Archive for the ‘ 05 Oberstufe ’ Category

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee

05.10.2018 by

Die Tagebucheintragungen der Zwillinge Nadja und Viktor beginnen in Leningrad, am 23. Juni 1941. Die deutsche Front nähert sich und alle Kinder der Stadt müssen sich am Bahnhof einfinden, um evakuiert zu werden. Vor der Abreise muss Viktor seinem Vater versprechen, immer bei seiner Schwester Nadja zu bleiben und gut auf sie aufzupassen. Aber schon bei der Aufteilung der vielen Kinder auf die hereinfahrenden Züge werden die Zwillinge getrennt. Viktor landet im Zug Nr. 77 und wird in eine Kolchose in Tatarstan gebracht. Nadjas Zug kommt nicht weit, die Lokomotive bleibt bereits nach rund 70 Kilometern stecken. Nadja und all die andern Kinder aus dem Zug werden in ein nahegelgenes Dorf gebracht, das schon kurze Zeit später von den Deutschen eingenommen wird. Nadja gelingt die Flucht und sie rettet sich auf die Inselfestung Oreschek im riesigen Ladoga-See. Diese Festung ist noch immer in russischer Hand, wird aber ständig beschossen und bombardiert. Nicht erst hier entpuppt sich Nadja als überaus mutiges Mädchen. Die Zwillinge waren noch nie voneinander getrennt, beide sehnen sich schrecklich nacheinander und deshalb will Viktor seine Schwester um alles in der Welt wiederfinden, auch weil er dies seinen Eltern verspochen hat. Nichts kann ihn dabei aufhalten. Er flieht aus der Kolchose, wird gefangen genommen, reisst aus, kämpft sich, zusammen mit ein paar Kameraden, über mehrere hundert Kilometer durch Eis und Schnee, überlistet die Truppen an der Front und gelangt schliesslich in einem gestohlenen Lastwagen über den mittlerweile zugefrorenen See zur Festung Oreschek, wo er seine geliebte Schwester Nadja lebend wiederfindet.
Die Geschichte wird von Nadja und Viktor in Tagebucheinträgen erzählt, beide sind mit zahlreichen Fotografien, Zeitungsausschnitten und Karten ergänzt. Der Autor hat sich über weite Strecken an historischen Fakten gehalten, die Geschichte der beiden Geschwister ist aber frei erfunden. Was die beiden erleben und vor allem, was sie beim Kampf ums Überleben unternehmen, erinnert hier und da an ein Heldenepos, es macht dieses Buch aber unglaublich spannend. Oft geht der Autor an die Grenze des Beschreibbaren, er tut dies aber behutsam und geht öfters auf eine gewisse Distanz. Trotzdem erlebt man beim Lesen sehr eindringlich mit, wie schrecklich dieser Krieg war und wie Hunger, Kälte, Gewalt und Angst Menschen verändern können. Vergangenes darf nicht in Vergessenheit geraten, weil sich Geschichte immer wiederholt, so die klare Botschaft dieser so eindringlich verfassten Erzählung. Der grosse Spannungsbogen, das fundiert recherchierte Hintergrundwissen und die wunderschöne, spezielle Aufmachung, all dies kann hoffentlich viele jugendliche Leserinnen und Leser zum Lesen dieses Buches verlocken.

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN: 978-3-522-20251-0

Rezension: Maria Riss

 

