Buch des Monats Dezember 2016

30.11.2016 by

niklasMatt Haig: Ein Junge namens Weihnacht
Nikolas lebt mit seinem Vater, einem mausarmen Holzfäller, hoch oben im Norden Finnlands. Die beiden sind dermassen arm, dass manchmal gar das Geld für eine wärmende Suppe fehlt. Da bricht der Vater auf, er will zusammen mit ein paar Männern einen Beweis finden, dass es im nördlichsten Zipfel des Landes tatsächlich Wichtel gibt. Der König hat einen hohen Geldpreis für einen solchen Beweis versprochen. Tante Carlotta soll unterdessen auf Nikolas aufpassen. Aber Tante Carlotta ist so schrecklich böse, dass Nikolas es einfach nicht mehr aushält und sich aufmacht, seinen Vater zu suchen. Hätte er sich unterwegs nicht ein Rentier zum Freund gemacht, er wäre mit Sicherheit in der eisigen Kälte erfroren und verhungert. Und dann, als er am Ende seiner Kräfte ist, als er eigentlich beschlossen hat, umzukehren, entdeckt er dieses wunderbare Leuchten am Himmel. Nikolas ist einer, der nicht nur an Wunder, sondern auch an das Gute glaubt, vielleicht auch deshalb kann er in der Ferne das Wichteldorf ausmachen. Die Wichtel nehmen den halb verhungerten Jungen zwar auf, geben ihm zu essen, stecken ihn aber sofort ins Gefängnis. Sie wollen keine Menschen hier haben, zu viel Schlechtes haben sie von ihnen gehört. Wie es Nikolas trotzdem gelingt, sich mit den Wichteln anzufreunden, wie er gar zum Wichtelvorsitzenden gewählt wird und zum Schluss zum ersten richtigen Weihnachtsmann, das ist einmalig spannend nachzulesen.
Selten ist wohl ein Weihnachtsbuch erschienen, bei dessen Lektüre man sich schon ab der ersten Seite so gut unterhalten kann. Matt Haig hat ein Buch geschrieben, das alle Kriterien für ein wirklich gutes Kinderbuch erfüllt: Eine überaus packende Handlung mit vielen unvorhersehbaren Wendungen, die richtige Prise Humor und einen Protagonisten, den man gleich zu Beginn schon ins Herz schliesst. Die Geschichte ist an manchen Stellen tiefsinnig und voll von wichtigen Wahrheiten, dann wiederum kann man beim Lesen herzhaft lachen. Die pointierten, ausdrucksstarken schwarzweissen Zeichnungen von Chris Mould oder die handschriftlichen Bestimmungen des Wichtelrates laden zusätzlich zum Schmunzeln ein. Ein wunderbares Lese- und Vorlesevergnügen für Kinder ab etwa 10 Jahren und Erwachsene.

Matt Haig: Ein Junge namens Weihnacht. dtv Hardcover. ISBN: 978-3-423-28088-4

Rezension: Maria Riss

 

