Archiv für die ‘ 05 Oberstufe ’ Kategorie

Simon Mason: Mondpicknick

10.06.2013 von

mondpicknickSeit Mama gestorben ist, wird es mit Papa immer schlimmer. Er hat seine Stelle verloren, sitzt oft tagelang im Schuppen und hat dann plötzlich irgendwelche verrückte Ideen. So weckt er beispielsweise Martha und ihren kleinen Bruder mitten in der Nacht und nimmt sie mit zu einem Picknick im Mond-schein. Das sind besondere und schöne Momente, doch sie werden immer seltener.

Martha muss bald den ganzen Haushalt alleine übernehmen, auf ihren kleinen Bruder aufpassen und ihm abends Geschichten erzählen. Martha muss immer längere Listen schreiben, um den Alltag zu bewältigen, denn Martha ist gerade mal elf Jahre alt. Schlimmer als die ganze Arbeit aber sind die grossen Sorgen, die sich Martha um ihren Papa macht. Was ist bloss mit ihm los?! Und dann entdeckt sie eines Tages all die vielen Whisky-Flaschen, die Papa an verschiedenen Orten im Haus versteckt hat. Martha hat es zwar geahnt, aber jetzt hat sie die Gewissheit: Ihr Papa ist Alkoholiker. Martha und ihr kleiner Bruder müssen nun zu den so schrecklich strengen Grosseltern ziehen und Papa, der muss in eine Anstalt. Die beiden Kinder dürfen keinen Kontakt mehr zu ihm haben. Das ist schwer, Martha vermisst ihn sehr, aber gleichzeitig tut es auch gut, endlich die ganze Verantwortung an die Grosseltern abgeben zu können. Und so kommt es, dass nach einem Jahr die ganze Geschichte, zumindest vorläufig, ein glückliches Ende findet: Papa trinkt nicht mehr und hat wieder einen Job. Und Martha wird vielleicht bald berühmt, denn sie bekommt ihre erste Rolle in einem Film.

Simon Mason hat mit Martha eine Figur geschaffen, deren Gefühle und Handlungsweise einen beeindrucken, weil sie niemals aufgibt, weil sie fest davon überzeugt ist, dass es für alles irgendeine Lösung gibt. Eindrucksvoll ist es dem englischen Autor auch gelungen, aus der Sicht eines Kindes den schleichenden Beginn einer Alkoholsucht zu beschreiben: Martha liebt ihren Vater sehr und beobachtet ihn genau, kennt seine guten und schlechten Tage, seine Höhenflüge und Abstürze und ist zutiefst verunsichert. Sie will die Sucht zu lange nicht wahrhaben und passt unentwegt auf, dass niemand etwas von Papas Geheimnis erfährt. «Mondpicknick» ist auch in sprachlicher Hinsicht ein wunderschönes, berührendes Buch. Die Geschichte ist so ergreifend und spannend, dass sich das Buch auch sehr gut zum Vorlesen eignet. Für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Simon Mason: Mondpicknick. Carlsen 2013. ISBN: 978 3 551 58282 9

Rezension: Maria Riss

Ally Kennen: Bullet Boys. Thriller

28.05.2013 von

Die Protagonistebulletn des Buches sind drei Jugendliche, die aus völlig verschiedenen Milieus stammen und auch sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben haben: Da ist Alex, der bei seinem Vater in der Wildnis lebt, der sich auskennt mit Tieren, mit Waffen und Fallen und der auch mit der Tatsache klar kommt, dass er oft alleine ist. Und da ist Max, aus sehr noblem Haus, Max, der alle Grenzen radikal austesten will, bei dem man nie weiss, ob er in der nächsten Minute ausrastet. Und schliesslich Levi, der es gern harmonisch hat, der nicht auffallen will, den aber alle mögen. Max, Alex und Levi entdecken durch Zufall ein offensichtlich illegales, riesiges Waffenlager aus Beständen der Armee. Das Lager liegt zwar im militärischen Sperrgebiet, aber niemand scheint sich darum zu kümmern. Die Vorstellung ein richtiges Maschinengewehr in Händen zu halten, ist einfach zu verlockend, vor allem für Max. Im Gebiet gibt es aber ein paar Soldaten, die dieses Waffenversteck ebenfalls ausräumen wollen. Was für die drei Jugendlichen harmlos beginnt, entwickelt sich für die drei innert kürzester Zeit zu einem lebensgefährlichen Albtraum.

