Lizzie Wilcock: Brennender Durst

04.09.2017 by

durstKaranda ist auf der Fahrt zu ihrer neuen Pflegefamilie, als es passiert. Das Auto kommt von der Strasse ab, der Fahrer scheint tot zu sein und Karanda haut ab, so schnell sie ihre Füsse tragen. Sie will endlich frei sein, auch wenn sie dafür diese gottverdammte Wüste durchqueren muss. Karanda ist aber nicht allein, Solomon, ein achtjähriger Junge sass ebenfalls im Wagen und weicht ihr nicht von der Seite, ganz egal, wie sehr sie ihn wegschickt, ausschimpft und beleidigt. Dieser Weg durch die Wüste ist so hart, dass beide immer wieder an ihre Grenzen stossen. Als Karanda, um nicht zu verhungern, ein Kaninchen töten muss beispielsweise oder als plötzlich ein Unwetter losbricht und beide schier in den Wasserfluten ertrinken. Vom schrecklichen Durst und der sengende Hitze ganz zu schweigen. Bald ist Karanda froh, Solomon an ihrer Seite zu wissen, weil dieser sich in vielen Situationen besser zu helfen weiss. Während dieser Wanderschaft brechen bei Karanda und auch bei Solomon viele alte Narben wieder auf. Schlimme Erlebnisse bei den zahlreichen verschiedenen Pflegefamilien und auch die ständige Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme. Es ist ein Weg in die Vergangenheit, vielleicht eine Art Läuterung, den die beiden durchmachen müssen, damit Neues möglich wird. Ganz zum Schluss, als die beiden kaum mehr weiter wissen, taucht dann auch wirklich ein Helikopter am Horizont auf.
«Brennender Durst» ist ein sehr vielschichtiger und packender Roman. Da ist einerseits dieser lebensgefährliche Trip durch die Wüste, genauso faszinierend ist aber andrerseits der Blick in die Vergangenheit dieser beiden Pflegekinder und das allmählich aufkeimende gegenseitige Vertrauen. Die Geschichte ist überaus spannend, aber gleichermassen auch berührend. In einer schlichten und treffenden Sprache hat die australische Autorin Lizzie Wilcock ein fantastisches Buch geschrieben, das einem bis zur letzten Seite in Bann zieht und das unter die Haut geht. Für Jugendliche und Erwachsene.

Lizzie Wilcock: Brennender Durst. Manchmal musst du verloren gehen, um gefunden zu werden. Aus dem australischen Englisch von Friederike Levin. Beltz 2017. ISBN: 978-3-407-82300-7

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats September 2017

01.09.2017 by

 

heidiAlexa Hennig von Lange: Mein Sommer als Heidi

Islas Mutter hat grosse Pläne. Sie will nach Ibiza reisen, dort eine kleine Finka mieten und dann ihre elfjährige Tochter nachholen. Ein neues Leben plant sie dort, will Muschelketten herstellen und an die vielen Touristen verkaufen. Ja, und bis in Ibiza alles geklärt ist, soll Isla bei ihrem alten Opa in den Bergen leben. Per Mitfahrzentrale geht es von Berlin in die Schweiz. Isla kennt ihren Opa überhaupt nicht und als sie da oben in der Berghütte ankommt, möchte sie am liebsten sofort wieder abhauen. Bei Opa gibt es immer nur Käse und Brot zu essen, zur Schule muss Isla ganz weit den Berg runter laufen, und Handyempfang gibt es in dieser armseligen Hütte auch nicht. Isla fühlt sich weggeschoben, im Stich gelassen und einsam. Trotz allem, Isla ist stärker als sie sich dies selbst je zugetraut hätte. Schon bald lernt sie nette Leute im Dorf kennen, allen voran den gleichaltrigen Peter, der ihr nicht nur endlich das Schwimmen beibringt. Auch Opa scheint mit jedem Tag zugänglicher zu werden. Ganz allmählich fühlt sich Isla bei diesen netten Schweizern fast ein bisschen daheim. Das ist gut so, denn ihre Mutter lässt sich in Ibiza Zeit und meldet sich über Wochen einfach nicht. In diesem Sommer lernt Isla nicht nur, wie man Geissen wieder sicher ins Tal bringt, sie lernt auch viel über sich selbst und kommt einem lang gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur.

