Archive for the ‘ 04 Mittelstufe ’ Category

Ute Krause: Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben

31.07.2018 by

Der neue Freund von Theos Mama heisst Martin und ist Koch. Es schmeckt einfach grauenhaft, was da nun plötzlich daheim auf den Tisch kommt und es gibt dauernd Streit. Theo hat es wirklich nicht leicht, auch in der Schule wird öfters gehänselt und gemobbt. Als Mama ihm zudem erklärt, dass er über den Sommer in ein Ferienlager soll, ist Theo richtig verzweifelt. Aber Theo ist einer, der sich nicht wirklich wehren kann. Im Lager wird es nicht besser, dauernd wird er von den andern veräppelt. Ja, und dann passiert das Wunderbarste überhaupt: Ein altes fliegendes Segelschiff landet in einer Baumkrone und ein ziemlich zerzauster Rabe überredet Theo, einzusteigen. An Bord gibt es eine Katze, eine Möwe und einen ziemlich zerstreuten kleinen Koch. Der Rabe, eigentlich Kapitän diese Schiffs, weiss, wohin Theos richtiger Vater verschwunden ist. Die Reise dahin ist allerdings sehr abenteuerlich und voll lebensbedrohender Gefahren. Theo lernt zu navigieren, ein Segelschiff zu steuern und er meistert, zusammen mit seinen neuen Freunden, alle schrecklichen Gefahren. Da gibt es Riesenkraken, da gibt es Stimmen, die Theo in Untiefen locken, da gibt es die Insel der vergessenen Kinder, deren Bewohner Theo nicht mehr gehen lassen wollen. Theo lernt auf dieser Reise überaus viel, vor allem mehr Vertrauen ins eigene Tun. Erst ganz am Schluss deckt er das Geheimnis seines Vaters auf. Sein Vater wird nicht zurückkommen, aber Theo kennt jetzt nicht nur die Wahrheit, sondern er hat erfahren, dass er sehr viel stärker ist, als er glaubte. Jetzt kann er endlich heimkehren.
Ute Krause hat ein sehr packendes Buch geschrieben, dies nicht nur wegen dem spannenden Plot, sondern auch wegen der wundervollen Zeichnungen, die aus der gleichen Feder stammen. Auf jeder Doppelseite gibt es mindestens ein farbiges, eindrückliches Bild. Kinder werden beim Lesen kaum mehr aus dem Staunen herauskommen, so unglaublich ist der Verlauf dieser Geschichte. Witzig sind dann vor allem die Figuren auf dem Schiff, allen voran Koch Smutje mit seinem ewig gleichen Menu: Möwenspiegeleier mit Bratkartoffeln. Das Buch enthält nebst der spannenden, turbulenten Handlung viele Metaphern, die wohl eher die erwachsenen Vorleserinnen und Vorleser ansprechen werden. Das Buch eignet sich sehr gut Vorlesen, wenn auch die verzwickte Handlung recht hohe Anforderungen an die Vorstellungskraft stellt. Darum ist es gut, dass all die aussagekräftigen Bilder beim Verstehen und Behalten helfen. Für Kinder ab etwa 8 Jahren.

Ute Krause: Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben. cbj 2018. ISBN: 978-3-570-17579-8
Rezension: Maria Riss

