David Vliestra: Willy Bumm. Mission Goldtransport

18.06.2017 by

wiilyWilly ist neun Jahre alt und lebt im Wilden Westen. Er hat zwei Geschwister, Billy, der ältere Bruder, und Millie, die bereits verheiratet ist und in Reno lebt. Vor kurzem erst ist Grossmutter gestorben. Sie hat ihren drei Enkeln in einem Versteck unter den Dielen 120 Goldmünzen hinterlassen. Woher Oma einen solchen Haufen Gold hatte, das weiss niemand so genau. Auf jeden Fall muss nun jemand nach Reno reisen, um der älteren Schwester ihren Anteil zu bringen. Das Leben im Wilden Westen ist gefährlich und die Reise nach Reno dauert mindestens zwei Tage. Mama und Papa beschliessen, dass der kleine Willy reisen soll. Niemand wird schliesslich einen netten, kleinen Jungen überfallen. Weil Gold im Rucksack zu gefährlich wäre, näht Mama alle Goldmünzen schön ordentlich auf Willys Unterhemd, eine Münze neben die andere. Und gleich am nächsten Tag bringt Papa Willy zum Bahnhof. Die Liste der Ermahnungen und drohenden Gefahren ist lang, aber schliesslich sitzt Willy im Abteil und die Dampflock fährt los. Schon bald wird die Reise auch wirklich zu einem riesengrossen Abenteuer: Gesprengte Bahngeleise, ein Überfall auf die Postkutsche, ein Duell auf offener Strasse, ein goldgieriger Cowboy und ein einsamer, unendlich langer Ritt durch die dunkle Steppe. Willy bezwingt all diese Gefahren und kommt nach vielen Umwegen schliesslich heil und mit dem ganzen Gold bei seiner grossen Schwester an.
Willy ist einer, den man gleich zu Beginn der Geschichte ins Herz schliesst, lesend all seinen Abenteuern zu folgen, das macht ganz grossen Spass. Willy ist nicht nur überaus mutig, er hat auch ein weiches Herz, ganz so, wie es sich für einen richtigen «Westernhelden» gehört. Weil die Spannung gleich auf der ersten Seite beginnt, weil Willy ein so beherzter Held ist, und weil man zwischendurch auch immer wieder schmunzeln kann, eignet sich das Buch auch ganz besonders gut zum Vorlesen. Ein wunderbarer Lesespass für Kinder ab etwa 9 Jahren.

David Vliestra: Willy Bumm. Mission Goldtransport. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. Rowohlt 2017. ISBN: 978 3 499 21778 4

Rezension: Maria Riss

 

 

 

 

 

