Archive for the ‘ 05 Oberstufe ’ Category

Angie Sage: TodHunter Moon: Fährtenfinder

23.03.2017 by

fährtenfinderEs passiert am Tag, nachdem die zwölfjährige Todi zum ersten Mal am Ritual des Mittsommers teilnehmen durfte: Ihr Vater verschwindet spurlos. Todi glaubt nicht daran, dass ihr Vater im Meer ertrunken ist. Er war schliesslich ein Fährtenfinder, einer der das Meer wie seine Hosentasche kennt. Bald darauf verschwindet aber auch Todis beste Freundin. Todi macht sich mit ihrem Freund Oskar auf, um nach den Verschwundenen zu suchen. Dieses Unterfangen wird bald für beide lebensgefährlich. Sie werden von schrecklichen Ungeheuern angegriffen und gefangen genommen, können aber mit viel List und Mut fliehen. Bald wird klar, dass fast alle Fährtenfinder von einem schwarzen Magier entführt worden sind. Jetzt kann nur die grosse Zauberin Marcia mit ihrer weissen Magie helfen. Gemeinsam mit Todi und vielen, gar wunderlichen Gehilfen macht sie sich auf, die Fährtenfinder zu befreien. Dies geht aber nur, wenn Todi endlich ihre magischen Kräfte zulässt, wenn sie die Kunst des Fährtenlesens, wie es Generationen vor ihr schon getan haben, auch wirklich traut anzuwenden.
Angie Sage gehört zu den wichtigsten Autorinnen moderner Fantasyliteratur für Kinder und Jugendliche. Mit der neuen Buchreihe «Fährtenfinder» wird sie diesem Ruf in jeder Beziehung gerecht. Kaum zu glauben, wie viel Magie in einem Buch stecken kann! So viele absonderliche Figuren und Orte, so viele verzwickte Zauberformeln und Rituale gibt es zu entdecken. Dass die Handlung überaus spannend ist, versteht sich von selbst. Die Lektüre ist allerdings auch recht anspruchsvoll, weil es so viele Figuren gibt, die sich alle durch irgendwelche Besonderheiten auszeichnen und im Laufe der Handlung immer wieder auftauchen. Da ist es gut, dass das Buch so klar gegliedert ist und dass die fantastischen Bleistiftzeichnungen das Geschehen ganz wunderbar ergänzen. Für Fantasyliebhaber ab etwa 12 Jahren.