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück

15.11.2016 by

bellaDie Geschichte spielt irgendwo in der Zeit der Goldgräber und Siedler im Westen Amerikas. Bella Rossa ist etwa siebzehn Jahre alt und bisher weiss Gott nicht vom Leben verwöhnt worden. Ihre Mom hat es nicht mehr ausgehalten in dieser leidigen Hütte mit diesem stets betrunkenen halb gelähmten Mann und ist vor langer Zeit schon abgehauen. Und jetzt kommt nach der grossen Dürre und der Heuschreckenplage auch noch ein Krieg hinzu. Bella Rossa ist es so Leid! Aber Bella Rossa ist stark und schön ist sie auch, mit ihren wunderbar feuerroten Locken und dem verlockend grossen Busen.
So holt sie den alten Wagen aus dem Schuppen, spannt die Kühe ein, schmeisst den ganzen Hausrat auf die Ladefläche, packt den gelähmten Pa obendrauf und fährt los. Nur weg von hier und möglichst weit. Bald schon gerät der alte Planwagen zwischen die Fronten des Krieges und Bella Rossa bekommt nicht nur drei Kugeln in den Bauch, nein, sie verliebt sich auch über beide Ohren in Jaroslaw, einen wunderhübschen Soldaten mit nur einem Arm. Bella Rossa wär nicht Bella Rossa, wenn sie all dies aufhalten würde. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in die Welt hinauszufahren und als Hausiererin endlich Geld zu machen. Sofort nach ihrer Genesung bricht sie wieder auf, allerdings mit einem Fahrgast mehr auf dem alten Wagen. Jaroslaw hat sich dem kleinen Trupp angeschlossen. Immer weiter geht die Reise, eine Katastrophe folgt der nächsten. Bela Rossa kämpft und gibt nicht auf. Und zu guter Letzt, da hat sie nicht nur ihre Mutter wieder gefunden, sondern sie weiss nun auch, wo ihr ganz persönliches Glück zu finden ist.
Bella Rossa ist eine Buchfigur, der man im realen Leben liebend gern begegnen würde: So viel Kraft und Wille, so viel Wärme und Herzlichkeit, so viel Klugheit beim Nachdenken darüber, was für einen ganz persönlich wichtig ist. Dies alles in einer Figur abzubilden, das hat die Autorin überaus glaubhaft zu Papier gebracht. Kraftvoll ist auch die Sprache des Buches, treffend, bildhaft und wundervoll passend gestaltet. Bella Rossas Abenteuer nachzulesen ist nicht nur überaus spannend und zwar gleich von der ersten Seite an, das Buch gibt auch einen Einblick in die damalige wirklich wilden Zeiten im Westen Amerikas. Und so meint Bella Rossa am glücklichen Ende ihrer langen Reise: «Ab und zu braucht man ‘n Wunder. Sonst wär das Leben nur ‘n Haufen Dreck.» Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-58322-2

Rezension: Maria Riss

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens

14.11.2016 by

casparCaspars Eltern sind Puppenspieler, erfolgreiche und weltbekannte Künstler. Caspar ist besonders begabt im Holzschnitzen, seine ältere Schwester Gerda erfindet gerne neue Geschichten und der kleine Bruder Till, der ist einfach noch zu klein, um mitzuhelfen. Und dann am Neujahrsmorgen ist Till plötzlich verschwunden. Und nicht nur das, auch sämtliche Fotos und Erinnerungsstücke von Till sind nicht mehr auffindbar und die Eltern scheinen gar nicht mehr zu wissen, dass sie je einen kleinen Sohn hatten. Nur Caspar und Gerda vermissen Till und beginnen mit der Suche. Sie stossen dabei auf rätselhafte Spuren und einen uralten geheimen Vertrag. Till wurde wohl vom «Meister des Vergessens» geholt, der seit Jahrhunderten laut Vertrag immer wieder ein Kind als Tribut verlangt. Caspar gibt das Suchen nicht auf und gelangt schliesslich in einen alten Turm, wo der «Meister des Vergessens» Kinder gefangen hält. Kinder, denen er alle Erinnerungen gestohlen hat, Kinder, die für ihn schuften müssen. Caspar liebt seinen kleinen Bruder so sehr, dass er allen Mut zusammennimmt und sich ebenfalls gefangen nehmen lässt. In Gefangenschaft kämpft er nicht nur gegen den grusligen alten Meister, sondern auch dagegen, seine eigenen Erinnerungen zu verlieren. Natürlich wendet sich am Ende alles zum Guten, bis dahin gilt es aber sehr viele, äusserst gefährliche Abenteuer zu bestehen.
Überaus harmlos und fast idyllisch geht es am Anfang der Lektüre zu und her. Mit jeder Seite aber werden Leserinnen und Leser mehr ins Buchgeschehen hineingezogen. Ein bisschen Schaudern und Hühnerhaut gehören dazu, manchmal so, dass man zumindest bis zum Ende des Kapitels weiterlesen muss. Die Autorin hat wohl darauf geachtet, dass man am Ende jedes Kapitels zumindest ein bisschen aufatmen kann. Nebst der in einer sehr ausdrucksstarken Sprache verfassten spannenden Geschichte ist die klare Gliederung mit ein Grund, dass sich das Buch sehr gut zum Vorlesen eignet. Die Handlung erzählt vom Zusammenhalten, von manchmal nervigen Brüdern und von der Kostbarkeit unserer Erinnerungen. Für Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren.