Buch des Monats Juni 2017

30.05.2017 by

ballonSimon van der Geest: Das geheime Logbuch, das magnetische Mädchen und eine fast brillante Erfindung
Aus dem Museum für «Fast Brillante Erfindungen» in einer kleinen holländischen Stadt ist ein berühmtes Logbuch gestohlen worden. Ausgerechnet die Mama des etwa 11-jährigen Ro soll es gestohlen haben. Deshalb sitzt sie nun in einem riesigen Gefängnis auf einer nahegelegenen Insel. Ros Vater hat seit der Verhaftung das kleine Haus kaum mehr verlassen. Jeden Abend  hockt er auf dem Sofa und spielt Computerspiele, pausenlos. Ro weiss, dass seine Mutter niemals etwas Unrechtes tun würde und Ro ist einer, der niemals aufgibt. Es ist gut, dass Ro seinen besten Freund Archie an seiner Seite hat. Auch Lela, mit ihrer dunklen Haut, dem ständig verschmitzten Lächeln im Gesicht und ihrer Allergie gegen Ungerechtigkeiten ist bei den vielen wichtigen Besprechungen dabei. Die drei wollen um alles in der Welt Ros Mama befreien. Dafür entwickeln sie einen absolut verrückten Plan: Einen Ballon wollen sie fertigen und damit auf die Gefängnisinsel fliegen. Das Unterfangen stellt sich allerdings als sehr viel schwieriger heraus, als sie erwartet haben. Aber als schliesslich alle Kinder aus Ros Schulklasse von dieser geheimen Mission erfahren und mithelfen, da hebt dieser Ballon in einer windstillen Mondnacht doch tatsächlich ab. Es gelingt den Kindern zwar nicht, Ros Mama zu befreien, aber ihre tollkühne Aktion löst einen solchen Wirbel aus, dass der Fall des gestohlenen Logbuchs neu recherchiert wird. Ja und zum Schluss, da kommt alles gut, sogar Papa ist aus seiner Starre erwacht, verlässt sein Sofa und wirft die Computerspiele in den Sondermüll.
Das Lesen dieses Buches macht vielleicht deshalb so grossen Spass, weil sich die Handlung haarscharf an der Grenze dessen bewegt, was überhaupt möglich ist. Um den Ballon zu fertigen, nähen die Kinder 37 Zelte aneinander und um an das nötige Helium zu kommen sind auch ein paar ziemlich gewagte Schwindeleien nötig. Der Spannungsbogen beginnt gleich auf den ersten Seiten und zieht sich bis zum überraschenden und glücklichen Ende durch. Ro erzählt diese Geschichte aus seiner Perspektive und er tut dies überaus glaubhaft. Mirjam Pressler hat das Buch übersetzt, dass sie eine Garantin für gute Lesestoffe ist, beweist sie mit dem vorliegenden Buch einmal mehr. Zum Vorlesen und Selberlesen für Kinder ab etwa 9 Jahren.

Simon van der Geest: Das geheime Logbuch, das magnetische Mädchen und eine fast brillante Erfindung. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18454-0

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Mai 2017

04.05.2017 by

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande.

missiDie Geschichte beginnt in den Südstaaten von Amerika und spielt am Ende des 19. Jahrhunderts. Vier Kinder aus völlig verschiedenen Milieus haben in den Sümpfen heimlich eine Hütte gebaut und verbringen dort ihre ganze Freizeit. Beim Angeln passiert es: Sie fischen aus dem Fluss eine alte Dose mit drei Dollar drin. Die drei bestellen sich mit dem Geld beim Versandhauskatalog eine Pistole, mit passender Munition versteht sich. Als das Paket endlich eintrifft, finden sie darin aber bloss eine alte Uhr. Bald erfahren die vier, dass diese Uhr ein Vermögen wert ist, denn die Falschlieferung wird im ganzen Land gesucht. Wenn diese alte Uhr tatsächlich mehrere tausend Dollar wert ist, dann wollen die vier auch etwas davon abkriegen. Dafür muss man die Uhr aber in Chicago vorbeibringen. Also beschliessen die vier, nach Norden abzuhauen.
Diese Reise durch ganz Amerika wird für die Kinder abenteuerlich und gefährlich, zumal sie kaum Geld besitzen. Zuerst fahren sie in ihrem selbstgebauten Einbaum nach New Orleans, dann mit dem Raddampfer den Mississippi hoch, später als blinde Passagiere im Zug weiter gen Norden. Sie werden überfallen, fahren zum ersten Mal mit einem Tram, staunen über Automobile, erfahren, da der jüngste von allen schwarz ist, wie verbreitet der Rassismus in bestimmten Gegenden noch immer ist und erleben auch öfters, wie hilfsbereit Menschen sein können. Ja und am Schluss, nachdem sie sogar einen Mord aufgeklärt haben, da werden die vier doch tatsächlich steinreich.
Der italienische Autor Davide Morosinotto hat ein ganz wunderbares Abenteuerbuch geschrieben: Eine überaus packende Handlung mit vielen, unvorhersehbaren Wendungen, schrägen Typen, fernen Schauplätzen und Hauptfiguren, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Und vor allem am Anfang hat man beim Lesen das Gefühl, Huckleberry Finn tauche nächstens hinter einer Hausecke auf. Besonders faszinierend sind zudem die vielen Einblicke in das Leben jener Zeit: der technische Fortschritt, das schwierige Leben der Farmer, der für alle Beteiligten schreckliche Aufenthalt in einem Gefängnis. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, jede der Hauptfiguren berichtet von einem Teil der gefährlichen Reise. Dadurch wird die Verschiedenartigkeit der vier Abenteurer spürbar. Diese spannende Art von Road Movie wird Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren, Mädchen wie Jungen, mit Sicherheit begeistern. Das Buch eignet sich zudem dank der klaren Gliederung auch hervorragend zum Vorlesen.

