Archive for the ‘ 05 Oberstufe ’ Category

Mathilda Master: 321 superschlaue Dinge, die du unbedingt wissen musst

04.12.2018 by

Dieses umfangreiche Schmökerbuch besticht einerseits durch die wunderschöne, lesefreundliche Aufmachung, andrerseits natürlich vor allem durch die wirklich sensationelle Vielfalt an Informationen. Unterteilt ist das Ganze in 12 verschiedene Themenbereiche. Es gibt Spannendes aus der Tierwelt, es wird von berühmten und berüchtigten Menschen erzählt, es finden sich Beiträge über Wörter und Sprachen oder über die wunderbare Welt der Wissenschaften. Haben Sie etwa gewusst, dass sich ein Viertel unserer Knochen im Fuss befindet? Dass früher ein Jahr nur 10 Monate hatte oder dass es in Australien eine Beyoncé-Fliege gibt, benannt nach der berühmten Sängerin? Ob man all die Fakten kennen muss, das bleibe dahingestellt, aber darin lesen, blättern und schmökern, das macht unglaublich Spass. Ein Buch, das auch renitente Nichtleserinnen und Leser wohl ab und zu in die Hand nehmen werden, weil es so kurze Sequenzen zu lesen gibt und weil man, ähnlich wie im Internet, auch einfach zwischen den Seiten herumsurfen kann. Für Kinder ab etwa 12 Jahren und Erwachsene.

Mathilda Master: 321 superschlaue Dinge, die du unbedingt wissen musst. Mit Illustrationen von Louize Perdieus. Hanser 2018. ISBN: 978-3-446-26060-3

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Dezember 2018

04.12.2018 by

Reinhold Ziegler: 14.12. aber pünktlich
Der bekannte Autor Reinhold Ziegler hat für diesen Band 12 Geschichten geschrieben. Es sind Erzählungen für Jugendliche, die nur eines gemeinsam haben: Sie passieren alle am 24.12. Da ist beispielsweise Lutz, der am 24. 12 eine Bank überfallen will. Alles ist bereit, die Gewehre liegen auf der Rückbank des alten BMW. Nur steht da dummerweise ein Polizeiauto vor der Bank. Der Überfall kann nicht stattfinden und Lutz, der ist ja so was von froh darüber. Oder da ist der berühmte Rockstar Willy B., der sich vor dem Konzert einfach ausklingt, weil er merkt, wie lieb er seine Freundin hat, er will um alles in der Welt ein wirklich passendes Geschenk für sie finden. Oder Thorsten, der am 24.12. endlich einmal richtig mit seinem Vater reden kann und dabei erfährt, was Papa in seiner Jugend für Mist gebaut hat.
Endlich gibt es eine Sammlung unterschiedlichster Geschichten, die sich für Jugendliche eignen. Reinhold Ziegler schreibt ganz nah am Alltag und der Erlebniswelt von Jugendlichen, mal witzig, mal nachdenklich stimmend, aber ohne Anbiederung und ganz ohne Kitsch. Ein in jeder Beziehung toll gemachtes und wichtiges Buch für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Reinhold Ziegler: 14.12. – aber pünktlich. Ueberreuter 2018. ISBN: 978-3-7641-7090-5

Rezension: Maria Riss

Peter Frankopan: Die Seidenstrasse

24.11.2018 by

Peter Frankopan, Historiker in Oxford, hat eine ganz spezielle Art Weltgeschichte geschrieben. Er setzt in seinem Buch die Seidenstrasse in den Mittelpunkt seiner Erläuterungen. Dort, zwischen Mittelmeer und Pazifik, liegt eigentlich die Wiege unserer Zivilisation. Die Seidenstrasse diente während Jahrhunderten nicht nur als Transportachse für Stoffe, Gewürze und Sklaven, entlang dieser Strasse wurden auch Religionen, Kultur und Wissenschaften verbreitet. Das wunderbar und kostbar gestaltete Buch enthält eine riesige Fülle an Informationen und zeigt vor allem wichtige Zusammenhänge auf. Das erste Kapitel beginnt mit dem Altertum, das letzte befasst sich mit den aktuellen Plänen Chinas, einen «Seidenstrasse-Wirtschaftsgürtel» zu schaffen. Das Buch besticht durch die fantastischen Bilder und das wunderschöne Layout, selbst der Buchdeckel fühlt sich seidenartig an und der Titel ist in goldenen Lettern gedruckt. Der Inhalt stellt trotz guter Gliederung und einer übersichtlichen Darstellung hohe Ansprüche an Leserinnen und Leser, weil die Informationen sehr dicht sind und weil man vieles besser versteht, wenn man ein bisschen Vorwissen mitbringt. Wer sich aber für Geschichte interessiert, wird das grossformatige und spannende Buch mit Hochgenuss lesen, weil es viele Fakten aus einer völlig anderen Perspektive aufzeigt. Für Jugendliche und Erwachsene.