Tamara Bos: Romys Salon

31.07.2018 by

Romy ist 10 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Ort in Holland. Erst kürzlich haben sich ihre Eltern getrennt und Papa fehlt ihr sehr. Mama hat einen Job bei der Tankstelle und muss dauernd arbeiten. Romy geht nach der Schule immer zu Oma in deren Frisiersalon. Aber Oma macht es einem nicht leicht, sie gern zu haben. Oma ist Geschäftsfrau und Romy muss stundenlang alleine oben in der Wohnung sitzen. Oma ist streng und unnahbar. Aber dann
beginnt Oma sich zu verändern. Plötzlich ist sie für ziemlich verrückte Sachen zu haben, dreht dafür das Schild an der Ladentür einfach auf geschlossen. Auf einmal nimmt sie ihre Enkelin öfters in den Arm. Manchmal hat Oma Mühe mit dem Rechnen, vergisst die Türen abzuschliessen oder verlegt ihre Tageseinnahmen. Romy mag diese neue Oma viel lieber. Jetzt freut sie sich sogar, ihre freie Zeit im Salon zu verbringen, vor allem auch, weil sie nun mithelfen darf. Ohne ihre Enkelin wäre Oma ganz schön aufgeschmissen. Schliesslich drängt Mama darauf, mit Oma zum Arzt zu gehen. Die Diagnose steht schnell fest: Oma ist dement. Da helfen keine Pillen oder Therapien. Oma muss ins Pflegeheim. Romy kann sich damit nicht abfinden, zu lieb hat sie ihre Oma mittlerweile gewonnen. In letzter Zeit erzählt Oma viel von ihrer Kindheit, vom Strand in Dänemark. Und wenn sie davon berichtet, dann lächelt Oma und manchmal rinnt ihr eine Träne über die Wange. Weil sich nie jemand die Zeit nimmt, mit ihr zu reden, muss Romy handeln. Man darf Oma doch nicht einfach wegsperren. Sie packt ihren Rucksack, leert ihre Spardose und holt Oma aus dem Heim. Oma soll noch einmal diesen Strand sehen, koste es was es wolle. Erst als Romys Eltern ihre Tochter nach dieser abenteuerlichen Flucht wieder in ihre Arme schliessen, hören die Eltern endlich zu. Und Romy wird bewusst, dass Veränderungen nicht immer schön sind, aber dass sie zum Leben dazu gehören.
Tamara Bos beherrscht ihr Metier, das beweist sie mit dieser wunderschön feinfühligen Geschichte einmal mehr. Romy erzählt das Geschehen in einer einfachen und doch präzisen Sprache aus ihrer Perspektive. Man kommt der so mutigen Zehnjährigen sehr nahe und man gewinnt, gemeinsam mit Romy, diese altersschwache Oma lieb. Obwohl das Thema ja im Grunde sehr traurig ist, kann man beim Lesen auch immer wieder lächeln und man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen und richtet sich an Kinder ab etwa 10 Jahren.
Die Autorin hat zu dieser Geschichte auch gleich ein Drehbuch verfasst, der Film wird noch in diesem Jahr produziert.

Tamara Bos: Romys Salon. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5626-0

 

Buch des Monats August 2018

31.07.2018 by

Martin Muser: Kannjawoniwasein
Kann ja wohl nicht wahr sein, was der 10-jährige Finn auf seiner Reise nach Berlin erlebt! Er wird von Papa in den Zug gesetzt, mit Fahrkarte, Handy, ein paar Broten und vielen guten Ratschlägen. Es ist ja nicht so weit nach Berlin, wo Mama Finn abholen wird. Aber schon kurz nach der Abfahrt  beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Da stiehlt ein leicht betrunkener Penner Finns Rucksack, da wird er von einem überkorrekten Schaffner aus dem Zug geworfen und der Polizei übergeben, da wird das Polizeiauto an der Ampel gerammt und da taucht plötzlich ein Mädchen auf, dass ihn überredet, die Reise nach Berlin doch besser selbständig und zusammen mit ihr unter die Füsse zu nehmen. Klar, dass dies für beide zu einem richtigen Abenteuer wird. Die beiden kapern einen Traktor, übernachten auf einem Jägersitz, jagen den Rucksackdieb und werden schliesslich von einer Rockergang in voller Montur und auf riesigen Motorrädern an ihr Ziel gebracht. Das alles nachzulesen ist nicht nur sehr spannend, sondern macht auch grossen Spass. Und lehrreich ist die Lektüre zudem, man lernt ein bisschen berlinerisch und dänisch, und man erfährt, dass es im Leben Momente gibt, in denen man einfach all seinen Mut zusammen nehmen muss. Man muss davonlaufen beispielsweise, auch wenn man erst 10 Jahre alt ist.
Martin Muser hat ein in jeder Beziehung tolles erstes Kinderbuch geschrieben. Spannend von der ersten Seite an, ein bisschen schräg und voll von unerwarteten Wendungen. Die verrückte Story ist zudem so gegliedert, dass man das Lesen auch mal unterbrechen kann und ist für Mädchen wie Jungen überaus attraktiv. Ein ideales Vorlesebuch also für alle, die spannende, nicht ganz so brave Kinder und Bücher lieben. Zum Selberlesen ab etwa 10 Jahren.