Angie Sage: TodHunter Moon: Fährtenfinder. Hanser 2017. ISBN: 978-3-446-25488-6

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2017

02.03.2017 by

danielWesley King: Daniel is different
Daniel ist ein besonders kluger Schüler. Nur mit dem Rechnen hat er es nicht so, es gibt Zahlen, die ihm Angst machen, die Unglück bringen. Und der Sport, vor allem das Footballspielen, ist für Daniel eigentlich ein Albtraum, obwohl er in der Schulmannschaft mitspielt. Daniel ist anders und er läuft immer wieder Gefahr, von den andern ausgegrenzt zu werden. Aber er hat Gottlob einen Freund. Wenn der starke und bei allen beliebte Max an seiner Seite ist, kann ihm niemand was anhaben. Und dann findet er diesen seltsamen Zettel in seinem Schulrucksack: Ich brauche deine Hilfe. Ein anderes Sternenkind. Max ist verwirrt und muss sein abendliches Programm sofort ausbauen: Exakt 35-mal vom Bett ins Bad wandern, den Lichtschalter 120-mal betätigen, jede Hand mit zehn Rubbelbewegungen waschen und vieles mehr. Oft dauert sein Programm mehrere Stunden, bis er endlich einschlafen darf. Bald stellt sich heraus, dass dieser Zettel von Sara kam. Sara, die mit niemandem spricht. Sara, die stets nur mit einer Betreuerin in der Schule auftaucht. Aber Daniel wird von Sara angesprochen, sie bittet ihn um Hilfe, den Mörder ihres Vaters zu finden. Sara ist klug, Sara ist auch direkt und sie konfrontiert ihren neuen und bisher einzigen Freund mit seiner Krankheit. Daniel war bis dahin ein Meister darin, seine Zwangsstörung vor andern geheim zu halten. Sara hilft Daniel, endlich über seine Ängste zu reden. Daniel wiederum hilft seiner so ungewöhnlichen Freundin, dem mysteriösen Verschwinden ihres Vaters auf die Spur zu kommen. Dass sie dabei einbrechen, heimliche Tonaufnahmen machen und Überwachungen anstellen müssen, macht die Lektüre überaus spannend. Im Buch von Wesley King geht es nicht nur um das Tabu rund um Zwangsneurosen, es geht vor allem auch um Zivilcourage, um Freundschaft, um das «Über-sich-hinauswachsen». Der Autor litt als Jugendlicher selber unter Zwangsstörungen, dies ist sicherlich ein Grund, weshalb ihm die Beschreibung der Hauptfigur so überaus glaubhaft gelungen ist. Man versteht Daniel beim Lesen, leidet mit ihm mit, kann seine Ängste und Zwänge auch nachvollziehen. Dies alles ist verpackt in einen sehr spannenden und verzwickten Plot. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Wesley King: Daniel is different. Aus dem Englischen von Claudia Max. Magellan, 2017. ISBN: 978 3 7348 4710-3

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Februar 2017

01.02.2017 by

kondomDudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen
Anton ist 13 Jahre alt und seit jeher der Kleinste in der Klasse. Und abstehende, grosse Ohren, das hat er auch. Nicht gerade gute Voraussetzungen um in der Schule gross Eindruck machen zu können. Eines Tages, Anton flickt gerade seinen gerissenen Fahrradschlauch, bemerkt sein Vater mit einem Grinsen im Gesicht: «Gummis sind eben nicht immer reissfest.» Anton wird klar, dass er kein gewolltes Kind war, ein Kondomunfall quasi. Diese Tatsache bringt Anton dermassen ins Grübeln, dass seine Welt richtig in Schieflage gerät. Aber nicht nur er selber ist aus dem Takt, auch sein Papa macht einen unglücklichen Eindruck. Seit Mamas Tod hatte er nie mehr näheren Kontakt zu einer Frau. Anton ist überzeugt: Papa braucht dringend eine Abwechslung, sprich eine neue Frau. Da ist es gut, dass er Ine hat. Ine ist seine allerbeste Freundin, seit er denken kann. Die beiden machen sich also daran, für Antons Papa eine Frau zu finden. Das ist gar nicht so einfach: Was macht Menschen anziehend? Wie kann man sich verlieben? Es war dann schliesslich Ines Idee, Papa ausgerechnet für einen Strickkurs anzumelden. Ulla aus dem Strickkurs ist zwar nett, will aber am liebsten gleich einziehen und das Kommando übernehmen, das vor allem. Nein, so kommt das nicht gut. Wie das ganze Unterfangen schliesslich doch zu einem guten Ende findet, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Das alles nachzulesen macht nicht nur grossen Spass, man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei.
Gudrun Skretting ist eine norwegische Autorin und dies ihr erstes Kinderbuch. Bücher aus Norwegen sind oft etwas schräg. Das vorliegende Buch macht da keine Ausnahme. Es ist humorvoll, voll von unglaublichen Zufällen, spannend und doch auch überaus klug. Und wenn Ine und Anton über die Liebe diskutieren, wenn sie beide merken, wie wichtig sie füreinander sind, was Freundschaft ausmacht, dann ist das Buch stellenweise auch richtig weise. Der Text ist voll von passenden Metaphern, die muss man beim Lesen nicht unbedingt alle verstehen, es macht die Lektüre aber vielschichtiger, so dass auch geübte Leserinnen und Leser voll auf ihre Rechnung kommen. Ein Buch, das man gar nicht mehr weglegen mag für Kinder ab etwa 12 Jahren ebenso wie für Erwachsene.

