Archive for the ‘ 08 Vorlesebücher ’ Category

Buch des Monats Mai 2017

04.05.2017 by

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande.

missiDie Geschichte beginnt in den Südstaaten von Amerika und spielt am Ende des 19. Jahrhunderts. Vier Kinder aus völlig verschiedenen Milieus haben in den Sümpfen heimlich eine Hütte gebaut und verbringen dort ihre ganze Freizeit. Beim Angeln passiert es: Sie fischen aus dem Fluss eine alte Dose mit drei Dollar drin. Die drei bestellen sich mit dem Geld beim Versandhauskatalog eine Pistole, mit passender Munition versteht sich. Als das Paket endlich eintrifft, finden sie darin aber bloss eine alte Uhr. Bald erfahren die vier, dass diese Uhr ein Vermögen wert ist, denn die Falschlieferung wird im ganzen Land gesucht. Wenn diese alte Uhr tatsächlich mehrere tausend Dollar wert ist, dann wollen die vier auch etwas davon abkriegen. Dafür muss man die Uhr aber in Chicago vorbeibringen. Also beschliessen die vier, nach Norden abzuhauen.
Diese Reise durch ganz Amerika wird für die Kinder abenteuerlich und gefährlich, zumal sie kaum Geld besitzen. Zuerst fahren sie in ihrem selbstgebauten Einbaum nach New Orleans, dann mit dem Raddampfer den Mississippi hoch, später als blinde Passagiere im Zug weiter gen Norden. Sie werden überfallen, fahren zum ersten Mal mit einem Tram, staunen über Automobile, erfahren, da der jüngste von allen schwarz ist, wie verbreitet der Rassismus in bestimmten Gegenden noch immer ist und erleben auch öfters, wie hilfsbereit Menschen sein können. Ja und am Schluss, nachdem sie sogar einen Mord aufgeklärt haben, da werden die vier doch tatsächlich steinreich.
Der italienische Autor Davide Morosinotto hat ein ganz wunderbares Abenteuerbuch geschrieben: Eine überaus packende Handlung mit vielen, unvorhersehbaren Wendungen, schrägen Typen, fernen Schauplätzen und Hauptfiguren, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Und vor allem am Anfang hat man beim Lesen das Gefühl, Huckleberry Finn tauche nächstens hinter einer Hausecke auf. Besonders faszinierend sind zudem die vielen Einblicke in das Leben jener Zeit: der technische Fortschritt, das schwierige Leben der Farmer, der für alle Beteiligten schreckliche Aufenthalt in einem Gefängnis. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, jede der Hauptfiguren berichtet von einem Teil der gefährlichen Reise. Dadurch wird die Verschiedenartigkeit der vier Abenteurer spürbar. Diese spannende Art von Road Movie wird Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren, Mädchen wie Jungen, mit Sicherheit begeistern. Das Buch eignet sich zudem dank der klaren Gliederung auch hervorragend zum Vorlesen.

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18455-8

Rezension: Maria Riss

 