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens. Oetinger, 2016. ISBN: 978-3-7891-0426-8

Rezension: Maria Riss

 

Jenny Valentine: Durchs Feuer

04.10.2016 by

feuerDie unscheinbare, 14-jährige Iris wächst bei ihrer Mutter Hannah und deren Freund Lowell auf. Diese beiden sind vollauf mit sich selbst und ihren Ambitionen im Showbusiness beschäftigt. Für Iris bleibt da keine Zeit. Über ihren Vater weiss Iris nichts, nur dass er sich seit über 14 Jahren nicht mehr hat blicken lassen. Iris beginnt, Feuer zu legen. Das ist ihre Möglichkeit, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung Ausdruck zu geben. Zum Glück gibt es da noch ihren unkonventionellen Freund Thorsten, mit dem sie Gespräche über Kunst, die Welt und ihre verrückte Familie führen kann.
Hals über Kopf packt Hannah aber dann plötzlich die Koffer und verlässt mit Iris und Lowell Amerika. Denn Iris und ihre Feuer haben sich für die Mutter zu einem echten Problem entwickelt, zudem drücken grosse Geldsorgen und hohe Schulden. In London trifft sich Hannah mit Ernest, dem Vater von Iris. Dieser ist unglaublich reich und soll der Familie nun aus dem Desaster helfen. Ernest selbst liegt im Sterben. Sein grösster Wunsch ist es, Iris kennen zu lernen. Der Roman schliesst mit einem virtuosen Ende, einer völlig unerwarteten Wendung.
Ein packender Jugendroman ab 14 Jahren, der in verschiedenen philosophischen Passagen dazu anregt, sich Gedanken zum Leben zu machen. Die Geschichte fordert auch dazu auf, sich mit einem eigensinnigen Mädchen und seinen Ansichten auseinanderzusetzen.

Jenny Valentine: Durchs Feuer. Reihe Hanser. dtv, 2016. ISBN: 978-3-423-65020-5

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Antje Damm: PeterSilie

05.04.2016 by

petersiNick ist etwa 9 Jahre alt. Er wohnt zusammen mit seinen Eltern und dem älteren Bruder in einem kleinen Haus. Oma wohnt auch bei ihnen. Nick hat seine Oma sehr lieb. Sie kocht die besten Spätzle und sie ist die einzige in der Familie, die Zeit für ihn hat. Wenn Oma ihm Geschichten von früher erzählt, dann ist sie plötzlich auch gar nicht mehr so alt. Nick könnte ihr stundelang zuhören. Aber dann fällt Oma hin und muss ins Krankenhaus. Dort liegt sie nun und starrt nur noch an die Decke, will nicht mehr reden und wohl auch nicht mehr weiterleben. Nick macht sich grosse Sorgen. Das wird schon wieder, meinen die Eltern. Aber Nick glaubt das nicht. Oma muss man eine ganz besondere Freude machen, damit sie wieder zu sich kommt. Da ist es gut, dass der alte Paul gleich nebenan wohnt, da ist es noch besser, dass dieser Paul sich ziemlich was traut. Oma hat mal erzählt, dass sie als Kind zwei Gänse ganz besonders ins Herz geschlossen habe. Peter und Silie hiessen die beiden. Paul und Nick geben vor, zwei Tage miteinander Ferien machen zu wollen. Sie zelten in der Nähe einer Gänsezucht. Und schliesslich tun sie es, mitten in der Nacht: Sie klauen zwei Gänse, werden vom wütenden Bauer verfolgt und schaffen es schliesslich, diese beiden Gänse in Omas Krankenzimmer zu schmuggeln. Klar, dass Oma staunt und sogar ein verschmitztes Grinsen zustande bringt. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis Nick wieder Omas Spätzle geniessen kann.

