Jason Reynolds: Love oder meine schönsten Beerdigungen

19.04.2017 by

loveMatt ist etwa 17 Jahre alt, als seine Mutter stirbt, und er weiss nicht, wohin mit seiner Trauer. In der Schule hat er keine Probleme, da ist es einfach nur langweilig und die Mitschüler, die nerven mit ihrem kindlichen Getue. Matt braucht einen Job, nicht nur wegen dem Geld, sondern auch einfach, damit er eine Beschäftigung hat und um die schier endlosen Nachmittage zu überstehen. Da kommt ihm das Angebot vom alten Mr. Ray gerade recht: Matt kann als Gehilfe im Beerdigungsinstitut anfangen. Die Bezahlung ist gut und Matt macht es sich bald zur Gewohnheit, den Zeremonien beizuwohnen. So viele trauernde Menschen, so viele Schicksale, das hilft ihm irgendwie über die Tage, das tröstet ihn und gibt ihm einen seltsamen Kick. Und dann, an einer der Zeremonien, lernt Matt Love kennen. Eine nicht nur schöne, sondern auch sehr starke und eigenwillige junge Frau. Auch Love hat ihre Mutter verloren, allerdings ist dies schon länger her. Love geht mit ihrem Schicksal so ganz anders um. Sie hat aus ihrer Trauer heraus einen unbändigen Überlebenswillen entwickelt. Matt verliebt sich über beide Ohren und ist überzeugt, dass die Beziehung zu Love ihm hilft, sich allmählich aus seiner Isolation zu befreien.
Einmal mehr hat Jason Reynolds einen ganz fantastischen Roman geschrieben. Es geht ums Trauern, ums Abschiednehmen, es geht darum, wie wichtig Freunde sind und wie schwierig der Umgang mit Menschen werden kann, denen nur Äusserlichkeiten wichtig sind. Es geht ums Erwachsenwerden und um die Liebe. Grandios beschreibt der Autor einmal mehr das Leben in Brooklyn, die ständige Angst vor Überfällen, die grosse Solidarität und das Mitgefühl, das man in diesem, vorwiegend von farbigen Menschen bewohnten Stadtteil, erleben kann. Und dann ist da auch immer ein Schuss Humor mit im Spiel, eine gewisse Gelassenheit, die man sich im Alltag oft wünschen würde. Die Lektüre des Buches ist anspruchsvoll, das Thema ernst. Das Buch ist aber an keiner Stelle sentimental, sondern einfach klug und wunderschön zu lesen. Der Roman ist zwar als Jugendbuch erschienen, könnte aber genauso gut in der Abteilung für Erwachsene aufliegen.

Jason Reynolds: Love oder meine schönsten Beerdigungen. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. dtv, Reihe Hanser 2017. ISBN: 978-3-423-65026-7