Anu Stohner: Die kleine Schusselhexe greift ein

28.04.2017 by

hexeWer die kleine Schusselhexe kennt, weiss, dass sie mit ihren 99 Jahren noch sehr jung ist, und dass sie vielleicht deshalb die Zauberreime ziemlich oft vermasselt. Nein, Sprüche behalten, das ist nicht ihre Stärke. Aber dafür ist die kleine Hexe mutig und hilfsbereit, das vor allem. Diesmal kommt ein ziemlich griesgrämiger Igel vorbei, der dringend Hilfe benötigt. Von weit her kommt dieser Igel, dort wo der Wald ganz dicht ist und sehr viele Waldtiere leben. Nun sind aber all diese Tiere in Gefahr, weil mitten durch den Wald eine Strasse gebaut wurde. Alle diese riesigen Autos sind einfach lebensgefährlich und einen Lärm machen die, dass es kaum mehr auszuhalten ist. Sogleich setzt sich die kleine Schusselhexe, zusammen mit ihrem blauen Hasen und dem Igel, auf ihren krummen Besen und zischt los. Sie wird von den vielen Waldtieren begeistert empfangen und beginnt auch sofort, einen passenden Zauberreim aufzusagen. Natürlich geht das zuerst einmal schief und auch der zweite Versuch bringt keinen Erfolg. Erst beim dritten Anlauf gelingt ihr ein wahrlich verrückter, aber wirksamer Zauber. Wohin um alles in der Welt die kleine Hexe die vielen Autos aber gezaubert hat, das soll hier noch nicht verraten werden.
Die kleine Schusselhexe ist eine Buchfigur, mit der sich wohl alle Kinder gut identifizieren können. Viele werden sie zudem schon aus den drei bereits erschienenen Bilderbüchern kennen. Der vorliegende Band ist als Vorlesebuch konzipiert, die einzelnen Kapitel haben alle einen eigenen kleinen Spannungsbogen, so dass sich die Lektüre gut unterbrechen lässt. Zusammen mit der kleinen Hexe passende Reimwörter zu suchen, das wird Kinder zusätzlich faszinieren. Die wunderbaren Farbbilder von Henrike Wilson helfen beim Imaginieren und ergänzen diese lustige und durchaus auch spannende Geschichte ganz wunderbar. Zum Vorlesen für Kinder ab etwa 5 Jahren. Zum Selberlesen ab 8 Jahren.

Anu Stohner: Die kleine Schusselhexe greift ein. Mit Bildern von Henrike Wilson. dtv, Reihe Hanser 2017. ISBN: 978-3-423-64030-5

Rezension: Maria Riss

Ulf Stark/Eva Eriksson: Das grosse Fest im Häschenwald

28.04.2017 by

haseEndlich ist Frühling. Endlich kann die Kaninchenfamilie wieder hinaus, um frische Kräuter zu fressen und die warme Sonne zu geniessen. Im Frühling wachen nicht nur Tiere und Pflanzen auf, der Frühling weckt oft auch ganz besondere Gefühle. Dem Kaninchenmädchen Nina geht das nicht anders. Als sie den Kaninchenjungen Anton zum ersten Mal sieht, da klopft ihr Herz wie wild und es kitzelt im Bauch auf neue, wundersame Weise. Anton scheint es nicht anders zu ergehen, am liebsten würde er die ganze Zeit mit Nina zusammen sein. Das sieht Papa Kaninchen allerdings anders und gar nicht gern. Ein dahergelaufener Nichtsnutz ist doch dieser Anton, will ihm seine geliebte Tochter wegnehmen. Aber dann bricht ein schreckliches Unwetter aus, alle Kaninchen rennen um ihr Leben und finden schliesslich beim Hauswichtel Grantel Zuflucht. Als alle beisammen in der warmen Stube hocken, merken sie, dass ein Kaninchen fehlt: Anton ist verschwunden! Gleich machen sich alle auf die Suche und finden schliesslich das bewusstlose Kaninchen unter einem Dornenbusch. Anton wollte um alles in der Welt den geliebten Hut von Papa Kaninchen aus den Wassermassen retten. Es ist nicht nur dem Kräuterwissen des alten Hauswichtels zu verdanken, dass Anton wieder gesund wird. Es ist vor allem auch die Tatsache, dass Nina die ganze Zeit neben seinem Bett sitzt, dass sie ihm immer wieder versichert, wie gern sie ihn mag. Und so wird im Wald schon bald nicht nur Mittsommer, sondern auch eine grosse Hochzeit gefeiert.
Ulf Stark hat eine wunderbare Geschichte geschrieben, die sich zwar in einer sehr heilen Welt abspielt, die aber in einer sehr treffenden Sprache von wesentlichen menschlichen Gefühlen erzählt: Von der Liebe natürlich, aber auch vom Loslassen, vom Abschied nehmen, von Mut und gegenseitigem Respekt. Der spannende Plot und die zarten, aussagekräftigen Bilder von Eva Eriksson tragen dazu bei, dass Kinder diese Geschichte mit Sicherheit lieben werden. Und zwischendurch tut ein bisschen heile Wald-Welt doch auch einfach gut. Die Geschichte ist in kurze Kapitel gegliedert und eignet sich auch deshalb hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Ulf Stark/Eva Eriksson: Das grosse Fest im Häschenwald. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Oetinger 2017. ISBN: 978-3-7891-0491-6

