Buch des Monats Juli 2017

01.07.2017 by

inselSally Nicholls: Eine Insel für uns allein

Holly ist 13 Jahre alt und Vollwaise, der Vater starb, als sie sechs war, die Mutter fünf Jahre später. Sie lebt mit ihren beiden Brüdern zusammen. Jonathan, 20 Jahre, hat das Sorgerecht für Holly und das jüngste der Geschwister, den siebenjährigen Davy. Die drei sind eine eingeschworene Gemeinschaft, alle übernehmen Verantwortung füreinander. Jonathan hat sein Studium geschmissen, um Geld zu verdienen, und er denkt sich fast jeden Abend eine neue Geschichte zum Einschlafen für seine Geschwister aus. Holly sorgt dafür, dass Davy rechtzeitig zur Schule kommt und holt ihn jeden Tag auch dort wieder ab. So schaffen die drei den Alltag gar nicht mal so schlecht. Wenn nur diese ewige Sorge ums Geld nicht wäre. Und dann stirbt Tante Irene, diese stinkreiche, etwas merkwürdige alte Dame. Sie hat den Geschwistern ihren ganzen Schmuck vermacht, nur weiss niemand, wo sie diese wertvollen Stücke versteckt hat. Kurz vor ihrem Tod hat die Tante ihrer Nichte Holly ein kleines Fotoalbum mit merkwürdigen Bildern überreicht. Holly ist überzeugt, dass diese Bilder das Versteck des Schmucks verraten. Niemand will das so recht glauben und Jonathan, der ältere Bruder, schon gar nicht. Aber Holly ist hartnäckig, mit dem Schmuck wären die drei ihre finanziellen Nöte los. Sie setzt sich durch und die drei fahren mit ihrem allerletzten Geld auf eine schottische Insel. Und hier, schier am Ende der Welt, da bekommt Holly recht – manchmal, da muss man im Leben einfach ein bisschen stur sein.
Sally Nichols erzählt in einer klaren, schlichten Sprache konsequent aus der Perspektive von Holly. Holly macht sich viele Gedanken, nicht nur über das Geld und die Schmucksuche, auch darüber, was Waisenkinder von anderen unterscheidet, ab wann man erwachsen ist oder wie man die eigene Angst am besten bezwingen kann. Die Autorin hat es geschafft, eine sehr berührende Entwicklungsgeschichte mit einem überaus spannenden Abenteuerroman zu verflechten. Mit diesem Buch ist ihr ein kleines Meisterwerk geglückt, das Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen sei.

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv 2017. ISBN: 978-3-423-64028-2