Martin Muser: Kannjawoniwasein. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-55375-1

Rezension: Maria Riss

 

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger

22.06.2018 by

Honey beginnt ihre Geschichte mit dem folgenden Satz: Also, es ist so: Meine Mutter hatte kein besonderes Glück mit ihren Kindern. Honeys ältere Schwester Mikala ist mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen und Honey selbst mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Deshalb fühlt sich Honey hässlich. Mit ihrer Familie kommt sie zwar einigermassen klar, nur benehmen sich diese alle ein bisschen eigenartig, Honey nennt das «viel zu viel». Ihre Schwester klammert sich so fest an Honey, dass sie nicht mal alleine pinkeln geht. Mama ist Kettenraucherin und packt ihr viel zu viele Süssigkeiten in die Pausenbox, ihr getrennt von der Familie lebender Vater, hält sich mit Dealen über Wasser und benimmt sich manchmal so was von peinlich, dass Honey am liebsten im Boden versinken würde. Honey macht sich häufig unsichtbar und traut sich auch nicht, Irrtümer aufzuklären. Das bringt sie  immer wieder in knifflige Situationen. So sitzt sie wegen einer Verwechslung unfreiwillig in einem Chinesisch-Kurs und lernt dort ein wichtiges Chinesisches Sprichwort «Mama huhu», zu Deutsch Pferd Pferd Tiger Tiger. Und dieses Sprichwort, das passt sehr gut zu Honeys momentaner Situation, es bedeutet so viel wie «soso lala». Und bald wird Honey wieder verwechselt und gerät an das Sterbebett des alten, ihr fremden Mannes Marcel. Der freut sich riesig über diesen unerwarteten Besuch und teilt mit Honey sofort seine Schnapspralinen. Honey, mit ihrem guten Herzen, besucht den alten Mann nun fast täglich und es entwickelt sich eine warmherzige Freundschaft zwischen den beiden. Vielleicht sind es diese Besuche, die Honey helfen, sich schliesslich zu wehren. Sie macht daheim Klarschiff, konfrontiert ihre Familie mit der Wahrheit und bringt damit alle nicht nur zum Staunen, sondern auch dazu, Honeys Bedürfnisse endlich ernster zu nehmen. Und Honey erkennt nun selber: Papa hatte Recht, sie ist wirklich ein toughes Mädchen.
Dieses Buch besticht vor allem durch die einfache, manchmal derbe, humorvolle und doch so feinfühlige Sprache. Und natürlich mit der brillant beschriebenen Protagonistin, die man mit jeder Seite lieber gewinnt. Kinder müssen manchmal so viel aushalten, da ist es gut, wenn sie beim Lesen so toughe Mädchen wie Honey kennenlernen. Honey lernt sich zu wehren, ihre eigenen Bedürfnisse genauso ernst zu nehmen, wie die von andern. Diese Entwicklung nachzulesen, das ist spannend und berührend zugleich. Das Buch ist zurecht für den Jugendliteraturpreis nominiert und eignet sich auch hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0034-8

