Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden

27.09.2018 by

Die Geschichte spielt im November 1945 in einem kleinen Dorf in Deutschland. Der Krieg ist vorbei, aber die Welt ist noch nicht wieder in ihren Fugen. Dies spürt die vierzehnjährige Hanne täglich. Ihre Familie lebte den Krieg über auf dem Bauernhof ihres Onkels und vom wirklichen Kriegsgeschehen hat Hanne nicht so viel mitbekommen. Umso mehr treffen sie jetzt all die schlimmen Erzählungen und die Wahrheit über das Regime der Nazis. Sie selbst kann sich ja auch nicht erklären, weshalb sie sich dermassen täuschen liess in den letzten Jahren. Sie hat sich an den BDM Heimabenden so amüsiert und mitreissen lassen. Im Dorf gibt es viele alte Nazis und einige davon können auch jetzt noch ihren Hass gegen alles Fremde nicht zügeln. Es gibt Schlägereien und einige aus der Dorfgemeinschaft zerbrechen daran, dass sie nicht mehr die Anführer sind, dass alles, wofür sie gekämpft haben, nun zerstört ist. Hanne ist ein kluges und vor allem auch mutiges Mädchen und stellt sich der neuen Zeit. Bald zieht sie in die Stadt, um an die Oberschule zu wechseln. Wenn man Bescheid weiss, läuft man viel weniger Gefahr, blindlings irgendwelchen Parolen zu gehorchen und Leuten hinterherzulaufen. Es ist gut, dass ihre Tante ihr zur Seite steht und noch viel besser, dass sie in der Stadt auf Gunnar trifft, mit dem sie all das, was sie belastet, besprechen kann. Von Gunnar bekommt sie auch ihren ersten Kuss und das ist eine ganz wunderbare neue Erfahrung.
Kann man so schnell seine Gesinnung ändern? Wie kommt man damit zurecht, dass man lange einfach weggeschaut hat? Ist man ein Fähnchen im Wind, wenn man plötzlich seine Gesinnung ändert? Weshalb kann man sich so täuschen lassen und einfach alles glauben, was erzählt wird? All diese Fragen beschäftigen Hanne und sie versteht es wunderbar, Leserinnen und Leser an all diesen Gedanken teilhaben zu lassen. Herbert Günther hat einen berührenden und spannenden Roman geschrieben. So wird Geschichte erlebbar und man schafft damit auch, weil all diese Fragen ja nach wie vor aktuell sind, einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart und zu eigenen Erfahrungen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5661-1

Rezension: Maria Riss

Nic Stone: Dear Martin

22.06.2018 by

Yustyce ist einer der besten Schüler seines Jahrgangs. Yustice sieht gut aus und kann auch im Sport mithalten. Fürs nächste Jahr hat er sich gar einen Studienplatz in Yale gesichert. Aber Yustice wird völlig willkürlich verhaftet und in Handschellen gelegt, obwohl er nur einem betrunkenen Mädchen helfen wollte. Denn Yustice ist schwarz. Er kommt zwar frei, weiss aber nicht, wie er mit seiner Wut umgehen soll. So beginnt er zu schreiben. Er schreibt Briefe an Martin Luther King, bittet um Rat, weil er einfach nicht weiss, wie er mit den vielen, oft kleinen rassistischen Beleidigungen im Alltag umgehen soll, und er weiss auch nicht, wem er sich anschliessen soll. Da gibt es die Gruppe der radikalen schwarzen Kämpfer, die mit roher Gewalt ihr Recht einfordern, manche von ihnen kennt Yustice seit dem Kindergarten. Da ist seine weisse Mitschülerin Sarah-Jane, die er so gut mag und die ihm nicht nur beim Debattieren zur Seite steht. Und da ist seine Mum, die für ihren Sohn alles tut, es aber niemals verstehen würde, wenn Yustice sich in ein weisses Mädchen verlieben würde. Egal wem sich Yustice anschliesst, er wird sich Feinde machen. Und von Martin Luther King bekommt er auch keine Antwort. Aber all die Briefe, die vielen Überlegungen, das Ordnen der Gefühle beim Schreiben, das ist trotz allem hilfreich. Und ganz zum Schluss weiss Yustice, welchen Weg er gehen will.
Gleich mit ihrem ersten Roman ist der jungen Autorin Nic Stone ein Wurf geglückt. Nicht nur, weil das Thema nach wie vor so aktuell ist, sondern auch, weil sie Yustice mit seinem Durcheinander an Gefühlen, seiner Suche nach dem für ihn richtigen Weg so glaubhaft und eindringlich beschrieben hat. Yustice gerät immer wieder zwischen die Fronten und wird bedroht. Dies ist nicht nur in Amerika so. Jugendliche werden Yustice Konflikte sehr gut nachvollziehen können. Es geht im Buch darum, seine Rechte einzufordern, sich über die eigene Haltung klar zu werden und dafür auch gerade zu stehen, ganz egal, ob man sich damit Feinde macht. Das spannende Buch sei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren wärmstens empfohlen.