Rezension: Maria Riss

Sigrid Zeevaert: Emma ist doch eben ein Glückskind

28.04.2017 by

46431709zEmma geht in die zweite Klasse. Emma hat zwei kleine Brüder, eine Schwester, sie hat eine Mama und einen Papa und sie hat einen kleinen Hund, Wuschel. Emma geht es sehr gut, vor allem auch deshalb, weil sie seit neustem einen Freund hat. Paul kommt jeden Nachmittag vorbei, und dann gehen die beiden mit Wuschel spazieren. Paul, der wünscht sich ja nichts sehnlicher, als selber einen Hund zu haben. Manchmal machen sie lustige Dinge, die beiden, laufen rückwärts oder klettern um die Wette. Als Emma von Paul eine Halskette mit Glitzerherz bekommt, ist ihr Glück kaum zu überbieten. Paul und Emma wollen heiraten, das versprechen sie sich an diesem Tag. Aber dann, ein paar Tage später, wartet Paul nicht an der Hausecke, um mit Emma in die Schule zu gehen und am Nachmittag, da hat er bereits mit seinen Freunden abgemacht, um Fussball zu spielen. Emma wird so traurig, dass sie ständig heulen muss. Da ist es gut, eine ältere Schwester zu haben, die Rat weiss. Jungen sind manchmal so, meint sie, aber dann hört das auch wieder auf. Und bald schon ist es auch bei Paul so. Er verspricht Emma, immer ein guter Freund für sie zu bleiben und das mit dem Heiraten, das wird sich sicher geben, später, wenn beide gross sind.

Sigrid Zeevaert hat eine Geschichte geschrieben, in der sich wohl alle Leserinnen und Leser wiederfinden werden, ganz egal wie alt sie sind. Es geht um Liebe, um Nähe und Distanz, es geht um Abgrenzung, um Freundschaft und Neid. Die Autorin beschreibt Emmas Gefühlsdurcheinander in einer einfachen, aber treffenden Sprache, die schon ganz kleine Kinder verstehen werden. Die gute Gliederung des Inhalts und die grosse Nähe zu dem, was Kinder bestens kennen, machen dieses Buch zu einem idealen Vorlesebuch für Kinder ab etwa 5 Jahren.

Sigrid Zeevaert: Emma ist doch eben ein Glückskind. Mit farbigen Bildern von Sabine Büchner. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-18431-1

Rezension: Maria Riss

Håkon Øvreås: Super Matze

19.04.2017 by

matzeMatze, Bruno und Laura leben in einem kleinen Dorf in Norwegen. Am liebsten verbringen sie ihre Zeit mit Spionieren. Obwohl das Dorf so klein ist, gibt es immer wieder merkwürdige und spannende Sachen. Da sind die neuen Bewohner der früheren Bäckerei mit diesem seltsamen Mädchen, das meistens nur böse aus dem Fenster guckt, oder der Bürgermeister, der mit seinem preisgekrönten Huhn für die Zeitung posiert. Einmal in die Zeitung kommen, das möchte Matze fürs Leben gern, damit könnte er auch dieses Mädchen beeindrucken. Vielleicht klappt das ja, wenn man beispielsweise ein preisgekröntes Huhn verschwinden lässt und es anschliessend dem sicher verzweifelten Bürgermeister zurückbringt? Es ist gut, dass Matze einen schwarzen Superhelden-Anzug hat. Den zieht er sich in dieser Nacht über und klaut das Huhn des Bürgermeisters. Matze versteckt das Tier in Omas Schuppen. Dummerweise wird Matze aber am nächsten Tag so krank, dass er im Bett bleiben muss. Als er endlich wieder aus dem Haus darf, ist das Huhn aus Omas Schuppen verschwunden. Jemand muss das Huhn geklaut haben. Jetzt können nur noch seine Freunde helfen. Wie die drei dieses wunderschöne Huhn wiederfinden und ob es Matze tatsächlich in die Zeitung schafft, das soll noch nicht verraten werden. Denn all dies selber nachzulesen, das macht riesengrossen Spass.
Die Geschichte ist ganz nah an der Alltagswelt von Kindern. Es geht um Abenteuerlust, um das Ausreizen von Regeln, es geht um Mut und das neu erwachte Interesse am anderen Geschlecht. Autor und Illustrator beherrschen die Kunst des Weglassens grandios. Vieles ist nur angetönt, aber in Bild und Text so dargestellt, dass man sich das Geschehen wunderbar vorstellen kann. Wer sich als Erwachsener gut an die eigene Kindheit erinnern kann, wird Laura, Bruno und Matze lieb gewinnen und sich im kleinen Dorf, mit den oft etwas schrägen Bewohnern, bald heimisch fühlen. Zu Recht wurde das erste Buch über diese drei Freunde mit dem LUCHS-Preis von Radio Bremen und der «Zeit» ausgezeichnet. Für Kinder ab etwa 10 Jahren und Erwachsene.