Antje Damm hat ein sehr berührendes Kinderbuch geschrieben und es auch gleich selber illustriert. Es ist nicht nur die einfache und doch so präzis gestaltete Sprache, die so vieles zwischen den Zeilen erzählt, was dieses Buch so besonders macht. Es sind auch die beiden Hauptfiguren, mit denen sich Leserinnen und Leser schnell und gerne identifizieren werden und die fantastischen Illustrationen, die das Geschehen so stimmungsvoll wiedergeben. Antje Damm hat ein an sich ernstes Thema in eine sehr spannende Geschichte verpackt. Gänse klauen, das ist kein Kinderspiel und die Flucht im uralten VW-Käfer des alten Paul schon gar nicht. Und ob sich dieser aufregende Gänseraub auch tatsächlich gelohnt hat, das erfahren Leserinnen und Leser erst ganz am Schluss. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen, weil es nach jedem Kapitel wieder Zeit zum Aufatmen bietet. Zum Selberlesen für Kinder ab etwa 9 Jahren, zum Vorlesen auch für jüngere Kinder.

Antje Damm: PeterSilie. Tulipan 2016. ISBN: 978-3-86429-253-8

Rezension: Maria Riss

Catharina Valckx: Billy und der Bösewicht

23.02.2016 by

billyAlle wissen es: Der neue Nachbar des kleinen Hamsters Billy ist ein Bösewicht. Er heisst Brezel und ist ein Dachs. Und tatsächlich, schon am ersten Tag überfällt er die Kaninchenfamilie und klaut einen ganzen Sack Möhren. Billy und sein bester Freund Hanspeter, der Regenwurm, schleichen sich in der Nacht zum Haus des Räubers und holen nicht nur den Sack Möhren zurück, sie befreien auch einen Vogel aus seinem Käfig. Billy und Hanspeter sind ein eingespieltes Team. Sie sind zwar nicht besonders stark, dafür aber umso listiger. Der befreite Vogel hat ihnen nämlich verraten, dass sich der gefährliche Räuber Brezel vor rein gar nichts fürchtet, ausser vor Gespenstern. Diese Furcht machen sich Billy und Hanspeter zunutze: Der freche Dachs wird am folgenden Tag von einem schrecklichen Gespenst ein für alle Mal aus der Prärie verjagt. Billys Papa ist so stolz auf seinen Sohn, dass er ihm einmal mehr seine Lieblingsspeise kocht: geröstete Haselnüsse. Und natürlich sind alle Freunde zu diesem Festschmaus eingeladen.

Hamster Billy hat inzwischen eine richtige kleine «Fan-Gemeinde». Auch im neusten Band beweist Catharina Valckx ihr Können: Sie schreibt nicht nur richtig spannende, sondern auch witzig schräge Geschichten und sie zeichnet Bilder dazu, die das Geschehen ganz wunderbar erweitern und zusätzlichen Gesprächsstoff bieten. Dieses Bilderbuch wird wie seine Vorgänger Kinder begeistern. Vielleicht liegt der Erfolg dieser Reihe auch darin, dass Erwachsene diese Geschichten ebenso mögen und beim Erzählen bei allen einfach gute Laune aufkommt.

Catharina Valckx: Billy und der Bösewicht. Aus dem Französischen von Julia Süßbrich. Moritz Verlag 2016. ISBN: 978-3-89565-312-4

Rezension: Maria Riss

 

Christian Linker: Stadt der Wölfe

28.04.2015 by

woelfe«Ich wünschte, es gäbe euch alle gar nicht. Am liebsten wär ich ganz allein auf der Welt!» Mit diesen Worten geht Janek nach einem schlimmen Streit mit seinen Eltern abends ins Bett. Am Morgen wacht Janek auf, geht in die Küche. Es ist niemand da. Er macht sich Frühstück, holt sein Rad und will zur Schule fahren. Keine Menschenseele ist unterwegs. Völlig sinnlos wechseln die Ampeln ihre Farben. Die Schule ist leer. Absolut unheimlich. Janek schreibt eine Botschaft an die Tafel. Vielleicht gibt es ja irgendwo doch noch jemanden. Anschliessend macht er sich in der ganzen Stadt auf die Suche nach Menschen. Er verfährt sich und als ihn aus einem Tunnel zwei Augen anstarren, als er das laute Knurren hört, weiss er, dass Wölfe unterwegs sind. Die erste einsame Nacht daheim wird zu einem einzigen Albtraum. Janek fühlt eine Angst, wie er sie niemals zuvor erlebt hat. Wieder fährt er am Morgen darauf zur Schule und dort, dort findet er endlich jemanden. Es ist Anouk, ein Mädchen aus seiner Klasse, die sich endlich aus ihrem Versteckt traut. Die beiden fallen sich in die Arme, sind so froh, nicht mehr ganz alleine zu sein. Bald merken die beiden aber, dass sie verfolgt werden, nicht nur von Wölfen. Wie die Geschichte ausgeht, das sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Man kann das Buch vor dem Lesen der letzten Seite nicht zur Seite legen.