Nic Stone: Dear Martin. Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21833-0

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juni 2018

08.06.2018 by

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht
Emilia ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie alleine und heimlich nach New York fliegt. Mithilfe einer der Kreditkarten ihres Papas war das kein so grosses Problem. Als sie spät abends ihr bereits bezahltes Appartement beziehen will, stellt sich heraus, dass es dieses Appartement gar nicht gibt. An der Adresse trifft sie nur Seth, einen etwa gleichaltrigen Jungen, und seine kleine Schwester Abby. Emilia steht also mit ihrem grossen Koffer wieder alleine auf der Strasse, müde ist sie und kalt ist ihr auch. Bei Jim, einem ziemlich bekifften und kaum mehr ansprechbaren Jungen, findet sie schliesslich Unterschlupf in einem Abbruchhaus. Diese Nacht wird ein einziger Albtraum, weil Emilia, immer so sehr auf Sauberkeit und Ordnung bedacht, in dieser völlig verdreckten Absteige kaum ein Auge schliessen kann. Am nächsten Morgen herrscht in ganz New York Alarmstimmung. Ein Wirbelsturm nähert sich der Stadt. Emilia wendet sich in ihrer Not an die beiden einzigen Menschen, mit denen sie schon einigermassen normal hatte sprechen können, an den Jungen Seth und seine Schwester Abby. Beide lassen Emilia und schliesslich auch Jim nach einigem Zögern in die Wohnung. Weil ihre Mutter für ein paar Tage verreist ist, haben sie Platz. Mit Emilias Kreditkarte lassen sich Vorräte einkaufen und die vier verschanzen sich in der Wohnung. Dann bricht der Sturm mit aller Kraft los, das Haus wackelt und bald gehen auch alle Lichter aus. Die vier müssen zusammenrücken, ob sie wollen oder nicht. So nah mit andern zusammen kann Emilia ihren Sauberkeits-Zwang nicht länger verheimlichen, und sie verrät jetzt auch den Grund ihrer Flucht nach New York: Ihr Vater, Schuldirektor an ihrer Schule, hatte mit einer Schülerin ein Verhältnis. Dies ist erst kürzlich durch die sozialen Medien ans Licht gekommen. Aber jetzt gilt es erstmal, diesen Hurrikan gemeinsam zu überleben. Alle vier wachsen in dieser Situation über sich hinaus. Und in den langen Gesprächen während der dunklen Sturmnächte lernt Emilia eine völlig neue Art von Freundschaft und Geborgenheit kennen. Und das tut unsagbar gut.
Anna Woltz hat einen in jeder Beziehung sehr spannenden Roman geschrieben. Da ist die äusserliche Spannung, dieser Hurrikan, der bei allen grosse Angst auslöst und der so viel Überlebenskunst, Solidarität und Ideenreichtum erfordert. Da ist aber auch die innere Spannung von Emilia, wie kann sie ihre Zwänge meistern, wie soll sie sich gegenüber ihren Eltern verhalten? Einfach wegzulaufen, das kann ja nicht die Lösung sein. Da hilft die grosse Anteilnahme der andern in diesem Hurrikan-Asyl, die zarten Zeichen einer ersten Liebe zu Seth, die Erkenntnis, dass sie selber sehr viel stärker ist, als sie es jemals vermutet hätte. «Hundert Stunden Nacht» ist ein Buch, das vor allem junge Mädchen mit Sicherheit begeistern wird, weil es so viele aktuelle Themen auf eine sehr spannende und doch auch humorvolle Weise anspricht. Für Lesende ab etwa 14 Jahren.