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18455-8

Rezension: Maria Riss

 

Frank Cottrell Boyce: Broccoli-Boy rettet die Welt

28.04.2017 by

boyRory ist etwa 11 Jahre alt. Er weiss ziemlich viel, ist aber mit Abstand der Kleinste in der Klasse. Kleine werden gehänselt, übersehen und Kleine, die obendrein noch so klug sind, die haben schon gar keine Chance. Rory wird von den andern Jungs täglich fertig gemacht, vor allem im Sportunterricht und in den Pausen. Und dann geht es auf Klassenreise. Einmal mehr wird Rory gehänselt und geschupst und fällt gar in den kalten Bergbach. Als Rory tropfnass aus den eisigen Fluten steigt, verschlägt es der ganzen Klasse schlicht die Sprache: Rory ist grün. Überall. Grün wie ein Broccoli. Der durch und durch grün gefärbte Rory landet als medizinische Sensation auf der Isolierstation eines Krankenhauses. Erst nach drei Tagen entdeckt er einen zweiten Patienten auf der Station: Es ist Tommy-Lee, der Oberfiesling aus seiner Klasse. Auch dessen Hautfarbe schimmert in den wunderbarsten Grüntönen. Sind die beiden vielleicht zu Superhelden mutiert? Um das herauszufinden, stürzen sie sich nun Nacht für Nacht mit dem Fensterputz-Aufzug in die wildesten Abenteuer und machen halb London unsicher. Wie diese verrückte Geschichte, immer haarscharf an der Grenze zwischen Möglichem und Fantasy, schliesslich doch noch gut endet, dies nachzulesen ist nicht nur spannend, sondern macht auch einfach gute Laune.
Es ist fürwahr eine Kunst, ein solch aberwitziges Buch zu schreiben, ohne dass die Geschichte oberflächlich oder wie ein dummer Gag wirkt. Der Autor schafft es mit diesen zwei Figuren, die sich durch diese ungewöhnlichen Umstände stark verändern und entwickeln, Leserinnen und Leser auch immer wieder zu berühren. Und ein bisschen Weisheit steckt zusätzlich drin, wenn Rory sich beispielsweise überlegt, ob es reicht, einfach an sich selber zu glauben, um plötzlich stark zu werden, nicht nur körperlich, sondern auch in der Art, wie man gegenüber andern Menschen auftritt. Die turbulente Geschichte wird viele Kinder, vor allem auch Jungen, ab etwa 12 Jahren faszinieren.

Frank Cotrell Boyce: Broccoli-Boy rettet die Welt . Aus dem Englischen von Salah Naoura. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-55363-8