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden

27.09.2018 by

Die Geschichte spielt im November 1945 in einem kleinen Dorf in Deutschland. Der Krieg ist vorbei, aber die Welt ist noch nicht wieder in ihren Fugen. Dies spürt die vierzehnjährige Hanne täglich. Ihre Familie lebte den Krieg über auf dem Bauernhof ihres Onkels und vom wirklichen Kriegsgeschehen hat Hanne nicht so viel mitbekommen. Umso mehr treffen sie jetzt all die schlimmen Erzählungen und die Wahrheit über das Regime der Nazis. Sie selbst kann sich ja auch nicht erklären, weshalb sie sich dermassen täuschen liess in den letzten Jahren. Sie hat sich an den BDM Heimabenden so amüsiert und mitreissen lassen. Im Dorf gibt es viele alte Nazis und einige davon können auch jetzt noch ihren Hass gegen alles Fremde nicht zügeln. Es gibt Schlägereien und einige aus der Dorfgemeinschaft zerbrechen daran, dass sie nicht mehr die Anführer sind, dass alles, wofür sie gekämpft haben, nun zerstört ist. Hanne ist ein kluges und vor allem auch mutiges Mädchen und stellt sich der neuen Zeit. Bald zieht sie in die Stadt, um an die Oberschule zu wechseln. Wenn man Bescheid weiss, läuft man viel weniger Gefahr, blindlings irgendwelchen Parolen zu gehorchen und Leuten hinterherzulaufen. Es ist gut, dass ihre Tante ihr zur Seite steht und noch viel besser, dass sie in der Stadt auf Gunnar trifft, mit dem sie all das, was sie belastet, besprechen kann. Von Gunnar bekommt sie auch ihren ersten Kuss und das ist eine ganz wunderbare neue Erfahrung.
Kann man so schnell seine Gesinnung ändern? Wie kommt man damit zurecht, dass man lange einfach weggeschaut hat? Ist man ein Fähnchen im Wind, wenn man plötzlich seine Gesinnung ändert? Weshalb kann man sich so täuschen lassen und einfach alles glauben, was erzählt wird? All diese Fragen beschäftigen Hanne und sie versteht es wunderbar, Leserinnen und Leser an all diesen Gedanken teilhaben zu lassen. Herbert Günther hat einen berührenden und spannenden Roman geschrieben. So wird Geschichte erlebbar und man schafft damit auch, weil all diese Fragen ja nach wie vor aktuell sind, einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart und zu eigenen Erfahrungen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5661-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats September 2018

01.09.2018 by

Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben
Ghost ist der Spitzname eines etwa 12-jährigen Jungen. Er lebt zusammen mit seiner Mutter in einer dieser Siedlungen, wo niemand gern zuhause ist. Geld ist absolute Mangelware. Etwas kann Ghost ganz besonders gut: Davonrennen. Dies seit damals, als sein Vater, sturzbetrunken, ihn und seine Mutter mit der Pistole bedrohte. Es fielen auch tatsächlich Schüsse. Ghost und seine Mutter überlebten nur, weil sie schnell rennen konnten. Dieses so prägende Erlebnis und dass sein Vater seither im Knast sitzt, das verrät er niemandem. Durch Zufall kann Ghost nun am Training des besten Laufteams der Stadt teilnehmen und lernt dort den Trainer Brody kennen. Brody ist einer, der zwar alles aus seinen jungen Läuferinnen und Läufern herausholt und absolute Disziplin verlangt. Aber Brody nimmt Anteil am Leben seiner so unterschiedlichen Teammitglieder, er setzt sich für sie ein und verlangt im Gegenzug absoluten Respekt. Bald stellt sich heraus, dass Ghost nicht der einzige in dieser Truppe ist, der schlimme Erfahrungen mit sich herumträgt. Ganz langsam entwickelt sich aus diesem wilden Haufen ein Team, das sich gegenseitig vertraut, das zusammenhält, egal, was passiert. Nur so werden sie am grossen Wettrennen eine Chance haben.
In den meisten Romanen des bekannten Autors spielen väterliche Freunde eine grosse Rolle. So auch im vorliegenden Buch. Trainer Brody gibt Ghost genau das, was er braucht: Er glaubt an Ghost, dass er es schaffen kann und nimmt ihn ernst. Dies mit der notwendigen Portion Autorität und einem aufrichtigen Interesse an diesem Jungen. Er meint: «Vor dir selber kannst du nicht davonrennen, so schnell ist keiner.» Und so schafft der Trainer es, dass Ghost sich öffnet und endlich von dieser schrecklichen Nacht damals berichten kann. Im Buch erzählt Ghost diese Geschichte aus seiner Perspektive und das macht er grandios, stellenweise humorvoll und roh, dann wieder berührend, voller Poesie. Ein beeindruckendes und spannendes Buch, das Mädchen wie Jungen gleichermassen anspricht. Es eignet sich deshalb auch sehr gut zum Vorlesen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.
«Ghost» ist der erste von vier Bänden. In jedem Band kommt ein anders Mitglied des Laufteams zum Wort. Bereits im Herbst erscheint der nächste Band.

Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. dtv 2018 ISBN: 978-3-423-64041-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juli 2018

03.07.2018 by

Philip Pullman: Über den wilden Fluss
Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Daemon Asta in Oxford. Er ist etwa 12 Jahre alt und ein ungemein kluger und hilfsbereiter Junge. Gegenüber dem Fluss gibt es ein Nonnenkloster, Malcolm hilft dort immer wieder aus. Eines Tages wird im Kloster ein Baby abgegeben, ein kleines Mädchen mit dem Namen Lyra. Zur gleichen Zeit passieren merkwürdige Dinge: Malcolm beobachtet einen Mord und belauscht beim Helfen in der Gaststube seiner Eltern geheime Gespräche über Macht, Krieg und Religion. Malcolm erfährt auch, wer der Vater der kleinen Lyra ist. Lyras Vater wird verfolgt und kann sich nicht um seine kleine Tochter kümmern. Malcolm verspricht ihm, was immer auch kommen möge, er werde Lyra beschützen. Man munkelt in diesen Tagen auch von einer Flut, die kommen werde, so gross, wie sie noch nie jemand erlebt habe. Es ist Malcom, der zusammen mit dem Küchenmädchen Alice das kleine Baby vor den schrecklichen Fluten rettet. In Malcolms kleinem Boot gelingt ihnen die Flucht. Um das Baby Lyra scheinen sich die Mächtigen des Landes zu streiten, deshalb wird Malcoms Boot verfolgt. Nicht nur die riesigen Wassermassen, auch bewaffnete Verfolger bedrohen das Leben der drei Flüchtenden. Alice und Malcolm haben Lyra vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen und verteidigen ihr Leben mit allen Mitteln. Erst ganz am Schluss, nach dem Bestehen von unglaublich vielen Gefahren, können sie Lyra endlich in die Hände ihres Vaters legen.
Philip Pullman hat einen ganz fantastischen Roman geschrieben, dies in jeder Beziehung. In welcher Zeit und Welt die Geschichte spielt, ist unklar, im Vordergrund steht aber der Konflikt zwischen mächtigen Religionsführern und den Gelehrten der Wissenschaft. Der Autor hat den Plot mit vielen fantastischen Elementen ausgestattet, so wird etwa jede Figur von einem passenden Daemon begleitet, dies macht die Lektüre zusätzlich spannend und geheimnisvoll. Auch die Beschreibungen der Figuren sind so treffend, dass Lesende Alice und Malcolm zu kennen glauben und wohl mit allen beiden gern befreundet wären. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst, würde man gerne weiterlesen, so eindrücklich ist diese Lektüre, auch wegen der vielen, aktuellen und politischen Anspielungen. Da ist es gut, dass bereits im Herbst der nächste Band «Ans andere Ende der Welt»erscheinen wird.
«Über den wilden Fluss» ist Teil der Vorgeschichte zur unvergesslichen Trilogie «Der goldene Kompass».

Philip Pullman: Über den wilden Fluss. Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-58393-2