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-58348-2

Rezension: Maria Riss

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente

03.05.2018 by

lebenTess und Jonah haben sich geliebt. Sie haben sich einmal gesehen und sich danach tagtäglich, oft stundenlang über soziale Netzwerke unterhalten. Beide haben sich all ihre Geheimnisse anvertraut und alles preisgegeben, was sie beschäftigt. Und dann kam die Nachricht, Jonah habe sich das Leben genommen. Für Tess bricht eine Welt zusammen. Sie verlässt Hals über Kopf ihr Internat und reist zu ihrem ziemlich schrägen Vater. Tess schreibt weiterhin Nachrichten an Jonah, sie braucht diese Gespräche, um mit ihrer Trauer klarzukommen, auch wenn diese einseitig verlaufen. Und dann nach ein paar Wochen schreibt Jonah zurück. Tess weiss, dass diese Botschaften nie und nimmer von Jonah sein können. Trotzdem schreibt sie weiter und erfährt dann auch, dass dieser andere, Jonahs bester Freund, sich schon lange vorher als Jonah ausgegeben hat. Tess ist hin und her gerissen. Einerseits braucht sie jemanden zum Reden, aber dass dieser unbekannte Daniel nun alles über sie weiss, dass er sich schon so lange als Jonah ausgegeben hat, das macht sie unheimlich wütend. Und eines Tages, da steht dieser Daniel doch tatsächlich vor ihrer Haustür. Trotz all der Wut verbindet die beiden ihre Liebe und Freundschaft zu Jonah, der sich nicht helfen liess und jetzt einfach nicht mehr da ist. Tess und Daniel unterstützen sich gegenseitig, um über diesen Verlust hinwegzukommen, dazu braucht es viele Gespräche über das Leben, über den Tod und dem, was danach kommt. Ganz langsam kommen sich Tess und Daniel deshalb nun auch in der realen Welt näher.
Der vorliegende Roman stellt recht hohe Ansprüche an die Lesenden: Einerseits durch die die Erzählstruktur, die Geschichte wird teilweise in Posts und Mails erzählt, dann aber auch durch die angesprochenen Themen. Es geht um Tod, um Trauer, um Abschied und die Frage, was nach unserem Tod zurückbleibt. Es geht aber auch um die digitale Welt und inwiefern unsere Kommunikation und unser Handeln davon abhängen und wo die Grenzen zwischen der Realität und dem, was sich im Netz abspielt, verlaufen. Da ist es gut, dass man zwischendurch über die vielleicht etwas gar verrückte Protagonistin schmunzeln und sich an dieser so ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen Daniel und Tess erfreuen kann. Für Jugendliche und Erwachsene.