Rezension: Maria Riss

Håkon Øvreås: Super Matze

19.04.2017 by

matzeMatze, Bruno und Laura leben in einem kleinen Dorf in Norwegen. Am liebsten verbringen sie ihre Zeit mit Spionieren. Obwohl das Dorf so klein ist, gibt es immer wieder merkwürdige und spannende Sachen. Da sind die neuen Bewohner der früheren Bäckerei mit diesem seltsamen Mädchen, das meistens nur böse aus dem Fenster guckt, oder der Bürgermeister, der mit seinem preisgekrönten Huhn für die Zeitung posiert. Einmal in die Zeitung kommen, das möchte Matze fürs Leben gern, damit könnte er auch dieses Mädchen beeindrucken. Vielleicht klappt das ja, wenn man beispielsweise ein preisgekröntes Huhn verschwinden lässt und es anschliessend dem sicher verzweifelten Bürgermeister zurückbringt? Es ist gut, dass Matze einen schwarzen Superhelden-Anzug hat. Den zieht er sich in dieser Nacht über und klaut das Huhn des Bürgermeisters. Matze versteckt das Tier in Omas Schuppen. Dummerweise wird Matze aber am nächsten Tag so krank, dass er im Bett bleiben muss. Als er endlich wieder aus dem Haus darf, ist das Huhn aus Omas Schuppen verschwunden. Jemand muss das Huhn geklaut haben. Jetzt können nur noch seine Freunde helfen. Wie die drei dieses wunderschöne Huhn wiederfinden und ob es Matze tatsächlich in die Zeitung schafft, das soll noch nicht verraten werden. Denn all dies selber nachzulesen, das macht riesengrossen Spass.
Die Geschichte ist ganz nah an der Alltagswelt von Kindern. Es geht um Abenteuerlust, um das Ausreizen von Regeln, es geht um Mut und das neu erwachte Interesse am anderen Geschlecht. Autor und Illustrator beherrschen die Kunst des Weglassens grandios. Vieles ist nur angetönt, aber in Bild und Text so dargestellt, dass man sich das Geschehen wunderbar vorstellen kann. Wer sich als Erwachsener gut an die eigene Kindheit erinnern kann, wird Laura, Bruno und Matze lieb gewinnen und sich im kleinen Dorf, mit den oft etwas schrägen Bewohnern, bald heimisch fühlen. Zu Recht wurde das erste Buch über diese drei Freunde mit dem LUCHS-Preis von Radio Bremen und der «Zeit» ausgezeichnet. Für Kinder ab etwa 10 Jahren und Erwachsene.

Håkon Øvreås: Super Matze. Mit Illustrationen von Øyvind Torseter. Aus dem Norwegischen von Angelika Kutsch. Hanser 2017. ISBN: 978-3-446-25485-5

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Dezember 2016

30.11.2016 by

niklasMatt Haig: Ein Junge namens Weihnacht
Nikolas lebt mit seinem Vater, einem mausarmen Holzfäller, hoch oben im Norden Finnlands. Die beiden sind dermassen arm, dass manchmal gar das Geld für eine wärmende Suppe fehlt. Da bricht der Vater auf, er will zusammen mit ein paar Männern einen Beweis finden, dass es im nördlichsten Zipfel des Landes tatsächlich Wichtel gibt. Der König hat einen hohen Geldpreis für einen solchen Beweis versprochen. Tante Carlotta soll unterdessen auf Nikolas aufpassen. Aber Tante Carlotta ist so schrecklich böse, dass Nikolas es einfach nicht mehr aushält und sich aufmacht, seinen Vater zu suchen. Hätte er sich unterwegs nicht ein Rentier zum Freund gemacht, er wäre mit Sicherheit in der eisigen Kälte erfroren und verhungert. Und dann, als er am Ende seiner Kräfte ist, als er eigentlich beschlossen hat, umzukehren, entdeckt er dieses wunderbare Leuchten am Himmel. Nikolas ist einer, der nicht nur an Wunder, sondern auch an das Gute glaubt, vielleicht auch deshalb kann er in der Ferne das Wichteldorf ausmachen. Die Wichtel nehmen den halb verhungerten Jungen zwar auf, geben ihm zu essen, stecken ihn aber sofort ins Gefängnis. Sie wollen keine Menschen hier haben, zu viel Schlechtes haben sie von ihnen gehört. Wie es Nikolas trotzdem gelingt, sich mit den Wichteln anzufreunden, wie er gar zum Wichtelvorsitzenden gewählt wird und zum Schluss zum ersten richtigen Weihnachtsmann, das ist einmalig spannend nachzulesen.
Selten ist wohl ein Weihnachtsbuch erschienen, bei dessen Lektüre man sich schon ab der ersten Seite so gut unterhalten kann. Matt Haig hat ein Buch geschrieben, das alle Kriterien für ein wirklich gutes Kinderbuch erfüllt: Eine überaus packende Handlung mit vielen unvorhersehbaren Wendungen, die richtige Prise Humor und einen Protagonisten, den man gleich zu Beginn schon ins Herz schliesst. Die Geschichte ist an manchen Stellen tiefsinnig und voll von wichtigen Wahrheiten, dann wiederum kann man beim Lesen herzhaft lachen. Die pointierten, ausdrucksstarken schwarzweissen Zeichnungen von Chris Mould oder die handschriftlichen Bestimmungen des Wichtelrates laden zusätzlich zum Schmunzeln ein. Ein wunderbares Lese- und Vorlesevergnügen für Kinder ab etwa 10 Jahren und Erwachsene.