Die ersten Kapitel des Buches erscheinen beim Lesen tatsächlich eher harmlos. Ganz allmählich wird aber die Spannung aufgebaut und bald kann man die Lektüre kaum mehr aus den Händen legen. Nicht nur der Plot ist sehr mitreissend, es sind auch die Handlungen und Sichtweisen der drei Jugendlichen, deren Beschreibung der Autorin so glaubhaft gelungen ist. Unvorhersehbare Wendungen, Figuren, deren wahre Gesichter man erst im Laufe der Geschichte erfährt, das alles trägt dazu bei, dass das Buch den Untertitel «Thriller» tatsächlich verdient.

Ally Kennen: Bullet Boys. dtv 2013. ISBN: 978 3 423 71535 5

Rezension: Maria Riss

 

Sherman Alexie: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianers

28.02.2013 von

Arnold Spirit, genannt Junior, lebt in einem Reservat der Spokane Indianer. Er stottert und lispelt, er trägt eine übergrosse Brille und sagt von sich selbst, er sei mit Wasser im Gehirn zur Welt gekommen. Er wird ausgelacht, gehänselt, er wird fertig gemacht und ausgegrenzt. Nur seine Eltern und sein einziger Freund Rowdy halten zu ihm. Und dann beschliesst dieser verrückte Junior etwas absolut Unmögliches zu tun: Er will als Erster seines Stammes auf eine «weisse» High Scool ausserhalb des Reservates wechseln.

Dass dies ein echt schwieriges Unterfangen wird, das zeigt sich schon in den ersten Tagen: Niemand von den weissen Schülerinnen und Schülern spricht mit ihm, er kommt sich vor wie ein Aussätziger.

Aber Junior verschafft sich ganz allmählich Respekt, nicht nur weil er urkomische Comics zeichnet und weiss, wie man sich prügelt, sondern auch, weil er schlicht niemals aufgibt. Im Basketballteam ist er bald ein Spieler-Star, er gewinnt neue Freunde und verliebt sich in die wunderschöne Penelope. So wird aus dem Einzelkämpfer in kleinen Schritten ein akzeptierter, seine eigenen Grenzen überschreitender Mitschüler. Junior lebt in Widersprüchen, er gehört weder zur einen noch zur andern Welt und er drückt viele dieser Konflikte in seinen Cartoons aus.

Sherman Alexie ist mit den Tagebuchaufzeichnungen von Junior ein ganz wunderbarer Balanceakt geglückt: Die schrägen Comics, voller Witz und Ironie verbindet er mit einem überaus ernsthaften und auch spannenden Plot. Das bringt Lesende zum Lachen und zum Weinen zugleich. In leichter, ungezwungener, treffender und salopper Sprache berichtet der Autor über schmerzhafte Erfahrungen wie Tod, Einsamkeit und Verlust. Gerade diese Sprache macht das Buchgeschehen so authentisch. Junior ist ein Held, dem man gern begleitet, der zwar sehr viele Probleme hat, der sich aber wehrt, etwas unternimmt und auch zumindest in einzelnen Bereichen Erfolg hat. Wer mit dem Lesen dieses Romans beginnt, wird nur schlecht wieder aufhören können, zu sehr nimmt man bei der Lektüre Anteil. Sherman Alexie ist selbst in einem Spokane-Reservat aufgewachsen, «Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianers» ist sein erstes Jugendbuch.

Rezension: Maria Riss

Sherman Alexie: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianers. dtv, 2011.

Die schönsten Märchen der Schweiz. Herausgegeben und bearbeitet von Dirk Vaihinger

03.12.2012 von

Es gab schon früher verschiedene Sammlungen von Schweizer Märchen, jene aus den Kantonen Graubünden oder Tessin, aus dem Wallis, der Romandie oder dem Bernbiet. Keines dieser Bücher ist aber noch lieferbar und keine Sammlung wurde so sorgfältig zusammengestellt und überarbeitet wie jene im vorliegenden Band. Dirk Vaihinger ist mit diesem Buch ein Wurf geglückt: Er hat nicht nur ganz besonders lesenswerte Märchen und Legenden zusammengestellt, er hat die Texte auch sprachlich so retuschiert, dass ihr ganz besonderer Duktus erhalten blieb und sie doch auch für heutige Kinder und Jugendliche lesbar sind. Ein Buch für Gross und Klein, das in jede Bibliothek gehört.

Rezension: Maria Riss

Die schönsten Märchen der Schweiz. Herausgegeben und bearbeitet von Dirk Vaihinger. Nagel und Kimche, 2012.