Rezension: Maria Riss

Jutta Wilke: Stechmückensommer

03.05.2018 by

stechmücke«Eine Made ist weiss. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal.» So die ersten Sätze in Madeleines Aufzeichnungen. Weil ihre Eltern auf einer Ferienreise in Japan sind, muss die fast 15-jährige Madeleine in ein Feriencamp nach Schweden. Für Madeleine ein Albtraum. Gleich am zweiten Tag macht die Gruppe mit einem Bus einen Ausflug zu einem stillgelegten Bergwerk. Und schon geht es los in die Stollen. Heimlich entfernt sich Madeleine von der Gruppe und legt sich in den leeren VW-Bus, sie ist müde und froh, dieser Meute zu entkommen. Madeleine erwacht, weil der Bus plötzlich ruckelt, obwohl sie immer noch alleine darin sitzt. Am Steuer sitzt ein unbekannter Junge, mit Punkfrisur und einem frechen Grinsen. Der Junge heisst Juli und ist nur wenig älter als Madeleine. Und Juli will, wie er seinem kürzlich verstorbenen Opa versprochen hat, zum Nordkap. Nach dem ersten Schock findet Madeleine diese Idee zwar vollkommen verrückt, aber auch gar nicht so schlecht. Alles ist besser, als den Sommer in diesem Feriencamp zu verbringen. Und Juli ist der erste, der keine blöde Bemerkung über ihre Figur macht. Diese gemeinsame Fahrt ist abenteuerlich und etwas planlos und weil die Polizei nach ihnen sucht, müssen sie viele Umwege durch die Wildnis machen. Eines Morgens beim Losfahren entdecken die beiden, dass sich ein weiterer blinder Passagier zu ihnen gesellt hat. Der etwa gleichaltrige Vincent mit Down-Syndrom. Auch er will weg und zwar möglichst weit und möglichst schnell. Nein, ans Nordkap schaffen sie es nicht, aber sich selbst, da sind alle drei am Ende dieser turbulenten Reise ein ganzes Stück näher gekommen.
Jutta Wilke hat ein wunderbares Buch geschrieben. Spannend, gleich ab der ersten Seite, dies nicht nur, was die äusserlichen Handlung betrifft, sondern auch was den Einblick in Madeleines Gefühlswelt angeht. Oft lässt sie ihre Gedanken schweifen, in solchen Abschnitten hat man auch ein wirklich kluges Buch in Händen. Besonders gelungen sind der Autorin auch die Beschreibung der drei Figuren, ihre oft humorvollen aber auch nachdenklich stimmenden Dialoge. Und es sind die vielen nicht explizit beschriebenen Details und Wahrheiten, die man zwischen den Worten und Sätzen entdecken kann. Die Lektüre sei Mädchen ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen.