Håkon Øvreås: Super Matze. Mit Illustrationen von Øyvind Torseter. Aus dem Norwegischen von Angelika Kutsch. Hanser 2017. ISBN: 978-3-446-25485-5

Rezension: Maria Riss

Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders

23.03.2017 by

salamiAlles beginnt damit, dass die zwölfjährige Hani Samali (nicht Salami) mit einem scharfen Tomatenmesser eine Bank überfällt. Natürlich wird sie sofort festgenommen. Sie kommt aber nicht ins Gefängnis, wie sie sich das gewünscht hat, nein, sie landet beim Jugendamt. Dort schweigt Hani verbissen. Aber Mira, die nette Frau dort, die lässt nicht locker, die nimmt Hani ernst. Sie bringt das Mädchen erstmal heim. An den folgenden Tagen trifft sie sich aber immer wieder mit Hani und gewinnt deren Vertrauen. Und so kommt schliesslich alles heraus: Hanis Vater hat einen Friseursalon, die Mutter ist seit ein paar Wochen verschwunden. Hani versorgt nicht nur ihren kleinen Bruder liebevoll, sie hilft auch im Salon, putzt dort und kocht Tee für die Kundschaft. Hani hat nun aber herausgefunden, dass ihre Mutter nicht einfach verreist ist, sondern im Gefängnis sitzt. Und dies alles, weil ihr autoritärer Onkel krumme Geschäfte macht. Hani ist ein starkes Mädchen und Hani schmiedet nach dem missglückten Banküberfall einen andern, ziemlich verrückten Plan. Gottlob hilft ihr Mira dabei und so kommt zu guter Letzt doch noch fast alles gut.
«Salon Salami» ist das erste Kinderbuch des Autors, der nebst dem Schreiben an einer Schule in Neukölln unterrichtet. Mit der Geschichte der mutigen Hani ist ihm gleich ein kleiner Wurf geglückt. Der Plot ist spannend, etwas schräg vielleicht, aber auch überaus berührend. Hani ist eine Protagonistin, mit der man gerne befreundet sein würde. In ihr stecken so viel Willenskraft, Engagement und Einfallsreichtum. Überzeugend ist Benjamin Tienti auch die Schilderung des Milieus geglückt, eine Strasse, mit vorwiegend türkischen Läden und Familien. Hier hilft man sich gegenseitig, hier weiss man fast alles voneinander, das ist einerseits gut und gibt Halt, anderseits gelten hier aber auch sehr strenge Hierarchien und ganz klare Regeln, wie man miteinander umzugehen hat. Und Hanis Verhaltensweisen passen da nicht immer ganz dazu. Ein spannendes Lesevergnügen für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0047-8

