Archive for the ‘ 01 Neuerscheinungen ’ Category

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger

22.06.2018 by

Honey beginnt ihre Geschichte mit dem folgenden Satz: Also, es ist so: Meine Mutter hatte kein besonderes Glück mit ihren Kindern. Honeys ältere Schwester Mikala ist mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen und Honey selbst mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Deshalb fühlt sich Honey hässlich. Mit ihrer Familie kommt sie zwar einigermassen klar, nur benehmen sich diese alle ein bisschen eigenartig, Honey nennt das «viel zu viel». Ihre Schwester klammert sich so fest an Honey, dass sie nicht mal alleine pinkeln geht. Mama ist Kettenraucherin und packt ihr viel zu viele Süssigkeiten in die Pausenbox, ihr getrennt von der Familie lebender Vater, hält sich mit Dealen über Wasser und benimmt sich manchmal so was von peinlich, dass Honey am liebsten im Boden versinken würde. Honey macht sich häufig unsichtbar und traut sich auch nicht, Irrtümer aufzuklären. Das bringt sie  immer wieder in knifflige Situationen. So sitzt sie wegen einer Verwechslung unfreiwillig in einem Chinesisch-Kurs und lernt dort ein wichtiges Chinesisches Sprichwort «Mama huhu», zu Deutsch Pferd Pferd Tiger Tiger. Und dieses Sprichwort, das passt sehr gut zu Honeys momentaner Situation, es bedeutet so viel wie «soso lala». Und bald wird Honey wieder verwechselt und gerät an das Sterbebett des alten, ihr fremden Mannes Marcel. Der freut sich riesig über diesen unerwarteten Besuch und teilt mit Honey sofort seine Schnapspralinen. Honey, mit ihrem guten Herzen, besucht den alten Mann nun fast täglich und es entwickelt sich eine warmherzige Freundschaft zwischen den beiden. Vielleicht sind es diese Besuche, die Honey helfen, sich schliesslich zu wehren. Sie macht daheim Klarschiff, konfrontiert ihre Familie mit der Wahrheit und bringt damit alle nicht nur zum Staunen, sondern auch dazu, Honeys Bedürfnisse endlich ernster zu nehmen. Und Honey erkennt nun selber: Papa hatte Recht, sie ist wirklich ein toughes Mädchen.
Dieses Buch besticht vor allem durch die einfache, manchmal derbe, humorvolle und doch so feinfühlige Sprache. Und natürlich mit der brillant beschriebenen Protagonistin, die man mit jeder Seite lieber gewinnt. Kinder müssen manchmal so viel aushalten, da ist es gut, wenn sie beim Lesen so toughe Mädchen wie Honey kennenlernen. Honey lernt sich zu wehren, ihre eigenen Bedürfnisse genauso ernst zu nehmen, wie die von andern. Diese Entwicklung nachzulesen, das ist spannend und berührend zugleich. Das Buch ist zurecht für den Jugendliteraturpreis nominiert und eignet sich auch hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0034-8

