Archive for the ‘ 08 Vorlesebücher ’ Category

Ben Guterson: Winterhaus

05.10.2018 by

Die elfjährige Elizabeth lebt bei ihrem Onkel und ihrer Tante und hat es nicht eben leicht. Onkel und Tante sind sehr streng, kümmern sich überhaupt nicht um das Mädchen und sitzen eigentlich Tag und Nacht vor dem Fernseher. Kurz vor Weihnachten schicken die beiden das Mädchen weg. Sie soll im Hotel Winterhaus die Weihnachtsferien verbringen. Onkel und Tante wollen endlich mal ihre Ruhe haben. Elizabeth hat Angst, ganz alleine an einen ihr unbekannten Ort zu reisen. Bereits im Bus fällt ihr zudem ein unheimliches Paar auf. Beide schwarz gekleidet, beide mit einem sehr bösen, stechenden Blick. Auch diese Paar will Weihnachten im Hotel Winterhaus verbringen. Nach der Ankunft im Hotel kommt Elizabeth allerdings aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und alle Ängste sind vorerst vergessen. Im Hotel gibt es einfach alles, was man sich nur wünschen kann. Einen äusserst netten Hoteldirektor, feines Essen, ein Hallenbad, eine Rodel- und Eisbahn und am wundervollsten: eine riesige Bibliothek. Elizabeth liebt Bücher über alles. Schon am ersten Morgen freundet sie sich mit Freddy an, einem Jungen in ihrem Alter, der ebenfalls alleine im Hotel wohnt. Alles wäre wunderbar, gäbe es nicht dieses Paar, das Elizabeth die ganze Zeit zu beobachten scheint und all diese seltsamen Dinge, die Elizabeth im Hotel beobachtet. Bücher, die sich bewegen, eine Lampe, die grundlos zerbricht, ein Türfalle, die glühend heiss wird oder ein rotes Licht, dass manchmal in der Nacht durch die Bibliothek irrt. Da muss Magie im Spiel sein, eine alte Legende scheint das wunderbare Hotel zu bedrohen. Da ist es gut, dass Elizabeth eine so geniale Rätsellöserin ist und dass sie, zusammen mit Freddy, diesen bedrohenden Geisterwesen auf die Spur kommt.
Ben Guterson hat ein wunderbares und spannendes Buch geschrieben mit zwei Kinderhelden, die man sofort ins Herz schliesst. Und vielleicht ist es auch dieses wunderbare Hotel, in dem man am liebsten absteigen würde, das so fasziniert. Oder der alte, liebevolle Hoteldirektor, der einen stellenweise an den alten Dumbledore aus Harry Potter erinnert. Die Spannung beginnt gleich auf den ersten Seiten und bricht bis zum vorläufig guten Ende nicht ab. Die Handlung ist in kurze, übersichtliche Kapitel gegliedert, zudem gibt es im Buch immer wieder spannende Wortspiele und Rätsel, die zum Raten und Knobeln mit Sprache auffordern. Ein herrliches Lese- und Vorlesevergnügen mit vielen Bildern für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Ben Guterson: Winterhaus. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Freies Geistesleben 2018. ISBN: 978-3-7725-2891-0

Rezension: Maria Riss

Mira Gysi: Die Geiss, die alles weiss.

02.09.2018 by

Die neugierige Geiss Ina, wird wie alle Geissen im Stall jeden Tag gemolken. Sie will aber unbedingt wissen, was mit ihrer Milch passiert. Einmal steht die Stalltür offen und die Geiss kann sich auf dem Bauernhof genauer umsehen. Sie folgt Herrn Schmaus, der Maus, und entdeckt, wie die Milch zu Käse verarbeitet wird. Kater Anton erzählt ihr, wie Würste gemacht werden und dass diese nachher geräuchert werden. Doch Ina interessieren vor allem die Delikatessen, die im Gemüsegarten der Bäuerin wachsen: Karotten und knackiger Salat. Mit vollem Bauch erzählt sie den anderen Geissen, was mit der Milch passiert, wie diese zu Käse wird und wie Wurst und Salat auf dem Tisch der Familie landen. Mit den holzschnittartigen farbigen Illustrationen und kurzen Dialogen eignet sich das Bilderbuch hervorragend zum Vorlesen und Staunen ab 4 Jahren.
Mira Gysi wohnt mit Mann, Kind, Milchziegen und Mutterkühen auf einem abgelegenen Bauernhof oberhalb von Trub im Emmental. In diesem humorvollen Sachbilderbuch, ihrem Erstlingswerk, erklärt sie kleinen Kindern in wunderschönen Bildern, woher das Essen kommt.