Rezension: Maria Riss

Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete

18.06.2017 by

bienenWolf ist gut zwölf Jahre alt. Er ist ein angepasster Junge, fleissig, eher still, und er kümmert sich überaus liebevoll um seine kleinen Zwillingsschwestern. Wolfs Mom ist überzeugt, dass die Welt bald untergehen wird, weil sich niemand wirklich für die Umwelt, das Klima und all die bedrohten Tierarten einsetzt. Sie ist sich sicher, dass ihre Kinder keine Zukunft haben werden. Irgendwo muss man anfangen, meint sie, warum nicht mit Bienen, die für das Überleben der Menschheit absolut zentral sind? Wolfs Eltern beschliessen deshalb, mit der ganzen Familie eine Tour durch die Staaten zu machen. Ein alter Van wird gekauft, Mom näht Bienenkostüme für ihre Kinder, druckt Flyer und grosse Plakate und bereitet eine eindrückliche Präsentation vor. Früher als geplant, wird das Haus weitervermietet und die Reise geht los. Wolf will nicht fahren, sein Zuhause und all seine Schulfreunde zu verlassen, das ist so schwer. Dazu kommt, dass er absolut keine Lust hat, vor fremden Leuten aufzutreten, er ist eher scheu und dieses absolut dämliche Bienenkostüm zu tragen, ist ihm so was von peinlich. Aber Mom, die hört einfach nicht hin, zu wichtig ist ihr diese Fahrt. Auch Whisper, eine der kleinen Zwillingsschwestern, scheint diese Reise nicht zu gefallen. Sie spricht seit der Abfahrt kein einziges Wort mehr. Erst als Whisper auch kaum mehr isst, erst als Wolfs ältere Schwester einfach abhaut und der alte Van endgültig den Geist aufgibt, hört Mom endlich zu. Wolf macht ihr klar, dass sie mit ihrem Vorhaben zwar einen Beitrag zur Rettung der Welt leistet, dass sie dabei aber die Bedürfnisse ihrer Kinder vollkommen ignoriert hat. «Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete» ist nicht nur ein spannendes Buch, es sind auch die Figuren, deren Beschreibung der Autorin sehr treffend und differenziert gelungen ist. Es ist vor allem Wolf, dem man beim Lesen sehr nahe kommt. Man versteht seine Gedanken und Konflikte und man sorgt sich mit ihm um seine kleine Schwester, die an dieser Reise und den ständigen Auftritten vor Publikum zu zerbrechen droht. Durch diese Innensichten gewinnt die Geschichte nicht nur an Spannung und Dynamik, sondern es werden auch verschiedene Perspektiven rund um die Thematik eindrücklich geschildert und nachvollziehbar: Wo liegen die Grenzen zwischen den eigenen Zielen, den Bedürfnissen anderer und dem Engagement für eine gute Sache? Das Buch bietet neben der sehr eindrücklichen Handlung viel Gesprächs- und Diskussionsstoff und zwingt dazu, über eigene Haltungen und Handlungsweisen nachzudenken. Ein wunderschöner Roman, dem man viele jugendliche Leserinnen und Leser wünscht.

Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete. Aus dem Englischen von Bettina Münch. Rowohlt 2017. ISBN: 978-3-499-21782-1

Rezension: Maria Riss

 

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte

14.11.2016 by

gipsFitz (seit kurzem will sie nicht mehr Felicia genannt werden) ist 12 Jahre und drei Wochen alt. Sie ist zum ersten Mal in der Wohnung ihres Vaters. Ihre Eltern wollen sich scheiden lassen, das mit der ewigen Liebe hat bei ihnen wohl nicht hingehauen. Fitz findet es schrecklich, dass sich Menschen, die sich so geliebt haben, sich plötzlich trennen wollen. Fitz ist verzweifelt, ihre Welt ist aus den Fugen geraten und sie hat das Gefühl, niemand mehr habe sie lieb. Da sieht sie vom Fenster aus, wie Papa mit seinem Fahrrad hinfällt und mit ihm ihre kleinere Schwester Bente. Bente blutet wie verrückt, ihre eine Fingerkuppe liegt im Schnee. Bente muss sofort ins Krankenhaus und natürlich geht Fitz mit. Es dauert ewig, bis sie drankommen, es dauert den ganzen Tag, bis Bente ihre Fingerkuppe wieder angenäht bekommt. Fitz hat Zeit nachzudenken, Fitz hat auch Zeit, sich in diesem riesigen Krankenhaus umzuschauen und Leute kennenzulernen. Sie begegnet in den langen Gängen Adam, einem Jungen, der nicht nur toll aussieht, sondern auch sehr gut zuhören kann. Endlich kann sie mit jemandem reden und von ihrem Kummer berichten. Fitz und Adam besuchen dann gemeinsam nicht nur das viel zu früh geborene Brüderchen von Adam, sie klauen wegen besonderer Umstände auch Gips aus einem Behandlungszimmer, freunden sich mit der herzkranken Primula an und helfen der besonders netten Krankenschwester Yasmine, sich endlich zu verlieben. Wahnsinn, was man an einem einzigen Tag erleben kann, verrückt, wie viel klüger man abends sein kann, wenn man sich auf Menschen und Gespräche einlässt, findet Fitz. Sie hat nicht nur viel gelernt, sie hat sich wohl auch ein bisschen verliebt. Und dies ist ein völlig neues, aber einmalig schönes Gefühl.
Fitz hat eine ganze Menge Sorgen, aber Fitz ist eine, die etwas dagegen unternimmt. Frech ist sie stellenweise, sie schwindelt und kann sich total daneben benehmen. Aber sie ist mutig, setzt alle Hebel an, damit es ihr besser geht, bringt sogar einen Oberarzt dazu, über seine Jugend als Scheidungskind zu berichten. Und wenn sie sich mit Adam über die Liebe unterhält, über die Angst einen Menschen zu verlieren, dann ist Fitz sehr viel älter als gerade mal 12 Jahre und 3 Wochen, dann bringen die beiden Lesende zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Staunen. Anna Woltz greift ein ernsthaftes Thema auf, sie tut dies aber inhaltlich und sprachlich so glaubhaft und humorvoll, dass man beim Lesen gar nicht weiss, ob man lachen oder heulen soll. Eine ernsthaft vergnügliche und wunderbare Lektüre also für Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-55676-9