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carlsen 2016. ISBN: 978-3-551-58370-3
Rezension: Maria Riss

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert

13.01.2017 by

wir_beide_wussten_es_war_was_passiertBilly geht weg, schnell und möglichst weit. Heimlich, als blinder Passagier im Güterwagen. Mit seinem ständig betrunkenen Vater zu leben, das schafft er einfach nicht mehr. Billy erreicht mit dem Zug eine andere Stadt. Billy weiss, wie man sich durchschlagen kann und findet in einem alten Bahnwagon ein vorläufiges Zuhause. Tagsüber verbringt er die meiste Zeit in der Bibliothek. Er mag es zu lesen, Neues zu erfahren und fremde Erfahrungen lesend zu teilen. Bei MacDonald, wo er die Essensreste anderer isst, trifft er Caitlin. Sie ist etwa gleich alt, geht aufs College und putzt hier, um eigenes Geld zu verdienen. Wenn Caitlin auftaucht, wird Billy nervös. Wenn Caitlin Billy sieht, stolpert sie öfters über ihren Wischmop. Wenn die beiden miteinander reden, tut sich für beide eine neue Welt auf. Durch einen wunderbaren Zufall kommt Billy zu einem alten Haus, das er in Ordnung halten muss und dafür bewohnen darf. Billy hat nicht nur eine wunderbare Freundin und erste Liebe gefunden, sondern ist sich auch selber ein Stück weit näher gekommen.

Das ganze Buch ist in einer Art Gedichtform verfasst, in einer einfachen und doch poetischen Sprache, leicht lesbar an der Oberfläche und mit Details, die zwischen den Zeilen stehen. Caitlin und Billy kommen beide zu Wort und berichten vom Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Plot ist vielleicht ein bisschen gar rosa gefärbt, wirkt aber an keiner Stelle kitschig. Das Buch eignet sich sehr gut, um Jugendlichen Erfahrungen mit literarischen Texten zu ermöglichen. Hier können sie, leicht zugänglich, Metaphern deuten und sich dank der bildhaften Sprache in die Figuren hineindenken. Eine dichte und doch leicht lesbare Lektüre, die viele Jugendliche faszinieren wird.

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-20219-0

Rezension: Maria Riss

 

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück

15.11.2016 by

bellaDie Geschichte spielt irgendwo in der Zeit der Goldgräber und Siedler im Westen Amerikas. Bella Rossa ist etwa siebzehn Jahre alt und bisher weiss Gott nicht vom Leben verwöhnt worden. Ihre Mom hat es nicht mehr ausgehalten in dieser leidigen Hütte mit diesem stets betrunkenen halb gelähmten Mann und ist vor langer Zeit schon abgehauen. Und jetzt kommt nach der grossen Dürre und der Heuschreckenplage auch noch ein Krieg hinzu. Bella Rossa ist es so Leid! Aber Bella Rossa ist stark und schön ist sie auch, mit ihren wunderbar feuerroten Locken und dem verlockend grossen Busen.
So holt sie den alten Wagen aus dem Schuppen, spannt die Kühe ein, schmeisst den ganzen Hausrat auf die Ladefläche, packt den gelähmten Pa obendrauf und fährt los. Nur weg von hier und möglichst weit. Bald schon gerät der alte Planwagen zwischen die Fronten des Krieges und Bella Rossa bekommt nicht nur drei Kugeln in den Bauch, nein, sie verliebt sich auch über beide Ohren in Jaroslaw, einen wunderhübschen Soldaten mit nur einem Arm. Bella Rossa wär nicht Bella Rossa, wenn sie all dies aufhalten würde. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in die Welt hinauszufahren und als Hausiererin endlich Geld zu machen. Sofort nach ihrer Genesung bricht sie wieder auf, allerdings mit einem Fahrgast mehr auf dem alten Wagen. Jaroslaw hat sich dem kleinen Trupp angeschlossen. Immer weiter geht die Reise, eine Katastrophe folgt der nächsten. Bela Rossa kämpft und gibt nicht auf. Und zu guter Letzt, da hat sie nicht nur ihre Mutter wieder gefunden, sondern sie weiss nun auch, wo ihr ganz persönliches Glück zu finden ist.
Bella Rossa ist eine Buchfigur, der man im realen Leben liebend gern begegnen würde: So viel Kraft und Wille, so viel Wärme und Herzlichkeit, so viel Klugheit beim Nachdenken darüber, was für einen ganz persönlich wichtig ist. Dies alles in einer Figur abzubilden, das hat die Autorin überaus glaubhaft zu Papier gebracht. Kraftvoll ist auch die Sprache des Buches, treffend, bildhaft und wundervoll passend gestaltet. Bella Rossas Abenteuer nachzulesen ist nicht nur überaus spannend und zwar gleich von der ersten Seite an, das Buch gibt auch einen Einblick in die damalige wirklich wilden Zeiten im Westen Amerikas. Und so meint Bella Rossa am glücklichen Ende ihrer langen Reise: «Ab und zu braucht man ‘n Wunder. Sonst wär das Leben nur ‘n Haufen Dreck.» Ein spannendes, stellenweise auch wild romantisches Lesevergnügen für Jugendliche.