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. Hanser 2018. ISBN: 978-3-446-25863-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Januar 2018

16.01.2018 by

weisszeitDort, wo die 16-jährige Vega wohnt, ist nicht nur die Landschaft karg, sondern auch die Menschen. Geld hat keiner, es sind Bauern, Fischer und ein paar Schnapsbrenner, die in dieser gottverlassenen Gegend leben. Alles beginnt damit, dass eines Abends die Polizei anklopft und nach Vegas Bruder fragt. Jakob ist seit mehr als drei Tagen verschwunden. Das ist eigentlich nicht ungewöhnlich, nur geht Jakob dieses Mal nicht an sein Handy und auch sein bester Freund hat keine Ahnung, wo Jakob sich aufhält. Vega macht sich grosse Sorgen und beginnt, ihren Bruder zu suchen. Diesmal muss sie ganz alleine in den Wald, kein grosser Bruder ist an ihrer Seite. Immer tiefer gerät Vega nicht nur in die dichten Wälder, sondern kommt auch geheimen Machenschaften auf die Spur und realisiert, wie verstrickt die Lebensgeschichten der Leute im Dorf sind. Als sie Jakob schliesslich findet, ist dieser völlig verzweifelt. Er steht unter Mordverdacht. Nur gemeinsam können die beiden herausfinden, wer wirklich die Schuld am Tod des alten Hellmanns hat.
«Weisszeit» ist das erste Jugendbuch, des in Schweden mehrfach ausgezeichneten Krimiautors Christoffer Carlsson. Das Buch ist nicht nur überaus spannend, es besticht vor allem auch durch die ausdrucksstarke Schilderung dieser tristen Gegend und den vielen resignierten Menschen, die dort leben. Der Autor macht dies nicht mit langen Beschreibungen, sondern knapp und so treffend, dass beim Lesen beeindruckende Bilder entstehen. Vega deckt auf, erkennt Zusammenhänge und entwächst so auch ihrer Kindheit. In diesem Sinne ist das vorliegende Buch nicht nur ein Krimi, sondern auch eine Art Entwicklungsroman. «Weisszeit», diese stimmige und sehr spannende Lektüre, wird wohl viele Jugendliche ansprechen.

Christoffer Carlsson: Weisszeit. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0059-1

Rezension: Maria Riss

Lizzie Wilcock: Brennender Durst

04.09.2017 by

durstKaranda ist auf der Fahrt zu ihrer neuen Pflegefamilie, als es passiert. Das Auto kommt von der Strasse ab, der Fahrer scheint tot zu sein und Karanda haut ab, so schnell sie ihre Füsse tragen. Sie will endlich frei sein, auch wenn sie dafür diese gottverdammte Wüste durchqueren muss. Karanda ist aber nicht allein, Solomon, ein achtjähriger Junge sass ebenfalls im Wagen und weicht ihr nicht von der Seite, ganz egal, wie sehr sie ihn wegschickt, ausschimpft und beleidigt. Dieser Weg durch die Wüste ist so hart, dass beide immer wieder an ihre Grenzen stossen. Als Karanda, um nicht zu verhungern, ein Kaninchen töten muss beispielsweise oder als plötzlich ein Unwetter losbricht und beide schier in den Wasserfluten ertrinken. Vom schrecklichen Durst und der sengende Hitze ganz zu schweigen. Bald ist Karanda froh, Solomon an ihrer Seite zu wissen, weil dieser sich in vielen Situationen besser zu helfen weiss. Während dieser Wanderschaft brechen bei Karanda und auch bei Solomon viele alte Narben wieder auf. Schlimme Erlebnisse bei den zahlreichen verschiedenen Pflegefamilien und auch die ständige Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme. Es ist ein Weg in die Vergangenheit, vielleicht eine Art Läuterung, den die beiden durchmachen müssen, damit Neues möglich wird. Ganz zum Schluss, als die beiden kaum mehr weiter wissen, taucht dann auch wirklich ein Helikopter am Horizont auf.
«Brennender Durst» ist ein sehr vielschichtiger und packender Roman. Da ist einerseits dieser lebensgefährliche Trip durch die Wüste, genauso faszinierend ist aber andrerseits der Blick in die Vergangenheit dieser beiden Pflegekinder und das allmählich aufkeimende gegenseitige Vertrauen. Die Geschichte ist überaus spannend, aber gleichermassen auch berührend. In einer schlichten und treffenden Sprache hat die australische Autorin Lizzie Wilcock ein fantastisches Buch geschrieben, das einem bis zur letzten Seite in Bann zieht und das unter die Haut geht. Für Jugendliche und Erwachsene.