Rezension: Maria Riss

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger

22.06.2018 by

Honey beginnt ihre Geschichte mit dem folgenden Satz: Also, es ist so: Meine Mutter hatte kein besonderes Glück mit ihren Kindern. Honeys ältere Schwester Mikala ist mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen und Honey selbst mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Deshalb fühlt sich Honey hässlich. Mit ihrer Familie kommt sie zwar einigermassen klar, nur benehmen sich diese alle ein bisschen eigenartig, Honey nennt das «viel zu viel». Ihre Schwester klammert sich so fest an Honey, dass sie nicht mal alleine pinkeln geht. Mama ist Kettenraucherin und packt ihr viel zu viele Süssigkeiten in die Pausenbox, ihr getrennt von der Familie lebender Vater, hält sich mit Dealen über Wasser und benimmt sich manchmal so was von peinlich, dass Honey am liebsten im Boden versinken würde. Honey macht sich häufig unsichtbar und traut sich auch nicht, Irrtümer aufzuklären. Das bringt sie  immer wieder in knifflige Situationen. So sitzt sie wegen einer Verwechslung unfreiwillig in einem Chinesisch-Kurs und lernt dort ein wichtiges Chinesisches Sprichwort «Mama huhu», zu Deutsch Pferd Pferd Tiger Tiger. Und dieses Sprichwort, das passt sehr gut zu Honeys momentaner Situation, es bedeutet so viel wie «soso lala». Und bald wird Honey wieder verwechselt und gerät an das Sterbebett des alten, ihr fremden Mannes Marcel. Der freut sich riesig über diesen unerwarteten Besuch und teilt mit Honey sofort seine Schnapspralinen. Honey, mit ihrem guten Herzen, besucht den alten Mann nun fast täglich und es entwickelt sich eine warmherzige Freundschaft zwischen den beiden. Vielleicht sind es diese Besuche, die Honey helfen, sich schliesslich zu wehren. Sie macht daheim Klarschiff, konfrontiert ihre Familie mit der Wahrheit und bringt damit alle nicht nur zum Staunen, sondern auch dazu, Honeys Bedürfnisse endlich ernster zu nehmen. Und Honey erkennt nun selber: Papa hatte Recht, sie ist wirklich ein toughes Mädchen.
Dieses Buch besticht vor allem durch die einfache, manchmal derbe, humorvolle und doch so feinfühlige Sprache. Und natürlich mit der brillant beschriebenen Protagonistin, die man mit jeder Seite lieber gewinnt. Kinder müssen manchmal so viel aushalten, da ist es gut, wenn sie beim Lesen so toughe Mädchen wie Honey kennenlernen. Honey lernt sich zu wehren, ihre eigenen Bedürfnisse genauso ernst zu nehmen, wie die von andern. Diese Entwicklung nachzulesen, das ist spannend und berührend zugleich. Das Buch ist zurecht für den Jugendliteraturpreis nominiert und eignet sich auch hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0034-8

Rezension: Maria Riss

Nic Stone: Dear Martin

22.06.2018 by

Yustyce ist einer der besten Schüler seines Jahrgangs. Yustice sieht gut aus und kann auch im Sport mithalten. Fürs nächste Jahr hat er sich gar einen Studienplatz in Yale gesichert. Aber Yustice wird völlig willkürlich verhaftet und in Handschellen gelegt, obwohl er nur einem betrunkenen Mädchen helfen wollte. Denn Yustice ist schwarz. Er kommt zwar frei, weiss aber nicht, wie er mit seiner Wut umgehen soll. So beginnt er zu schreiben. Er schreibt Briefe an Martin Luther King, bittet um Rat, weil er einfach nicht weiss, wie er mit den vielen, oft kleinen rassistischen Beleidigungen im Alltag umgehen soll, und er weiss auch nicht, wem er sich anschliessen soll. Da gibt es die Gruppe der radikalen schwarzen Kämpfer, die mit roher Gewalt ihr Recht einfordern, manche von ihnen kennt Yustice seit dem Kindergarten. Da ist seine weisse Mitschülerin Sarah-Jane, die er so gut mag und die ihm nicht nur beim Debattieren zur Seite steht. Und da ist seine Mum, die für ihren Sohn alles tut, es aber niemals verstehen würde, wenn Yustice sich in ein weisses Mädchen verlieben würde. Egal wem sich Yustice anschliesst, er wird sich Feinde machen. Und von Martin Luther King bekommt er auch keine Antwort. Aber all die Briefe, die vielen Überlegungen, das Ordnen der Gefühle beim Schreiben, das ist trotz allem hilfreich. Und ganz zum Schluss weiss Yustice, welchen Weg er gehen will.
Gleich mit ihrem ersten Roman ist der jungen Autorin Nic Stone ein Wurf geglückt. Nicht nur, weil das Thema nach wie vor so aktuell ist, sondern auch, weil sie Yustice mit seinem Durcheinander an Gefühlen, seiner Suche nach dem für ihn richtigen Weg so glaubhaft und eindringlich beschrieben hat. Yustice gerät immer wieder zwischen die Fronten und wird bedroht. Dies ist nicht nur in Amerika so. Jugendliche werden Yustice Konflikte sehr gut nachvollziehen können. Es geht im Buch darum, seine Rechte einzufordern, sich über die eigene Haltung klar zu werden und dafür auch gerade zu stehen, ganz egal, ob man sich damit Feinde macht. Das spannende Buch sei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren wärmstens empfohlen.