Rezension: Maria Riss

Nic Stone: Dear Martin

22.06.2018 by

Yustyce ist einer der besten Schüler seines Jahrgangs. Yustice sieht gut aus und kann auch im Sport mithalten. Fürs nächste Jahr hat er sich gar einen Studienplatz in Yale gesichert. Aber Yustice wird völlig willkürlich verhaftet und in Handschellen gelegt, obwohl er nur einem betrunkenen Mädchen helfen wollte. Denn Yustice ist schwarz. Er kommt zwar frei, weiss aber nicht, wie er mit seiner Wut umgehen soll. So beginnt er zu schreiben. Er schreibt Briefe an Martin Luther King, bittet um Rat, weil er einfach nicht weiss, wie er mit den vielen, oft kleinen rassistischen Beleidigungen im Alltag umgehen soll, und er weiss auch nicht, wem er sich anschliessen soll. Da gibt es die Gruppe der radikalen schwarzen Kämpfer, die mit roher Gewalt ihr Recht einfordern, manche von ihnen kennt Yustice seit dem Kindergarten. Da ist seine weisse Mitschülerin Sarah-Jane, die er so gut mag und die ihm nicht nur beim Debattieren zur Seite steht. Und da ist seine Mum, die für ihren Sohn alles tut, es aber niemals verstehen würde, wenn Yustice sich in ein weisses Mädchen verlieben würde. Egal wem sich Yustice anschliesst, er wird sich Feinde machen. Und von Martin Luther King bekommt er auch keine Antwort. Aber all die Briefe, die vielen Überlegungen, das Ordnen der Gefühle beim Schreiben, das ist trotz allem hilfreich. Und ganz zum Schluss weiss Yustice, welchen Weg er gehen will.
Gleich mit ihrem ersten Roman ist der jungen Autorin Nic Stone ein Wurf geglückt. Nicht nur, weil das Thema nach wie vor so aktuell ist, sondern auch, weil sie Yustice mit seinem Durcheinander an Gefühlen, seiner Suche nach dem für ihn richtigen Weg so glaubhaft und eindringlich beschrieben hat. Yustice gerät immer wieder zwischen die Fronten und wird bedroht. Dies ist nicht nur in Amerika so. Jugendliche werden Yustice Konflikte sehr gut nachvollziehen können. Es geht im Buch darum, seine Rechte einzufordern, sich über die eigene Haltung klar zu werden und dafür auch gerade zu stehen, ganz egal, ob man sich damit Feinde macht. Das spannende Buch sei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren wärmstens empfohlen.

Nic Stone: Dear Martin. Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21833-0

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juni 2018

08.06.2018 by

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht
Emilia ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie alleine und heimlich nach New York fliegt. Mithilfe einer der Kreditkarten ihres Papas war das kein so grosses Problem. Als sie spät abends ihr bereits bezahltes Appartement beziehen will, stellt sich heraus, dass es dieses Appartement gar nicht gibt. An der Adresse trifft sie nur Seth, einen etwa gleichaltrigen Jungen, und seine kleine Schwester Abby. Emilia steht also mit ihrem grossen Koffer wieder alleine auf der Strasse, müde ist sie und kalt ist ihr auch. Bei Jim, einem ziemlich bekifften und kaum mehr ansprechbaren Jungen, findet sie schliesslich Unterschlupf in einem Abbruchhaus. Diese Nacht wird ein einziger Albtraum, weil Emilia, immer so sehr auf Sauberkeit und Ordnung bedacht, in dieser völlig verdreckten Absteige kaum ein Auge schliessen kann. Am nächsten Morgen herrscht in ganz New York Alarmstimmung. Ein Wirbelsturm nähert sich der Stadt. Emilia wendet sich in ihrer Not an die beiden einzigen Menschen, mit denen sie schon einigermassen normal hatte sprechen können, an den Jungen Seth und seine Schwester Abby. Beide lassen Emilia und schliesslich auch Jim nach einigem Zögern in die Wohnung. Weil ihre Mutter für ein paar Tage verreist ist, haben sie Platz. Mit Emilias Kreditkarte lassen sich Vorräte einkaufen und die vier verschanzen sich in der Wohnung. Dann bricht der Sturm mit aller Kraft los, das Haus wackelt und bald gehen auch alle Lichter aus. Die vier müssen zusammenrücken, ob sie wollen oder nicht. So nah mit andern zusammen kann Emilia ihren Sauberkeits-Zwang nicht länger verheimlichen, und sie verrät jetzt auch den Grund ihrer Flucht nach New York: Ihr Vater, Schuldirektor an ihrer Schule, hatte mit einer Schülerin ein Verhältnis. Dies ist erst kürzlich durch die sozialen Medien ans Licht gekommen. Aber jetzt gilt es erstmal, diesen Hurrikan gemeinsam zu überleben. Alle vier wachsen in dieser Situation über sich hinaus. Und in den langen Gesprächen während der dunklen Sturmnächte lernt Emilia eine völlig neue Art von Freundschaft und Geborgenheit kennen. Und das tut unsagbar gut.
Anna Woltz hat einen in jeder Beziehung sehr spannenden Roman geschrieben. Da ist die äusserliche Spannung, dieser Hurrikan, der bei allen grosse Angst auslöst und der so viel Überlebenskunst, Solidarität und Ideenreichtum erfordert. Da ist aber auch die innere Spannung von Emilia, wie kann sie ihre Zwänge meistern, wie soll sie sich gegenüber ihren Eltern verhalten? Einfach wegzulaufen, das kann ja nicht die Lösung sein. Da hilft die grosse Anteilnahme der andern in diesem Hurrikan-Asyl, die zarten Zeichen einer ersten Liebe zu Seth, die Erkenntnis, dass sie selber sehr viel stärker ist, als sie es jemals vermutet hätte. «Hundert Stunden Nacht» ist ein Buch, das vor allem junge Mädchen mit Sicherheit begeistern wird, weil es so viele aktuelle Themen auf eine sehr spannende und doch auch humorvolle Weise anspricht. Für Lesende ab etwa 14 Jahren.