Rezension: Maria Riss

Jenny Valentine: Durchs Feuer

04.10.2016 by

feuerDie unscheinbare, 14-jährige Iris wächst bei ihrer Mutter Hannah und deren Freund Lowell auf. Diese beiden sind vollauf mit sich selbst und ihren Ambitionen im Showbusiness beschäftigt. Für Iris bleibt da keine Zeit. Über ihren Vater weiss Iris nichts, nur dass er sich seit über 14 Jahren nicht mehr hat blicken lassen. Iris beginnt, Feuer zu legen. Das ist ihre Möglichkeit, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung Ausdruck zu geben. Zum Glück gibt es da noch ihren unkonventionellen Freund Thorsten, mit dem sie Gespräche über Kunst, die Welt und ihre verrückte Familie führen kann.
Hals über Kopf packt Hannah aber dann plötzlich die Koffer und verlässt mit Iris und Lowell Amerika. Denn Iris und ihre Feuer haben sich für die Mutter zu einem echten Problem entwickelt, zudem drücken grosse Geldsorgen und hohe Schulden. In London trifft sich Hannah mit Ernest, dem Vater von Iris. Dieser ist unglaublich reich und soll der Familie nun aus dem Desaster helfen. Ernest selbst liegt im Sterben. Sein grösster Wunsch ist es, Iris kennen zu lernen. Der Roman schliesst mit einem virtuosen Ende, einer völlig unerwarteten Wendung.
Ein packender Jugendroman ab 14 Jahren, der in verschiedenen philosophischen Passagen dazu anregt, sich Gedanken zum Leben zu machen. Die Geschichte fordert auch dazu auf, sich mit einem eigensinnigen Mädchen und seinen Ansichten auseinanderzusetzen.

Jenny Valentine: Durchs Feuer. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-65020-5

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Salah Naoura: Tante Mel wird unsichtbar