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter

03.12.2012 von

Als Hazel sechzehn ist, kommt ihre Mutter zum Schluss, dass Hazel unter Depressionen leide. In jeder Broschüre steht ja schliesslich auch, dass Depressionen bei Krebskranken sehr häufig vorkommen. Hazels Krebs ist nicht heilbar, sie weiss, dass sie nicht mehr allzu lange leben wird. Tapfer schleppt sie ihr Wägelchen mit der Sauerstoffflasche mit sich und besucht ihrer Mutter zuliebe auch tatsächlich jede Woche eine Selbsthilfegruppe. Dort lernt sie Gus kennen. Gus ist anders als alle andern jungen Männer, er ist intelligent, witzig, schlagfertig und Gus ist von einer umwerfenden Offenheit. Hazel und Gus verlieben sich ineinander. Gus ermöglicht ihr schliesslich die Erfüllung eines sehr grossen Wunsches: Sie kann mit ihm nach Amsterdam fliegen, um dort den Autor ihres Lieblingsbuches kennenzulernen. Hazel und Gus wollen auskosten, was ihnen an Zeit bleibt und sie erfahren, dass sich Liebe lohnt, ganz egal was passiert.

Der vorliegende Roman von John Green ist kein Buch über Krebskranke. Was Hazel und Gus in dieser Geschichte den Lesenden vorleben, ist im Grunde genommen eine wunderschöne, gänzlich unsentimentale Ode an das Leben. John Green lässt seine Figuren sehr offen über ihre Krankheit und über den drohenden Tod reden, lässt dabei aber kein Mitleid aufkommen und gerade dies macht einen, obwohl das Thema so ergreifend ist, die Lektüre so leicht. Die Geschichte regt zum Nachdenken an, sie berührt, ist stellenweise traurig aber keinesfalls deprimierend und lässt Lesende nicht mehr los. Eine unvergessliche Lektüre für Jugendliche und Erwachsene.

Rezension: Maria Riss

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Hanser, 2012.

T.A. Wegberg: Klassenziel

03.12.2012 von

Jamie ist siebzehn Jahre alt, er beginnt in Berlin bei seinem Vater ein neues Leben. Wie es dazu kam? Das erfahren Leserinnen und Leser häppchenweise, in kurzen linear erzählten Rückblenden. Es begann schon sehr früh, sein älterer Bruder Dominik war ungeschickter als er, weniger herzlich, man durfte ihn kaum anfassen, er war schlechter in der Schule und kapselte sich immer mehr ab. Dominik hatte kaum Freunde und verschwand immer wieder. Und dann passierte es: Dominik schaffte das Klassenziel nicht und lief in seiner Schule Amok. Siebzehn Leben löschte er aus. Für Jamie und seine Eltern begann ein Albtraum. Und nun lebt Jamie seit kurzem bei seinem Vater in Berlin. Radikal musste er sein «altes» Leben zurücklassen, niemand hier darf wissen, was geschehen ist. Das ist schwer auszuhalten und manchmal schier zum Verzweifeln. Aber Jamie will weiterleben und er findet mit der Zeit auch Freunde, nicht zuletzt deshalb, weil Jamie stundenlang Gitarre übt bis er in einer Band mitspielen kann.

Das Buch ist in einer sehr einfachen Alltagssprache geschrieben, auch die Erzählweise stellt keine hohen Ansprüche an die Lesekompetenz von jugendlichen Leserinnen und Lesern. Die Story beeindruckt und fesselt, weil man Seite um Seite zumindest in Ansätzen begreift, wie es zu einem solch grausamen Massacker kommen konnte. « Klassenziel» ist keine hohe Literatur und doch empfehlenswert, weil Jamies Gefühle und seine Versuche die Tat seines Bruders irgendwie zu verstehen und zu bewältigen eindrücklich beschrieben werden. Der Text wird mit Sicherheit Fragen aufwerfen, Diskussionen anregen und viele Jugendliche faszinieren.

Rezension: Maria Riss

T.A. Wegberg: Klassenziel. rororo, 2012.

Kenneth Oppel: Düsteres Verlangen

03.12.2012 von

Die Geschichte spielt in der Umgebung von Genf, Anfang des 19. Jahrhunderts. Victor und Konrad sind Zwillinge und rein äusserlich sind sie kaum zu unterscheiden. Vom Charakter her könnten sie aber unterschiedlicher nicht sein. Konrad ist besonnen und intelligent, Victor voller Leidenschaft, Ehrgeiz und Willensstärke. Und beide lieben sie die schöne Elisabeth, die mit ihnen im Chateau der Familie Frankenstein lebt. Aber dann wird Konrad sehr schwer krank, alle Ärzte sind ratlos. Victor Frankenstein ist ab diesem Zeitpunkt von einer Idee besessen: Er will seinen Bruder vor dem drohenden Tod retten. Im Keller des Schlosses entdeckt er eine geheime, uralte Bibliothek und darin ein Buch mit dem Rezept für ein lebensrettendes Elixier. Gemeinsam mit Elisabeth macht Victor sich auf die gefährliche Suche nach den Zutaten. Er will den Tod besiegen, mit allen Mitteln, auch wenn er dadurch selber immer wieder in Lebensgefahr gerät.