Anne-Laura Bondoux: Bella Rossas anderes Glück. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-58322-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats November 2016

14.11.2016 by

okJason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay!

Rashad ist schwarz. Er soll, wenn es nach dem Willen seines Vaters geht, Offizier werden und dem Land dienen. Deshalb besucht er auch eine Schule, wo militärischer Drill dazugehört. Es ist Freitag, Rashad will den Abend mit seinen Freunden verbringen. Nur rasch noch eine Tüte Chips im Laden kaufen. Und da passiert es: Rashad stösst unabsichtlich mit einer Frau zusammen. Sekunden später steht ein Polizist mit Waffe vor ihm, beschuldigt Rashad wegen Diebstahls und schlägt ihn nieder. Schlägt immer weiter, zerrt den Jungen auf die Strasse, legt ihm Handschellen an und tritt ohne Unterlass auf ihn ein. Schreit und schlägt und hört einfach nicht auf. Erst im Krankenhaus kommt Rashad wieder zu sich. Und hier muss er die nächsten Tage auch bleiben, zu schwer sind seine Verletzungen. Quinn, ein weisser Junge, hat das alles gesehen. Hat beobachtet, wie brutal der weisse Polizist zugeschlagen hat. Hat mitbekommen, wie wehrlos Rashad am Boden lag. Aber Quinn kennt diesen Polizisten sehr gut, ein Nachbar, ein Freund der Familie. Kann er da wirklich als Zeuge aussagen? Ihn als Täter belasten? Gleichzeitig wird ein Video des Vorfalls in den Medien gezeigt und Rashads Freunde organisieren eine Demonstration gegen die Gewalt an schwarzen Jugendlichen. Alle Einwohner der Stadt müssen nun auf irgendeine Weise Stellung beziehen.
Rashad und Quinn erzählen ihre Geschichte, ihre Sichtweise, ihre Gedanken und Gefühle selber, abwechselnd, jeder aus seiner Perspektive. Zwei verschiedene Autoren haben diese Geschichte auch geschrieben: Jason Reynolds , ein dunkelhäutiger Afroamerikaner, schildert das Geschehen aus der Sicht von Rashad, Brendan Kiely, ein weisser Autor, erzählt aus der Perspektive von Quinn. Zwei Seiten kommen zu Wort, zwei Seiten einer Medaille werden Leserinnen und Leser aufgezeigt. Das Buch zeigt Jugendliche im moralischen Dilemma und macht den überaus grossen Druck nachvollziehbar, unter dem die Menschen in dieser amerikanischen Stadt leben. Die beiden Autoren haben den Opfern und Tätern der zahlreichen Zeitungsberichte Namen gegeben und lassen Lesende unmittelbar teilhaben. Ein eindringlich erzähltes Buch, das nachdenklich stimmt, dem man viele jugendliche und erwachsene Leserinnen und Leser wünscht.