Dieses Heidi-Sommerbuch ist überaus unterhaltsam, spannend, in einer  lockeren und doch präzisen Sprache geschrieben und voll von unerwarteten Wendungen. Es gibt wohl kaum einen Kinderroman, in dem die Gefühle und die Stimmungen eines Mädchens beim Beginn der Pubertät so treffend beschrieben sind. Das ständige Auf und Ab, die Faszination des andren Geschlechts, die dauernde Suche nach der eigenen Identität. Isla schafft all diese Wirrungen mit Bravour und am Ende dieses einmaligen Sommers hat sie ein gutes Stück an Einsicht und Selbstbewusstsein dazugewonnen. Ein Buch, dem man möglichst viele Leserinnen ab etwa 11 Jahren wünscht.

Alexa Hennig von Lange: Mein Sommer als Heidi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18468-7

Rezension: Maria Riss

Ulf Nilsson / Eva Eriksson: Als wir allein auf der Welt waren

29.08.2017 by

weltDer kleine Erzähler, ein etwa 6-jähriger Junge, hat eben gelernt, die Uhrzeit zu lesen. Er ist im Kindergarten und jetzt ist es schon drei Uhr und sein Vater ist noch immer nicht gekommen, um ihn abzuholen! Der Junge hat Angst und stellt sich die schlimmsten Dinge vor, zum Beispiel dass seine Eltern von einem Lastwagen überfahren wurden. So macht er sich traurig auf den Weg, um seinen kleineren Bruder abzuholen. Er wird sich ganz, ganz fest um den Kleinen kümmern. Daheim angekommen, ist die Haustüre abgeschlossen. Deshalb bauen die beiden aus Holzlatten eine Hütte. Mit Moos und Blättern machen sie sich zwei Betten. Sogar ein Fernseher wird aus einer Schachtel gebastelt und der Ältere erzählt darin gleich selber eine Geschichte für seinen kleinen Bruder. Schliesslich holen sie bei den Nachbarn Eier und die nötigen Zutaten, um einen Kuchen zu backen. Aber die Angst wird immer schlimmer. Haben die Eltern die beiden Buben verlassen? Müssen sie nun für immer alleine zurechtkommen? Als der kleine Erzähler von seinen Gefühlen schier überwältigt wird und seine Geschichten immer trauriger werden, stehen plötzlich die Eltern vor der Hütte. Auch sie haben sich riesige Sorgen um ihre beiden Kinder gemacht. Endlich wird auch klar, weshalb die Kinder nicht abgeholt wurden: Der kleine Erzähler hat das mit dem Lesen der Uhrzeiten wohl doch noch nicht so ganz richtig verstanden.
Was sich in dieser Geschichte abspielt, das kennen alle Kinder: Es ist die Angst, seine Eltern zu verlieren. Eva Eriksson spiegelt in den zarten Illustrationen die verschiedenen emotionalen Zustände der vermeintlichen Waisenkinder ganz wunderbar wieder, mal sind sie stolz darauf, was sie selber geschafft haben, mal überwiegt die riesengrosse Angst, die Eltern kämen nie mehr zurück. Im Text wird deutlich, wie viel Kraft entstehen kann, wenn man sich um jemanden kümmert und sich für Kleinere verantwortlich fühlt. Diese tiefsinnige und doch schlichte Geschichte eignet sich sehr gut zum Erzählen für Kinder ab dem Kindergartenalter.

Ulf Nilsson / Eva Eriksson: Als wir allein auf der Welt waren. Moritz, 2. Auflage 2010. ISBN: 978-3-89565-212-7

Rezension: Anita Fehr

 