Peter Frankopan: Die Seidenstrasse. Illustriert von Neil Packer. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21827-9

Rezension: Maria Riss

Sarah Crossan / Brian Conaghan: Nicu & Jess

08.11.2018 by

Nicu ist ein Roma-Junge mit traditionsverhafteten, strengen Eltern, der erst seit etwa einem Monat in England lebt. Nicu will unbedingt in England bleiben, deshalb lernt er richtig verbissen diese Sprache, deshalb passt er sich immer und überall an und will keinesfalls auffallen. Er steckt alle Erniedrigungen weg, leidet still vor sich. Jess kommt aus einem völlig anderen Milieu, sie leidet unter ihrer ängstlichen Mutter und deren tyrannischem Freund, der trinkt und immer wieder zuschlägt. Trotz der unterschiedlichen Herkunft eint die beiden 15-Jährigen eines: Beide sind zum dritten Mal beim Klauen erwischt worden und müssen deshalb Sozialstunden absitzen, das heisst Müll einsammeln und in Sozialtrainings mitmachen. So kommen sich Jess und Nicu ganz allmählich näher. Aber Nicus Vater will zurück nach Rumänien und seinen Sohn dort verheiraten und bei Jess zuhause eskaliert der Streit zwischen ihr und ihrem gewalttätigen Stiefvater. Nicu und Jess haben sich lieben gelernt und wollen gemeinsam abhauen, nur weg und möglichst weit. Wie die Geschichte endet, das bleibt offen, stimmt aber Lesende nachdenklich.
Die Kapitel werden von Jess und Nicu abwechselnd in einer Art Gedichtform erzählt, in einer wunderbar einfachen, rhythmischen Sprache, oft leicht lesbar an der Oberfläche und mit ganz vielen Details, die zwischen den Zeilen stehen. Nicu erzählt mit den Wörter, die er in dieser fremden Sprache eben kennt. Das ist manchmal so, dass man lächeln muss, es ist aber auch unsagbar berührend, wie er um die richtigen Worte ringt und dabei grammatikalische Regeln ausser Acht lässt. Das Autorenteam hat es geschafft, dass diese Zeilen nicht klischeehaft, sondern überaus echt wirken. Das vorliegende Buch ist trotz der speziellen Form und der an sich leicht lesbaren Sprache keine einfache Kost. Da gilt es einerseits die vielen Leerstellen beim Lesen zu füllen und da ist auch das Geschehen, das unter die Haut geht und einen nicht mehr loslässt. Sarah Crossan hat für ihre Bücher bereits mehrere Preise erhalten, mit diesem Buch über diese ungewöhnliche und verbotene Liebe beweist sie ihr grosses Können erneut. Ein wundervolles, spezielles Buch für Jugendliche und Erwachsene.