Lizzie Wilcock: Brennender Durst. Manchmal musst du verloren gehen, um gefunden zu werden. Aus dem australischen Englisch von Friederike Levin. Beltz 2017. ISBN: 978-3-407-82300-7

Rezension: Maria Riss

 

John Corey Whaley Hochgradig unlogisches Verhalten

04.09.2017 by

unlogischLisa ist eine ehrgeizige junge Frau. Gute Schulleistungen sind ihr sehr wichtig, vor allem interessiert sie sich für Psychologie und hofft mit einer guten Studienaufgabe auch einen heiss ersehnten Studienplatz zu erhalten. Lisa entscheidet sich für eine Art Experiment. Von Früher her kennt sie Solomon, diesen Jungen, der seit über drei Jahren sein Haus nicht mehr verlassen hat. Sie schafft es, dort aufzutauchen und Solomon näher kennenzulernen. Solomon scheint ein ganz normaler junger Mann zu sein, der sich einfach nicht mehr traut, das Haus zu verlassen. Seine Schulaufgaben macht er online und die Tage verbringt er mehr oder weniger im Pyjama. Aber Solomon ist klug und charmant und bald entwickelt sich zwischen Lisa und Solomon eine Freundschaft. Lisa bringt auch immer öfter ihren Freund Clark mit. Solomon lernt, was Freundschaft und Vertrauen sind. Immer offener berichtet er von seinen Ängsten und seinen Panikattacken. Auch für Lisa ist Solomon immer wichtigen geworden. Sie mag ihn sehr. Als Solomon die Wahrheit über Lisas erste Besuche erfährt, dass er quasi als Studienobjekt fungierte, droht er daran zu zerbrechen. Lisa und Clark wissen nicht mehr aus noch ein. Mit einer überaus wagemutigen Tat stellen sie ihre tiefe Freundschaft zu diesem so speziellen Jungen unter Beweis. Und ganz zum Schluss, da traut sich Solomon sogar aus dem Haus, zumindest bis ans Ende des Gartenzauns.
Die Geschichte wird fast ausschliesslich in Dialogen erzählt, dies ermöglicht es Leserinnen und Leser, ganz nah beim Buchgeschehen zu verweilen. Solomons erst zaghafte Versuche, sich zu öffnen, das allmähliche Überwinden seiner Ängste, aber auch seine Angstattacken erlebt man unmittelbar mit. Lisa und Clark wiederum verlieren ihre Furcht vor der Andersartigkeit und gewinnen Solomon mit jedem Besuch lieber. Das Geben und Nehmen ist gegenseitig, ganz so, wie es in einer richtigen Freundschaft sein soll. Solomons Leben ist zwar von all seinen zwanghaften Handlungen geprägt, trotzdem ist er ein ganz normaler Jugendlicher, mit dem sich Lesende, Jungen wie Mädchen, identifizieren können. Die Lektüre macht trotz des ernsten Themas auch Spass, vielleicht weil das Buch absolut frei von Pathos bleibt und in einer sehr direkten, schnörkellosen Sprache geschrieben ist.