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-58348-2

Rezension: Maria Riss

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente

03.05.2018 by

lebenTess und Jonah haben sich geliebt. Sie haben sich einmal gesehen und sich danach tagtäglich, oft stundenlang über soziale Netzwerke unterhalten. Beide haben sich all ihre Geheimnisse anvertraut und alles preisgegeben, was sie beschäftigt. Und dann kam die Nachricht, Jonah habe sich das Leben genommen. Für Tess bricht eine Welt zusammen. Sie verlässt Hals über Kopf ihr Internat und reist zu ihrem ziemlich schrägen Vater. Tess schreibt weiterhin Nachrichten an Jonah, sie braucht diese Gespräche, um mit ihrer Trauer klarzukommen, auch wenn diese einseitig verlaufen. Und dann nach ein paar Wochen schreibt Jonah zurück. Tess weiss, dass diese Botschaften nie und nimmer von Jonah sein können. Trotzdem schreibt sie weiter und erfährt dann auch, dass dieser andere, Jonahs bester Freund, sich schon lange vorher als Jonah ausgegeben hat. Tess ist hin und her gerissen. Einerseits braucht sie jemanden zum Reden, aber dass dieser unbekannte Daniel nun alles über sie weiss, dass er sich schon so lange als Jonah ausgegeben hat, das macht sie unheimlich wütend. Und eines Tages, da steht dieser Daniel doch tatsächlich vor ihrer Haustür. Trotz all der Wut verbindet die beiden ihre Liebe und Freundschaft zu Jonah, der sich nicht helfen liess und jetzt einfach nicht mehr da ist. Tess und Daniel unterstützen sich gegenseitig, um über diesen Verlust hinwegzukommen, dazu braucht es viele Gespräche über das Leben, über den Tod und dem, was danach kommt. Ganz langsam kommen sich Tess und Daniel deshalb nun auch in der realen Welt näher.
Der vorliegende Roman stellt recht hohe Ansprüche an die Lesenden: Einerseits durch die die Erzählstruktur, die Geschichte wird teilweise in Posts und Mails erzählt, dann aber auch durch die angesprochenen Themen. Es geht um Tod, um Trauer, um Abschied und die Frage, was nach unserem Tod zurückbleibt. Es geht aber auch um die digitale Welt und inwiefern unsere Kommunikation und unser Handeln davon abhängen und wo die Grenzen zwischen der Realität und dem, was sich im Netz abspielt, verlaufen. Da ist es gut, dass man zwischendurch über die vielleicht etwas gar verrückte Protagonistin schmunzeln und sich an dieser so ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen Daniel und Tess erfreuen kann. Für Jugendliche und Erwachsene.