Buch des Monats Juli 2017

01.07.2017 by

inselSally Nicholls: Eine Insel für uns allein

Holly ist 13 Jahre alt und Vollwaise, der Vater starb, als sie sechs war, die Mutter fünf Jahre später. Sie lebt mit ihren beiden Brüdern zusammen. Jonathan, 20 Jahre, hat das Sorgerecht für Holly und das jüngste der Geschwister, den siebenjährigen Davy. Die drei sind eine eingeschworene Gemeinschaft, alle übernehmen Verantwortung füreinander. Jonathan hat sein Studium geschmissen, um Geld zu verdienen, und er denkt sich fast jeden Abend eine neue Geschichte zum Einschlafen für seine Geschwister aus. Holly sorgt dafür, dass Davy rechtzeitig zur Schule kommt und holt ihn jeden Tag auch dort wieder ab. So schaffen die drei den Alltag gar nicht mal so schlecht. Wenn nur diese ewige Sorge ums Geld nicht wäre. Und dann stirbt Tante Irene, diese stinkreiche, etwas merkwürdige alte Dame. Sie hat den Geschwistern ihren ganzen Schmuck vermacht, nur weiss niemand, wo sie diese wertvollen Stücke versteckt hat. Kurz vor ihrem Tod hat die Tante ihrer Nichte Holly ein kleines Fotoalbum mit merkwürdigen Bildern überreicht. Holly ist überzeugt, dass diese Bilder das Versteck des Schmucks verraten. Niemand will das so recht glauben und Jonathan, der ältere Bruder, schon gar nicht. Aber Holly ist hartnäckig, mit dem Schmuck wären die drei ihre finanziellen Nöte los. Sie setzt sich durch und die drei fahren mit ihrem allerletzten Geld auf eine schottische Insel. Und hier, schier am Ende der Welt, da bekommt Holly recht – manchmal, da muss man im Leben einfach ein bisschen stur sein.
Sally Nichols erzählt in einer klaren, schlichten Sprache konsequent aus der Perspektive von Holly. Holly macht sich viele Gedanken, nicht nur über das Geld und die Schmucksuche, auch darüber, was Waisenkinder von anderen unterscheidet, ab wann man erwachsen ist oder wie man die eigene Angst am besten bezwingen kann. Die Autorin hat es geschafft, eine sehr berührende Entwicklungsgeschichte mit einem überaus spannenden Abenteuerroman zu verflechten. Mit diesem Buch ist ihr ein kleines Meisterwerk geglückt, das Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen sei.

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv 2017. ISBN: 978-3-423-64028-2

Rezension: Maria Riss

Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete

18.06.2017 by

bienenWolf ist gut zwölf Jahre alt. Er ist ein angepasster Junge, fleissig, eher still, und er kümmert sich überaus liebevoll um seine kleinen Zwillingsschwestern. Wolfs Mom ist überzeugt, dass die Welt bald untergehen wird, weil sich niemand wirklich für die Umwelt, das Klima und all die bedrohten Tierarten einsetzt. Sie ist sich sicher, dass ihre Kinder keine Zukunft haben werden. Irgendwo muss man anfangen, meint sie, warum nicht mit Bienen, die für das Überleben der Menschheit absolut zentral sind? Wolfs Eltern beschliessen deshalb, mit der ganzen Familie eine Tour durch die Staaten zu machen. Ein alter Van wird gekauft, Mom näht Bienenkostüme für ihre Kinder, druckt Flyer und grosse Plakate und bereitet eine eindrückliche Präsentation vor. Früher als geplant, wird das Haus weitervermietet und die Reise geht los. Wolf will nicht fahren, sein Zuhause und all seine Schulfreunde zu verlassen, das ist so schwer. Dazu kommt, dass er absolut keine Lust hat, vor fremden Leuten aufzutreten, er ist eher scheu und dieses absolut dämliche Bienenkostüm zu tragen, ist ihm so was von peinlich. Aber Mom, die hört einfach nicht hin, zu wichtig ist ihr diese Fahrt. Auch Whisper, eine der kleinen Zwillingsschwestern, scheint diese Reise nicht zu gefallen. Sie spricht seit der Abfahrt kein einziges Wort mehr. Erst als Whisper auch kaum mehr isst, erst als Wolfs ältere Schwester einfach abhaut und der alte Van endgültig den Geist aufgibt, hört Mom endlich zu. Wolf macht ihr klar, dass sie mit ihrem Vorhaben zwar einen Beitrag zur Rettung der Welt leistet, dass sie dabei aber die Bedürfnisse ihrer Kinder vollkommen ignoriert hat. «Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete» ist nicht nur ein spannendes Buch, es sind auch die Figuren, deren Beschreibung der Autorin sehr treffend und differenziert gelungen ist. Es ist vor allem Wolf, dem man beim Lesen sehr nahe kommt. Man versteht seine Gedanken und Konflikte und man sorgt sich mit ihm um seine kleine Schwester, die an dieser Reise und den ständigen Auftritten vor Publikum zu zerbrechen droht. Durch diese Innensichten gewinnt die Geschichte nicht nur an Spannung und Dynamik, sondern es werden auch verschiedene Perspektiven rund um die Thematik eindrücklich geschildert und nachvollziehbar: Wo liegen die Grenzen zwischen den eigenen Zielen, den Bedürfnissen anderer und dem Engagement für eine gute Sache? Das Buch bietet neben der sehr eindrücklichen Handlung viel Gesprächs- und Diskussionsstoff und zwingt dazu, über eigene Haltungen und Handlungsweisen nachzudenken. Ein wunderschöner Roman, dem man viele jugendliche Leserinnen und Leser wünscht.

Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete. Aus dem Englischen von Bettina Münch. Rowohlt 2017. ISBN: 978-3-499-21782-1

Rezension: Maria Riss

 

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte

14.11.2016 by

gipsFitz (seit kurzem will sie nicht mehr Felicia genannt werden) ist 12 Jahre und drei Wochen alt. Sie ist zum ersten Mal in der Wohnung ihres Vaters. Ihre Eltern wollen sich scheiden lassen, das mit der ewigen Liebe hat bei ihnen wohl nicht hingehauen. Fitz findet es schrecklich, dass sich Menschen, die sich so geliebt haben, sich plötzlich trennen wollen. Fitz ist verzweifelt, ihre Welt ist aus den Fugen geraten und sie hat das Gefühl, niemand mehr habe sie lieb. Da sieht sie vom Fenster aus, wie Papa mit seinem Fahrrad hinfällt und mit ihm ihre kleinere Schwester Bente. Bente blutet wie verrückt, ihre eine Fingerkuppe liegt im Schnee. Bente muss sofort ins Krankenhaus und natürlich geht Fitz mit. Es dauert ewig, bis sie drankommen, es dauert den ganzen Tag, bis Bente ihre Fingerkuppe wieder angenäht bekommt. Fitz hat Zeit nachzudenken, Fitz hat auch Zeit, sich in diesem riesigen Krankenhaus umzuschauen und Leute kennenzulernen. Sie begegnet in den langen Gängen Adam, einem Jungen, der nicht nur toll aussieht, sondern auch sehr gut zuhören kann. Endlich kann sie mit jemandem reden und von ihrem Kummer berichten. Fitz und Adam besuchen dann gemeinsam nicht nur das viel zu früh geborene Brüderchen von Adam, sie klauen wegen besonderer Umstände auch Gips aus einem Behandlungszimmer, freunden sich mit der herzkranken Primula an und helfen der besonders netten Krankenschwester Yasmine, sich endlich zu verlieben. Wahnsinn, was man an einem einzigen Tag erleben kann, verrückt, wie viel klüger man abends sein kann, wenn man sich auf Menschen und Gespräche einlässt, findet Fitz. Sie hat nicht nur viel gelernt, sie hat sich wohl auch ein bisschen verliebt. Und dies ist ein völlig neues, aber einmalig schönes Gefühl.
Fitz hat eine ganze Menge Sorgen, aber Fitz ist eine, die etwas dagegen unternimmt. Frech ist sie stellenweise, sie schwindelt und kann sich total daneben benehmen. Aber sie ist mutig, setzt alle Hebel an, damit es ihr besser geht, bringt sogar einen Oberarzt dazu, über seine Jugend als Scheidungskind zu berichten. Und wenn sie sich mit Adam über die Liebe unterhält, über die Angst einen Menschen zu verlieren, dann ist Fitz sehr viel älter als gerade mal 12 Jahre und 3 Wochen, dann bringen die beiden Lesende zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Staunen. Anna Woltz greift ein ernsthaftes Thema auf, sie tut dies aber inhaltlich und sprachlich so glaubhaft und humorvoll, dass man beim Lesen gar nicht weiss, ob man lachen oder heulen soll. Eine ernsthaft vergnügliche und wunderbare Lektüre also für Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-55676-9