03.10.2016 by

melLena ist etwa 9 Jahre alt. Ihre Tante Mel, die früher mal Zirkusartistin gewesen war und jetzt als Wahrsagerin arbeitet, ist für Lena die beste Tante der Welt. Aber dann verunglückt Tante Mel mit ihrem Auto, alle sind erschüttert, nur Lena trägt es mit Fassung. Tante Mel lebt nämlich halbmateriell und unsichtbar weiter. Und das ist gut so, denn Lena braucht ihre Tante momentan ganz besonders. Mama und Papa hatten ständig nur noch Streit und trennen sich gerade. Papa zieht zu einer andern Frau und Mama hat diesen oberdoofen Gino ins Haus geschleppt. Wann immer es nötig ist, steht Tante Mel Lena beratend zur Seite. Sie kommt zu Lena auf Gedankenbesuch, immer wieder. Gemeinsam finden Tante Mel und Lena auch heraus, dass dieser Gino nicht nur schrecklich unsympathisch ist, sondern es auch auf Mamas Geld und ihr Haus abgesehen hat. Gemeinsam mit Tante Mels alten Freunden aus dem Zirkus jagen die beiden Gino aus dem Haus. Und als Lena endlich einen Brief und ein Geschenk von Papa in Händen hält, da sieht es ganz so aus, als käme Lenas turbulentes, sorgenvolles Leben wieder in gemächlichere Bahnen.
Nein, mit Erwachsenen zusammenzuleben, das ist manchmal ganz schön schwierig und wenn sich die eigene Mutter in einen Heiratsschwindler verliebt erst recht. Salah Naoura ist ein Meister darin, kindliche Sorgen und Nöte so zu Papier zu bringen, dass das Lesen trotzdem grossen Spass macht. Obwohl der Autor den Plot mit viel Zug und Tempo geschrieben hat, werden Stimmungen und Gefühle so beschrieben, dass man sich als Leserin oder Leser mittendrin fühlt im Buchgeschehen. Vieles bleibt ungesagt und ist doch in der einfachen Sprache und den knappen Sätzen versteckt. «Tante Mel wird unsichtbar» eignet sich für Kinder ab etwa 9 Jahren, das Buch lässt sich wegen der spannenden Geschichte und den kurzen Kapiteln auch sehr gut vorlesen.

Salah Naoura: Tante Mel wird unsichtbar. Dressler, 2011. ISBN: 978-3-7915-1427-7

Rezension: Maria Riss

Annet Huizing: Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde

17.06.2016 by

wieKatinka ist dreizehn Jahre alt. Sie ist ein eher stilles Mädchen, hat aber eine grosse Leidenschaft: Sie schreibt fürs Leben gern und möchte unbedingt selber ein ganzes Buch schreiben. Am liebsten wäre sie bald eine so berühmte Schriftstellerin wie die alte Nachbarin Linda. Eines Tages im Sommer nimmt sie allen Mut zusammen und fragt Linda, ob sie ihr beim Schreiben nicht etwas helfen könne. Linda ist zu einem Deal bereit. Katinka soll ihr im Garten helfen, dafür liest sie Katinkas Texte. Linda ist eine hervorragende Beraterin. Sie erteilt Schreibaufträge, liest Katinkas Texte sehr kritisch, gibt ihr Mut dran zu bleiben und betont immer wieder das Allerwichtigste: Schreiben lernt man nur, indem man ganz viel schreibt. Katinka erzählt in ihren Texten Fragmente aus ihrem Leben. Zu Beginn eher harmlos, mit jeder Seite aber offener und eindringlicher. Sie erzählt von der neuen Freundin ihre Vaters, vom frühen Tod ihrer Mutter, sie berichtet von Erinnerungsstücken und sie tastet sich schliesslich schreibend endlich an all das, was immer noch so sehr weh tut. Katinka lernt in dieser Zeit nicht nur schreiben, sie lernt auch eine ganze Menge über sich selbst.

Annet Huizing hat in zweierlei Hinsicht ein beeindruckendes Buch geschrieben. Da ist einerseits Katinkas Geschichte, ihr eigentliches, erstes Buch. Es ist berührend und glaubhaft, weil Katinka Leserinnen und Leser unmittelbar teilhaben lässt an ihrem beschwerlichen, aber erfolgreichen Weg, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Gleichzeitig bietet das Buch eine wichtige Lektion darüber, was gute Literatur ausmacht. Worauf es ankommt und wie man Texte so schreiben kann, dass Lesende das wirklich Wichtige im Geschriebenen aber auch zwischen den Zeilen erfahren können. Ein wunderschönes Buch, das wohl eher junge Mädchen ansprechen wird, das aber auch im Literaturunterricht Verwendung finden kann.