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. Hanser 2018. ISBN: 978-3-446-25863-1

Rezension: Maria Riss

Jutta Wilke: Stechmückensommer

03.05.2018 by

stechmücke«Eine Made ist weiss. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal.» So die ersten Sätze in Madeleines Aufzeichnungen. Weil ihre Eltern auf einer Ferienreise in Japan sind, muss die fast 15-jährige Madeleine in ein Feriencamp nach Schweden. Für Madeleine ein Albtraum. Gleich am zweiten Tag macht die Gruppe mit einem Bus einen Ausflug zu einem stillgelegten Bergwerk. Und schon geht es los in die Stollen. Heimlich entfernt sich Madeleine von der Gruppe und legt sich in den leeren VW-Bus, sie ist müde und froh, dieser Meute zu entkommen. Madeleine erwacht, weil der Bus plötzlich ruckelt, obwohl sie immer noch alleine darin sitzt. Am Steuer sitzt ein unbekannter Junge, mit Punkfrisur und einem frechen Grinsen. Der Junge heisst Juli und ist nur wenig älter als Madeleine. Und Juli will, wie er seinem kürzlich verstorbenen Opa versprochen hat, zum Nordkap. Nach dem ersten Schock findet Madeleine diese Idee zwar vollkommen verrückt, aber auch gar nicht so schlecht. Alles ist besser, als den Sommer in diesem Feriencamp zu verbringen. Und Juli ist der erste, der keine blöde Bemerkung über ihre Figur macht. Diese gemeinsame Fahrt ist abenteuerlich und etwas planlos und weil die Polizei nach ihnen sucht, müssen sie viele Umwege durch die Wildnis machen. Eines Morgens beim Losfahren entdecken die beiden, dass sich ein weiterer blinder Passagier zu ihnen gesellt hat. Der etwa gleichaltrige Vincent mit Down-Syndrom. Auch er will weg und zwar möglichst weit und möglichst schnell. Nein, ans Nordkap schaffen sie es nicht, aber sich selbst, da sind alle drei am Ende dieser turbulenten Reise ein ganzes Stück näher gekommen.
Jutta Wilke hat ein wunderbares Buch geschrieben. Spannend, gleich ab der ersten Seite, dies nicht nur, was die äusserlichen Handlung betrifft, sondern auch was den Einblick in Madeleines Gefühlswelt angeht. Oft lässt sie ihre Gedanken schweifen, in solchen Abschnitten hat man auch ein wirklich kluges Buch in Händen. Besonders gelungen sind der Autorin auch die Beschreibung der drei Figuren, ihre oft humorvollen aber auch nachdenklich stimmenden Dialoge. Und es sind die vielen nicht explizit beschriebenen Details und Wahrheiten, die man zwischen den Worten und Sätzen entdecken kann. Die Lektüre sei Mädchen ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen.