John Corey Whaley Hochgradig unlogisches Verhalten. Aus dem Englischen von Andreas Jandl. Hanser 2017. ISBN: 978-3-446-25705-4

Rezension: Maria Riss

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern

01.08.2017 by

U_5955_1A_JUGE_BIS_DIE_STERNE_ZITTERN.IND11Die Geschichte spielt im Jahre 1936 in Leipzig. Hauptperson ist Harro, etwa 17 Jahre alt. Als eine Schar Hitlerjungen an ihm vorübergeht und Harro die Fahne nicht grüsst, wird er von den uniformierten Jungen angegriffen und verprügelt. Völlig unerwartet kommen ihm ein paar andere Jugendliche zu Hilfe und die Hitlerjungen ergreifen die Flucht. So lernt Harro die «Leipziger Meuten» kennen. Diese Gruppe junger Menschen ist eine Art Edelweisspiraten. Sie haben sich zusammengeschlossen, um für Freiheit, für Menschenrechte und gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen. Bei Harro zuhause, da wird kaum noch gesprochen, Harros Eltern sind verstummt und lassen den Jungen mehr oder weniger gewähren. Harro hat deshalb sehr viel Freiraum und schliesst sich schon bald dieser Bewegung mit Feuereifer an. Er lernt nicht nur viele gleichgesinnte Jugendliche kennen, er wird auch mit neuen Sichtweisen konfrontiert, hilft bei verschiedenen Aktionen mit und erlebt in dieser intensiven Zeit auch, was es mit der Liebe auf sich hat. Harro wird eines Tages zwar verhaftet, lernt die grausamen Verhörmethoden kennen, kommt aber wieder frei. Er ist einer von denen, die Glück hatten, zumindest vorläufig.
Johannes Herwig ermöglicht Leserinnen und Leser einen fundierten Einblick in einen wenig bekannten Bereich deutscher Geschichte. Und er tut dies absolut glaubhaft und gekonnt. Es ist vor allem die Sprache, welche diesen Roman so besonders eindrücklich macht. In fast kargen, ungeheuer dichten Sätzen und mit wunderschönen Metaphern lässt der Text unvergessliche Bilder entstehen. Das Buch berichtet nicht in erster Linie von den Gräueltaten der Nazis, es erzählt von Jugendlichen, die sich abgrenzen wollen, die sich wehren gegen das herrschende System, die auf der Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft sind. Dass sich junge Menschen gegen Regeln und Normen auflehnen, das kennen die meisten Jugendlichen, sie werden sich deshalb in der Figur von Harro, seinen Gedanken und Gefühlen sehr gut wiederfinden. Mit diesem Romandebut macht der Autor Geschichte auf eindrückliche Weise erlebbar.

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern. Gerstenberg 2017. ISBN: 978-3-8369-5955-1

Rezension: Maria Riss

Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten

18.06.2017 by

wasDer ganze Albtraum beginnt an einem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen während einer Matheklausur. Ein Attentäter, vermummt und mit vorgehaltener Pistole, hat sich Zugang zum Klassenzimmer verschafft. Er knallt dem Lehrer einen Stapel Couverts aufs Pult. Darin sind Aufgaben für einzelne Mitglieder der Klasse notiert. Anscheinend kennt der Attentäter die Klasse sehr genau, denn durch diese Befehle werden die Geheimnisse der Schülerinnen und Schüler schonungslos offenbart: Lügen, Diebstahl, heimliche Liebschaften, Arroganz, Neid. Und er meint es ernst, dieser Attentäter, er schiesst immer wieder und einige werden auch verletzt. Erst nach 143 Minuten wird der Attentäter enttarnt, die Klasse befreit. Niemals wieder wird es sein wie früher, zu tief sitzt der Schock, zu viele Geheimnisse wurden ans Tageslicht gezerrt. Mark, Fiona und der Lehrer erzählen diesen realen Albtraum abwechselnd und aus unterschiedlichen Perspektiven. Mark kann sich am besten in den Attentäter einfühlen, weil er selber ein Aussenseiter ist. Er spürt eine gewisse Genugtuung, als die Tricks und Lügereien der Leader aus der Klasse aufgedeckt werden. Fiona will helfen, will vermitteln, traut sich aber doch nicht, sich wirklich zu wehren, zu gross ist ihre Angst. Der Lehrer wiederum ist voller Wut, er bleibt passiv und wehrt sich nicht wirklich für seine Schülerinnen und Schüler. Seine starken Schultern sind nur aufgepolstert, das wussten die meisten der Klasse bereits vorher.
Die erst 19-jährige Autorin hat einen richtigen Psychothriller geschrieben. Zu Recht wurde dieser Debütroman mit dem «Hans-im-Glück-Preis» für Jugendliteratur ausgezeichnet. In einer sehr prägnanten, einfachen Sprache beschreibt sie das Geschehen so, dass man das Gefühl hat, selber im Klassenraum zu sitzen. Die beklemmende, grauenhafte Stimmung wird in jeder Zeile spürbar. Durch die drei verschiedenen Erzählperspektiven erhält der Plot zusätzlich einen gewissen Tiefgang und man versteht gar einzelne Motive und Handlungen. Die Spannung bleibt bis zum Ende dermassen gross, dass jugendliche Leserinnen und Leser ihre Lektüre kaum vor der letzten Seite abbrechen werden.

Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten. Beltz 2017. ISBN: 978-3-407-82298-7

Rezension: Maria Riss

 

Jason Reynolds: Love oder meine schönsten Beerdigungen

19.04.2017 by

loveMatt ist etwa 17 Jahre alt, als seine Mutter stirbt, und er weiss nicht, wohin mit seiner Trauer. In der Schule hat er keine Probleme, da ist es einfach nur langweilig und die Mitschüler, die nerven mit ihrem kindlichen Getue. Matt braucht einen Job, nicht nur wegen dem Geld, sondern auch einfach, damit er eine Beschäftigung hat und um die schier endlosen Nachmittage zu überstehen. Da kommt ihm das Angebot vom alten Mr. Ray gerade recht: Matt kann als Gehilfe im Beerdigungsinstitut anfangen. Die Bezahlung ist gut und Matt macht es sich bald zur Gewohnheit, den Zeremonien beizuwohnen. So viele trauernde Menschen, so viele Schicksale, das hilft ihm irgendwie über die Tage, das tröstet ihn und gibt ihm einen seltsamen Kick. Und dann, an einer der Zeremonien, lernt Matt Love kennen. Eine nicht nur schöne, sondern auch sehr starke und eigenwillige junge Frau. Auch Love hat ihre Mutter verloren, allerdings ist dies schon länger her. Love geht mit ihrem Schicksal so ganz anders um. Sie hat aus ihrer Trauer heraus einen unbändigen Überlebenswillen entwickelt. Matt verliebt sich über beide Ohren und ist überzeugt, dass die Beziehung zu Love ihm hilft, sich allmählich aus seiner Isolation zu befreien.
Einmal mehr hat Jason Reynolds einen ganz fantastischen Roman geschrieben. Es geht ums Trauern, ums Abschiednehmen, es geht darum, wie wichtig Freunde sind und wie schwierig der Umgang mit Menschen werden kann, denen nur Äusserlichkeiten wichtig sind. Es geht ums Erwachsenwerden und um die Liebe. Grandios beschreibt der Autor einmal mehr das Leben in Brooklyn, die ständige Angst vor Überfällen, die grosse Solidarität und das Mitgefühl, das man in diesem, vorwiegend von farbigen Menschen bewohnten Stadtteil, erleben kann. Und dann ist da auch immer ein Schuss Humor mit im Spiel, eine gewisse Gelassenheit, die man sich im Alltag oft wünschen würde. Die Lektüre des Buches ist anspruchsvoll, das Thema ernst. Das Buch ist aber an keiner Stelle sentimental, sondern einfach klug und wunderschön zu lesen. Der Roman ist zwar als Jugendbuch erschienen, könnte aber genauso gut in der Abteilung für Erwachsene aufliegen.

Jason Reynolds: Love oder meine schönsten Beerdigungen. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. dtv, Reihe Hanser 2017. ISBN: 978-3-423-65026-7

Rezension: Maria Riss