Annet Huizing: Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. mixtvision 2016. ISBN: 978-3-95854-056-9

Rezension: Maria Riss

Dave Cousins: Warten auf Gonzo

23.05.2016 by

gonzoDer etwa 15-jährige Oz hat es nicht eben leicht. Seine leicht schrägen «Oeko-Künstler-Eltern» haben beschlossen, ein neues Leben auf dem Land zu beginnen. Oz und seine ältere Schwester müssen in dieses gottverlassene Kaff mit, da hilft gar nichts. Schon am ersten Tag in der neuen Schule vergeigt Oz fast alles, was man vergeigen kann. Ausgerechnet mit dem schwierigsten, stärksten Mädchen der Schule legt er sich an. Gut, dass es wenigstens einen Jungen namens Ryan gibt. Ein Aussenseiter zwar, aber einer, der Bescheid weiss, wie die Regeln an dieser Schule laufen. Oz hat nur einen Wunsch: Er will zurück nach London in seine alte Umgebung. Seine Schwester Meg scheint mit der Situation besser klar zu kommen, bis Oz eines Tages entdeckt, dass Meg schwanger ist. Die Eltern sind ausser sich, raten zur Abtreibung, aber Oz freut sich riesig und gibt dem kleinen Wesen auch gleich einen Namen – Gonzo. So wird dieses ungeborene Kind plötzlich real, was Meg dazu bringt, dass sie das Kind behalten will. Es ist Oz, der ihr in dieser schwierigen Zeit am meisten Unterstützung bietet. Oz ist zwar in vielerlei Hinsicht ein Tollpatsch, aber er ist kein Looser. Was er für seine Schwester und den ungeborenen Gonzo alles unternimmt und wie er es schliesslich schafft, sich auch an der Schule Anerkennung zu verschaffen, das ist ganz wunderbar nachzulesen.

Oz erzählt seine Geschichte gleich selber und er spricht dabei immer wieder «G» an. Zu Beginn weiss man beim Lesen nicht, wer hinter diesem «G» steckt, bis man den Namen des Babys in Megs Bauch erfährt. So wird man unmittelbar ins Buchgeschehen hineingezogen und das macht riesengrossen Spass. Oz ist ein so sympathischer, liebenswerter Kerl, der Lesende mit seinen Ideen, seinen Gedanken und seiner Erzählweise immer wieder zum Lachen und Schmunzeln bringt. Und ganz zum Schluss, da ist man einfach auch berührt, dass alles eine einigermassen gute Wendung nimmt und man freut sich zusammen mit Oz, den Eltern, mit Ryan und all den andern, dass das lange Warten auf Gonzo endlich ein Ende hat. Für Jugendliche.

Dave Cousins: Warten auf Gonzo. Aus dem Englischen von Anne Brauner. Verlag Freies Geistesleben 2016. ISBN: 3-978-7725-2779-1

Rezension: Maria Riss

Kim Slater: SMART oder Die Welt mit andern Augen

05.04.2016 by

smartKieran ist etwa 15 Jahre alt. Er lebt mit seiner ständig arbeitenden Mutter und einem immer betrunkenen und gewalttätigen Stiefvater zusammen. Kieran ist anders als die Jugendlichen in seinem Alter. Er geht zwar in die Schule der «Normalen», hat aber dort Frau Cane, die sich speziell um ihn kümmert. Er wird immer wieder zur Zielscheibe von Hohn und Spott. Kieran hat Asthma, er hat nervöse Zuckungen und er hat Mühe mit der Nähe zu andern. Aber Kieran ist überaus klug. Und er hat eine ganz aussergewöhnliche Begabung: Durch sein fotografisches Gedächtnis kann er akribisch genau zeichnen. Mit seinen Stiften gelingt es ihm, auch Gefühle und Stimmungen auf wunderbare Weise zu Papier zu bringen. Sein grosses Vorbild in Bezug auf die Malerei ist der englische Kunstmaler Lawrence Stephen Lowry.

Angefreundet hat sich Kieran mit den Obdachlosen unten am Flussufer. Dort bekommt er so etwas wie Liebe und ein bisschen Wärme. Und dann entdeckt er eines Morgens eine Leiche im Fluss. Ein Stadtstreicher ist ertrunken. Die Polizei scheint das wenig zu interessieren, das war wohl bloss ein Unfall. Kieran aber ist überzeugt, dass der alte Colin nicht einfach ins Wasser gefallen ist. Mit seiner guten Beobachtungsgabe, seinem Zeichenblock und einer ganzen Menge Mut macht er sich auf die Suche nach dem Mörder und kommt so seinem Traum, einmal ein berühmter Kriminaljournalist zu werden, ein ganzes Stück näher.