Mira Gysi: Die Geiss, die alles weiss. NordSüd Verlag, 2018. ISBN: 978-3-314-10426-8

Rezension: Almut Hansen

Alex Bell: Der Polarbären Entdeckerclub, Reise ins Eisland

02.09.2018 by

Stella darf als erstes Mädchen an einer Forschungsexpedition teilnehmen. Bisher war dies ausschliesslich Jungen vorbehalten. Aber Felix, ihr Ziehvater, setzt sich für sie ein, Stella ist ja wirklich ein ausgesprochen mutiges Mädchen. Bald schon bricht das Forschungsteam ins Eisland auf. Gleichzeitig ist aber auch eine zweite Forschungstruppe unterwegs, diese wollen ebenfalls die Geheimnisse des Eislandes lüften. Da ist es gut, dass alle Entdeckerclubs strenge Regeln haben, das erleichtert das Zusammenleben und die beiden Trupps machen sich gemeinsam auf den Weg. Stella teilt mit drei jungen Forschern einen Schlitten, der von Wölfen gezogen wird. Schon am ersten Morgen auf Eisland passiert das Unglück: Die Wölfe erschrecken und brennen durch. So schnell, dass die Eisbrücke hinter ihnen über dem tiefen Tal zusammenbricht. Die jungen Forscher sind ab sofort auf sich alleine gestellt. Das ist nicht eben einfach und gibt zuerst einmal Streit: Ethan ist eingebildet und weiss alles immer besser. Stella kennt ihre Eltern nicht und wurde von ihrem Ziehvater ziemlich verwöhnt. Beanie ist zwar überaus klug, er kann sich einfach alles merken, ist dafür aber so kontaktscheu, dass er bisher zu keiner Freundschaft fähig war. Und schliesslich ist da noch Shay, der unbedingt das Kommando übernehmen will. Zum Streiten bleibt allerdings wenig Zeit und mit jedem Abenteuer, das die vier bestehen müssen, kommen sie sich näher. Und es sind wahrlich gefährliche Abenteuer! Da gibt es Yetis, die fast so gross wie Häuser sind, da gibt es Frostelfen, bei deren Biss die Glieder abfrieren oder fleischfressende Kohlköpfe. Und da gibt es Einhörner und böse Trolle. All diese Gefahren können die vier nur bestehen, wenn sie einander vertrauen und das lernen sie immer besser. Und so kommt es, dass die jungen Entdecker mehr oder weniger wohlbehalten zurückfinden und vom Präsidenten und allen erwachsenen Entdeckern gebührend gefeiert werden.
Das Buch fasziniert auf vielfältige Weise. Die jungen Entdecker sind alle vier keine Übermenschen, sie haben ihre Sorgen und Nöte und lernen auch, darüber offen zu sprechen. Das Buch eignet sich nicht nur für eher leseschwache Fantasy-Liebhaber, sondern auch hervorragend zum Vorlesen. Der Plot wird linear erzählt und jedes Kapitel beschreibt eines der Abenteuer, so dass man leicht Pausen einschalten kann. Ein wirklich fantastischer Lesespass für Kinder ab etwa 11 Jahren.
Bereits im nächsten Jahr wird ein zweiter Band erscheinen.

Alex Bell: Der Polarbären Entdeckerclub, Reise ins Eisland. Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt. Sauerländer im Fischer Verlag 2018. ISBN: 978 3 7373 5498 1
Rezension: Maria Riss

