Archive for the ‘ 01 Neuerscheinungen ’ Category

Ben Guterson: Winterhaus

05.10.2018 by

Die elfjährige Elizabeth lebt bei ihrem Onkel und ihrer Tante und hat es nicht eben leicht. Onkel und Tante sind sehr streng, kümmern sich überhaupt nicht um das Mädchen und sitzen eigentlich Tag und Nacht vor dem Fernseher. Kurz vor Weihnachten schicken die beiden das Mädchen weg. Sie soll im Hotel Winterhaus die Weihnachtsferien verbringen. Onkel und Tante wollen endlich mal ihre Ruhe haben. Elizabeth hat Angst, ganz alleine an einen ihr unbekannten Ort zu reisen. Bereits im Bus fällt ihr zudem ein unheimliches Paar auf. Beide schwarz gekleidet, beide mit einem sehr bösen, stechenden Blick. Auch diese Paar will Weihnachten im Hotel Winterhaus verbringen. Nach der Ankunft im Hotel kommt Elizabeth allerdings aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und alle Ängste sind vorerst vergessen. Im Hotel gibt es einfach alles, was man sich nur wünschen kann. Einen äusserst netten Hoteldirektor, feines Essen, ein Hallenbad, eine Rodel- und Eisbahn und am wundervollsten: eine riesige Bibliothek. Elizabeth liebt Bücher über alles. Schon am ersten Morgen freundet sie sich mit Freddy an, einem Jungen in ihrem Alter, der ebenfalls alleine im Hotel wohnt. Alles wäre wunderbar, gäbe es nicht dieses Paar, das Elizabeth die ganze Zeit zu beobachten scheint und all diese seltsamen Dinge, die Elizabeth im Hotel beobachtet. Bücher, die sich bewegen, eine Lampe, die grundlos zerbricht, ein Türfalle, die glühend heiss wird oder ein rotes Licht, dass manchmal in der Nacht durch die Bibliothek irrt. Da muss Magie im Spiel sein, eine alte Legende scheint das wunderbare Hotel zu bedrohen. Da ist es gut, dass Elizabeth eine so geniale Rätsellöserin ist und dass sie, zusammen mit Freddy, diesen bedrohenden Geisterwesen auf die Spur kommt.
Ben Guterson hat ein wunderbares und spannendes Buch geschrieben mit zwei Kinderhelden, die man sofort ins Herz schliesst. Und vielleicht ist es auch dieses wunderbare Hotel, in dem man am liebsten absteigen würde, das so fasziniert. Oder der alte, liebevolle Hoteldirektor, der einen stellenweise an den alten Dumbledore aus Harry Potter erinnert. Die Spannung beginnt gleich auf den ersten Seiten und bricht bis zum vorläufig guten Ende nicht ab. Die Handlung ist in kurze, übersichtliche Kapitel gegliedert, zudem gibt es im Buch immer wieder spannende Wortspiele und Rätsel, die zum Raten und Knobeln mit Sprache auffordern. Ein herrliches Lese- und Vorlesevergnügen mit vielen Bildern für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Ben Guterson: Winterhaus. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Freies Geistesleben 2018. ISBN: 978-3-7725-2891-0