Jason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay! dtv: Reihe Hanser, 2016. ISBN: 978-3-423-65024-3

Rezension: Maria Riss

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte

14.11.2016 by

gipsFitz (seit kurzem will sie nicht mehr Felicia genannt werden) ist 12 Jahre und drei Wochen alt. Sie ist zum ersten Mal in der Wohnung ihres Vaters. Ihre Eltern wollen sich scheiden lassen, das mit der ewigen Liebe hat bei ihnen wohl nicht hingehauen. Fitz findet es schrecklich, dass sich Menschen, die sich so geliebt haben, sich plötzlich trennen wollen. Fitz ist verzweifelt, ihre Welt ist aus den Fugen geraten und sie hat das Gefühl, niemand mehr habe sie lieb. Da sieht sie vom Fenster aus, wie Papa mit seinem Fahrrad hinfällt und mit ihm ihre kleinere Schwester Bente. Bente blutet wie verrückt, ihre eine Fingerkuppe liegt im Schnee. Bente muss sofort ins Krankenhaus und natürlich geht Fitz mit. Es dauert ewig, bis sie drankommen, es dauert den ganzen Tag, bis Bente ihre Fingerkuppe wieder angenäht bekommt. Fitz hat Zeit nachzudenken, Fitz hat auch Zeit, sich in diesem riesigen Krankenhaus umzuschauen und Leute kennenzulernen. Sie begegnet in den langen Gängen Adam, einem Jungen, der nicht nur toll aussieht, sondern auch sehr gut zuhören kann. Endlich kann sie mit jemandem reden und von ihrem Kummer berichten. Fitz und Adam besuchen dann gemeinsam nicht nur das viel zu früh geborene Brüderchen von Adam, sie klauen wegen besonderer Umstände auch Gips aus einem Behandlungszimmer, freunden sich mit der herzkranken Primula an und helfen der besonders netten Krankenschwester Yasmine, sich endlich zu verlieben. Wahnsinn, was man an einem einzigen Tag erleben kann, verrückt, wie viel klüger man abends sein kann, wenn man sich auf Menschen und Gespräche einlässt, findet Fitz. Sie hat nicht nur viel gelernt, sie hat sich wohl auch ein bisschen verliebt. Und dies ist ein völlig neues, aber einmalig schönes Gefühl.
Fitz hat eine ganze Menge Sorgen, aber Fitz ist eine, die etwas dagegen unternimmt. Frech ist sie stellenweise, sie schwindelt und kann sich total daneben benehmen. Aber sie ist mutig, setzt alle Hebel an, damit es ihr besser geht, bringt sogar einen Oberarzt dazu, über seine Jugend als Scheidungskind zu berichten. Und wenn sie sich mit Adam über die Liebe unterhält, über die Angst einen Menschen zu verlieren, dann ist Fitz sehr viel älter als gerade mal 12 Jahre und 3 Wochen, dann bringen die beiden Lesende zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Staunen. Anna Woltz greift ein ernsthaftes Thema auf, sie tut dies aber inhaltlich und sprachlich so glaubhaft und humorvoll, dass man beim Lesen gar nicht weiss, ob man lachen oder heulen soll. Eine ernsthaft vergnügliche und wunderbare Lektüre also für Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Carlsen, 2016. ISBN: 978-3-551-55676-9