Jutta Wilke: Stechmückensommer. Knesebeck 2018. ISBN 978-3-95728-105-0

Rezension: Maria Riss

Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

03.05.2018 by

meersauAnton soll nach den Sommerferien in die dritte Klasse, da sei dann die Welpenzeit vorbei, meint die Lehrerin. Das macht Anton Angst. Er gehört zu jener Sorte von Jungen, die lieber träumen, als raufen, die eher allein sein mögen, als sich in einer grossen Gruppe zu behaupten und die öfters auch mal weinen müssen. Hinzu kommt, dass Mama ihren Job verloren hat und Geld deshalb Mangelware ist. Papa ist ausgezogen und hat keine Zeit für einen Urlaub. Aber Mama hat eine Idee: Eigentlich braucht es für Ferien nur zwei Schlafsäcke, ein Zelt und einen Gaskocher. Mama und Anton machen sich also mit einem grossen Rucksack auf. Zu Fuss, das geht auch. Klar, dass Anton sein Meerschweinchen mitnimmt. Er hat dafür eine wunderschöne Transportbox gebastelt. Auf dem Campingplatz hat es aber keinen Platz mehr für die beiden, kein Grund aufzugeben: «Wir zelten einfach an einem versteckten Ort im Wald. Das ist zwar verboten, aber ein bisschen Ferien haben wir doch wohl beide verdient», meint Mama. Diese Woche im Wald ist einfach wunderschön, vor allem, weil Mama ihrem Sohn gleich am ersten Tag ein richtiges Schnitzmesser übergibt. Stundenlang schnitzt Anton nun Stöcke, Kochlöffel und Speere. Und dann taucht Liane auf, ein rotzfreches Mädchen vom Campingplatz, das nicht nur Antons Schnitz-Kunstwerke bewundert, sondern ihn auch zu allerlei Abenteuern überredet. Und als Mama eines Tages vom Einkaufen einfach nicht mehr zum Zelt zurückkehrt, da macht sich Anton zwar grosse Sorgen, aber er weiss sich zu helfen und geht ganz alleine zum Campingplatz. Mama hatte einen kleinen Unfall und kommt dann Gott sei Dank spät in der Nacht wieder.Am Ende dieser Ferien ist Anton nicht nur körperlich kräftiger geworden, er traut sich viel mehr zu und hat auch weniger Angst vor andern Kindern, jetzt ist er nur noch ab und zu ein Welpe.
Mareike Krüger kennt sich mit verträumten Welpen aus, das merkt man beim Lesen schon auf den ersten Seiten. Viele Kinder werden sich in Anton wiederfinden: Wenn er für sein Meerschweinchen eine prächtige Waldvilla baut beispielsweise, wenn er darüber nachdenkt, wie er sich in der Schule besser wehren könnte oder wenn ihn die Sehnsucht nach seinem Papa übermannt. «Zelten mit Meerschwein» ist ein leises und doch spannendes Buch, in einer einfachen, aber treffenden Sprache geschrieben. Ein Lesestoff wohl eher für verträumte Kinder ab etwa 8 Jahren und zum Vorlesen im Familienkreis wunderbar geeignet.

Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82352-6

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Mai 2018

02.05.2018 by

superflashSalah Naoura: Superflashboy
Torben-Henrik ist ein ganz normaler, etwa 10-jähriger Junge. Vielleicht ein bisschen zu stark, vielleicht manchmal etwas gar tollpatschig und rein gar nicht musikalisch, was seine Familie sehr bedauert. Momentan ist Fasnacht und alle Kinder gehen verkleidet zur Schule. Klar, dass Torben-Henrik sich als Flashboy, seinem absolut liebsten Comichelden, verkleidet. Auf dem Heimweg passiert es: Eine schwarze Limousine hält, zwei Männer packen Torben-Henrik, schmeissen ihn ins Auto und brausen los, ab durch einen Tunnel nach Hero City. Dort wird er in einem total coolen Haus von einem Roboter-Kindermädchen in Empfang genommen. Wahnsinn: Hier in Hero City leben ausschliesslich Superheldinnen und Helden, Spiderman, Zorroboy und Catgirl geben sich da die Hand. Als plötzlich ein zweiter kleiner Flashboy, quasi eine Kopie von Torben-Henrik, zur Tür herein kommt wird klar, dass Torben-Henrik verwechselt wurde. Der richtige Flashboy ist sehr nett, vielleicht mit ein bisschen gar wenigen Muskeln ausgestattet, dafür ist er überaus musikalisch. Die beiden freunden sich an und beschliessen, ihre Rollen zu tauschen. So übersiedelt der richtige Flashboy in Torben Henriks langweilige Normalfamilie und Torben-Henrik bleibt in Hero City. Klar, dass es an beiden Orten zu kniffligen, völlig absurden Situationen kommt, klar, dass nach ein paar Tagen beide doch irgendwie froh sind, wieder in ihre eigene Welt zurückkehren zu können.
Auf eine solch einmalig gute Idee für ein Buch zu kommen, das kann wohl fast nur Salah Naoura. In diesem Buch ist alles vereint, was gute Geschichten ausmacht und Kinder werden mit Sicherheit begeistert sein. Die Ereignisse in beiden Welten überschlagen sich und  sind einfach so phantasievoll und komisch, dass auch erwachsene Vorleserinnen und Vorleser  wohl immer wieder lachen müssen. Der Autor erzählt diese turbulente Geschichte in kurzen Kapiteln und mit einem schelmischen Augenzwinkern. Ergänzt wird das spannende Geschehen mit  vielen tollen Bildern von Kai Schlütter. Ein Lese- und Vorlesevergnügen für Kinder ab etwa 9 Jahren.