Nic Stone: Dear Martin. Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21833-0

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juni 2018

08.06.2018 by

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht
Emilia ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie alleine und heimlich nach New York fliegt. Mithilfe einer der Kreditkarten ihres Papas war das kein so grosses Problem. Als sie spät abends ihr bereits bezahltes Appartement beziehen will, stellt sich heraus, dass es dieses Appartement gar nicht gibt. An der Adresse trifft sie nur Seth, einen etwa gleichaltrigen Jungen, und seine kleine Schwester Abby. Emilia steht also mit ihrem grossen Koffer wieder alleine auf der Strasse, müde ist sie und kalt ist ihr auch. Bei Jim, einem ziemlich bekifften und kaum mehr ansprechbaren Jungen, findet sie schliesslich Unterschlupf in einem Abbruchhaus. Diese Nacht wird ein einziger Albtraum, weil Emilia, immer so sehr auf Sauberkeit und Ordnung bedacht, in dieser völlig verdreckten Absteige kaum ein Auge schliessen kann. Am nächsten Morgen herrscht in ganz New York Alarmstimmung. Ein Wirbelsturm nähert sich der Stadt. Emilia wendet sich in ihrer Not an die beiden einzigen Menschen, mit denen sie schon einigermassen normal hatte sprechen können, an den Jungen Seth und seine Schwester Abby. Beide lassen Emilia und schliesslich auch Jim nach einigem Zögern in die Wohnung. Weil ihre Mutter für ein paar Tage verreist ist, haben sie Platz. Mit Emilias Kreditkarte lassen sich Vorräte einkaufen und die vier verschanzen sich in der Wohnung. Dann bricht der Sturm mit aller Kraft los, das Haus wackelt und bald gehen auch alle Lichter aus. Die vier müssen zusammenrücken, ob sie wollen oder nicht. So nah mit andern zusammen kann Emilia ihren Sauberkeits-Zwang nicht länger verheimlichen, und sie verrät jetzt auch den Grund ihrer Flucht nach New York: Ihr Vater, Schuldirektor an ihrer Schule, hatte mit einer Schülerin ein Verhältnis. Dies ist erst kürzlich durch die sozialen Medien ans Licht gekommen. Aber jetzt gilt es erstmal, diesen Hurrikan gemeinsam zu überleben. Alle vier wachsen in dieser Situation über sich hinaus. Und in den langen Gesprächen während der dunklen Sturmnächte lernt Emilia eine völlig neue Art von Freundschaft und Geborgenheit kennen. Und das tut unsagbar gut.
Anna Woltz hat einen in jeder Beziehung sehr spannenden Roman geschrieben. Da ist die äusserliche Spannung, dieser Hurrikan, der bei allen grosse Angst auslöst und der so viel Überlebenskunst, Solidarität und Ideenreichtum erfordert. Da ist aber auch die innere Spannung von Emilia, wie kann sie ihre Zwänge meistern, wie soll sie sich gegenüber ihren Eltern verhalten? Einfach wegzulaufen, das kann ja nicht die Lösung sein. Da hilft die grosse Anteilnahme der andern in diesem Hurrikan-Asyl, die zarten Zeichen einer ersten Liebe zu Seth, die Erkenntnis, dass sie selber sehr viel stärker ist, als sie es jemals vermutet hätte. «Hundert Stunden Nacht» ist ein Buch, das vor allem junge Mädchen mit Sicherheit begeistern wird, weil es so viele aktuelle Themen auf eine sehr spannende und doch auch humorvolle Weise anspricht. Für Lesende ab etwa 14 Jahren.