Alex Rühel: Zippel, das wirklich wahre Schlossgespenst

02.09.2018 by

Zippel, das kleine Gespenst, wohnt in einem Schloss, nämlich im alten Türschloss von Paul und seinen Eltern. Natürlich wissen die Eltern nichts von ihrem ungewöhnlichen Mitbewohner, Paul allerdings hat Bekanntschaft gemacht mit diesem lustigen, aber ziemlich eigensinnigen Gespenst. Paul und Zippel, die freunden sich auch gleich bei der ersten Begegnung an. Nun soll aber, wie in allen anderen Wohnungen in diesem Altbau, das Wohnungsschloss ersetzt werden. «Mit diesen alten Dingern fordert man Einbrecher ja gerade dazu heraus, ihr Handwerk auszuüben», meint der Hausmeister. Klar, dass Zippel Panik schiebt und ebenfalls klar, dass Paul so schnell wie möglich eine Lösung finden muss. Aber alte Schlösser, die sind rar und die Rettung des kleinen Gespensts gestaltet sich ziemlich schwierig. Natürlich kommt zu schliesslich alles gut. Im Haus wohnt nämlich die alte Frau Wilhelm, die hat Erfahrungen mit solchen Schlossgespenstern und sie besitzt eine recht grosse Sammlung antiker Türschlösser.
Alex Rühel hat ein witziges Buch geschrieben, dass durchaus mehr erzählt als gängige Spukbücher. Das Besondere daran: Es gibt immer wieder Verstehensprobleme und Missverständnisse, weil Zippel vieles nicht kennt und vor allem unsere Sprache wörtlich nimmt. Man kann sich mit der Lektüre dieses Buch also nicht nur ganz wunderbar unterhalten, sondern auch über die Bedeutung und Schreibweise von Wörtern nachdenken. Die gar nicht gruselige, dafür umso spannendere Gespenstergeschichte eignet sich sehr gut zum Vorlesen für Kinder ab etwa 6 Jahren. Zum Selberlesen ab 8.

Alex Rühel: Zippel, das wirklich wahre Schlossgespenst. dtv 2018. ISBN: 978-3-423-76234-2

Rezension: Maria Riss

 

Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat

23.08.2018 by

Man glaubt es zwar nicht, aber ist tatsächlich so: Oma hat mit der Maus zweimal Klick! Klick! gemacht und jetzt geht das Internet nicht mehr. Oma und Opa passen heute auf die drei Kinder auf, Luisa die älteste, kann plötzlich keine Musik mehr hören, der zehnjährige Max kann keine Games mehr spielen und Tiffany, gerade mal sechs Jahre alt, versucht das Ganze irgendwie zu verstehen. Plötzlich benehmen sich alle ganz anders, als gewohnt. Mama und Papa kommen viel früher heim und als es klingelt, steht da ein völlig verstörter Pizzabote vor der Tür, der sich ohne Navi-App verlaufen hat. Das passt gar nicht schlecht, Hunger hat mittlerweile nämlich die ganze Familie. Und als Opa sein altes Kofferradio hervorsucht, ein Relikt, das die Kinder noch nie gesehen haben, können sie alle die Nachrichten und sogar Musik hören. Und sie erfahren, dass das Internet tatsächlich auf der ganzen Welt wegen Omas Klick! Klick! kaputt gegangen ist. Obwohl Oma sich deswegen sehr schämt, wird dieser Abend einmalig schön. Tiffany findet es fast ein bisschen schade, als spätabends ein IT-Techniker klingelt, zum Computer marschiert und den Schaden behebt.
Marc-Uwe Kling ist Kabarettist, vielleicht ist dies der Grund, dass dieses Buch so überaus lustig zu lesen ist. Er erzählt das ganze Drama aus der Sicht der kleinen Tiffany, die irgendwie versucht zu verstehen, was das Internet eigentlich ist. Es ist gut, dass in Büchern so vieles möglich ist und dass man bei dieser Geschichte selber zu überlegen beginnt, wie das Leben ohne Computer überhaupt noch funktionieren würde. Das vorliegende Buch bringt nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene mit Sicherheit zum Lachen. Ein «Gute-Laune-Buch» also, zum Lesen oder Vorlesen für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-51679-4
Rezension: Maria Riss