Sarah Crossan / Brian Conaghan: Nicu & Jess. Aus dem Englischen von Cordula Setsman. mixtvision 2018. ISBN: 978-3-95854-106-1

Rezension: Maria Riss

 

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee

05.10.2018 by

Die Tagebucheintragungen der Zwillinge Nadja und Viktor beginnen in Leningrad, am 23. Juni 1941. Die deutsche Front nähert sich und alle Kinder der Stadt müssen sich am Bahnhof einfinden, um evakuiert zu werden. Vor der Abreise muss Viktor seinem Vater versprechen, immer bei seiner Schwester Nadja zu bleiben und gut auf sie aufzupassen. Aber schon bei der Aufteilung der vielen Kinder auf die hereinfahrenden Züge werden die Zwillinge getrennt. Viktor landet im Zug Nr. 77 und wird in eine Kolchose in Tatarstan gebracht. Nadjas Zug kommt nicht weit, die Lokomotive bleibt bereits nach rund 70 Kilometern stecken. Nadja und all die andern Kinder aus dem Zug werden in ein nahegelgenes Dorf gebracht, das schon kurze Zeit später von den Deutschen eingenommen wird. Nadja gelingt die Flucht und sie rettet sich auf die Inselfestung Oreschek im riesigen Ladoga-See. Diese Festung ist noch immer in russischer Hand, wird aber ständig beschossen und bombardiert. Nicht erst hier entpuppt sich Nadja als überaus mutiges Mädchen. Die Zwillinge waren noch nie voneinander getrennt, beide sehnen sich schrecklich nacheinander und deshalb will Viktor seine Schwester um alles in der Welt wiederfinden, auch weil er dies seinen Eltern verspochen hat. Nichts kann ihn dabei aufhalten. Er flieht aus der Kolchose, wird gefangen genommen, reisst aus, kämpft sich, zusammen mit ein paar Kameraden, über mehrere hundert Kilometer durch Eis und Schnee, überlistet die Truppen an der Front und gelangt schliesslich in einem gestohlenen Lastwagen über den mittlerweile zugefrorenen See zur Festung Oreschek, wo er seine geliebte Schwester Nadja lebend wiederfindet.
Die Geschichte wird von Nadja und Viktor in Tagebucheinträgen erzählt, beide sind mit zahlreichen Fotografien, Zeitungsausschnitten und Karten ergänzt. Der Autor hat sich über weite Strecken an historischen Fakten gehalten, die Geschichte der beiden Geschwister ist aber frei erfunden. Was die beiden erleben und vor allem, was sie beim Kampf ums Überleben unternehmen, erinnert hier und da an ein Heldenepos, es macht dieses Buch aber unglaublich spannend. Oft geht der Autor an die Grenze des Beschreibbaren, er tut dies aber behutsam und geht öfters auf eine gewisse Distanz. Trotzdem erlebt man beim Lesen sehr eindringlich mit, wie schrecklich dieser Krieg war und wie Hunger, Kälte, Gewalt und Angst Menschen verändern können. Vergangenes darf nicht in Vergessenheit geraten, weil sich Geschichte immer wiederholt, so die klare Botschaft dieser so eindringlich verfassten Erzählung. Der grosse Spannungsbogen, das fundiert recherchierte Hintergrundwissen und die wunderschöne, spezielle Aufmachung, all dies kann hoffentlich viele jugendliche Leserinnen und Leser zum Lesen dieses Buches verlocken.

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN: 978-3-522-20251-0

Rezension: Maria Riss

 

