielleicht eine Art Läuterung, den die beiden durchmachen müssen, damit Neues möglich wird. Ganz zum Schluss, als die beiden kaum mehr weiter wissen, taucht dann auch wirklich ein Helikopter am Horizont auf.
«Brennender Durst» ist ein sehr vielschichtiger und packender Roman. Da ist einerseits dieser lebensgefährliche Trip durch die Wüste, genauso faszinierend ist aber andrerseits der Blick in die Vergangenheit dieser beiden Pflegekinder und das allmählich aufkeimende gegenseitige Vertrauen. Die Geschichte ist überaus spannend, aber gleichermassen auch berührend. In einer schlichten und treffenden Sprache hat die australische Autorin Lizzie Wilcock ein fantastisches Buch geschrieben, das einem bis zur letzten Seite in Bann zieht und das unter die Haut geht. Für Jugendliche und Erwachsene.

Lizzie Wilcock: Brennender Durst. Manchmal musst du verloren gehen, um gefunden zu werden. Aus dem australischen Englisch von Friederike Levin. Beltz 2017. ISBN: 978-3-407-82300-7

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats September 2017

01.09.2017 by

 

heidiAlexa Hennig von Lange: Mein Sommer als Heidi

Islas Mutter hat grosse Pläne. Sie will nach Ibiza reisen, dort eine kleine Finka mieten und dann ihre elfjährige Tochter nachholen. Ein neues Leben plant sie dort, will Muschelketten herstellen und an die vielen Touristen verkaufen. Ja, und bis in Ibiza alles geklärt ist, soll Isla bei ihrem alten Opa in den Bergen leben. Per Mitfahrzentrale geht es von Berlin in die Schweiz. Isla kennt ihren Opa überhaupt nicht und als sie da oben in der Berghütte ankommt, möchte sie am liebsten sofort wieder abhauen. Bei Opa gibt es immer nur Käse und Brot zu essen, zur Schule muss Isla ganz weit den Berg runter laufen, und Handyempfang gibt es in dieser armseligen Hütte auch nicht. Isla fühlt sich weggeschoben, im Stich gelassen und einsam. Trotz allem, Isla ist stärker als sie sich dies selbst je zugetraut hätte. Schon bald lernt sie nette Leute im Dorf kennen, allen voran den gleichaltrigen Peter, der ihr nicht nur endlich das Schwimmen beibringt. Auch Opa scheint mit jedem Tag zugänglicher zu werden. Ganz allmählich fühlt sich Isla bei diesen netten Schweizern fast ein bisschen daheim. Das ist gut so, denn ihre Mutter lässt sich in Ibiza Zeit und meldet sich über Wochen einfach nicht. In diesem Sommer lernt Isla nicht nur, wie man Geissen wieder sicher ins Tal bringt, sie lernt auch viel über sich selbst und kommt einem lang gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur.

Dieses Heidi-Sommerbuch ist überaus unterhaltsam, spannend, in einer  lockeren und doch präzisen Sprache geschrieben und voll von unerwarteten Wendungen. Es gibt wohl kaum einen Kinderroman, in dem die Gefühle und die Stimmungen eines Mädchens beim Beginn der Pubertät so treffend beschrieben sind. Das ständige Auf und Ab, die Faszination des andren Geschlechts, die dauernde Suche nach der eigenen Identität. Isla schafft all diese Wirrungen mit Bravour und am Ende dieses einmaligen Sommers hat sie ein gutes Stück an Einsicht und Selbstbewusstsein dazugewonnen. Ein Buch, dem man möglichst viele Leserinnen ab etwa 11 Jahren wünscht.

Alexa Hennig von Lange: Mein Sommer als Heidi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18468-7