Silke Lambeck: Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich

23.08.2018 by

Matti und Otto, die beiden sind ganz dicke Freunde und halten zusammen wie Pech und Schwefel. Beide besuchen die gleiche Klasse. An diesem Morgen ist der Musikunterricht richtig spannend, denn die Musiklehrerin zeigt der Klasse einen Youtube – Film. Er zeigt einen Rap von Bruda Berlin. Bruda Berlin heisst mit richtigem Namen Mahmoud, ist dreizehn Jahre alt und hat das Video selbst produziert. Echt cool ist das. Nun erhält die Klasse den Auftrag, in Gruppen selbst einen Rap zu erfinden. Matti und Otto sind sich einig, sie wollen eine Art Gangstarap aufnehmen. Aber wie kann man das, wenn man selber ganz brav und wohlerzogen ist? Die beiden beschliessen, als erstes, wilder und frecher zu werden.
Zu Beginn wollen sie Hotte Zimmermann, den stets schlecht gelaunten Kioskbetreiber an der Ecke mit einem Rap einfach nur ärgern. Aber dann bekommen sie mit, wie dieser alte Mann von Immoblienheinis bedroht und erpresst wird. Jetzt gilt es zu handeln. Einerseits wollen Matti und Otto, dass der Kiosk mit all den verlockenden ungesunden Süssigkeiten erhalten bleibt und andrerseits tut ihnen der alte Mann trotz allem leid. Die beiden wagen sich ins gefährliche Viertel Neukölln vor, um von Bruda Berlin Hilfe zu bekommen. Ganz schön spannend wird das Ganze und von «brav» kann bald überhaupt keine Rede mehr sein. Wie die beiden es schaffen, nicht nur den Kiosk zu erhalten, sondern einen wirklich coolen Rap zu drehen, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten, es lohnt sich aber auf jeden Fall diese turbulente Geschichte nachzulesen.
Matti erzählt diese Geschichte aus seiner kindlichen Perspektive und führt so Leserinnen und Leser ganz nah ans Geschehen. Wunderbar ist es der Autorin zudem gelungen, die verschiedenen Milieus auf eine humorvolle, leicht ironisierende Art und Weise zu beschreiben. Da sind auf der einen Seite diese beiden wohlbehütenden Jungs, die vor allem von ihren Müttern auf jede nur denkbare Art gefördert werden. Auf der anderen Seite ist diese arabische Grossfamilie von Mahmoud, wo Otto und Matti überaus nett empfangen werden (die Männer dort sehen zwar wie Gangster aus, sind aber Lehrer oder Sozialarbeiter). So müssen gute Kinderbücher geschrieben sein: spannend, humorvoll, in einer einfachen, aber gestalteten Sprache, übersichtlich gegliedert und mit vielen Bildern versehen. Zum Vorlesen oder Selberlesen für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Silke Lambeck: Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich.Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5625-3
Rezension: Maria Riss

Ramona Badescu/ Amélie Jackowski: Die Ameise und der Bär

23.08.2018 by

Der kleinen Ameise passiert das, was unter Ameisen zum Allerschlimmsten gehört: Sie hat verschlafen. Völlig ausser sich rennt sie los und stolpert im dichten Nebel mit einem grossen Bären zusammen. Bär ist auf dem Weg zum Ukulele-Unterricht und dieser Unfall tut ihm schrecklich leid. Den Unterricht lässt er natürlich sausen, man muss im Leben Prioritäten setzten und diese kleine Ameise ist verletzt und muss sofort versorgt werden. Äusserst vorsichtig bringt er die Ameise in seine Höhle, deckt sie zu, kocht ihr Tee. Bald kommt Eichhörnchen zu Besuch. Eichhörnchen besteht darauf, Doktor Uhu zu rufen. Bär hat aber eher schlechte Erinnerungen an seinen letzten Besuch beim Doktor und wehrt sich zuerst. Und Ameise, es ist Nummer 881, will unbedingt zurück in ihren Ameisenhaufen, die Chefameise ist so was von streng. Als es Ameise aber immer schlechter geht, wird Doktor Uhu doch gerufen. Die Diagnose ist schnell gestellt: «Zweites linkes Bein gebrochen». Da helfen nur absolute Bettruhe und ein Verband aus Eukalyptusblättern. Ja, und ganz langsam gesundet Ameise und plötzlich findet sie diese Bärenhöhle ziemlich angenehm und Bär, den hat sie richtig lieb gewonnen. Bär geht es genauso, er sagt das zwar nicht in Worten, aber die Töne seiner Ukulele können dies sowieso viel besser ausdrücken.
Ameise und Bär ist ein berührendes und doch auch witziges Buch, das sich vor allem zum Vorlesen und Erzählen eignet. Die Freundschaft zwischen einer pflichtbewussten, überaus fleissigen Ameise und dem eher langsamen, tollpatschigen Bären, ist so wunderschön nachzulesen, dass man gerne ebenfalls in der Bärenhöhle Platz nehmen würde. Es ist dieser warmherzige Plot und die wunderbar feine Sprache, die dieses Buch so stimmungsvoll machen. Vieles gibt es zwischen den Zeilen und in den zarten Bildern zu erahnen und entdecken. So können schon kleine Kinder wundervolle erste literarische Erfahrungen sammeln. Zum Erzählen und Vorlesen für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Ramona Badescu/ Amélie Jackowski: Die Ameise und der Bär. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82349-6
Rezension: Maria Riss