Matt Haig: Ein Junge namens Weihnacht. dtv Hardcover. ISBN: 978-3-423-28088-4

Rezension: Maria Riss

 

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück

15.11.2016 by

bellaDie Geschichte spielt irgendwo in der Zeit der Goldgräber und Siedler im Westen Amerikas. Bella Rossa ist etwa siebzehn Jahre alt und bisher weiss Gott nicht vom Leben verwöhnt worden. Ihre Mom hat es nicht mehr ausgehalten in dieser leidigen Hütte mit diesem stets betrunkenen halb gelähmten Mann und ist vor langer Zeit schon abgehauen. Und jetzt kommt nach der grossen Dürre und der Heuschreckenplage auch noch ein Krieg hinzu. Bella Rossa ist es so Leid! Aber Bella Rossa ist stark und schön ist sie auch, mit ihren wunderbar feuerroten Locken und dem verlockend grossen Busen.
So holt sie den alten Wagen aus dem Schuppen, spannt die Kühe ein, schmeisst den ganzen Hausrat auf die Ladefläche, packt den gelähmten Pa obendrauf und fährt los. Nur weg von hier und möglichst weit. Bald schon gerät der alte Planwagen zwischen die Fronten des Krieges und Bella Rossa bekommt nicht nur drei Kugeln in den Bauch, nein, sie verliebt sich auch über beide Ohren in Jaroslaw, einen wunderhübschen Soldaten mit nur einem Arm. Bella Rossa wär nicht Bella Rossa, wenn sie all dies aufhalten würde. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in die Welt hinauszufahren und als Hausiererin endlich Geld zu machen. Sofort nach ihrer Genesung bricht sie wieder auf, allerdings mit einem Fahrgast mehr auf dem alten Wagen. Jaroslaw hat sich dem kleinen Trupp angeschlossen. Immer weiter geht die Reise, eine Katastrophe folgt der nächsten. Bela Rossa kämpft und gibt nicht auf. Und zu guter Letzt, da hat sie nicht nur ihre Mutter wieder gefunden, sondern sie weiss nun auch, wo ihr ganz persönliches Glück zu finden ist.
Bella Rossa ist eine Buchfigur, der man im realen Leben liebend gern begegnen würde: So viel Kraft und Wille, so viel Wärme und Herzlichkeit, so viel Klugheit beim Nachdenken darüber, was für einen ganz persönlich wichtig ist. Dies alles in einer Figur abzubilden, das hat die Autorin überaus glaubhaft zu Papier gebracht. Kraftvoll ist auch die Sprache des Buches, treffend, bildhaft und wundervoll passend gestaltet. Bella Rossas Abenteuer nachzulesen ist nicht nur überaus spannend und zwar gleich von der ersten Seite an, das Buch gibt auch einen Einblick in die damalige wirklich wilden Zeiten im Westen Amerikas. Und so meint Bella Rossa am glücklichen Ende ihrer langen Reise: «Ab und zu braucht man ‘n Wunder. Sonst wär das Leben nur ‘n Haufen Dreck.» Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-58322-2