Jutta Wilke: Stechmückensommer. Knesebeck 2018. ISBN 978-3-95728-105-0

Rezension: Maria Riss

Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

03.05.2018 by

meersauAnton soll nach den Sommerferien in die dritte Klasse, da sei dann die Welpenzeit vorbei, meint die Lehrerin. Das macht Anton Angst. Er gehört zu jener Sorte von Jungen, die lieber träumen, als raufen, die eher allein sein mögen, als sich in einer grossen Gruppe zu behaupten und die öfters auch mal weinen müssen. Hinzu kommt, dass Mama ihren Job verloren hat und Geld deshalb Mangelware ist. Papa ist ausgezogen und hat keine Zeit für einen Urlaub. Aber Mama hat eine Idee: Eigentlich braucht es für Ferien nur zwei Schlafsäcke, ein Zelt und einen Gaskocher. Mama und Anton machen sich also mit einem grossen Rucksack auf. Zu Fuss, das geht auch. Klar, dass Anton sein Meerschweinchen mitnimmt. Er hat dafür eine wunderschöne Transportbox gebastelt. Auf dem Campingplatz hat es aber keinen Platz mehr für die beiden, kein Grund aufzugeben: «Wir zelten einfach an einem versteckten Ort im Wald. Das ist zwar verboten, aber ein bisschen Ferien haben wir doch wohl beide verdient», meint Mama. Diese Woche im Wald ist einfach wunderschön, vor allem, weil Mama ihrem Sohn gleich am ersten Tag ein richtiges Schnitzmesser übergibt. Stundenlang schnitzt Anton nun Stöcke, Kochlöffel und Speere. Und dann taucht Liane auf, ein rotzfreches Mädchen vom Campingplatz, das nicht nur Antons Schnitz-Kunstwerke bewundert, sondern ihn auch zu allerlei Abenteuern überredet. Und als Mama eines Tages vom Einkaufen einfach nicht mehr zum Zelt zurückkehrt, da macht sich Anton zwar grosse Sorgen, aber er weiss sich zu helfen und geht ganz alleine zum Campingplatz. Mama hatte einen kleinen Unfall und kommt dann Gott sei Dank spät in der Nacht wieder.Am Ende dieser Ferien ist Anton nicht nur körperlich kräftiger geworden, er traut sich viel mehr zu und hat auch weniger Angst vor andern Kindern, jetzt ist er nur noch ab und zu ein Welpe.
Mareike Krüger kennt sich mit verträumten Welpen aus, das merkt man beim Lesen schon auf den ersten Seiten. Viele Kinder werden sich in Anton wiederfinden: Wenn er für sein Meerschweinchen eine prächtige Waldvilla baut beispielsweise, wenn er darüber nachdenkt, wie er sich in der Schule besser wehren könnte oder wenn ihn die Sehnsucht nach seinem Papa übermannt. «Zelten mit Meerschwein» ist ein leises und doch spannendes Buch, in einer einfachen, aber treffenden Sprache geschrieben. Ein Lesestoff wohl eher für verträumte Kinder ab etwa 8 Jahren und zum Vorlesen im Familienkreis wunderbar geeignet.

Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82352-6

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Mai 2018

02.05.2018 by

superflashSalah Naoura: Superflashboy
Torben-Henrik ist ein ganz normaler, etwa 10-jähriger Junge. Vielleicht ein bisschen zu stark, vielleicht manchmal etwas gar tollpatschig und rein gar nicht musikalisch, was seine Familie sehr bedauert. Momentan ist Fasnacht und alle Kinder gehen verkleidet zur Schule. Klar, dass Torben-Henrik sich als Flashboy, seinem absolut liebsten Comichelden, verkleidet. Auf dem Heimweg passiert es: Eine schwarze Limousine hält, zwei Männer packen Torben-Henrik, schmeissen ihn ins Auto und brausen los, ab durch einen Tunnel nach Hero City. Dort wird er in einem total coolen Haus von einem Roboter-Kindermädchen in Empfang genommen. Wahnsinn: Hier in Hero City leben ausschliesslich Superheldinnen und Helden, Spiderman, Zorroboy und Catgirl geben sich da die Hand. Als plötzlich ein zweiter kleiner Flashboy, quasi eine Kopie von Torben-Henrik, zur Tür herein kommt wird klar, dass Torben-Henrik verwechselt wurde. Der richtige Flashboy ist sehr nett, vielleicht mit ein bisschen gar wenigen Muskeln ausgestattet, dafür ist er überaus musikalisch. Die beiden freunden sich an und beschliessen, ihre Rollen zu tauschen. So übersiedelt der richtige Flashboy in Torben Henriks langweilige Normalfamilie und Torben-Henrik bleibt in Hero City. Klar, dass es an beiden Orten zu kniffligen, völlig absurden Situationen kommt, klar, dass nach ein paar Tagen beide doch irgendwie froh sind, wieder in ihre eigene Welt zurückkehren zu können.
Auf eine solch einmalig gute Idee für ein Buch zu kommen, das kann wohl fast nur Salah Naoura. In diesem Buch ist alles vereint, was gute Geschichten ausmacht und Kinder werden mit Sicherheit begeistert sein. Die Ereignisse in beiden Welten überschlagen sich und  sind einfach so phantasievoll und komisch, dass auch erwachsene Vorleserinnen und Vorleser  wohl immer wieder lachen müssen. Der Autor erzählt diese turbulente Geschichte in kurzen Kapiteln und mit einem schelmischen Augenzwinkern. Ergänzt wird das spannende Geschehen mit  vielen tollen Bildern von Kai Schlütter. Ein Lese- und Vorlesevergnügen für Kinder ab etwa 9 Jahren.