Ute Krause: Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben

31.07.2018 by

Der neue Freund von Theos Mama heisst Martin und ist Koch. Es schmeckt einfach grauenhaft, was da nun plötzlich daheim auf den Tisch kommt und es gibt dauernd Streit. Theo hat es wirklich nicht leicht, auch in der Schule wird öfters gehänselt und gemobbt. Als Mama ihm zudem erklärt, dass er über den Sommer in ein Ferienlager soll, ist Theo richtig verzweifelt. Aber Theo ist einer, der sich nicht wirklich wehren kann. Im Lager wird es nicht besser, dauernd wird er von den andern veräppelt. Ja, und dann passiert das Wunderbarste überhaupt: Ein altes fliegendes Segelschiff landet in einer Baumkrone und ein ziemlich zerzauster Rabe überredet Theo, einzusteigen. An Bord gibt es eine Katze, eine Möwe und einen ziemlich zerstreuten kleinen Koch. Der Rabe, eigentlich Kapitän diese Schiffs, weiss, wohin Theos richtiger Vater verschwunden ist. Die Reise dahin ist allerdings sehr abenteuerlich und voll lebensbedrohender Gefahren. Theo lernt zu navigieren, ein Segelschiff zu steuern und er meistert, zusammen mit seinen neuen Freunden, alle schrecklichen Gefahren. Da gibt es Riesenkraken, da gibt es Stimmen, die Theo in Untiefen locken, da gibt es die Insel der vergessenen Kinder, deren Bewohner Theo nicht mehr gehen lassen wollen. Theo lernt auf dieser Reise überaus viel, vor allem mehr Vertrauen ins eigene Tun. Erst ganz am Schluss deckt er das Geheimnis seines Vaters auf. Sein Vater wird nicht zurückkommen, aber Theo kennt jetzt nicht nur die Wahrheit, sondern er hat erfahren, dass er sehr viel stärker ist, als er glaubte. Jetzt kann er endlich heimkehren.
Ute Krause hat ein sehr packendes Buch geschrieben, dies nicht nur wegen dem spannenden Plot, sondern auch wegen der wundervollen Zeichnungen, die aus der gleichen Feder stammen. Auf jeder Doppelseite gibt es mindestens ein farbiges, eindrückliches Bild. Kinder werden beim Lesen kaum mehr aus dem Staunen herauskommen, so unglaublich ist der Verlauf dieser Geschichte. Witzig sind dann vor allem die Figuren auf dem Schiff, allen voran Koch Smutje mit seinem ewig gleichen Menu: Möwenspiegeleier mit Bratkartoffeln. Das Buch enthält nebst der spannenden, turbulenten Handlung viele Metaphern, die wohl eher die erwachsenen Vorleserinnen und Vorleser ansprechen werden. Das Buch eignet sich sehr gut Vorlesen, wenn auch die verzwickte Handlung recht hohe Anforderungen an die Vorstellungskraft stellt. Darum ist es gut, dass all die aussagekräftigen Bilder beim Verstehen und Behalten helfen. Für Kinder ab etwa 8 Jahren.

Ute Krause: Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben. cbj 2018. ISBN: 978-3-570-17579-8
Rezension: Maria Riss