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2017

02.03.2017 by

danielWesley King: Daniel is different
Daniel ist ein besonders kluger Schüler. Nur mit dem Rechnen hat er es nicht so, es gibt Zahlen, die ihm Angst machen, die Unglück bringen. Und der Sport, vor allem das Footballspielen, ist für Daniel eigentlich ein Albtraum, obwohl er in der Schulmannschaft mitspielt. Daniel ist anders und er läuft immer wieder Gefahr, von den andern ausgegrenzt zu werden. Aber er hat Gottlob einen Freund. Wenn der starke und bei allen beliebte Max an seiner Seite ist, kann ihm niemand was anhaben. Und dann findet er diesen seltsamen Zettel in seinem Schulrucksack: Ich brauche deine Hilfe. Ein anderes Sternenkind. Max ist verwirrt und muss sein abendliches Programm sofort ausbauen: Exakt 35-mal vom Bett ins Bad wandern, den Lichtschalter 120-mal betätigen, jede Hand mit zehn Rubbelbewegungen waschen und vieles mehr. Oft dauert sein Programm mehrere Stunden, bis er endlich einschlafen darf. Bald stellt sich heraus, dass dieser Zettel von Sara kam. Sara, die mit niemandem spricht. Sara, die stets nur mit einer Betreuerin in der Schule auftaucht. Aber Daniel wird von Sara angesprochen, sie bittet ihn um Hilfe, den Mörder ihres Vaters zu finden. Sara ist klug, Sara ist auch direkt und sie konfrontiert ihren neuen und bisher einzigen Freund mit seiner Krankheit. Daniel war bis dahin ein Meister darin, seine Zwangsstörung vor andern geheim zu halten. Sara hilft Daniel, endlich über seine Ängste zu reden. Daniel wiederum hilft seiner so ungewöhnlichen Freundin, dem mysteriösen Verschwinden ihres Vaters auf die Spur zu kommen. Dass sie dabei einbrechen, heimliche Tonaufnahmen machen und Überwachungen anstellen müssen, macht die Lektüre überaus spannend. Im Buch von Wesley King geht es nicht nur um das Tabu rund um Zwangsneurosen, es geht vor allem auch um Zivilcourage, um Freundschaft, um das «Über-sich-hinauswachsen». Der Autor litt als Jugendlicher selber unter Zwangsstörungen, dies ist sicherlich ein Grund, weshalb ihm die Beschreibung der Hauptfigur so überaus glaubhaft gelungen ist. Man versteht Daniel beim Lesen, leidet mit ihm mit, kann seine Ängste und Zwänge auch nachvollziehen. Dies alles ist verpackt in einen sehr spannenden und verzwickten Plot. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Wesley King: Daniel is different. Aus dem Englischen von Claudia Max. Magellan, 2017. ISBN: 978 3 7348 4710-3

Rezension: Maria Riss

 

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert

13.01.2017 by

wir_beide_wussten_es_war_was_passiertBilly geht weg, schnell und möglichst weit. Heimlich, als blinder Passagier im Güterwagen. Mit seinem ständig betrunkenen Vater zu leben, das schafft er einfach nicht mehr. Billy erreicht mit dem Zug eine andere Stadt. Billy weiss, wie man sich durchschlagen kann und findet in einem alten Bahnwagon ein vorläufiges Zuhause. Tagsüber verbringt er die meiste Zeit in der Bibliothek. Er mag es zu lesen, Neues zu erfahren und fremde Erfahrungen lesend zu teilen. Bei MacDonald, wo er die Essensreste anderer isst, trifft er Caitlin. Sie ist etwa gleich alt, geht aufs College und putzt hier, um eigenes Geld zu verdienen. Wenn Caitlin auftaucht, wird Billy nervös. Wenn Caitlin Billy sieht, stolpert sie öfters über ihren Wischmop. Wenn die beiden miteinander reden, tut sich für beide eine neue Welt auf. Durch einen wunderbaren Zufall kommt Billy zu einem alten Haus, das er in Ordnung halten muss und dafür bewohnen darf. Billy hat nicht nur eine wunderbare Freundin und erste Liebe gefunden, sondern ist sich auch selber ein Stück weit näher gekommen.

Das ganze Buch ist in einer Art Gedichtform verfasst, in einer einfachen und doch poetischen Sprache, leicht lesbar an der Oberfläche und mit Details, die zwischen den Zeilen stehen. Caitlin und Billy kommen beide zu Wort und berichten vom Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Plot ist vielleicht ein bisschen gar rosa gefärbt, wirkt aber an keiner Stelle kitschig. Das Buch eignet sich sehr gut, um Jugendlichen Erfahrungen mit literarischen Texten zu ermöglichen. Hier können sie, leicht zugänglich, Metaphern deuten und sich dank der bildhaften Sprache in die Figuren hineindenken. Eine dichte und doch leicht lesbare Lektüre, die viele Jugendliche faszinieren wird.

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-20219-0

Rezension: Maria Riss

 