Rezension: Maria Riss

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee

05.10.2018 by

Die Tagebucheintragungen der Zwillinge Nadja und Viktor beginnen in Leningrad, am 23. Juni 1941. Die deutsche Front nähert sich und alle Kinder der Stadt müssen sich am Bahnhof einfinden, um evakuiert zu werden. Vor der Abreise muss Viktor seinem Vater versprechen, immer bei seiner Schwester Nadja zu bleiben und gut auf sie aufzupassen. Aber schon bei der Aufteilung der vielen Kinder auf die hereinfahrenden Züge werden die Zwillinge getrennt. Viktor landet im Zug Nr. 77 und wird in eine Kolchose in Tatarstan gebracht. Nadjas Zug kommt nicht weit, die Lokomotive bleibt bereits nach rund 70 Kilometern stecken. Nadja und all die andern Kinder aus dem Zug werden in ein nahegelgenes Dorf gebracht, das schon kurze Zeit später von den Deutschen eingenommen wird. Nadja gelingt die Flucht und sie rettet sich auf die Inselfestung Oreschek im riesigen Ladoga-See. Diese Festung ist noch immer in russischer Hand, wird aber ständig beschossen und bombardiert. Nicht erst hier entpuppt sich Nadja als überaus mutiges Mädchen. Die Zwillinge waren noch nie voneinander getrennt, beide sehnen sich schrecklich nacheinander und deshalb will Viktor seine Schwester um alles in der Welt wiederfinden, auch weil er dies seinen Eltern verspochen hat. Nichts kann ihn dabei aufhalten. Er flieht aus der Kolchose, wird gefangen genommen, reisst aus, kämpft sich, zusammen mit ein paar Kameraden, über mehrere hundert Kilometer durch Eis und Schnee, überlistet die Truppen an der Front und gelangt schliesslich in einem gestohlenen Lastwagen über den mittlerweile zugefrorenen See zur Festung Oreschek, wo er seine geliebte Schwester Nadja lebend wiederfindet.
Die Geschichte wird von Nadja und Viktor in Tagebucheinträgen erzählt, beide sind mit zahlreichen Fotografien, Zeitungsausschnitten und Karten ergänzt. Der Autor hat sich über weite Strecken an historischen Fakten gehalten, die Geschichte der beiden Geschwister ist aber frei erfunden. Was die beiden erleben und vor allem, was sie beim Kampf ums Überleben unternehmen, erinnert hier und da an ein Heldenepos, es macht dieses Buch aber unglaublich spannend. Oft geht der Autor an die Grenze des Beschreibbaren, er tut dies aber behutsam und geht öfters auf eine gewisse Distanz. Trotzdem erlebt man beim Lesen sehr eindringlich mit, wie schrecklich dieser Krieg war und wie Hunger, Kälte, Gewalt und Angst Menschen verändern können. Vergangenes darf nicht in Vergessenheit geraten, weil sich Geschichte immer wiederholt, so die klare Botschaft dieser so eindringlich verfassten Erzählung. Der grosse Spannungsbogen, das fundiert recherchierte Hintergrundwissen und die wunderschöne, spezielle Aufmachung, all dies kann hoffentlich viele jugendliche Leserinnen und Leser zum Lesen dieses Buches verlocken.

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN: 978-3-522-20251-0

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Oktober 2018

01.10.2018 by

Roger Duvoisin: Petunia
Petunia, das ist eine Gans und zwar eine ziemlich dumme Gans. Sie lebt auf einem Bauernhof und findet dort eines Tages doch tatsächlich ein Buch im Gestrüpp. Wer Bücher besitzt, ist klug, das hat Petunia schon mal gehört. Ab sofort ist sie also klug und weise und lässt dies alle Tiere auf dem Hof auch sofort wissen. Die Tiere glauben ihr, zumal Petunia ihren Kopf immer höher trägt und ihr Hals tagtäglich zu wachsen scheint. So wird nun, wenn immer etwas passiert, nach Petunia gerufen. Sie hat zwar immer ein paar Ratschläge bereit, aber helfen tun diese nicht wirklich. Der Hund beispielsweise bekommt seinen Kopf nicht mehr aus dem Kaninchenbau, Petunia macht es wie die Menschen und entfacht am andern Eingang des Baus einfach ein Feuer. Auch beim Zählen der Küken kommt die dumme, eingebildete Gans immer wieder durcheinander. Und als sie dem Esel, weil er Zahnweh hat, gleich alle Zähne ziehen will, da zweifeln die ersten an der Weisheit dieser Gans. Erst ganz zum Schluss, als Petunia per Zufall entdeckt, dass man dieses Buch auch öffnen kann, wird sie tatsächlich klüger: «Es reicht nicht, die Weisheit mit mir herumzutragen. Ich muss sie in meinen Kopf aufnehmen. Dazu muss ich lesen lernen.»
Bereits 1950 ist diese wunderbare Geschichte erstmals in New York erschienen. Von seinem Witz und Charme hat das Bilderbuch aber nichts eingebüsst, auch die Botschaft ist ja nach wie vor aktuell. Kinder mögen es zudem genau wie vor 60 Jahren immer noch, wenn sie klüger sind als die Buchfiguren, deshalb werden wohl die meisten ihre helle Freude an dieser dummen Gans haben. Roger Duvoisin hatte vor allem mit den Büchern vom «Glücklichen Löwen» grossen Erfolg. Petunia steht dem Löwen aber in nichts nach. Auch hier beweist der Künstler sein Können. Mit wenigen Strichen und reduzierten Farben, bringt er all die unterschiedlichen Charaktere und Stimmungen der Tiere ganz wunderbar zu Papier.