So muss gute Unterhaltungsliteratur für Kinder geschrieben sein: Es braucht einen spannenden Plot, eine gut verständliche Sprache, die aber niemals anbiedernd sein darf und es braucht Protagonisten, mit denen sich die Lesenden identifizieren können. Christian Linker schreibt über all die Abenteuer, die Janek und Anouk bestehen müssen, er regt an, darüber nachzudenken, wie es wäre, als eine Art Robinson in unserer Welt zurecht zu kommen. Er erzählt von Vertrauen, vom Zusammenhalten und ein bisschen auch von einer ersten Liebe. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen, weil es nicht nur so spannend ist, sondern Mädchen wie Jungen gleichermassen anspricht. Der Text ist in grossen Lettern gedruckt und sei für Leserinnen und Leser ab etwa 11 Jahren empfohlen.

Cristian Linker: Stadt der Wölfe. dtv Hardcover 2015. ISBN: 978-3-423-76114-7

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats April

01.04.2015 by

4123hmmdPNLAnna Kuschnarowa: Das Herz von Libertalia

Die Geschichte beginnt in Irland im Jahr 1700. Anne kommt als uneheliches Kind zur Welt. Sie ist ein wildes Kind, eines, das am liebsten in Jungenkleidern am Hafen herumtollt oder alleine durch die karge, wunderschöne Landschaft streunt. Aber Anne wird älter, sie soll sich endlich benehmen lernen, ihre Tage am Kochherd oder mit Handarbeiten zubringen, sie soll sich einschnüren und feine Kleider tragen. Zu so etwas taugt aber Anne einfach nicht. Immer wieder nimmt sie Reissaus, immer wieder schleicht sie sich heimlich zum Hafen und am liebsten hört sie dort dem alten Jan zu, wenn er erzählt, von seinen Fahrten auf hoher See, wenn er schwärmt von einem Land namens Libertalia, in dem alle Menschen in Freiheit leben können. Es kommt, wie es kommen muss: Anne haut ab. Lässt sich als Junge verkleidet von einem Schiff anheuern und sticht in See. In der Karibik lernt sie den Piratenkapitän James Bonny kennen und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. So wird Anne Piratin und kämpft an der Seite all der derben und doch oft so weichherzigen Gesellen, entert Schiffe und stellt sich dabei so geschickt an, dass sie sich bald den Respekt aller verschafft hat. Ihren grossen Traum einer Gesellschaft, in der alle die gleichen Rechte haben, in der Männer wie Frauen gleichgestellt sind, für diesen Traum kämpft sie, dieser Traum lässt sie bis zum Schluss nicht los.
Anna Kuschnarowa hat ein Buch geschrieben, das alle Kriterien für ein spannendes Abenteuerbuch erfüllt: Eine überaus packende Handlung mit viel unvorhersehbaren Wendungen, schräge Typen, ferne Schauplätze und eine Protagonistin, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Die Autorin lässt Lesende in einer gewissen Distanz, so wird auch das Nachlesen manch schlimmer Gräueltat auf hoher See fast zum Vergnügen. Die Geschichte beruht auf zumindest teilweise wahrem Hintergrund: Es gab zu dieser Zeit tatsächlich eine Frau, die Piratenschiffe lenkte, die sich ihren Platz in dieser absoluten Männerdomäne erobert hat. Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anna Kuschnarowa: Das Herz von Libertalia. Beltz 2015. ISBN: 978-3-407-81187-5