Victor ist ein Protagonist, der Lesende mit seiner Ich-Erzählung unmittelbar an seiner Gefühlswelt teilhaben lässt, da sind auch schlechte, unsympathische Wesenszüge mit dabei. Nebst der äusseren Spannung, die so schrecklich gefährliche Suche nach diesem Elixier des Lebens, ist es diese Charakterbeschreibung, welche einen beim Lesen nicht mehr loslässt. Diese Schilderung ist dem Autor dermassen gut geglückt, dass die Figur und ihre Motive glaubhaft wirken, dass man die stellenweise schrecklichen Gedanken und Handlungsweisen sogar versteht: Wie kann jemand auf die Idee kommen, Herr über Leben und Tod sein zu wollen und später abstruse Monster zu erschaffen? Hauptfiguren, die man beim Lesen nicht einfach lieb gewinnt und sich trotzdem in sie hineinversetzen kann, das gibt es in der Jugendliteratur kaum – «Düsteres Verlangen» ist deshalb keine leichte Kost, wird aber Jugendliche ab etwa 15 Jahren und Erwachsene faszinieren.

Rezension: Maria Riss

Kenneth Oppel: Düsteres Verlangen. Beltz, 2012.

Markus Stromiedel: Der Torwächter

03.12.2012 von

Simon ist erst kürzlich mit seinen Eltern ins alte Haus seines Grossvaters eingezogen. Seither häufen sich die merkwürdigsten Ereignisse: Der Grossvater verschwindet spurlos, es gibt unheimliche Bilder im Haus und dieses rätselhafte Buch, das Grossvater ihm zurückgelassen hat. Simon spürt zudem, dass seine Eltern ihm etwas Wichtiges verschweigen. Zusammen mit Ira, einem Mädchen aus dem Dorf, will er herausfinden, was hinter all dem steckt. Er stösst dabei auf das geheimnisvolles Erbe der Torwächter und bald weiss er, dass er diesem Erbe nicht ausweichen kann, dass er künftig die Rolle des Torwächters zwischen zwei verschiedenen Welten übernehmen muss: Ein lebensbedrohender Kampf scheint dies zu werden, ein Streit zwischen Feuer und Eis, zwischen Gut und Böse.

Markus Stromiedel hat sich als Autor von Drehbüchern und als Fantasyschriftsteller für Erwachsene bereits einen Namen gemacht. «Der Torwächter» ist sein erster Roman für Jugendliche. Und sein Erstlingswerk überzeugt: Der Plot ist überaus spannend und zwar von der ersten Seite an, die Sprache ist zwar einfach aber treffend, die einzelnen Figuren und ihre Handlungsweisen wirken glaubhaft und die Szenarien passen zum Buchgeschehen. Das Buch wird Fantasyliebhaber ab etwa 12 Jahren begeistern!

Rezension: Maria Riss

Markus Stromiedel: Der Torwächter. Dressler, 2012.

Carl Hiaasen: Panther

01.10.2012 von

Nick und Marta leben beide in Florida und besuchen die gleiche Schule. Während einer Schulexkursion bricht ein Buschfeuer aus. Panik macht sich unter den Schülerinnen und Schülern breit und die Biologielehrerin, die verschwindet in diesem ganzen Durcheinander auf rätselhafte Art und Weise. Alles Zufall? Marta und Nik können das nicht glauben, zumal auch Smoke, ein ziemlich schräger Schulkollege, plötzlich wie vom Erdboden verschluckt wurde. Und weshalb stehen am Rande des Naturschutzgebietes seit ein paar Tagen riesige Rohre einer Ölgesellschaft? Und was war das für ein schwarzer Schatten, der sich direkt vor ihnen von einem Baum schwang? War das wirklich ein Panther? Fragen über Fragen, alle rätselhaft, ungelöst und schier unmögliche Zufälle. Dies alles beschäftigt die beiden so sehr, dass sie kaum noch Schlaf finden. Natürlich wollen sich Marta und Nik Klarheit verschaffen und dass sie dabei in überaus gefährliche Situationen geraten, das wissen all jene, die bereits Bücher von Carl Hiaasen gelesen haben. Das Buch zeichnet sich ganz besonders durch den überaus spannenden Plot und die prägnant beschriebenen, oft etwas skurrilen Typen aus. Wie an in all seinen Büchern geht es auch im vorliegenden Band um zentrale Anliegen des Natur- und Umweltschutzes, um skrupellose Geschäftemacher aber auch und um Jugendliche, die sich für ihre Ideale mit aller Kraft einsetzen. Dies nachzulesen ist nicht nur äusserst spannend, sondern schlicht auch sehr beeindruckend. Für Jugendliche.