Kim Slater hat mit Kieran eine Figur geschaffen, der man beim Lesen sehr nahe kommt, obwohl Kieran sich oft so anders benimmt. Seine umwerfende Ehrlichkeit, die bei Erwachsenen oft Unmut auslöst, seine Hartnäckigkeit bei der Suche nach dem Verbrecher, sein Mut, sich für Wichtiges zu wehren, seine Liebe zur Malerei, das alles macht ihn zu einem besonderen, liebenswerten Helden. Geglückt ist der Autorin auch die Beschreibung des Milieus. Kieran lebt in einem dieser Vorstadtviertel, in dem Armut, Hoffnungslosigkeit und Gewalt vorherrschen. Man glaubt sich beim Lesen oft mittendrin, sieht die verkommenen Wohnblocks, die schmalen Wege dazwischen, die man niemals freiwillig in der Nacht benutzen würde. Die klare Zuordnung von Gut und Böse ist vielleicht ein bisschen plakativ geraten, der spannende Plot – gleich ab der ersten Seite – und die Figur von Kieran machen dies aber ohne Weiteres wett. Diese Mischung aus der grossen Spannung in der Handlung und der detailreichen Beschreibung der inneren Sichtweise des Protagonisten machen die Lektüre zum besonderen Erlebnis. Ein wunderbarer, berührender Debütroman für junge Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren.

Kim Slater: SMART oder Die Welt mit andern Augen. Aus dem Englischen von Uwe Michael Gutzschhahn. dtv 2016. ISBN: 978-3-423-76134-5

Rezension: Maria Riss

 

Antje Damm: PeterSilie

05.04.2016 by

petersiNick ist etwa 9 Jahre alt. Er wohnt zusammen mit seinen Eltern und dem älteren Bruder in einem kleinen Haus. Oma wohnt auch bei ihnen. Nick hat seine Oma sehr lieb. Sie kocht die besten Spätzle und sie ist die einzige in der Familie, die Zeit für ihn hat. Wenn Oma ihm Geschichten von früher erzählt, dann ist sie plötzlich auch gar nicht mehr so alt. Nick könnte ihr stundelang zuhören. Aber dann fällt Oma hin und muss ins Krankenhaus. Dort liegt sie nun und starrt nur noch an die Decke, will nicht mehr reden und wohl auch nicht mehr weiterleben. Nick macht sich grosse Sorgen. Das wird schon wieder, meinen die Eltern. Aber Nick glaubt das nicht. Oma muss man eine ganz besondere Freude machen, damit sie wieder zu sich kommt. Da ist es gut, dass der alte Paul gleich nebenan wohnt, da ist es noch besser, dass dieser Paul sich ziemlich was traut. Oma hat mal erzählt, dass sie als Kind zwei Gänse ganz besonders ins Herz geschlossen habe. Peter und Silie hiessen die beiden. Paul und Nick geben vor, zwei Tage miteinander Ferien machen zu wollen. Sie zelten in der Nähe einer Gänsezucht. Und schliesslich tun sie es, mitten in der Nacht: Sie klauen zwei Gänse, werden vom wütenden Bauer verfolgt und schaffen es schliesslich, diese beiden Gänse in Omas Krankenzimmer zu schmuggeln. Klar, dass Oma staunt und sogar ein verschmitztes Grinsen zustande bringt. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis Nick wieder Omas Spätzle geniessen kann.