Salah Naoura: Superflashboy. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21799-9

 

Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert

24.04.2018 by

stellaDie Geschichte spielt in England etwa zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Stellas Leben könnte eintöniger nicht sein. Sie zieht mit ihren drei schrulligen, überaus strengen Tanten von einem Kurhotel zum nächsten. Mädchen müssen artig sein, fleissig und keinesfalls vorlaut. Mädchen lernen stricken und nette Konversation, so lauten ihre Erziehungsgrundsätze. Aber Stella eignet sich ganz und gar nicht für ein Leben als wohlerzogenes Mädchen. Zu neugierig ist sie, zu sehr auf Abenteuer aus. Und dann wird sie doch tatsächlich nicht nur Zeugin eines Mordes am Hotelgast Mr Filbert, sondern auch von lebensgefährlichen magischen Ereignissen in der Hotelhalle. Stella will um alles in der Welt herausfinden, wer die Mörder des alten Mr Filbert waren, zumal ihr dieser kurz vor seinem mysteriösen Tod ein magisches Fläschchen anvertraut hat, das keinesfalls in fremde Hände geraten darf. Stella macht sich also auf Verbrecherjagd und nimmt dabei die schlimme tägliche Schelte der alten Tanten nur allzu gerne in Kauf. Bald kommt sie einem skrupellosen alten Magier auf die Spur, der unbedingt dieses Fläschchen will. Sie lernt Ben und Gerti kennen, die ihr helfen und ebenso interessiert sind, dem grausamen Magier auf die Schliche zu kommen. Bald wird es für Stella aber richtig gefährlich. Sie muss fliehen, wird gekidnappt und kann sich zu guter Letzt, dank der Hilfe von Geri und Ben, aus ihrer Gefangenschaft in einer alten, gruseligen Burgruine befreien.
Stellas abenteuerlichen Ermittlungen zu folgen, macht grossen Spass. Mit viel Geschick hat die Autorin es verstanden, in dieser Geschichte verschiedene Genres miteinander zu verknüpfen. So liest sich das Buch stellenweise wie ein Krimi, manchmal wie ein Fantasyroman und ab und zu wie eine reale Lebensgeschichte aus jener Zeit. Weil der Spannungsbogen gleich auf den ersten Seiten beginnt, mag man die Lektüre kaum mehr unterbrechen, zudem gibt es auch immer wieder Szenen zum Schmunzeln, wenn sich die alten Tanten beispielsweise beim Tee über all den Ärger mit Kindern heutzutage unterhalten. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen für unerschrockene Leser und Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert. Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN:978-3-522-18489-2