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück

15.11.2016 by

bellaDie Geschichte spielt irgendwo in der Zeit der Goldgräber und Siedler im Westen Amerikas. Bella Rossa ist etwa siebzehn Jahre alt und bisher weiss Gott nicht vom Leben verwöhnt worden. Ihre Mom hat es nicht mehr ausgehalten in dieser leidigen Hütte mit diesem stets betrunkenen halb gelähmten Mann und ist vor langer Zeit schon abgehauen. Und jetzt kommt nach der grossen Dürre und der Heuschreckenplage auch noch ein Krieg hinzu. Bella Rossa ist es so Leid! Aber Bella Rossa ist stark und schön ist sie auch, mit ihren wunderbar feuerroten Locken und dem verlockend grossen Busen.
So holt sie den alten Wagen aus dem Schuppen, spannt die Kühe ein, schmeisst den ganzen Hausrat auf die Ladefläche, packt den gelähmten Pa obendrauf und fährt los. Nur weg von hier und möglichst weit. Bald schon gerät der alte Planwagen zwischen die Fronten des Krieges und Bella Rossa bekommt nicht nur drei Kugeln in den Bauch, nein, sie verliebt sich auch über beide Ohren in Jaroslaw, einen wunderhübschen Soldaten mit nur einem Arm. Bella Rossa wär nicht Bella Rossa, wenn sie all dies aufhalten würde. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in die Welt hinauszufahren und als Hausiererin endlich Geld zu machen. Sofort nach ihrer Genesung bricht sie wieder auf, allerdings mit einem Fahrgast mehr auf dem alten Wagen. Jaroslaw hat sich dem kleinen Trupp angeschlossen. Immer weiter geht die Reise, eine Katastrophe folgt der nächsten. Bela Rossa kämpft und gibt nicht auf. Und zu guter Letzt, da hat sie nicht nur ihre Mutter wieder gefunden, sondern sie weiss nun auch, wo ihr ganz persönliches Glück zu finden ist.
Bella Rossa ist eine Buchfigur, der man im realen Leben liebend gern begegnen würde: So viel Kraft und Wille, so viel Wärme und Herzlichkeit, so viel Klugheit beim Nachdenken darüber, was für einen ganz persönlich wichtig ist. Dies alles in einer Figur abzubilden, das hat die Autorin überaus glaubhaft zu Papier gebracht. Kraftvoll ist auch die Sprache des Buches, treffend, bildhaft und wundervoll passend gestaltet. Bella Rossas Abenteuer nachzulesen ist nicht nur überaus spannend und zwar gleich von der ersten Seite an, das Buch gibt auch einen Einblick in die damalige wirklich wilden Zeiten im Westen Amerikas. Und so meint Bella Rossa am glücklichen Ende ihrer langen Reise: «Ab und zu braucht man ‘n Wunder. Sonst wär das Leben nur ‘n Haufen Dreck.» Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-58322-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats November 2016

14.11.2016 by

okJason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay!

Rashad ist schwarz. Er soll, wenn es nach dem Willen seines Vaters geht, Offizier werden und dem Land dienen. Deshalb besucht er auch eine Schule, wo militärischer Drill dazugehört. Es ist Freitag, Rashad will den Abend mit seinen Freunden verbringen. Nur rasch noch eine Tüte Chips im Laden kaufen. Und da passiert es: Rashad stösst unabsichtlich mit einer Frau zusammen. Sekunden später steht ein Polizist mit Waffe vor ihm, beschuldigt Rashad wegen Diebstahls und schlägt ihn nieder. Schlägt immer weiter, zerrt den Jungen auf die Strasse, legt ihm Handschellen an und tritt ohne Unterlass auf ihn ein. Schreit und schlägt und hört einfach nicht auf. Erst im Krankenhaus kommt Rashad wieder zu sich. Und hier muss er die nächsten Tage auch bleiben, zu schwer sind seine Verletzungen. Quinn, ein weisser Junge, hat das alles gesehen. Hat beobachtet, wie brutal der weisse Polizist zugeschlagen hat. Hat mitbekommen, wie wehrlos Rashad am Boden lag. Aber Quinn kennt diesen Polizisten sehr gut, ein Nachbar, ein Freund der Familie. Kann er da wirklich als Zeuge aussagen? Ihn als Täter belasten? Gleichzeitig wird ein Video des Vorfalls in den Medien gezeigt und Rashads Freunde organisieren eine Demonstration gegen die Gewalt an schwarzen Jugendlichen. Alle Einwohner der Stadt müssen nun auf irgendeine Weise Stellung beziehen.
Rashad und Quinn erzählen ihre Geschichte, ihre Sichtweise, ihre Gedanken und Gefühle selber, abwechselnd, jeder aus seiner Perspektive. Zwei verschiedene Autoren haben diese Geschichte auch geschrieben: Jason Reynolds , ein dunkelhäutiger Afroamerikaner, schildert das Geschehen aus der Sicht von Rashad, Brendan Kiely, ein weisser Autor, erzählt aus der Perspektive von Quinn. Zwei Seiten kommen zu Wort, zwei Seiten einer Medaille werden Leserinnen und Leser aufgezeigt. Das Buch zeigt Jugendliche im moralischen Dilemma und macht den überaus grossen Druck nachvollziehbar, unter dem die Menschen in dieser amerikanischen Stadt leben. Die beiden Autoren haben den Opfern und Tätern der zahlreichen Zeitungsberichte Namen gegeben und lassen Lesende unmittelbar teilhaben. Ein eindringlich erzähltes Buch, das nachdenklich stimmt, dem man viele jugendliche und erwachsene Leserinnen und Leser wünscht.