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden

27.09.2018 by

Die Geschichte spielt im November 1945 in einem kleinen Dorf in Deutschland. Der Krieg ist vorbei, aber die Welt ist noch nicht wieder in ihren Fugen. Dies spürt die vierzehnjährige Hanne täglich. Ihre Familie lebte den Krieg über auf dem Bauernhof ihres Onkels und vom wirklichen Kriegsgeschehen hat Hanne nicht so viel mitbekommen. Umso mehr treffen sie jetzt all die schlimmen Erzählungen und die Wahrheit über das Regime der Nazis. Sie selbst kann sich ja auch nicht erklären, weshalb sie sich dermassen täuschen liess in den letzten Jahren. Sie hat sich an den BDM Heimabenden so amüsiert und mitreissen lassen. Im Dorf gibt es viele alte Nazis und einige davon können auch jetzt noch ihren Hass gegen alles Fremde nicht zügeln. Es gibt Schlägereien und einige aus der Dorfgemeinschaft zerbrechen daran, dass sie nicht mehr die Anführer sind, dass alles, wofür sie gekämpft haben, nun zerstört ist. Hanne ist ein kluges und vor allem auch mutiges Mädchen und stellt sich der neuen Zeit. Bald zieht sie in die Stadt, um an die Oberschule zu wechseln. Wenn man Bescheid weiss, läuft man viel weniger Gefahr, blindlings irgendwelchen Parolen zu gehorchen und Leuten hinterherzulaufen. Es ist gut, dass ihre Tante ihr zur Seite steht und noch viel besser, dass sie in der Stadt auf Gunnar trifft, mit dem sie all das, was sie belastet, besprechen kann. Von Gunnar bekommt sie auch ihren ersten Kuss und das ist eine ganz wunderbare neue Erfahrung.
Kann man so schnell seine Gesinnung ändern? Wie kommt man damit zurecht, dass man lange einfach weggeschaut hat? Ist man ein Fähnchen im Wind, wenn man plötzlich seine Gesinnung ändert? Weshalb kann man sich so täuschen lassen und einfach alles glauben, was erzählt wird? All diese Fragen beschäftigen Hanne und sie versteht es wunderbar, Leserinnen und Leser an all diesen Gedanken teilhaben zu lassen. Herbert Günther hat einen berührenden und spannenden Roman geschrieben. So wird Geschichte erlebbar und man schafft damit auch, weil all diese Fragen ja nach wie vor aktuell sind, einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart und zu eigenen Erfahrungen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5661-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats September 2018

01.09.2018 by

Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben
Ghost ist der Spitzname eines etwa 12-jährigen Jungen. Er lebt zusammen mit seiner Mutter in einer dieser Siedlungen, wo niemand gern zuhause ist. Geld ist absolute Mangelware. Etwas kann Ghost ganz besonders gut: Davonrennen. Dies seit damals, als sein Vater, sturzbetrunken, ihn und seine Mutter mit der Pistole bedrohte. Es fielen auch tatsächlich Schüsse. Ghost und seine Mutter überlebten nur, weil sie schnell rennen konnten. Dieses so prägende Erlebnis und dass sein Vater seither im Knast sitzt, das verrät er niemandem. Durch Zufall kann Ghost nun am Training des besten Laufteams der Stadt teilnehmen und lernt dort den Trainer Brody kennen. Brody ist einer, der zwar alles aus seinen jungen Läuferinnen und Läufern herausholt und absolute Disziplin verlangt. Aber Brody nimmt Anteil am Leben seiner so unterschiedlichen Teammitglieder, er setzt sich für sie ein und verlangt im Gegenzug absoluten Respekt. Bald stellt sich heraus, dass Ghost nicht der einzige in dieser Truppe ist, der schlimme Erfahrungen mit sich herumträgt. Ganz langsam entwickelt sich aus diesem wilden Haufen ein Team, das sich gegenseitig vertraut, das zusammenhält, egal, was passiert. Nur so werden sie am grossen Wettrennen eine Chance haben.
In den meisten Romanen des bekannten Autors spielen väterliche Freunde eine grosse Rolle. So auch im vorliegenden Buch. Trainer Brody gibt Ghost genau das, was er braucht: Er glaubt an Ghost, dass er es schaffen kann und nimmt ihn ernst. Dies mit der notwendigen Portion Autorität und einem aufrichtigen Interesse an diesem Jungen. Er meint: «Vor dir selber kannst du nicht davonrennen, so schnell ist keiner.» Und so schafft der Trainer es, dass Ghost sich öffnet und endlich von dieser schrecklichen Nacht damals berichten kann. Im Buch erzählt Ghost diese Geschichte aus seiner Perspektive und das macht er grandios, stellenweise humorvoll und roh, dann wieder berührend, voller Poesie. Ein beeindruckendes und spannendes Buch, das Mädchen wie Jungen gleichermassen anspricht. Es eignet sich deshalb auch sehr gut zum Vorlesen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.
«Ghost» ist der erste von vier Bänden. In jedem Band kommt ein anders Mitglied des Laufteams zum Wort. Bereits im Herbst erscheint der nächste Band.

Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. dtv 2018 ISBN: 978-3-423-64041-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juli 2018

03.07.2018 by

Philip Pullman: Über den wilden Fluss
Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Daemon Asta in Oxford. Er ist etwa 12 Jahre alt und ein ungemein kluger und hilfsbereiter Junge. Gegenüber dem Fluss gibt es ein Nonnenkloster, Malcolm hilft dort immer wieder aus. Eines Tages wird im Kloster ein Baby abgegeben, ein kleines Mädchen mit dem Namen Lyra. Zur gleichen Zeit passieren merkwürdige Dinge: Malcolm beobachtet einen Mord und belauscht beim Helfen in der Gaststube seiner Eltern geheime Gespräche über Macht, Krieg und Religion. Malcolm erfährt auch, wer der Vater der kleinen Lyra ist. Lyras Vater wird verfolgt und kann sich nicht um seine kleine Tochter kümmern. Malcolm verspricht ihm, was immer auch kommen möge, er werde Lyra beschützen. Man munkelt in diesen Tagen auch von einer Flut, die kommen werde, so gross, wie sie noch nie jemand erlebt habe. Es ist Malcom, der zusammen mit dem Küchenmädchen Alice das kleine Baby vor den schrecklichen Fluten rettet. In Malcolms kleinem Boot gelingt ihnen die Flucht. Um das Baby Lyra scheinen sich die Mächtigen des Landes zu streiten, deshalb wird Malcoms Boot verfolgt. Nicht nur die riesigen Wassermassen, auch bewaffnete Verfolger bedrohen das Leben der drei Flüchtenden. Alice und Malcolm haben Lyra vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen und verteidigen ihr Leben mit allen Mitteln. Erst ganz am Schluss, nach dem Bestehen von unglaublich vielen Gefahren, können sie Lyra endlich in die Hände ihres Vaters legen.
Philip Pullman hat einen ganz fantastischen Roman geschrieben, dies in jeder Beziehung. In welcher Zeit und Welt die Geschichte spielt, ist unklar, im Vordergrund steht aber der Konflikt zwischen mächtigen Religionsführern und den Gelehrten der Wissenschaft. Der Autor hat den Plot mit vielen fantastischen Elementen ausgestattet, so wird etwa jede Figur von einem passenden Daemon begleitet, dies macht die Lektüre zusätzlich spannend und geheimnisvoll. Auch die Beschreibungen der Figuren sind so treffend, dass Lesende Alice und Malcolm zu kennen glauben und wohl mit allen beiden gern befreundet wären. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst, würde man gerne weiterlesen, so eindrücklich ist diese Lektüre, auch wegen der vielen, aktuellen und politischen Anspielungen. Da ist es gut, dass bereits im Herbst der nächste Band «Ans andere Ende der Welt»erscheinen wird.
«Über den wilden Fluss» ist Teil der Vorgeschichte zur unvergesslichen Trilogie «Der goldene Kompass».

Philip Pullman: Über den wilden Fluss. Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-58393-2