Rezension: Maria Riss

Jenny Valentine: Durchs Feuer

04.10.2016 by

feuerDie unscheinbare, 14-jährige Iris wächst bei ihrer Mutter Hannah und deren Freund Lowell auf. Diese beiden sind vollauf mit sich selbst und ihren Ambitionen im Showbusiness beschäftigt. Für Iris bleibt da keine Zeit. Über ihren Vater weiss Iris nichts, nur dass er sich seit über 14 Jahren nicht mehr hat blicken lassen. Iris beginnt, Feuer zu legen. Das ist ihre Möglichkeit, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung Ausdruck zu geben. Zum Glück gibt es da noch ihren unkonventionellen Freund Thorsten, mit dem sie Gespräche über Kunst, die Welt und ihre verrückte Familie führen kann.
Hals über Kopf packt Hannah aber dann plötzlich die Koffer und verlässt mit Iris und Lowell Amerika. Denn Iris und ihre Feuer haben sich für die Mutter zu einem echten Problem entwickelt, zudem drücken grosse Geldsorgen und hohe Schulden. In London trifft sich Hannah mit Ernest, dem Vater von Iris. Dieser ist unglaublich reich und soll der Familie nun aus dem Desaster helfen. Ernest selbst liegt im Sterben. Sein grösster Wunsch ist es, Iris kennen zu lernen. Der Roman schliesst mit einem virtuosen Ende, einer völlig unerwarteten Wendung.
Ein packender Jugendroman ab 14 Jahren, der in verschiedenen philosophischen Passagen dazu anregt, sich Gedanken zum Leben zu machen. Die Geschichte fordert auch dazu auf, sich mit einem eigensinnigen Mädchen und seinen Ansichten auseinanderzusetzen.

Jenny Valentine: Durchs Feuer. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-65020-5

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Salah Naoura: Tante Mel wird unsichtbar

03.10.2016 by

melLena ist etwa 9 Jahre alt. Ihre Tante Mel, die früher mal Zirkusartistin gewesen war und jetzt als Wahrsagerin arbeitet, ist für Lena die beste Tante der Welt. Aber dann verunglückt Tante Mel mit ihrem Auto, alle sind erschüttert, nur Lena trägt es mit Fassung. Tante Mel lebt nämlich halbmateriell und unsichtbar weiter. Und das ist gut so, denn Lena braucht ihre Tante momentan ganz besonders. Mama und Papa hatten ständig nur noch Streit und trennen sich gerade. Papa zieht zu einer andern Frau und Mama hat diesen oberdoofen Gino ins Haus geschleppt. Wann immer es nötig ist, steht Tante Mel Lena beratend zur Seite. Sie kommt zu Lena auf Gedankenbesuch, immer wieder. Gemeinsam finden Tante Mel und Lena auch heraus, dass dieser Gino nicht nur schrecklich unsympathisch ist, sondern es auch auf Mamas Geld und ihr Haus abgesehen hat. Gemeinsam mit Tante Mels alten Freunden aus dem Zirkus jagen die beiden Gino aus dem Haus. Und als Lena endlich einen Brief und ein Geschenk von Papa in Händen hält, da sieht es ganz so aus, als käme Lenas turbulentes, sorgenvolles Leben wieder in gemächlichere Bahnen.
Nein, mit Erwachsenen zusammenzuleben, das ist manchmal ganz schön schwierig und wenn sich die eigene Mutter in einen Heiratsschwindler verliebt erst recht. Salah Naoura ist ein Meister darin, kindliche Sorgen und Nöte so zu Papier zu bringen, dass das Lesen trotzdem grossen Spass macht. Obwohl der Autor den Plot mit viel Zug und Tempo geschrieben hat, werden Stimmungen und Gefühle so beschrieben, dass man sich als Leserin oder Leser mittendrin fühlt im Buchgeschehen. Vieles bleibt ungesagt und ist doch in der einfachen Sprache und den knappen Sätzen versteckt. «Tante Mel wird unsichtbar» eignet sich für Kinder ab etwa 9 Jahren, das Buch lässt sich wegen der spannenden Geschichte und den kurzen Kapiteln auch sehr gut vorlesen.

Salah Naoura: Tante Mel wird unsichtbar. Dressler, 2011. ISBN: 978-3-7915-1427-7

Rezension: Maria Riss

Annet Huizing: Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde

17.06.2016 by

wieKatinka ist dreizehn Jahre alt. Sie ist ein eher stilles Mädchen, hat aber eine grosse Leidenschaft: Sie schreibt fürs Leben gern und möchte unbedingt selber ein ganzes Buch schreiben. Am liebsten wäre sie bald eine so berühmte Schriftstellerin wie die alte Nachbarin Linda. Eines Tages im Sommer nimmt sie allen Mut zusammen und fragt Linda, ob sie ihr beim Schreiben nicht etwas helfen könne. Linda ist zu einem Deal bereit. Katinka soll ihr im Garten helfen, dafür liest sie Katinkas Texte. Linda ist eine hervorragende Beraterin. Sie erteilt Schreibaufträge, liest Katinkas Texte sehr kritisch, gibt ihr Mut dran zu bleiben und betont immer wieder das Allerwichtigste: Schreiben lernt man nur, indem man ganz viel schreibt. Katinka erzählt in ihren Texten Fragmente aus ihrem Leben. Zu Beginn eher harmlos, mit jeder Seite aber offener und eindringlicher. Sie erzählt von der neuen Freundin ihre Vaters, vom frühen Tod ihrer Mutter, sie berichtet von Erinnerungsstücken und sie tastet sich schliesslich schreibend endlich an all das, was immer noch so sehr weh tut. Katinka lernt in dieser Zeit nicht nur schreiben, sie lernt auch eine ganze Menge über sich selbst.