Rezension: Maria Riss

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert

13.01.2017 by

wir_beide_wussten_es_war_was_passiertBilly geht weg, schnell und möglichst weit. Heimlich, als blinder Passagier im Güterwagen. Mit seinem ständig betrunkenen Vater zu leben, das schafft er einfach nicht mehr. Billy erreicht mit dem Zug eine andere Stadt. Billy weiss, wie man sich durchschlagen kann und findet in einem alten Bahnwagon ein vorläufiges Zuhause. Tagsüber verbringt er die meiste Zeit in der Bibliothek. Er mag es zu lesen, Neues zu erfahren und fremde Erfahrungen lesend zu teilen. Bei MacDonald, wo er die Essensreste anderer isst, trifft er Caitlin. Sie ist etwa gleich alt, geht aufs College und putzt hier, um eigenes Geld zu verdienen. Wenn Caitlin auftaucht, wird Billy nervös. Wenn Caitlin Billy sieht, stolpert sie öfters über ihren Wischmop. Wenn die beiden miteinander reden, tut sich für beide eine neue Welt auf. Durch einen wunderbaren Zufall kommt Billy zu einem alten Haus, das er in Ordnung halten muss und dafür bewohnen darf. Billy hat nicht nur eine wunderbare Freundin und erste Liebe gefunden, sondern ist sich auch selber ein Stück weit näher gekommen.

Das ganze Buch ist in einer Art Gedichtform verfasst, in einer einfachen und doch poetischen Sprache, leicht lesbar an der Oberfläche und mit Details, die zwischen den Zeilen stehen. Caitlin und Billy kommen beide zu Wort und berichten vom Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Plot ist vielleicht ein bisschen gar rosa gefärbt, wirkt aber an keiner Stelle kitschig. Das Buch eignet sich sehr gut, um Jugendlichen Erfahrungen mit literarischen Texten zu ermöglichen. Hier können sie, leicht zugänglich, Metaphern deuten und sich dank der bildhaften Sprache in die Figuren hineindenken. Eine dichte und doch leicht lesbare Lektüre, die viele Jugendliche faszinieren wird.

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war passiert. Thienemann 2016. ISBN: 978-3-522-20219-0

Rezension: Maria Riss

 

Andreas Steinhöfel: Dirk und ich

14.11.2016 by

dirkKindheitsgeschichten
Endlich ist das allererste Buch von Andreas Steinhöfel wieder neu herausgekommen! Zwei Geschichten sind sogar neu in diesem Band. Dirk und Andreas, das sind die Brüder Steinhöfel, denen immer wieder ganz viele lustige Sachen in den Sinn kommen. Die Geschichten erzählen von der offensichtlich recht abenteuerlichen Kindheit der beiden. Jedes Kapitel erzählt eine in sich abgeschlossene Lausbubengeschichte. Kaum zu glauben, wie einfallsreich, witzig und frech diese beiden Bengel waren, wie chaotisch es in dieser Familie zu und her ging. Es geht an allen Streichgeschichten immer wieder um Geheimnisse, vor allem um solche, die Erwachsene nicht wissen dürfen. Kinder werden dieses Buch lieben, aber auch erwachsene Vorleser und Vorleserinnen kommen nicht zu kurz: Wie kaum ein anderer versteht es der Autor humorvoll, locker und leicht zu erzählen und man spürt immer wieder, wie nah er seinen kindlichen Helden ist. Dies alles ist gewürzt mit ein bisschen Poesie, ganz wunderbaren Wortspielen und fantastischen Bildern von Peter Schössow.
Im Nachwort schreibt Andreas Steinhöfel: Damit Geschichten spannend und lustig sind, muss man manchmal ein bisschen «dazuerfinden», ein Kern von Wahrheit steckt aber in jeder dieser Erzählungen. Die einzelnen Geschichten lassen sich unabhängig voneinander lesen. Ein Gute-Laune-Buch für Kinder ab 9 Jahren, zum Vorlesen auch für jüngere Kinder.