Rezension: Maria Riss

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger

22.06.2018 by

Honey beginnt ihre Geschichte mit dem folgenden Satz: Also, es ist so: Meine Mutter hatte kein besonderes Glück mit ihren Kindern. Honeys ältere Schwester Mikala ist mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen und Honey selbst mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Deshalb fühlt sich Honey hässlich. Mit ihrer Familie kommt sie zwar einigermassen klar, nur benehmen sich diese alle ein bisschen eigenartig, Honey nennt das «viel zu viel». Ihre Schwester klammert sich so fest an Honey, dass sie nicht mal alleine pinkeln geht. Mama ist Kettenraucherin und packt ihr viel zu viele Süssigkeiten in die Pausenbox, ihr getrennt von der Familie lebender Vater, hält sich mit Dealen über Wasser und benimmt sich manchmal so was von peinlich, dass Honey am liebsten im Boden versinken würde. Honey macht sich häufig unsichtbar und traut sich auch nicht, Irrtümer aufzuklären. Das bringt sie  immer wieder in knifflige Situationen. So sitzt sie wegen einer Verwechslung unfreiwillig in einem Chinesisch-Kurs und lernt dort ein wichtiges Chinesisches Sprichwort «Mama huhu», zu Deutsch Pferd Pferd Tiger Tiger. Und dieses Sprichwort, das passt sehr gut zu Honeys momentaner Situation, es bedeutet so viel wie «soso lala». Und bald wird Honey wieder verwechselt und gerät an das Sterbebett des alten, ihr fremden Mannes Marcel. Der freut sich riesig über diesen unerwarteten Besuch und teilt mit Honey sofort seine Schnapspralinen. Honey, mit ihrem guten Herzen, besucht den alten Mann nun fast täglich und es entwickelt sich eine warmherzige Freundschaft zwischen den beiden. Vielleicht sind es diese Besuche, die Honey helfen, sich schliesslich zu wehren. Sie macht daheim Klarschiff, konfrontiert ihre Familie mit der Wahrheit und bringt damit alle nicht nur zum Staunen, sondern auch dazu, Honeys Bedürfnisse endlich ernster zu nehmen. Und Honey erkennt nun selber: Papa hatte Recht, sie ist wirklich ein toughes Mädchen.
Dieses Buch besticht vor allem durch die einfache, manchmal derbe, humorvolle und doch so feinfühlige Sprache. Und natürlich mit der brillant beschriebenen Protagonistin, die man mit jeder Seite lieber gewinnt. Kinder müssen manchmal so viel aushalten, da ist es gut, wenn sie beim Lesen so toughe Mädchen wie Honey kennenlernen. Honey lernt sich zu wehren, ihre eigenen Bedürfnisse genauso ernst zu nehmen, wie die von andern. Diese Entwicklung nachzulesen, das ist spannend und berührend zugleich. Das Buch ist zurecht für den Jugendliteraturpreis nominiert und eignet sich auch hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0034-8

Rezension: Maria Riss

Nic Stone: Dear Martin

22.06.2018 by

Yustyce ist einer der besten Schüler seines Jahrgangs. Yustice sieht gut aus und kann auch im Sport mithalten. Fürs nächste Jahr hat er sich gar einen Studienplatz in Yale gesichert. Aber Yustice wird völlig willkürlich verhaftet und in Handschellen gelegt, obwohl er nur einem betrunkenen Mädchen helfen wollte. Denn Yustice ist schwarz. Er kommt zwar frei, weiss aber nicht, wie er mit seiner Wut umgehen soll. So beginnt er zu schreiben. Er schreibt Briefe an Martin Luther King, bittet um Rat, weil er einfach nicht weiss, wie er mit den vielen, oft kleinen rassistischen Beleidigungen im Alltag umgehen soll, und er weiss auch nicht, wem er sich anschliessen soll. Da gibt es die Gruppe der radikalen schwarzen Kämpfer, die mit roher Gewalt ihr Recht einfordern, manche von ihnen kennt Yustice seit dem Kindergarten. Da ist seine weisse Mitschülerin Sarah-Jane, die er so gut mag und die ihm nicht nur beim Debattieren zur Seite steht. Und da ist seine Mum, die für ihren Sohn alles tut, es aber niemals verstehen würde, wenn Yustice sich in ein weisses Mädchen verlieben würde. Egal wem sich Yustice anschliesst, er wird sich Feinde machen. Und von Martin Luther King bekommt er auch keine Antwort. Aber all die Briefe, die vielen Überlegungen, das Ordnen der Gefühle beim Schreiben, das ist trotz allem hilfreich. Und ganz zum Schluss weiss Yustice, welchen Weg er gehen will.
Gleich mit ihrem ersten Roman ist der jungen Autorin Nic Stone ein Wurf geglückt. Nicht nur, weil das Thema nach wie vor so aktuell ist, sondern auch, weil sie Yustice mit seinem Durcheinander an Gefühlen, seiner Suche nach dem für ihn richtigen Weg so glaubhaft und eindringlich beschrieben hat. Yustice gerät immer wieder zwischen die Fronten und wird bedroht. Dies ist nicht nur in Amerika so. Jugendliche werden Yustice Konflikte sehr gut nachvollziehen können. Es geht im Buch darum, seine Rechte einzufordern, sich über die eigene Haltung klar zu werden und dafür auch gerade zu stehen, ganz egal, ob man sich damit Feinde macht. Das spannende Buch sei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren wärmstens empfohlen.

Nic Stone: Dear Martin. Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21833-0

Rezension: Maria Riss