Rezension: Maria Riss

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens

14.11.2016 by

casparCaspars Eltern sind Puppenspieler, erfolgreiche und weltbekannte Künstler. Caspar ist besonders begabt im Holzschnitzen, seine ältere Schwester Gerda erfindet gerne neue Geschichten und der kleine Bruder Till, der ist einfach noch zu klein, um mitzuhelfen. Und dann am Neujahrsmorgen ist Till plötzlich verschwunden. Und nicht nur das, auch sämtliche Fotos und Erinnerungsstücke von Till sind nicht mehr auffindbar und die Eltern scheinen gar nicht mehr zu wissen, dass sie je einen kleinen Sohn hatten. Nur Caspar und Gerda vermissen Till und beginnen mit der Suche. Sie stossen dabei auf rätselhafte Spuren und einen uralten geheimen Vertrag. Till wurde wohl vom «Meister des Vergessens» geholt, der seit Jahrhunderten laut Vertrag immer wieder ein Kind als Tribut verlangt. Caspar gibt das Suchen nicht auf und gelangt schliesslich in einen alten Turm, wo der «Meister des Vergessens» Kinder gefangen hält. Kinder, denen er alle Erinnerungen gestohlen hat, Kinder, die für ihn schuften müssen. Caspar liebt seinen kleinen Bruder so sehr, dass er allen Mut zusammennimmt und sich ebenfalls gefangen nehmen lässt. In Gefangenschaft kämpft er nicht nur gegen den grusligen alten Meister, sondern auch dagegen, seine eigenen Erinnerungen zu verlieren. Natürlich wendet sich am Ende alles zum Guten, bis dahin gilt es aber sehr viele, äusserst gefährliche Abenteuer zu bestehen.
Überaus harmlos und fast idyllisch geht es am Anfang der Lektüre zu und her. Mit jeder Seite aber werden Leserinnen und Leser mehr ins Buchgeschehen hineingezogen. Ein bisschen Schaudern und Hühnerhaut gehören dazu, manchmal so, dass man zumindest bis zum Ende des Kapitels weiterlesen muss. Die Autorin hat wohl darauf geachtet, dass man am Ende jedes Kapitels zumindest ein bisschen aufatmen kann. Nebst der in einer sehr ausdrucksstarken Sprache verfassten spannenden Geschichte ist die klare Gliederung mit ein Grund, dass sich das Buch sehr gut zum Vorlesen eignet. Die Handlung erzählt vom Zusammenhalten, von manchmal nervigen Brüdern und von der Kostbarkeit unserer Erinnerungen. Für Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren.

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens. Oetinger, 2016. ISBN: 978-3-7891-0426-8

Rezension: Maria Riss

 

Anders Johansen: Das schwarze Loch in mir

09.11.2016 by

lochDie Geschichte spielt auf den Färöern in einem kleinen, von der Umwelt fast gänzlich abgeschnittenen Küstenort. David erzählt das Geschehen aus seiner Perspektive. Zu Beginn des Buches ist er etwa 12 Jahre alt. David ist anders als die andern Kinder. Ein Neurologe aus der Stadt hat dies bestätigt: David ist Autist. Sein Vater arbeitet bei der Post und holt mehrmals in der Woche die Post, indem er über den Berg wandert. Mama betreibt einen kleinen Lebensmittelladen, einmal in der Woche kommt das Küstenschiff und bringt Nachschub.
Diese grosse Abgeschiedenheit des Orts ist gut für David, jeder kennt ihn und in der Dorfschule hat er nicht nur einen Sonderplatz, sondern für ihn gelten auch spezielle Regeln. Davids Lehrer ist einer, der Verständnis aufbringt, dem es auch immer wieder gelingt, David zu beruhigen, wenn er einen seiner Anfälle bekommt. Das ist dann, wenn David wütend wird, wenn er in ein schwarzes Loch fällt und nur noch schreien kann. Auch sein grosser Bruder Peter beschützt David immer wieder, wenn er ausgelacht oder provoziert wird. Aber dann wird ein Tunnel durch den Berg gebaut, das Dorf ist plötzlich kein Ort der Ruhe mehr. Touristen kommen und die Jungen aus dem Dorf können sich plötzlich Alkohol besorgen und donnern nachts mit Motorrädern durchs Dorf. Die geschützte Welt des autistischen Jungen beginnt zu bröckeln. Auch er selber verändert sich, wird langsam zum Mann. Und dann gesteht der grosse Bruder eines Tages, dass er den Ort verlassen will. David erfüllt dies mit einer so immens grossen Panik, dass er in ein schier unendlich schwarzes Loch fällt und mit seinem Verhalten einen schrecklichen Unfall verursacht.