Salah Naoura: Superflashboy. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21799-9

 

Marianne Dubuc: Lucie und die vier

27.04.2018 by

lucieDas Mädchen Lucie hat vier überaus nette Freunde: die Maus Marcel, den Hasen Leon, die Schildkröte Doris und die winzig kleine Schnecke Adrian. Lucie und ihre Freunde sind im Wald unterwegs, sie machen ein Picknick, finden zusammen einen Schatz und suchen schliesslich für drei frisch geschlüpfte, niedliche Küken eine passende Mutter. Marianne Dubuc, bekannt durch ihre Bilderbücher über Briefträger Maus, erzählt die drei Abenteuer der Freunde mit wenig Text und ganz wunderbaren, detailreichen und zarten Bildern. Weil jeder Handlungsschritt auch im Bild dargestellt und das Geschehen linear erzählt wird, können schon ganz kleine Kinder dem Buchgeschehen folgen. Die liebenswerte Figuren und die Suche nach kleinen Details machen dieses eher kleinformatige Bilderbuch wohl für viele Kinder zu einem Lieblingsbuch, das sie über längere Zeit begleiten wird. Schon bald werden sie in der Lage sein, die Geschichte selber zu erzählen, vielleicht ihrem Teddybären oder den jüngeren Geschwistern. Für Kinder ab etwa 3 Jahren.

Marianne Dubuc: Lucie und die vier. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82342-7

Rezension: Maria Riss

Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert

24.04.2018 by

stellaDie Geschichte spielt in England etwa zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Stellas Leben könnte eintöniger nicht sein. Sie zieht mit ihren drei schrulligen, überaus strengen Tanten von einem Kurhotel zum nächsten. Mädchen müssen artig sein, fleissig und keinesfalls vorlaut. Mädchen lernen stricken und nette Konversation, so lauten ihre Erziehungsgrundsätze. Aber Stella eignet sich ganz und gar nicht für ein Leben als wohlerzogenes Mädchen. Zu neugierig ist sie, zu sehr auf Abenteuer aus. Und dann wird sie doch tatsächlich nicht nur Zeugin eines Mordes am Hotelgast Mr Filbert, sondern auch von lebensgefährlichen magischen Ereignissen in der Hotelhalle. Stella will um alles in der Welt herausfinden, wer die Mörder des alten Mr Filbert waren, zumal ihr dieser kurz vor seinem mysteriösen Tod ein magisches Fläschchen anvertraut hat, das keinesfalls in fremde Hände geraten darf. Stella macht sich also auf Verbrecherjagd und nimmt dabei die schlimme tägliche Schelte der alten Tanten nur allzu gerne in Kauf. Bald kommt sie einem skrupellosen alten Magier auf die Spur, der unbedingt dieses Fläschchen will. Sie lernt Ben und Gerti kennen, die ihr helfen und ebenso interessiert sind, dem grausamen Magier auf die Schliche zu kommen. Bald wird es für Stella aber richtig gefährlich. Sie muss fliehen, wird gekidnappt und kann sich zu guter Letzt, dank der Hilfe von Geri und Ben, aus ihrer Gefangenschaft in einer alten, gruseligen Burgruine befreien.
Stellas abenteuerlichen Ermittlungen zu folgen, macht grossen Spass. Mit viel Geschick hat die Autorin es verstanden, in dieser Geschichte verschiedene Genres miteinander zu verknüpfen. So liest sich das Buch stellenweise wie ein Krimi, manchmal wie ein Fantasyroman und ab und zu wie eine reale Lebensgeschichte aus jener Zeit. Weil der Spannungsbogen gleich auf den ersten Seiten beginnt, mag man die Lektüre kaum mehr unterbrechen, zudem gibt es auch immer wieder Szenen zum Schmunzeln, wenn sich die alten Tanten beispielsweise beim Tee über all den Ärger mit Kindern heutzutage unterhalten. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen für unerschrockene Leser und Leserinnen ab etwa 12 Jahren.