Jason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay! dtv: Reihe Hanser, 2016. ISBN: 978-3-423-65024-3

Rezension: Maria Riss

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten

04.10.2016 by

kadirKadir ist Deutscher und Türke zugleich. Er ist 16 Jahre alt, lebt in Hamburg, hat die Schule geschmissen, jobbt bei seinem Verwandten im türkischen Laden und spielt Fussball, das vor allem. Aber dann erscheint Kadir nicht zum entscheidenden Spiel. Kadir ist plötzlich spurlos verschwunden. Mark, sein bester Freund, lässt nicht locker, will wissen, wo Kadir steckt. Ist es wirklich möglich, dass sein Freund ein Islamkämpfer geworden und nach Syrien abgehauen ist, um für den Sieg des IS zu kämpfen? Mark trifft Kadir erst ein paar Wochen später wieder. Sein Freund ist nicht mehr der Alte, er hat sich verändert und dies nicht zu seinem Guten. Kadir redet mit niemandem, schliesst sich ein und tut doch so, als sei alles in bester Ordnung, normal eben. Er habe nur seine Verwandten in der Türkei besucht, meint er. Als aber Kadir dann mit seiner Sporttasche vor dem besetzten Fussballstadion die Hände in die Höhe reisst und «Allahu Akbar» brüllt, greift Mark ein. Mark ist es schliesslich auch, dem Kadir seine ganze Geschichte erzählen kann.
Peter Mathews, von Beruf Schriftsteller, und Benno Köpfer, der als Analyst beim Verfassungsschutz zur Bekämpfung islamistischen Terrors arbeitet, haben ein sehr eindrückliches Buch geschrieben. Die Geschichte ist glaubhaft, spannend, berührend auch. Es geht nicht um Schwarzmalerei, es geht darum, zu begreifen, was Jugendliche dazu bringen kann, in diesen schrecklichen Krieg zu ziehen. Und das Buch will informieren, über die Geschichte des Islams, über die Glaubenslehre der Salafisten und wie es in IS-Ausbildungslagern zu und her geht. Es beschreibt realitätsnah und an manchen Stellen schonungslos den Kriegsalltag in denen vom IS besetzten Gebieten. Der vorliegende Roman will aufwecken, will dazu anregen, dass Leserinnen und Leser das Weltgeschehen kritisch hinterfragen und er will Hintergründe aufzeigen (auch wenn dies stellenweise nur in Ansätzen möglich ist). Die Beschreibung der Figuren ist über weite Strecken überzeugend und differenziert. So nimmt man Kadir, obwohl er in den Krieg zieht und sich aufs Schiessen freut, nicht einfach als grausamen Bösewicht wahr. Und Mark ist nicht nur ein Gutmensch, der alles im Griff hat. So vergisst er etwa die Suche nach seinem Freund über mehrere Tage, weil ihm Kadirs Schwester Meran so sehr gefällt. Dies alles ist in eine wirklich spannende Geschichte verpackt, die viele Jugendliche, egal welchen Geschlechts, faszinieren wird. Gibt man bei youtube die Namen der Autoren ein, kann man sich einen kurzen, sehr informativen Film zur Entstehung dieses Buches ansehen.