Rezension: Maria Riss

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens

14.11.2016 by

casparCaspars Eltern sind Puppenspieler, erfolgreiche und weltbekannte Künstler. Caspar ist besonders begabt im Holzschnitzen, seine ältere Schwester Gerda erfindet gerne neue Geschichten und der kleine Bruder Till, der ist einfach noch zu klein, um mitzuhelfen. Und dann am Neujahrsmorgen ist Till plötzlich verschwunden. Und nicht nur das, auch sämtliche Fotos und Erinnerungsstücke von Till sind nicht mehr auffindbar und die Eltern scheinen gar nicht mehr zu wissen, dass sie je einen kleinen Sohn hatten. Nur Caspar und Gerda vermissen Till und beginnen mit der Suche. Sie stossen dabei auf rätselhafte Spuren und einen uralten geheimen Vertrag. Till wurde wohl vom «Meister des Vergessens» geholt, der seit Jahrhunderten laut Vertrag immer wieder ein Kind als Tribut verlangt. Caspar gibt das Suchen nicht auf und gelangt schliesslich in einen alten Turm, wo der «Meister des Vergessens» Kinder gefangen hält. Kinder, denen er alle Erinnerungen gestohlen hat, Kinder, die für ihn schuften müssen. Caspar liebt seinen kleinen Bruder so sehr, dass er allen Mut zusammennimmt und sich ebenfalls gefangen nehmen lässt. In Gefangenschaft kämpft er nicht nur gegen den grusligen alten Meister, sondern auch dagegen, seine eigenen Erinnerungen zu verlieren. Natürlich wendet sich am Ende alles zum Guten, bis dahin gilt es aber sehr viele, äusserst gefährliche Abenteuer zu bestehen.
Überaus harmlos und fast idyllisch geht es am Anfang der Lektüre zu und her. Mit jeder Seite aber werden Leserinnen und Leser mehr ins Buchgeschehen hineingezogen. Ein bisschen Schaudern und Hühnerhaut gehören dazu, manchmal so, dass man zumindest bis zum Ende des Kapitels weiterlesen muss. Die Autorin hat wohl darauf geachtet, dass man am Ende jedes Kapitels zumindest ein bisschen aufatmen kann. Nebst der in einer sehr ausdrucksstarken Sprache verfassten spannenden Geschichte ist die klare Gliederung mit ein Grund, dass sich das Buch sehr gut zum Vorlesen eignet. Die Handlung erzählt vom Zusammenhalten, von manchmal nervigen Brüdern und von der Kostbarkeit unserer Erinnerungen. Für Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren.

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens. Oetinger, 2016. ISBN: 978-3-7891-0426-8

Rezension: Maria Riss

 