Aus dem Englischen von Sabine Ludwig. Esslinger 2018. ISBN: 978-3480234776

Rezension: Maria Riss

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden

27.09.2018 by

Die Geschichte spielt im November 1945 in einem kleinen Dorf in Deutschland. Der Krieg ist vorbei, aber die Welt ist noch nicht wieder in ihren Fugen. Dies spürt die vierzehnjährige Hanne täglich. Ihre Familie lebte den Krieg über auf dem Bauernhof ihres Onkels und vom wirklichen Kriegsgeschehen hat Hanne nicht so viel mitbekommen. Umso mehr treffen sie jetzt all die schlimmen Erzählungen und die Wahrheit über das Regime der Nazis. Sie selbst kann sich ja auch nicht erklären, weshalb sie sich dermassen täuschen liess in den letzten Jahren. Sie hat sich an den BDM Heimabenden so amüsiert und mitreissen lassen. Im Dorf gibt es viele alte Nazis und einige davon können auch jetzt noch ihren Hass gegen alles Fremde nicht zügeln. Es gibt Schlägereien und einige aus der Dorfgemeinschaft zerbrechen daran, dass sie nicht mehr die Anführer sind, dass alles, wofür sie gekämpft haben, nun zerstört ist. Hanne ist ein kluges und vor allem auch mutiges Mädchen und stellt sich der neuen Zeit. Bald zieht sie in die Stadt, um an die Oberschule zu wechseln. Wenn man Bescheid weiss, läuft man viel weniger Gefahr, blindlings irgendwelchen Parolen zu gehorchen und Leuten hinterherzulaufen. Es ist gut, dass ihre Tante ihr zur Seite steht und noch viel besser, dass sie in der Stadt auf Gunnar trifft, mit dem sie all das, was sie belastet, besprechen kann. Von Gunnar bekommt sie auch ihren ersten Kuss und das ist eine ganz wunderbare neue Erfahrung.
Kann man so schnell seine Gesinnung ändern? Wie kommt man damit zurecht, dass man lange einfach weggeschaut hat? Ist man ein Fähnchen im Wind, wenn man plötzlich seine Gesinnung ändert? Weshalb kann man sich so täuschen lassen und einfach alles glauben, was erzählt wird? All diese Fragen beschäftigen Hanne und sie versteht es wunderbar, Leserinnen und Leser an all diesen Gedanken teilhaben zu lassen. Herbert Günther hat einen berührenden und spannenden Roman geschrieben. So wird Geschichte erlebbar und man schafft damit auch, weil all diese Fragen ja nach wie vor aktuell sind, einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart und zu eigenen Erfahrungen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5661-1

Rezension: Maria Riss

Mira Gysi: Die Geiss, die alles weiss.

02.09.2018 by

Die neugierige Geiss Ina, wird wie alle Geissen im Stall jeden Tag gemolken. Sie will aber unbedingt wissen, was mit ihrer Milch passiert. Einmal steht die Stalltür offen und die Geiss kann sich auf dem Bauernhof genauer umsehen. Sie folgt Herrn Schmaus, der Maus, und entdeckt, wie die Milch zu Käse verarbeitet wird. Kater Anton erzählt ihr, wie Würste gemacht werden und dass diese nachher geräuchert werden. Doch Ina interessieren vor allem die Delikatessen, die im Gemüsegarten der Bäuerin wachsen: Karotten und knackiger Salat. Mit vollem Bauch erzählt sie den anderen Geissen, was mit der Milch passiert, wie diese zu Käse wird und wie Wurst und Salat auf dem Tisch der Familie landen. Mit den holzschnittartigen farbigen Illustrationen und kurzen Dialogen eignet sich das Bilderbuch hervorragend zum Vorlesen und Staunen ab 4 Jahren.
Mira Gysi wohnt mit Mann, Kind, Milchziegen und Mutterkühen auf einem abgelegenen Bauernhof oberhalb von Trub im Emmental. In diesem humorvollen Sachbilderbuch, ihrem Erstlingswerk, erklärt sie kleinen Kindern in wunderschönen Bildern, woher das Essen kommt.