Anders Johansen hat ein stilles Buch geschrieben, eines, das vor allem von den Stimmungen lebt: Jenen draussen, wenn er die herbe Schönheit der Insel beschreibt und den inneren Stimmungen, welche die Menschen umtreibt. Weil David seine Geschichte selber erzählt, lässt er Lesende so nah heran, dass man sogar seine schlimmen Anfälle nach- und mitvollziehen kann, selten wurde Autismus dermassen nachvollziehbar in einem Jugendroman beschrieben. Man erfährt, dass David sich schwertut, Körperkontakt zuzulassen, dass er Bildsprache meist nicht entschlüsseln kann, dass er auch Schwierigkeiten hat, Gefühlslagen anderer Personen zu erkennen. Dafür kennt er die lateinischen Namen aller Vögel, kann alle Wetterrekorde der Insel auswendig und weiss immer auf die Sekunde genau, wann die Sonne auf- und untergeht. Anders Johansen hat mit seinem Erstlingswerk ein sehr stimmiges Buch geschrieben, das von den leisen Tönen lebt und entsprechend wunderschön aber auch anspruchsvoll zu lesen ist. Für Jugendliche.

Anders Johansen: Das schwarze Loch in mir. Beltz, 2016. ISBN: 978-3-407-82172-0

Rezension: Maria

Hermann Schulz: Die Reise nach Ägypten

16.10.2016 by

schulzDoktor Fernando ist Arzt in einem Kinderspital in einem Armenviertel in Nicaragua. Doktor Fernando ist nicht nur ein sehr guter Arzt, der seine kleinen Patienten über alles liebt, er ist vor allem auch ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und so kommt es, dass er jedes Jahr am Weihnachtsabend alle Krankensäle des Hospitals besucht, dort seinen Patienten die Weihnachtsgeschichte erzählt und allen kleine Geschenke überreicht. Als er in diesem Jahr nach seiner Runde das Spital verlässt, steht plötzlich der kleine schwerkranke Filemon vor ihm. Filemon möchte sein Geschenk, ein T-Shirt, in eine Busfahrkarte nach Ägypten umtauschen. In Ägypten, so hat Filemon soeben vom Doktor gehört, da retten sie Kinder. Und so macht sich der alte Arzt mit dem kleinen Filemon auf, um ihn nach Ägypten zu bringen. Hoch oben auf dem Hügel über der Hauptstadt muss dieses Ägypten sein. Und dort oben passiert auch eines jener Wunder, die manchmal an Weihnachten geschehen können.
Hermann Schulz hat eine Geschichte geschrieben, die man nach der Lektüre nicht gleich wieder vergisst. Berührend, aber niemals kitschig, erzählt er von jenen Kindern, denen es nicht gut geht, deren Lebensumstände sich so sehr von den unseren unterscheiden. Ob die Geschichte wahr ist, das spielt überhaupt rein gar keine Rolle. Es geht um Beziehungen, um Vertrauen, das gegenseitige «Ernstnehmen» und um die Kraft, die sich daraus entwickeln kann. Das Buch ist wunderschön farbig illustriert und man hat es schnell gelesen, auch deshalb eignet es sich hervorragend zum Vorlesen an einem Winterabend. Für Schulkinder und Erwachsene jeden Alters.

Hermann Schulz: Die Reise nach Ägypten. dtv Hardcover, 2016. ISBN: 978-3-423-64022-0

Rezension: Maria Riss