Rezension: Maria Riss

Josephine Angelini: Everflame – Feuerprobe

08.03.2015 by

feuerDie 17-jährige Lily Protextor lebt in ihrer Heimatstadt Salem als Aussenseiterin. Sie fällt durch ihr feuerrotes Haar und ihre lebensbedrohlichen Allergien auf. Dass ihre Mutter unter Wahnanfällen leidet, macht ihre Situation nicht einfacher. Nach einer Partynacht, an der sie von ihrem Freund betrogen wird, wünscht sie sich weit fort. Einen Moment später findet sich Lily in einem anderen Universum wieder und steht Lilian, der Herrscherin von Salem und gleichzeitig ihrer Doppelgängerin gegenüber. Schnell befindet sich Lily im Mittelpunkt der Geschehnisse. Ihr Leben nimmt eine ungeahnte Wendung und bald gerät sie in einen abenteuerlichen Strudel von sich überschlagenden Ereignissen und sie lernt dabei ihre grosse Liebe kennen.
Ein mitreissender Fantasyroman, der die Leserschaft in Bann zieht. Der erste Band der «Everflame Triologie» empfiehlt sich mit seinen 480 Seiten für jugendliche Leseratten ab 14 Jahren. Die Geschichte bleibt bis zum Schluss spannend, da sich immer wieder neue Erzählstränge eröffnen und Parallelen zwischen den Welten gezogen werden. Gespannt darf man den zweiten Band erwarten, der im Oktober 2015 unter dem Titel «Everflame – Tränenpfad» erscheinen wird. Die Geschichte ist auch als Hörbuch erhältlich.

Josephine Angelini: Everflame – Feuerprobe. Verlag Dressler, 2014. ISBN: 978-3-7915-2630-0

Rezension: Claudia Zimmerli-Rüetschi

Stefanie Taschinski: Funklerwald

02.03.2015 by

Lumi,funkler2 das Luchsmädchen, lebt im Funklerwald. Hier kennt sie alle Tiere, hier fühlt sie sich sicher und daheim. Eines Tages zieht nun eine Waschbärenfamilie in den Wald. Waschbären kennt man im Funklerwald nicht. Waschbären stinken und fressen den andern Tieren das Futter vor der Nase weg, so die Meinung der Tiere. Lumi sieht das anders. Sie hat sich bereits mit Rus, dem Waschbärenjungen, angefreundet. Rus ist nett, mit Rus kann man wundervoll spielen und Rus hat sie gerettet, als sie in eine tiefe Felsspalte gefallen war. Zudem hat er vier niedliche winzige Geschwister, die ganz dringend ein warmes Zuhause brauchen. Die anderen Tiere von ihren Vorurteilen abzubringen, das ist nicht einfach. Aus diesem Grund machen sich Lumi und ihr neuer Freund auf, um den Wandelbaum zu finden. Der Wandelbaum bestimmt, wer im Funklerwald leben darf. So viel wird erzählt von diesem Baum, aber kein Tier hat ihn bis anhin gefunden. Die Reise durch Wälder und Sümpfe ist für Lumi und Rus überaus gefährlich und wenn sich die beiden unterwegs nicht mit den Fledermäusen angefreundet hätten, wer weiss, ob dies alles zu einem guten Ende gekommen wäre.

Es geht in diesem Buch um Toleranz gegenüber andern, um das Zusammenhalten und den Mut, zur eigenen Meinung zu stehen. Stefanie Taschinski hat ein Buch geschrieben, das alles mitbringt, um ein Vorleseklassiker zu werden: Die beiden Protagonisten schliesst man beim Lesen sofort ins Herz, der Plot ist überaus spannend, die spezielle Stimmung und Atmosphäre des Funklerwalds hat die Autorin ganz wunderbar in Worte gefasst und das Buch ist in überschaubare Leseportionen eingeteilt, die das Vorlesen und auch Unterbrechen erleichtern. Die vielen Bilder helfen zudem, dass auch kleinere Kinder ab etwa 7 Jahren der Handlung folgen können. Zum Selberlesen ab etwa 9 Jahren.

Stefanie Tschinski: Funklerwald. Oetinger 2015. ISBN 978-3-7891-4807-1

Rezension: Maria Riss