Tamara Bos: Romys Salon

31.07.2018 by

Romy ist 10 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Ort in Holland. Erst kürzlich haben sich ihre Eltern getrennt und Papa fehlt ihr sehr. Mama hat einen Job bei der Tankstelle und muss dauernd arbeiten. Romy geht nach der Schule immer zu Oma in deren Frisiersalon. Aber Oma macht es einem nicht leicht, sie gern zu haben. Oma ist Geschäftsfrau und Romy muss stundenlang alleine oben in der Wohnung sitzen. Oma ist streng und unnahbar. Aber dann
beginnt Oma sich zu verändern. Plötzlich ist sie für ziemlich verrückte Sachen zu haben, dreht dafür das Schild an der Ladentür einfach auf geschlossen. Auf einmal nimmt sie ihre Enkelin öfters in den Arm. Manchmal hat Oma Mühe mit dem Rechnen, vergisst die Türen abzuschliessen oder verlegt ihre Tageseinnahmen. Romy mag diese neue Oma viel lieber. Jetzt freut sie sich sogar, ihre freie Zeit im Salon zu verbringen, vor allem auch, weil sie nun mithelfen darf. Ohne ihre Enkelin wäre Oma ganz schön aufgeschmissen. Schliesslich drängt Mama darauf, mit Oma zum Arzt zu gehen. Die Diagnose steht schnell fest: Oma ist dement. Da helfen keine Pillen oder Therapien. Oma muss ins Pflegeheim. Romy kann sich damit nicht abfinden, zu lieb hat sie ihre Oma mittlerweile gewonnen. In letzter Zeit erzählt Oma viel von ihrer Kindheit, vom Strand in Dänemark. Und wenn sie davon berichtet, dann lächelt Oma und manchmal rinnt ihr eine Träne über die Wange. Weil sich nie jemand die Zeit nimmt, mit ihr zu reden, muss Romy handeln. Man darf Oma doch nicht einfach wegsperren. Sie packt ihren Rucksack, leert ihre Spardose und holt Oma aus dem Heim. Oma soll noch einmal diesen Strand sehen, koste es was es wolle. Erst als Romys Eltern ihre Tochter nach dieser abenteuerlichen Flucht wieder in ihre Arme schliessen, hören die Eltern endlich zu. Und Romy wird bewusst, dass Veränderungen nicht immer schön sind, aber dass sie zum Leben dazu gehören.
Tamara Bos beherrscht ihr Metier, das beweist sie mit dieser wunderschön feinfühligen Geschichte einmal mehr. Romy erzählt das Geschehen in einer einfachen und doch präzisen Sprache aus ihrer Perspektive. Man kommt der so mutigen Zehnjährigen sehr nahe und man gewinnt, gemeinsam mit Romy, diese altersschwache Oma lieb. Obwohl das Thema ja im Grunde sehr traurig ist, kann man beim Lesen auch immer wieder lächeln und man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen und richtet sich an Kinder ab etwa 10 Jahren.
Die Autorin hat zu dieser Geschichte auch gleich ein Drehbuch verfasst, der Film wird noch in diesem Jahr produziert.

Tamara Bos: Romys Salon. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5626-0

 

Buch des Monats August 2018

31.07.2018 by

Martin Muser: Kannjawoniwasein
Kann ja wohl nicht wahr sein, was der 10-jährige Finn auf seiner Reise nach Berlin erlebt! Er wird von Papa in den Zug gesetzt, mit Fahrkarte, Handy, ein paar Broten und vielen guten Ratschlägen. Es ist ja nicht so weit nach Berlin, wo Mama Finn abholen wird. Aber schon kurz nach der Abfahrt  beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Da stiehlt ein leicht betrunkener Penner Finns Rucksack, da wird er von einem überkorrekten Schaffner aus dem Zug geworfen und der Polizei übergeben, da wird das Polizeiauto an der Ampel gerammt und da taucht plötzlich ein Mädchen auf, dass ihn überredet, die Reise nach Berlin doch besser selbständig und zusammen mit ihr unter die Füsse zu nehmen. Klar, dass dies für beide zu einem richtigen Abenteuer wird. Die beiden kapern einen Traktor, übernachten auf einem Jägersitz, jagen den Rucksackdieb und werden schliesslich von einer Rockergang in voller Montur und auf riesigen Motorrädern an ihr Ziel gebracht. Das alles nachzulesen ist nicht nur sehr spannend, sondern macht auch grossen Spass. Und lehrreich ist die Lektüre zudem, man lernt ein bisschen berlinerisch und dänisch, und man erfährt, dass es im Leben Momente gibt, in denen man einfach all seinen Mut zusammen nehmen muss. Man muss davonlaufen beispielsweise, auch wenn man erst 10 Jahre alt ist.
Martin Muser hat ein in jeder Beziehung tolles erstes Kinderbuch geschrieben. Spannend von der ersten Seite an, ein bisschen schräg und voll von unerwarteten Wendungen. Die verrückte Story ist zudem so gegliedert, dass man das Lesen auch mal unterbrechen kann und ist für Mädchen wie Jungen überaus attraktiv. Ein ideales Vorlesebuch also für alle, die spannende, nicht ganz so brave Kinder und Bücher lieben. Zum Selberlesen ab etwa 10 Jahren.

Martin Muser: Kannjawoniwasein. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-55375-1

Rezension: Maria Riss