Rezension: Maria Riss

Tae Keller: Wie man Wunder wachsen lässt

20.04.2018 by

wunderNatalie geht in die siebte Klasse. Sie hat es momentan ziemlich schwer. Ihre Mutter, früher immer eine engagierte Zuhörerin, eine begeisterte Naturwissenschaftlerin, die zusammen mit Natalie eine seltene, wunderbare Blumenpracht im Gewächshaus gepflegt hat, steht kaum mehr auf, lässt die Vorhänge im Schlafzimmer zu und bleibt alleine im Dunkeln. Die Blumen im Gewächshaus verwelken und nicht mal Papa, der von Beruf Therapeut ist, kann Mama zum Aufstehen bewegen. Papa kann überhaupt nicht kochen und wenn er diesen therapeutischen Dauertonfall drauf hat, da kriegt Natalie erst recht die Krise. Natalie bleibt mit ihren Ängsten allein, nicht mal die von Papa befohlenen Stunden bei einer Psychotante bringen Besserung. Gottlob gibt es Twig, die allerbeste Freundin, die sich sogar bereit erklärt, mit Natalie an einem Forschungswettbewerb teilzunehmen. Wenn sie den gewinnen, dann kann Natalie mit dem Preisgeld vielleicht Mama aus ihrem Schlafzimmer locken. Sie kann mit Mama ein Flugzeug besteigen und zu den blauen Orchideen reisen. Diese Orchideen sind ein Wunder der Natur, dort können auch andere Wunder passieren, die, davon ist Natalie überzeugt, ihre Mama gesund machen werden.
Tae Keller hat eine sehr spannende und zugleich berührende Geschichte geschrieben. Sie ist eine sehr genaue Beobachterin. So gelingt es ihr mit ein paar Worten, manchmal auch ziemlich versteckt, ihre Figuren so glaubhaft darzustellen, dass man sie zu kennen glaubt. Man spürt beim Lesen die drückende Stimmung daheim, die meist hilflosen Versuche des Vaters, so etwas wie Normalität entstehen zu lassen. Gleichermassen staunt man über Natalies Willenskraft, ihren Mut und ihre Fähigkeit, Freundschaften aufzubauen und immer wieder neu zu beleben. Und Natalie gelingt es, wenn auch auf einem ganz andern als dem geplanten Weg, ihre Mama dazu zu bringen, ihr Zimmer zu verlassen und endlich Hilfe bei einem Psychiater in Anspruch zu nehmen. Dieses, im wahrsten Sinne «Wunder-volle» Buch, sei Leserinnen ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen.

Tae Keller: Wie man Wunder wachsen lässt. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck. Fischer Kinderbuch 2018. ISBN: 978-3-7373-4096-0

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats April 2018

02.04.2018 by

familieGerda Raidt: Meine ganze Familie
Was den Urmenschen und mich verbindet
Das vorliegende Sachbuch widmet sich der Geschichte der Menschen und wie wir alle eigentlich auf irgendeine Weise miteinander verwandt sind. Ein grosser Stammbaum findet sich gleich auf der zweiten Doppelseite, schon da wird deutlich, wie viele Leute zur eigenen Familie gehören können und wie gross das Wirrwarr wird, je weiter man in der Vergangenheit zurückgeht. Die Grosseltern kennt man ja in aller Regel noch, aber wie ist das mit den Ururgrosseltern? Und vielleicht ist es ja so, dass man die eigenen schwarzen Locken irgendeiner Urgrosstante aus Südafrika zu verdanken hat oder das Talent zum Lernen von Sprachen dem Grossonkel, der ein berühmter Sprachwissenschaftler war. Auf jeden Fall haben alle Menschen ihre Wurzeln in der Vergangenheit und diese Vergangenheit bestimmt unser Leben in der Gegenwart. Junge Leserinnen und Leser wiederum werden die Zukunft und unsere Nachfahren bestimmen, mit diesem Thema befasst sich der letzte Abschnitt des so übersichtlich gestalteten Buchs.
Das grossformatige, sehr gut verständliche Sachbilderbuch lädt zum Verweilen, zum Nachdenken und vielleicht auch zum Nachforschen ein: Ein bisschen Ahnenforschung, ein bisschen Philosophie und ein Nachdenken darüber, dass Menschen zwar sehr verschieden sein können, aber dass uns auch, weil wir alle Teil der Geschichte sind, vieles verbindet. Die wunderbar farbigen, eindrücklichen und detailreichen Bilder helfen, dass bereits jüngere Kinder sich das alles besser vorstellen können. Ein Bilderbuch, das in viele Kinderzimmer und unbedingt in jede Bibliothek gehört. Für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Gerda Raidt: Meine ganze Familie.Was den Urmenschen und mich verbindet. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82343-4

Rezension: Maria Riss