Rezension: Maria Riss

Ulf Nilsson / Eva Eriksson: Als wir allein auf der Welt waren

29.08.2017 by

weltDer kleine Erzähler, ein etwa 6-jähriger Junge, hat eben gelernt, die Uhrzeit zu lesen. Er ist im Kindergarten und jetzt ist es schon drei Uhr und sein Vater ist noch immer nicht gekommen, um ihn abzuholen! Der Junge hat Angst und stellt sich die schlimmsten Dinge vor, zum Beispiel dass seine Eltern von einem Lastwagen überfahren wurden. So macht er sich traurig auf den Weg, um seinen kleineren Bruder abzuholen. Er wird sich ganz, ganz fest um den Kleinen kümmern. Daheim angekommen, ist die Haustüre abgeschlossen. Deshalb bauen die beiden aus Holzlatten eine Hütte. Mit Moos und Blättern machen sie sich zwei Betten. Sogar ein Fernseher wird aus einer Schachtel gebastelt und der Ältere erzählt darin gleich selber eine Geschichte für seinen kleinen Bruder. Schliesslich holen sie bei den Nachbarn Eier und die nötigen Zutaten, um einen Kuchen zu backen. Aber die Angst wird immer schlimmer. Haben die Eltern die beiden Buben verlassen? Müssen sie nun für immer alleine zurechtkommen? Als der kleine Erzähler von seinen Gefühlen schier überwältigt wird und seine Geschichten immer trauriger werden, stehen plötzlich die Eltern vor der Hütte. Auch sie haben sich riesige Sorgen um ihre beiden Kinder gemacht. Endlich wird auch klar, weshalb die Kinder nicht abgeholt wurden: Der kleine Erzähler hat das mit dem Lesen der Uhrzeiten wohl doch noch nicht so ganz richtig verstanden.
Was sich in dieser Geschichte abspielt, das kennen alle Kinder: Es ist die Angst, seine Eltern zu verlieren. Eva Eriksson spiegelt in den zarten Illustrationen die verschiedenen emotionalen Zustände der vermeintlichen Waisenkinder ganz wunderbar wieder, mal sind sie stolz darauf, was sie selber geschafft haben, mal überwiegt die riesengrosse Angst, die Eltern kämen nie mehr zurück. Im Text wird deutlich, wie viel Kraft entstehen kann, wenn man sich um jemanden kümmert und sich für Kleinere verantwortlich fühlt. Diese tiefsinnige und doch schlichte Geschichte eignet sich sehr gut zum Erzählen für Kinder ab dem Kindergartenalter.

Ulf Nilsson / Eva Eriksson: Als wir allein auf der Welt waren. Moritz, 2. Auflage 2010. ISBN: 978-3-89565-212-7

Rezension: Anita Fehr

 

Buch des Monats Juli 2017

01.07.2017 by

inselSally Nicholls: Eine Insel für uns allein

Holly ist 13 Jahre alt und Vollwaise, der Vater starb, als sie sechs war, die Mutter fünf Jahre später. Sie lebt mit ihren beiden Brüdern zusammen. Jonathan, 20 Jahre, hat das Sorgerecht für Holly und das jüngste der Geschwister, den siebenjährigen Davy. Die drei sind eine eingeschworene Gemeinschaft, alle übernehmen Verantwortung füreinander. Jonathan hat sein Studium geschmissen, um Geld zu verdienen, und er denkt sich fast jeden Abend eine neue Geschichte zum Einschlafen für seine Geschwister aus. Holly sorgt dafür, dass Davy rechtzeitig zur Schule kommt und holt ihn jeden Tag auch dort wieder ab. So schaffen die drei den Alltag gar nicht mal so schlecht. Wenn nur diese ewige Sorge ums Geld nicht wäre. Und dann stirbt Tante Irene, diese stinkreiche, etwas merkwürdige alte Dame. Sie hat den Geschwistern ihren ganzen Schmuck vermacht, nur weiss niemand, wo sie diese wertvollen Stücke versteckt hat. Kurz vor ihrem Tod hat die Tante ihrer Nichte Holly ein kleines Fotoalbum mit merkwürdigen Bildern überreicht. Holly ist überzeugt, dass diese Bilder das Versteck des Schmucks verraten. Niemand will das so recht glauben und Jonathan, der ältere Bruder, schon gar nicht. Aber Holly ist hartnäckig, mit dem Schmuck wären die drei ihre finanziellen Nöte los. Sie setzt sich durch und die drei fahren mit ihrem allerletzten Geld auf eine schottische Insel. Und hier, schier am Ende der Welt, da bekommt Holly recht – manchmal, da muss man im Leben einfach ein bisschen stur sein.
Sally Nichols erzählt in einer klaren, schlichten Sprache konsequent aus der Perspektive von Holly. Holly macht sich viele Gedanken, nicht nur über das Geld und die Schmucksuche, auch darüber, was Waisenkinder von anderen unterscheidet, ab wann man erwachsen ist oder wie man die eigene Angst am besten bezwingen kann. Die Autorin hat es geschafft, eine sehr berührende Entwicklungsgeschichte mit einem überaus spannenden Abenteuerroman zu verflechten. Mit diesem Buch ist ihr ein kleines Meisterwerk geglückt, das Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen sei.

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv 2017. ISBN: 978-3-423-64028-2

Rezension: Maria Riss