Annet Huizing hat in zweierlei Hinsicht ein beeindruckendes Buch geschrieben. Da ist einerseits Katinkas Geschichte, ihr eigentliches, erstes Buch. Es ist berührend und glaubhaft, weil Katinka Leserinnen und Leser unmittelbar teilhaben lässt an ihrem beschwerlichen, aber erfolgreichen Weg, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Gleichzeitig bietet das Buch eine wichtige Lektion darüber, was gute Literatur ausmacht. Worauf es ankommt und wie man Texte so schreiben kann, dass Lesende das wirklich Wichtige im Geschriebenen aber auch zwischen den Zeilen erfahren können. Ein wunderschönes Buch, das wohl eher junge Mädchen ansprechen wird, das aber auch im Literaturunterricht Verwendung finden kann.

Annet Huizing: Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. mixtvision 2016. ISBN: 978-3-95854-056-9

Rezension: Maria Riss

Dave Cousins: Warten auf Gonzo

23.05.2016 by

gonzoDer etwa 15-jährige Oz hat es nicht eben leicht. Seine leicht schrägen «Oeko-Künstler-Eltern» haben beschlossen, ein neues Leben auf dem Land zu beginnen. Oz und seine ältere Schwester müssen in dieses gottverlassene Kaff mit, da hilft gar nichts. Schon am ersten Tag in der neuen Schule vergeigt Oz fast alles, was man vergeigen kann. Ausgerechnet mit dem schwierigsten, stärksten Mädchen der Schule legt er sich an. Gut, dass es wenigstens einen Jungen namens Ryan gibt. Ein Aussenseiter zwar, aber einer, der Bescheid weiss, wie die Regeln an dieser Schule laufen. Oz hat nur einen Wunsch: Er will zurück nach London in seine alte Umgebung. Seine Schwester Meg scheint mit der Situation besser klar zu kommen, bis Oz eines Tages entdeckt, dass Meg schwanger ist. Die Eltern sind ausser sich, raten zur Abtreibung, aber Oz freut sich riesig und gibt dem kleinen Wesen auch gleich einen Namen – Gonzo. So wird dieses ungeborene Kind plötzlich real, was Meg dazu bringt, dass sie das Kind behalten will. Es ist Oz, der ihr in dieser schwierigen Zeit am meisten Unterstützung bietet. Oz ist zwar in vielerlei Hinsicht ein Tollpatsch, aber er ist kein Looser. Was er für seine Schwester und den ungeborenen Gonzo alles unternimmt und wie er es schliesslich schafft, sich auch an der Schule Anerkennung zu verschaffen, das ist ganz wunderbar nachzulesen.

Oz erzählt seine Geschichte gleich selber und er spricht dabei immer wieder «G» an. Zu Beginn weiss man beim Lesen nicht, wer hinter diesem «G» steckt, bis man den Namen des Babys in Megs Bauch erfährt. So wird man unmittelbar ins Buchgeschehen hineingezogen und das macht riesengrossen Spass. Oz ist ein so sympathischer, liebenswerter Kerl, der Lesende mit seinen Ideen, seinen Gedanken und seiner Erzählweise immer wieder zum Lachen und Schmunzeln bringt. Und ganz zum Schluss, da ist man einfach auch berührt, dass alles eine einigermassen gute Wendung nimmt und man freut sich zusammen mit Oz, den Eltern, mit Ryan und all den andern, dass das lange Warten auf Gonzo endlich ein Ende hat. Für Jugendliche.

Dave Cousins: Warten auf Gonzo. Aus dem Englischen von Anne Brauner. Verlag Freies Geistesleben 2016. ISBN: 3-978-7725-2779-1

Rezension: Maria Riss