Judith Rossell: Stella Montgomery und die bedauerliche Verwandlung des Mr Filbert. Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN:978-3-522-18489-2

Rezension: Maria Riss

Ole Lund Kirkegaard: Der kleine Albert

24.04.2018 by

albertDie Geschichte spielt irgendwo in Dänemark in einem winzig kleinen Dorf. Im Dorf gibt es einen Laden, ein Schulhaus mit einem Lehrer, einen Schuster und natürlich jede Menge Bauernfamilien. Genau dort wird Albert geboren. Schon bald stellt sich heraus, dass es dieser Junge faustdick hinter den Ohren hat. Albert mag, kaum ist er grösser, drei Dinge ganz besonders: Birnen, am besten geklaut und frisch vom Baum, seinen Freund Egon und das Spiel «Leute-ärgern». Auf den stets schlecht gelaunten Schuster, der am liebsten alle Kinder abschaffen möchte, hat er es ganz besonders abgesehen. Alberts Freund Egon ist fast immer mit von der Partie. Kaum zu glauben, welch freche Streiche die beiden den Bewohnern des Dorfes spielen. Sie klauen Birnen, verhelfen den Hühnern des Schusters zur Freiheit oder schleichen sich in dessen Garten, um Radieschen aus der Erde zu zupfen. Als Albert eines Tages am Bach eine alte Fisch-Tonne findet, sticht er in See. Immer weiter den Bach hinunter. Seeräuber, das wollte er schon immer werden. Was Albert auf dieser ungewöhnlichen Schiffsreise alles erlebt, das ist wirklich schier unglaublich und macht grossen Spass nachzulesen.
Ole Lund Kirkegaard gehört zu den bekanntesten Kinderbuchautoren Dänemarks, leider ist er schon früh verstorben. Aber seine Bücher, die leben weiter.  Das vorliegende Buch erschien bereits im Jahr 1968 und ist nun endlich auch in deutscher Sprache erhältlich. Alberts Streichgeschichten sind allesamt witzig, überzeichnet, schräg und spannend, ein bisschen erinnern sie an die nicht ganz ernst zu nehmenden Streiche von Max und Moriz, ein bisschen aber auch an die mutig-freche Pippi Langstrumpf. Kinder, vor allem Buben, werden mit Sicherheit ihre helle Freude an den beiden Helden haben. Die Original-Illustrationen des Autors passen sehr gut zum Inhalt, sie sind ebenso witzig, schräg, überzeichnend und gar nicht niedlich. Ein wunderbar freches Vorlesebuch, mit einer übersichtlichen Kapitelgliederung für Kinder ab etwa 8 Jahren.

Ole Lund Kirkegaard: Der kleine Albert. Aus dem Dänischen von Magnus Enxing. Woow Book im Atrium Verlag 2018. ISBN: 978-3-96177-014-4

Rezension: Maria Riss