Rezension: Maria Riss

Carl Hiaasen: Panther. Beltz, 2009.

Philip Pullman: Der Goldene Kompass

24.09.2012 von

Hörbuch, gelesen von Rufus Beck. Das rebellische Mädchen Lyra Belacqua wächst ohne Eltern im Jordan College in Oxford auf, mehr oder minder geschickt betreut und gebildet von sämtlichen Professoren. Zufällig wird sie Zeugin, wie versucht wird den Forscher Lord Asriel, ihren Onkel, zu vergiften. Es gelingt ihr, ihn zu warnen, und er macht sich wieder auf in den Norden, um weitere Indizien für den so genannten „Staub“ zu finden, mit dessen Hilfe man in andere Welten gelangen könnte. In Oxford verschwinden unterdessen reihenweise Kinder, offenbar wurden sie alle von den Gobblern, einer mysteriösen Organisation, entführt. Als schliesslich auch Lyras Freunde verschwinden, will sie sie suchen. Verhindert wird dies durch die faszinierende Miss Coulter, die Lyra mit nach London nimmt, gegen den Willen der Professoren. Vor ihrer Abreise und mitten in der Nacht übergibt ihr der Rektor einen seltsam anmutenden goldenen Kompass, ein so genanntes Alethiometer, mit dem, wer es zu lesen versteht, man die Zukunft erfahren kann. In London bemerkt Lyra schnell, dass die vermeintliche Wohltäterin Miss Coulter zu den Kindesentführern gehört. Sie täuscht sie und flüchetet, verfolgt von den Gobblern. Sie wird von drei Gyptern, Angehörige eines fahrenden Volkes gerettet. Von ihnen erfährt sie die Wahrheit über ihre wirkliche Herkunft und von der Tatsache, dass die Gobbler vor allem Kinder der Gypter entführen um sie in den Norden zu verschleppen. Lyra reist mit den Gyptern dorthin, auf der Suche nach ihren Freunden und nach dem vom Magisterium gefangen gehaltenen Lord Asriel, der in Wirklichkeit ihr Vater ist. Mit Hilfe des Panserbjörns Iorek Byrnison, einem verstossenen gepanzerten Eisbären unternimmt Lyra alles, um ihren Vater und die gefangenen Kinder zu retten.

Fantasy ist für mich immer dann am besten, wenn man als Lesender – oder in diesem Fall als Hörender – kaum realisiert, dass man gerade ein Fantasy-Werk liest, das heisst, wenn die Geschichte trotz aller neuen und fremden Elemente vollkommen glaubhaft klingt. Dies ist Philip Pullman mit dem goldenen Kompass hervorragend geglückt. Dazu trägt aber auch Rufus Beck mit seiner grandiosen Vortragsweise einen grossen Teil bei. Beinahe unglaublich, wie er es schafft, sämtlichen Figuren ihre eigene Stimme zu geben, sodass man sie jeweils erkennt, ohne dass ihre Namen erwähnt werden müssen. Ein grandioses Hörvergnügen, dass den zusätzlichen Erlebnisgewinn von Hörbüchern gegenüber herkömmlichen Büchern nicht deutlicher aufzuzeigen vermag.

Warum eigentlich soll man Bücher immer lesen? Heute, wo das Hörverstehen vieler Kinder und Jugendlicher deutlich reduziert ist? Gerade deshalb eigenen sich Hörbücher wie das Besprochene sehr gut für den offenen aber auch für den geführten Leseunterricht. Ob das Hören mit oder ohne Aufgaben verbunden wird, bleibt der Lehrperson überlassen. Für den individualisierenden Unterricht auf verschiedensten Anspruchs- oder Niveaustufen eignet sich «Der goldene Kompass» hervorragend. Das Hörbuch ist für Kinder ab etwa 10 Jahren, vor allem aber für die Oberstufe geeignet. Auch Erwachsene werden an diesem Roman ihren Spass haben, der im Übrigen den ersten Teil einer Trilogie bildet.

Rezension: Peter Steffen

Philip Pullman: Der Goldene Kompass. Hörbuch Verlag, 2007. Aus der Reihe: Silberfisch.