Antje Damm hat ein sehr berührendes Kinderbuch geschrieben und es auch gleich selber illustriert. Es ist nicht nur die einfache und doch so präzis gestaltete Sprache, die so vieles zwischen den Zeilen erzählt, was dieses Buch so besonders macht. Es sind auch die beiden Hauptfiguren, mit denen sich Leserinnen und Leser schnell und gerne identifizieren werden und die fantastischen Illustrationen, die das Geschehen so stimmungsvoll wiedergeben. Antje Damm hat ein an sich ernstes Thema in eine sehr spannende Geschichte verpackt. Gänse klauen, das ist kein Kinderspiel und die Flucht im uralten VW-Käfer des alten Paul schon gar nicht. Und ob sich dieser aufregende Gänseraub auch tatsächlich gelohnt hat, das erfahren Leserinnen und Leser erst ganz am Schluss. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen, weil es nach jedem Kapitel wieder Zeit zum Aufatmen bietet. Zum Selberlesen für Kinder ab etwa 9 Jahren, zum Vorlesen auch für jüngere Kinder.

Antje Damm: PeterSilie. Tulipan 2016. ISBN: 978-3-86429-253-8

Rezension: Maria Riss

Kenneth Oppel: Das Nest

15.02.2016 by

nestSteve hat es schwer zurzeit. Sein neugeborener Bruder ist schwer krank. Alles dreht sich nur darum, ob das Baby überleben wird. Seine Eltern sind mit dem Kleinen dauernd im Spital. Eines Nachmittags wird Steve von einer Wespe gestochen, er hat panische Angst vor diesen Viechern – und in der folgenden Nacht beginnen seine Träume. Zuerst glaubt Steve einem Engel zu begegnen, er sieht Flügel und riesengrosse Augen. Erst langsam begreift er, dass eine Riesenwespe neben seinem Bett steht und ihm ihre Hilfe anbietet: «Wir können dir einen neuen Bruder machen, einen gesunden Bruder. Wir haben nach dem Stich deine DNA, ihr werdet nichts davon merken.» Zuerst ist Steve einverstanden, er wünscht sich ja nichts sehnlicher, als dass sein kleines Brüderchen gesund ist. Jede Nacht wird Steve nun von der Wespenkönigin besucht, immer grösser wird die Larve im Wespennest. Allmählich wird Steve klar, dass die Wespen seinen Bruder austauschen werden. Dass zwar ein gesundes, perfektes Kind in der Wiege liegen wird, es aber ein von Wespen gezüchtetes Baby sein wird.

Das Ganze wird immer mehr zu einem riesengrossen Albtraum. Zumal Steve tagsüber das riesengrosse Wespennest unter dem Dach entdeckt und immer mehr Wespen ums Haus schwirren. Vor lauter Sorge um das Baby kümmern sich seine Eltern aber nicht darum. Im allerletzten Moment erst kann Steve die Katastrophe abwenden. Er geht dabei aber auch an die Grenzen seiner selbst und bringt sich in allerhöchste Gefahr.

Kenneth Oppel hat einen ganz fantastischen Psychothriller geschrieben. Der Roman lebt vor allem davon, dass der Autor die reale Welt und die Welt der Albträume so geschickt verwebt, dass man die beiden als Leserin oder Leser kaum mehr unterscheiden kann. Geglückt ist dem Autor auch die Beschreibung und Entwicklung des Protagonisten. Steve war und ist im Grunde ein sehr ängstlicher Junge, der schon immer mit Phobien und Zwängen kämpfen musste. Im Gefecht gegen die Wespen, um den kleinen Bruder zu retten, wächst er über sich selber hinaus, bezwingt seine Furcht und befreit in gewisser Weise auch sich selber. Keneth Oppel, berühmt für seine Fantasy Romane, ist mit diesem Roman ein kleines Meisterwerk geglückt. Die bedrohliche Stimmung wird von den vielen fantastischen schwarzweissen Bildern zusätzlich unterstützt. Für Jugendliche.

Kenneth Oppel: Das Nest. Aus dem Amerikanischen von Jessika Komina und Sandra Knuffinke. Mit Illustrationen von Jon Klassen. Dressler 2016. ISBN: 978-3-7915-0005-8

Rezension: Maria Riss