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-43038-8

Rezension: Maria Riss

Katrin Bongard: Lass uns fliegen

04.10.2016 by

fliegenPaulina ist eigentlich eine Topschülerin mit vielen Freundinnen an der Schule. Auf der anderen Seite ist da Vincent. Eigentlich ein Kiffer, der sich in der Schule nur knapp über Wasser hält. Die beiden treffen sich im Schreibkurs. Was sich nun sehr nach Klischee anhört, löst sich in der Folge rasch auf. Vorsichtig nähern sich die beiden an, doch die Freundschaft ist zerbrechlich und droht immer wieder auseinander zu gehen. Erst allmählich erfahren die beiden voneinander, was sie wirklich bewegt und welche Schicksale sie zu tragen haben. Doch gerade die grossen Schwierigkeiten, die beide zu bewältigen haben, machen sie so stark.
Das Buch lebt davon, dass abwechslungsweise aus der Sicht von Paulina und der Sicht von Vincent geschrieben wird. Ein sehr berührender Jugendroman, der in die Tiefe geht und einem von der ersten Seite her nicht mehr loslässt. Packend und authentisch geschrieben. Eine Geschichte, die ermutigt, hinter die Fassaden zu blicken und trotz grosser Probleme seinen Weg zu gehen.

Katrin Bongard: Lass uns fliegen. Oetinger Taschenbuch, 2016. ISBN: 978-3-8415-0416-6

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Gayle Forman: Nur ein Tag

04.10.2016 by

tagAllyson Healy hat von ihren Eltern zum Highschool-Abschluss eine Bildungsreise nach Europa geschenkt bekommen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Melanie erlebt sie eine eher öde Reise quer durch den Kontinent. In England schliesslich lernt sie bei einer aussergewöhnlichen Hamlet-Aufführung Willem kennen, die beiden mögen sich auf Anhieb. Gemeinsam beschliessen sie, einen Kurztrip nach Paris zu unternehmen. In der Stadt der Liebe verliebt sich Allyson unsterblich in Willem, doch ihr Ausflug endet in einem Desaster. Eines Morgens ist Willem einfach nicht mehr da, unauffindbar.
Zurück in Amerika fällt Allyson in ein Loch. Die schulischen Leistungen fallen massiv, nichts mehr kann sie begeistern. Nach einem Gespräch mit ihrer Vertrauenslehrerin traut sich Allyson, die von ihren Eltern angesteuerte Laufbahn zur Medizinerin abzubrechen. Sie besucht stattdessen Vorlesungen zu Shakespeare. Wiederum lösen diese alten Texte neue Gefühle, Gedanken und eine unbestimmte Sehnsucht in ihr aus. Gemeinsam mit dem etwas verrückten Dee macht sie sich schliesslich auf die Suche nach Antworten auf das Leben, auf die Suche nach sich selbst und auf die Suche nach Willem. Zu guter Letzt bricht sie noch einmal zu einer abenteuerlichen Reise quer durch Europa auf.
Die herzzerreisende Liebesstory lässt sich trotz der 400 Seiten rasch und flüssig lesen. Ein Mädchenroman, der für Herzklopfen und unbeschwerte Stunden sorgt. Ein Roman aber auch, der ermutigt, eigene Wege zu gehen. Bereits ist eine Fortsetzung dieses Buches unter dem Titel «Und ein ganzes Jahr» erschienen.

Gayle Forman: Nur ein Tag. Fischer FJB, 2016. ISBN: 978-3-8414-2106-7

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Dave Cousins: Warten auf Gonzo

23.05.2016 by

gonzoDer etwa 15-jährige Oz hat es nicht eben leicht. Seine leicht schrägen «Oeko-Künstler-Eltern» haben beschlossen, ein neues Leben auf dem Land zu beginnen. Oz und seine ältere Schwester müssen in dieses gottverlassene Kaff mit, da hilft gar nichts. Schon am ersten Tag in der neuen Schule vergeigt Oz fast alles, was man vergeigen kann. Ausgerechnet mit dem schwierigsten, stärksten Mädchen der Schule legt er sich an. Gut, dass es wenigstens einen Jungen namens Ryan gibt. Ein Aussenseiter zwar, aber einer, der Bescheid weiss, wie die Regeln an dieser Schule laufen. Oz hat nur einen Wunsch: Er will zurück nach London in seine alte Umgebung. Seine Schwester Meg scheint mit der Situation besser klar zu kommen, bis Oz eines Tages entdeckt, dass Meg schwanger ist. Die Eltern sind ausser sich, raten zur Abtreibung, aber Oz freut sich riesig und gibt dem kleinen Wesen auch gleich einen Namen – Gonzo. So wird dieses ungeborene Kind plötzlich real, was Meg dazu bringt, dass sie das Kind behalten will. Es ist Oz, der ihr in dieser schwierigen Zeit am meisten Unterstützung bietet. Oz ist zwar in vielerlei Hinsicht ein Tollpatsch, aber er ist kein Looser. Was er für seine Schwester und den ungeborenen Gonzo alles unternimmt und wie er es schliesslich schafft, sich auch an der Schule Anerkennung zu verschaffen, das ist ganz wunderbar nachzulesen.