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-58348-2

Rezension: Maria Riss

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente

03.05.2018 by

lebenTess und Jonah haben sich geliebt. Sie haben sich einmal gesehen und sich danach tagtäglich, oft stundenlang über soziale Netzwerke unterhalten. Beide haben sich all ihre Geheimnisse anvertraut und alles preisgegeben, was sie beschäftigt. Und dann kam die Nachricht, Jonah habe sich das Leben genommen. Für Tess bricht eine Welt zusammen. Sie verlässt Hals über Kopf ihr Internat und reist zu ihrem ziemlich schrägen Vater. Tess schreibt weiterhin Nachrichten an Jonah, sie braucht diese Gespräche, um mit ihrer Trauer klarzukommen, auch wenn diese einseitig verlaufen. Und dann nach ein paar Wochen schreibt Jonah zurück. Tess weiss, dass diese Botschaften nie und nimmer von Jonah sein können. Trotzdem schreibt sie weiter und erfährt dann auch, dass dieser andere, Jonahs bester Freund, sich schon lange vorher als Jonah ausgegeben hat. Tess ist hin und her gerissen. Einerseits braucht sie jemanden zum Reden, aber dass dieser unbekannte Daniel nun alles über sie weiss, dass er sich schon so lange als Jonah ausgegeben hat, das macht sie unheimlich wütend. Und eines Tages, da steht dieser Daniel doch tatsächlich vor ihrer Haustür. Trotz all der Wut verbindet die beiden ihre Liebe und Freundschaft zu Jonah, der sich nicht helfen liess und jetzt einfach nicht mehr da ist. Tess und Daniel unterstützen sich gegenseitig, um über diesen Verlust hinwegzukommen, dazu braucht es viele Gespräche über das Leben, über den Tod und dem, was danach kommt. Ganz langsam kommen sich Tess und Daniel deshalb nun auch in der realen Welt näher.
Der vorliegende Roman stellt recht hohe Ansprüche an die Lesenden: Einerseits durch die die Erzählstruktur, die Geschichte wird teilweise in Posts und Mails erzählt, dann aber auch durch die angesprochenen Themen. Es geht um Tod, um Trauer, um Abschied und die Frage, was nach unserem Tod zurückbleibt. Es geht aber auch um die digitale Welt und inwiefern unsere Kommunikation und unser Handeln davon abhängen und wo die Grenzen zwischen der Realität und dem, was sich im Netz abspielt, verlaufen. Da ist es gut, dass man zwischendurch über die vielleicht etwas gar verrückte Protagonistin schmunzeln und sich an dieser so ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen Daniel und Tess erfreuen kann. Für Jugendliche und Erwachsene.

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. Hanser 2018. ISBN: 978-3-446-25863-1