Mira Gysi: Die Geiss, die alles weiss. NordSüd Verlag, 2018. ISBN: 978-3-314-10426-8

Rezension: Almut Hansen

Alex Bell: Der Polarbären Entdeckerclub, Reise ins Eisland

02.09.2018 by

Stella darf als erstes Mädchen an einer Forschungsexpedition teilnehmen. Bisher war dies ausschliesslich Jungen vorbehalten. Aber Felix, ihr Ziehvater, setzt sich für sie ein, Stella ist ja wirklich ein ausgesprochen mutiges Mädchen. Bald schon bricht das Forschungsteam ins Eisland auf. Gleichzeitig ist aber auch eine zweite Forschungstruppe unterwegs, diese wollen ebenfalls die Geheimnisse des Eislandes lüften. Da ist es gut, dass alle Entdeckerclubs strenge Regeln haben, das erleichtert das Zusammenleben und die beiden Trupps machen sich gemeinsam auf den Weg. Stella teilt mit drei jungen Forschern einen Schlitten, der von Wölfen gezogen wird. Schon am ersten Morgen auf Eisland passiert das Unglück: Die Wölfe erschrecken und brennen durch. So schnell, dass die Eisbrücke hinter ihnen über dem tiefen Tal zusammenbricht. Die jungen Forscher sind ab sofort auf sich alleine gestellt. Das ist nicht eben einfach und gibt zuerst einmal Streit: Ethan ist eingebildet und weiss alles immer besser. Stella kennt ihre Eltern nicht und wurde von ihrem Ziehvater ziemlich verwöhnt. Beanie ist zwar überaus klug, er kann sich einfach alles merken, ist dafür aber so kontaktscheu, dass er bisher zu keiner Freundschaft fähig war. Und schliesslich ist da noch Shay, der unbedingt das Kommando übernehmen will. Zum Streiten bleibt allerdings wenig Zeit und mit jedem Abenteuer, das die vier bestehen müssen, kommen sie sich näher. Und es sind wahrlich gefährliche Abenteuer! Da gibt es Yetis, die fast so gross wie Häuser sind, da gibt es Frostelfen, bei deren Biss die Glieder abfrieren oder fleischfressende Kohlköpfe. Und da gibt es Einhörner und böse Trolle. All diese Gefahren können die vier nur bestehen, wenn sie einander vertrauen und das lernen sie immer besser. Und so kommt es, dass die jungen Entdecker mehr oder weniger wohlbehalten zurückfinden und vom Präsidenten und allen erwachsenen Entdeckern gebührend gefeiert werden.
Das Buch fasziniert auf vielfältige Weise. Die jungen Entdecker sind alle vier keine Übermenschen, sie haben ihre Sorgen und Nöte und lernen auch, darüber offen zu sprechen. Das Buch eignet sich nicht nur für eher leseschwache Fantasy-Liebhaber, sondern auch hervorragend zum Vorlesen. Der Plot wird linear erzählt und jedes Kapitel beschreibt eines der Abenteuer, so dass man leicht Pausen einschalten kann. Ein wirklich fantastischer Lesespass für Kinder ab etwa 11 Jahren.
Bereits im nächsten Jahr wird ein zweiter Band erscheinen.

Alex Bell: Der Polarbären Entdeckerclub, Reise ins Eisland. Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt. Sauerländer im Fischer Verlag 2018. ISBN: 978 3 7373 5498 1
Rezension: Maria Riss