Oz erzählt seine Geschichte gleich selber und er spricht dabei immer wieder «G» an. Zu Beginn weiss man beim Lesen nicht, wer hinter diesem «G» steckt, bis man den Namen des Babys in Megs Bauch erfährt. So wird man unmittelbar ins Buchgeschehen hineingezogen und das macht riesengrossen Spass. Oz ist ein so sympathischer, liebenswerter Kerl, der Lesende mit seinen Ideen, seinen Gedanken und seiner Erzählweise immer wieder zum Lachen und Schmunzeln bringt. Und ganz zum Schluss, da ist man einfach auch berührt, dass alles eine einigermassen gute Wendung nimmt und man freut sich zusammen mit Oz, den Eltern, mit Ryan und all den andern, dass das lange Warten auf Gonzo endlich ein Ende hat. Für Jugendliche.

Dave Cousins: Warten auf Gonzo. Aus dem Englischen von Anne Brauner. Verlag Freies Geistesleben 2016. ISBN: 3-978-7725-2779-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2016

01.04.2016 by

sturmMats Wahl: Sturmland. Die Reiter

Die Geschichte spielt im Jahr 2060 in Schweden. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Schnee gibt es schon lange nicht mehr, dafür werden die Menschen von heftigen Stürmen geplagt, roter Sand bedeckt immer wieder die Landschaft. Elin ist etwa 16 Jahre alt. Sie und ihre Familie haben der Regierung getrotzt, sind nicht in die grossen Städte gezogen und leben auf einem der verstreuten Höfe. Tag und Nacht müssen die Überwachungskameras laufen, ständig sind sie unter der Kontrolle der Mächtigen. Und dann passiert es: Auf dem Ritt nach Hause werden Elin und ihr Bruder überfallen. Elin hat ihre Armbrust dabei und kann sich wehren. Ihr Bruder Vagn aber wird entführt. Sofort macht sich Elin auf die Suche nach ihrem geliebten Bruder. Dies ist lebensgefährlich. Nicht nur die Entführer, eine verfeindete Familie, machen ihr zu schaffen, es ist auch die Armee und die Polizei und das Gefühl, niemandem wirklich trauen zu können.

Mats Wahl hat ein absolut spannendes, packendes Buch geschrieben, das Jugendliche beider Geschlechter gleichermassen begeistern wird. Und dies bereits ab der ersten Seite. Das Buch besticht nicht nur durch die enorme Spannung, besonders beeindruckend ist auch die Zeichnung der Figuren gelungen. Elin und Vagn könnten nebenan wohnen, so glaubhaft und nachvollziehbar sind ihre Handlungsweisen. Obwohl die Geschichte in ferner Zukunft spielt und vieles fremd erscheint, stellt der Autor beklemmende Bezüge zu unserer heutigen Welt her. Das Buch ist aus diesem Grund sehr viel mehr als bloss ein Abenteuerbuch oder Fantasy Roman. Mats Wahl gehört zu den wichtigsten Autoren der modernen Jugendliteratur. Mit diesem Buch, das unbedingt in jede Bibliothek gehört, beweist er dies einmal mehr. Bereits ist der zweite Band erschienen: Sturmland. Die Kämpferin. Hanser.

Mats Wahl: Sturmland. Die Reiter. Aus dem Schwedischen von Gesa Kunter. Hanser 2016. ISBN: 978-3-446-24936-3

Rezension: Maria Riss