Rezension: Maria Riss

Jutta Wilke: Stechmückensommer

03.05.2018 by

stechmücke«Eine Made ist weiss. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal.» So die ersten Sätze in Madeleines Aufzeichnungen. Weil ihre Eltern auf einer Ferienreise in Japan sind, muss die fast 15-jährige Madeleine in ein Feriencamp nach Schweden. Für Madeleine ein Albtraum. Gleich am zweiten Tag macht die Gruppe mit einem Bus einen Ausflug zu einem stillgelegten Bergwerk. Und schon geht es los in die Stollen. Heimlich entfernt sich Madeleine von der Gruppe und legt sich in den leeren VW-Bus, sie ist müde und froh, dieser Meute zu entkommen. Madeleine erwacht, weil der Bus plötzlich ruckelt, obwohl sie immer noch alleine darin sitzt. Am Steuer sitzt ein unbekannter Junge, mit Punkfrisur und einem frechen Grinsen. Der Junge heisst Juli und ist nur wenig älter als Madeleine. Und Juli will, wie er seinem kürzlich verstorbenen Opa versprochen hat, zum Nordkap. Nach dem ersten Schock findet Madeleine diese Idee zwar vollkommen verrückt, aber auch gar nicht so schlecht. Alles ist besser, als den Sommer in diesem Feriencamp zu verbringen. Und Juli ist der erste, der keine blöde Bemerkung über ihre Figur macht. Diese gemeinsame Fahrt ist abenteuerlich und etwas planlos und weil die Polizei nach ihnen sucht, müssen sie viele Umwege durch die Wildnis machen. Eines Morgens beim Losfahren entdecken die beiden, dass sich ein weiterer blinder Passagier zu ihnen gesellt hat. Der etwa gleichaltrige Vincent mit Down-Syndrom. Auch er will weg und zwar möglichst weit und möglichst schnell. Nein, ans Nordkap schaffen sie es nicht, aber sich selbst, da sind alle drei am Ende dieser turbulenten Reise ein ganzes Stück näher gekommen.
Jutta Wilke hat ein wunderbares Buch geschrieben. Spannend, gleich ab der ersten Seite, dies nicht nur, was die äusserlichen Handlung betrifft, sondern auch was den Einblick in Madeleines Gefühlswelt angeht. Oft lässt sie ihre Gedanken schweifen, in solchen Abschnitten hat man auch ein wirklich kluges Buch in Händen. Besonders gelungen sind der Autorin auch die Beschreibung der drei Figuren, ihre oft humorvollen aber auch nachdenklich stimmenden Dialoge. Und es sind die vielen nicht explizit beschriebenen Details und Wahrheiten, die man zwischen den Worten und Sätzen entdecken kann. Die Lektüre sei Mädchen ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen.

Jutta Wilke: Stechmückensommer. Knesebeck 2018. ISBN 978-3-95728-105-0

Rezension: Maria Riss

Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert

24.04.2018 by

stellaDie Geschichte spielt in England etwa zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Stellas Leben könnte eintöniger nicht sein. Sie zieht mit ihren drei schrulligen, überaus strengen Tanten von einem Kurhotel zum nächsten. Mädchen müssen artig sein, fleissig und keinesfalls vorlaut. Mädchen lernen stricken und nette Konversation, so lauten ihre Erziehungsgrundsätze. Aber Stella eignet sich ganz und gar nicht für ein Leben als wohlerzogenes Mädchen. Zu neugierig ist sie, zu sehr auf Abenteuer aus. Und dann wird sie doch tatsächlich nicht nur Zeugin eines Mordes am Hotelgast Mr Filbert, sondern auch von lebensgefährlichen magischen Ereignissen in der Hotelhalle. Stella will um alles in der Welt herausfinden, wer die Mörder des alten Mr Filbert waren, zumal ihr dieser kurz vor seinem mysteriösen Tod ein magisches Fläschchen anvertraut hat, das keinesfalls in fremde Hände geraten darf. Stella macht sich also auf Verbrecherjagd und nimmt dabei die schlimme tägliche Schelte der alten Tanten nur allzu gerne in Kauf. Bald kommt sie einem skrupellosen alten Magier auf die Spur, der unbedingt dieses Fläschchen will. Sie lernt Ben und Gerti kennen, die ihr helfen und ebenso interessiert sind, dem grausamen Magier auf die Schliche zu kommen. Bald wird es für Stella aber richtig gefährlich. Sie muss fliehen, wird gekidnappt und kann sich zu guter Letzt, dank der Hilfe von Geri und Ben, aus ihrer Gefangenschaft in einer alten, gruseligen Burgruine befreien.
Stellas abenteuerlichen Ermittlungen zu folgen, macht grossen Spass. Mit viel Geschick hat die Autorin es verstanden, in dieser Geschichte verschiedene Genres miteinander zu verknüpfen. So liest sich das Buch stellenweise wie ein Krimi, manchmal wie ein Fantasyroman und ab und zu wie eine reale Lebensgeschichte aus jener Zeit. Weil der Spannungsbogen gleich auf den ersten Seiten beginnt, mag man die Lektüre kaum mehr unterbrechen, zudem gibt es auch immer wieder Szenen zum Schmunzeln, wenn sich die alten Tanten beispielsweise beim Tee über all den Ärger mit Kindern heutzutage unterhalten. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen für unerschrockene Leser und Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert. Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN:978-3-522-18489-2

Rezension: Maria Riss