Jenny Valentine: Durchs Feuer

04.10.2016 by

feuerDie unscheinbare, 14-jährige Iris wächst bei ihrer Mutter Hannah und deren Freund Lowell auf. Diese beiden sind vollauf mit sich selbst und ihren Ambitionen im Showbusiness beschäftigt. Für Iris bleibt da keine Zeit. Über ihren Vater weiss Iris nichts, nur dass er sich seit über 14 Jahren nicht mehr hat blicken lassen. Iris beginnt, Feuer zu legen. Das ist ihre Möglichkeit, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung Ausdruck zu geben. Zum Glück gibt es da noch ihren unkonventionellen Freund Thorsten, mit dem sie Gespräche über Kunst, die Welt und ihre verrückte Familie führen kann.
Hals über Kopf packt Hannah aber dann plötzlich die Koffer und verlässt mit Iris und Lowell Amerika. Denn Iris und ihre Feuer haben sich für die Mutter zu einem echten Problem entwickelt, zudem drücken grosse Geldsorgen und hohe Schulden. In London trifft sich Hannah mit Ernest, dem Vater von Iris. Dieser ist unglaublich reich und soll der Familie nun aus dem Desaster helfen. Ernest selbst liegt im Sterben. Sein grösster Wunsch ist es, Iris kennen zu lernen. Der Roman schliesst mit einem virtuosen Ende, einer völlig unerwarteten Wendung.
Ein packender Jugendroman ab 14 Jahren, der in verschiedenen philosophischen Passagen dazu anregt, sich Gedanken zum Leben zu machen. Die Geschichte fordert auch dazu auf, sich mit einem eigensinnigen Mädchen und seinen Ansichten auseinanderzusetzen.

Jenny Valentine: Durchs Feuer. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-65020-5

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Antje Damm: PeterSilie

05.04.2016 by

petersiNick ist etwa 9 Jahre alt. Er wohnt zusammen mit seinen Eltern und dem älteren Bruder in einem kleinen Haus. Oma wohnt auch bei ihnen. Nick hat seine Oma sehr lieb. Sie kocht die besten Spätzle und sie ist die einzige in der Familie, die Zeit für ihn hat. Wenn Oma ihm Geschichten von früher erzählt, dann ist sie plötzlich auch gar nicht mehr so alt. Nick könnte ihr stundelang zuhören. Aber dann fällt Oma hin und muss ins Krankenhaus. Dort liegt sie nun und starrt nur noch an die Decke, will nicht mehr reden und wohl auch nicht mehr weiterleben. Nick macht sich grosse Sorgen. Das wird schon wieder, meinen die Eltern. Aber Nick glaubt das nicht. Oma muss man eine ganz besondere Freude machen, damit sie wieder zu sich kommt. Da ist es gut, dass der alte Paul gleich nebenan wohnt, da ist es noch besser, dass dieser Paul sich ziemlich was traut. Oma hat mal erzählt, dass sie als Kind zwei Gänse ganz besonders ins Herz geschlossen habe. Peter und Silie hiessen die beiden. Paul und Nick geben vor, zwei Tage miteinander Ferien machen zu wollen. Sie zelten in der Nähe einer Gänsezucht. Und schliesslich tun sie es, mitten in der Nacht: Sie klauen zwei Gänse, werden vom wütenden Bauer verfolgt und schaffen es schliesslich, diese beiden Gänse in Omas Krankenzimmer zu schmuggeln. Klar, dass Oma staunt und sogar ein verschmitztes Grinsen zustande bringt. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis Nick wieder Omas Spätzle geniessen kann.

Antje Damm hat ein sehr berührendes Kinderbuch geschrieben und es auch gleich selber illustriert. Es ist nicht nur die einfache und doch so präzis gestaltete Sprache, die so vieles zwischen den Zeilen erzählt, was dieses Buch so besonders macht. Es sind auch die beiden Hauptfiguren, mit denen sich Leserinnen und Leser schnell und gerne identifizieren werden und die fantastischen Illustrationen, die das Geschehen so stimmungsvoll wiedergeben. Antje Damm hat ein an sich ernstes Thema in eine sehr spannende Geschichte verpackt. Gänse klauen, das ist kein Kinderspiel und die Flucht im uralten VW-Käfer des alten Paul schon gar nicht. Und ob sich dieser aufregende Gänseraub auch tatsächlich gelohnt hat, das erfahren Leserinnen und Leser erst ganz am Schluss. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen, weil es nach jedem Kapitel wieder Zeit zum Aufatmen bietet. Zum Selberlesen für Kinder ab etwa 9 Jahren, zum Vorlesen auch für jüngere Kinder.

Antje Damm: PeterSilie. Tulipan 2016. ISBN: 978-3-86429-253-8

Rezension: Maria Riss