Alex Rühel: Zippel, das wirklich wahre Schlossgespenst

02.09.2018 by

Zippel, das kleine Gespenst, wohnt in einem Schloss, nämlich im alten Türschloss von Paul und seinen Eltern. Natürlich wissen die Eltern nichts von ihrem ungewöhnlichen Mitbewohner, Paul allerdings hat Bekanntschaft gemacht mit diesem lustigen, aber ziemlich eigensinnigen Gespenst. Paul und Zippel, die freunden sich auch gleich bei der ersten Begegnung an. Nun soll aber, wie in allen anderen Wohnungen in diesem Altbau, das Wohnungsschloss ersetzt werden. «Mit diesen alten Dingern fordert man Einbrecher ja gerade dazu heraus, ihr Handwerk auszuüben», meint der Hausmeister. Klar, dass Zippel Panik schiebt und ebenfalls klar, dass Paul so schnell wie möglich eine Lösung finden muss. Aber alte Schlösser, die sind rar und die Rettung des kleinen Gespensts gestaltet sich ziemlich schwierig. Natürlich kommt zu schliesslich alles gut. Im Haus wohnt nämlich die alte Frau Wilhelm, die hat Erfahrungen mit solchen Schlossgespenstern und sie besitzt eine recht grosse Sammlung antiker Türschlösser.
Alex Rühel hat ein witziges Buch geschrieben, dass durchaus mehr erzählt als gängige Spukbücher. Das Besondere daran: Es gibt immer wieder Verstehensprobleme und Missverständnisse, weil Zippel vieles nicht kennt und vor allem unsere Sprache wörtlich nimmt. Man kann sich mit der Lektüre dieses Buch also nicht nur ganz wunderbar unterhalten, sondern auch über die Bedeutung und Schreibweise von Wörtern nachdenken. Die gar nicht gruselige, dafür umso spannendere Gespenstergeschichte eignet sich sehr gut zum Vorlesen für Kinder ab etwa 6 Jahren. Zum Selberlesen ab 8.

Alex Rühel: Zippel, das wirklich wahre Schlossgespenst. dtv 2018. ISBN: 978-3-423-76234-2

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats September 2018

01.09.2018 by

Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben
Ghost ist der Spitzname eines etwa 12-jährigen Jungen. Er lebt zusammen mit seiner Mutter in einer dieser Siedlungen, wo niemand gern zuhause ist. Geld ist absolute Mangelware. Etwas kann Ghost ganz besonders gut: Davonrennen. Dies seit damals, als sein Vater, sturzbetrunken, ihn und seine Mutter mit der Pistole bedrohte. Es fielen auch tatsächlich Schüsse. Ghost und seine Mutter überlebten nur, weil sie schnell rennen konnten. Dieses so prägende Erlebnis und dass sein Vater seither im Knast sitzt, das verrät er niemandem. Durch Zufall kann Ghost nun am Training des besten Laufteams der Stadt teilnehmen und lernt dort den Trainer Brody kennen. Brody ist einer, der zwar alles aus seinen jungen Läuferinnen und Läufern herausholt und absolute Disziplin verlangt. Aber Brody nimmt Anteil am Leben seiner so unterschiedlichen Teammitglieder, er setzt sich für sie ein und verlangt im Gegenzug absoluten Respekt. Bald stellt sich heraus, dass Ghost nicht der einzige in dieser Truppe ist, der schlimme Erfahrungen mit sich herumträgt. Ganz langsam entwickelt sich aus diesem wilden Haufen ein Team, das sich gegenseitig vertraut, das zusammenhält, egal, was passiert. Nur so werden sie am grossen Wettrennen eine Chance haben.
In den meisten Romanen des bekannten Autors spielen väterliche Freunde eine grosse Rolle. So auch im vorliegenden Buch. Trainer Brody gibt Ghost genau das, was er braucht: Er glaubt an Ghost, dass er es schaffen kann und nimmt ihn ernst. Dies mit der notwendigen Portion Autorität und einem aufrichtigen Interesse an diesem Jungen. Er meint: «Vor dir selber kannst du nicht davonrennen, so schnell ist keiner.» Und so schafft der Trainer es, dass Ghost sich öffnet und endlich von dieser schrecklichen Nacht damals berichten kann. Im Buch erzählt Ghost diese Geschichte aus seiner Perspektive und das macht er grandios, stellenweise humorvoll und roh, dann wieder berührend, voller Poesie. Ein beeindruckendes und spannendes Buch, das Mädchen wie Jungen gleichermassen anspricht. Es eignet sich deshalb auch sehr gut zum Vorlesen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.
«Ghost» ist der erste von vier Bänden. In jedem Band kommt ein anders Mitglied des Laufteams zum Wort. Bereits im Herbst erscheint der nächste Band.

Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. dtv 2018 ISBN: 978-3-423-64041-1

Rezension: Maria Riss

Rose Lagercrantz / Eva Eriksson: Glücklich ist, wer Dunne kriegt

23.08.2018 by

Dunnes allerliebste beste Freundin Ella Frida ist weggezogen. Nach Norrköping. Es ist Winter und Ella Frida hat bald Geburtstag. Dunne will unbedingt als besondere Überraschung hinfahren. Aber Papa ist in Italien, Grossmutter hat Freundinnen eingeladen und Opas Auto, das ist kaputt. Aber Dunne ist doch schon gross, sie kann selber mit dem Zug dahinfahren. Norrköping ist ja gar nicht weit. Dunne ist gut darin, Leute rumzukriegen. Sie bettelt so lange, bis Oma schliesslich einwilligt, mit ihr zum Bahnhof geht und Dunne in den richtigen Zug setzt. Dunne kommt wohlbehalten in Norrköpng an. Nur steht da niemand am Bahnhof, es ist ganz schrecklich kalt und hört gar nicht mehr auf zu schneien. Wie Dunne zu guter Letzt wieder heimkommt und wie sie ihre liebste Freundin doch noch trifft, das ist spannend und wunderschön nachzulesen.
«Glücklich ist, wer Dunne kriegt» ist bereits der sechste Band um Dunne und ihre Freundin Ella Frida. Rose Lagercrantz (Text) und Eva Eriksson (Bilder) beweisen auch in diesem Buch, wie sehr sie sich in Kinder einfühlen können. In einer einfachen Sprache und skizzenhaften, ausdrucksstarken schwarzweiss Illustrationen erzählen sie die Geschichte dieser tiefen Freundschaft. Beim Text- und Bilderlesen kommt man Dunne, ihrem liebevollen und doch so sturen Wesen sehr nahe. Dunne weiss, was sie will, setzt sich durch, auch wenn ihre Vorhaben nicht immer von Erfolg gekrönt sind. Dies werden viele Kinder aus eigener Erfahrung kennen. Alle Bände können unabhängig voneinander gelesen werden und bei allen Bänden lohnt sich die Lektüre gleichermassen. Zum Lesen und Vorlesen für Kinder ab etwa 6 Jahren.

Rose Lagercrantz / Eva Eriksson: Glücklich ist, wer Dunne kriegt. Moritz 2018. ISBN: 978-3-89565-369-8

Rezension: Maria Riss

Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat

23.08.2018 by

Man glaubt es zwar nicht, aber ist tatsächlich so: Oma hat mit der Maus zweimal Klick! Klick! gemacht und jetzt geht das Internet nicht mehr. Oma und Opa passen heute auf die drei Kinder auf, Luisa die älteste, kann plötzlich keine Musik mehr hören, der zehnjährige Max kann keine Games mehr spielen und Tiffany, gerade mal sechs Jahre alt, versucht das Ganze irgendwie zu verstehen. Plötzlich benehmen sich alle ganz anders, als gewohnt. Mama und Papa kommen viel früher heim und als es klingelt, steht da ein völlig verstörter Pizzabote vor der Tür, der sich ohne Navi-App verlaufen hat. Das passt gar nicht schlecht, Hunger hat mittlerweile nämlich die ganze Familie. Und als Opa sein altes Kofferradio hervorsucht, ein Relikt, das die Kinder noch nie gesehen haben, können sie alle die Nachrichten und sogar Musik hören. Und sie erfahren, dass das Internet tatsächlich auf der ganzen Welt wegen Omas Klick! Klick! kaputt gegangen ist. Obwohl Oma sich deswegen sehr schämt, wird dieser Abend einmalig schön. Tiffany findet es fast ein bisschen schade, als spätabends ein IT-Techniker klingelt, zum Computer marschiert und den Schaden behebt.
Marc-Uwe Kling ist Kabarettist, vielleicht ist dies der Grund, dass dieses Buch so überaus lustig zu lesen ist. Er erzählt das ganze Drama aus der Sicht der kleinen Tiffany, die irgendwie versucht zu verstehen, was das Internet eigentlich ist. Es ist gut, dass in Büchern so vieles möglich ist und dass man bei dieser Geschichte selber zu überlegen beginnt, wie das Leben ohne Computer überhaupt noch funktionieren würde. Das vorliegende Buch bringt nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene mit Sicherheit zum Lachen. Ein «Gute-Laune-Buch» also, zum Lesen oder Vorlesen für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-51679-4
Rezension: Maria Riss