Andreas Steinhöfel: Dirk und ich. Carlsen, Neuausgabe 2016. ISBN: 978-3-551-55365-2

Rezension: Maria Riss

 

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens

14.11.2016 by

casparCaspars Eltern sind Puppenspieler, erfolgreiche und weltbekannte Künstler. Caspar ist besonders begabt im Holzschnitzen, seine ältere Schwester Gerda erfindet gerne neue Geschichten und der kleine Bruder Till, der ist einfach noch zu klein, um mitzuhelfen. Und dann am Neujahrsmorgen ist Till plötzlich verschwunden. Und nicht nur das, auch sämtliche Fotos und Erinnerungsstücke von Till sind nicht mehr auffindbar und die Eltern scheinen gar nicht mehr zu wissen, dass sie je einen kleinen Sohn hatten. Nur Caspar und Gerda vermissen Till und beginnen mit der Suche. Sie stossen dabei auf rätselhafte Spuren und einen uralten geheimen Vertrag. Till wurde wohl vom «Meister des Vergessens» geholt, der seit Jahrhunderten laut Vertrag immer wieder ein Kind als Tribut verlangt. Caspar gibt das Suchen nicht auf und gelangt schliesslich in einen alten Turm, wo der «Meister des Vergessens» Kinder gefangen hält. Kinder, denen er alle Erinnerungen gestohlen hat, Kinder, die für ihn schuften müssen. Caspar liebt seinen kleinen Bruder so sehr, dass er allen Mut zusammennimmt und sich ebenfalls gefangen nehmen lässt. In Gefangenschaft kämpft er nicht nur gegen den grusligen alten Meister, sondern auch dagegen, seine eigenen Erinnerungen zu verlieren. Natürlich wendet sich am Ende alles zum Guten, bis dahin gilt es aber sehr viele, äusserst gefährliche Abenteuer zu bestehen.
Überaus harmlos und fast idyllisch geht es am Anfang der Lektüre zu und her. Mit jeder Seite aber werden Leserinnen und Leser mehr ins Buchgeschehen hineingezogen. Ein bisschen Schaudern und Hühnerhaut gehören dazu, manchmal so, dass man zumindest bis zum Ende des Kapitels weiterlesen muss. Die Autorin hat wohl darauf geachtet, dass man am Ende jedes Kapitels zumindest ein bisschen aufatmen kann. Nebst der in einer sehr ausdrucksstarken Sprache verfassten spannenden Geschichte ist die klare Gliederung mit ein Grund, dass sich das Buch sehr gut zum Vorlesen eignet. Die Handlung erzählt vom Zusammenhalten, von manchmal nervigen Brüdern und von der Kostbarkeit unserer Erinnerungen. Für Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren.

Stefanie Taschinski: Caspar und der Meister des Vergessens. Oetinger, 2016. ISBN: 978-3-7891-0426-8

Rezension: Maria Riss

 

Hermann Schulz: Die Reise nach Ägypten

16.10.2016 by

schulzDoktor Fernando ist Arzt in einem Kinderspital in einem Armenviertel in Nicaragua. Doktor Fernando ist nicht nur ein sehr guter Arzt, der seine kleinen Patienten über alles liebt, er ist vor allem auch ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und so kommt es, dass er jedes Jahr am Weihnachtsabend alle Krankensäle des Hospitals besucht, dort seinen Patienten die Weihnachtsgeschichte erzählt und allen kleine Geschenke überreicht. Als er in diesem Jahr nach seiner Runde das Spital verlässt, steht plötzlich der kleine schwerkranke Filemon vor ihm. Filemon möchte sein Geschenk, ein T-Shirt, in eine Busfahrkarte nach Ägypten umtauschen. In Ägypten, so hat Filemon soeben vom Doktor gehört, da retten sie Kinder. Und so macht sich der alte Arzt mit dem kleinen Filemon auf, um ihn nach Ägypten zu bringen. Hoch oben auf dem Hügel über der Hauptstadt muss dieses Ägypten sein. Und dort oben passiert auch eines jener Wunder, die manchmal an Weihnachten geschehen können.
Hermann Schulz hat eine Geschichte geschrieben, die man nach der Lektüre nicht gleich wieder vergisst. Berührend, aber niemals kitschig, erzählt er von jenen Kindern, denen es nicht gut geht, deren Lebensumstände sich so sehr von den unseren unterscheiden. Ob die Geschichte wahr ist, das spielt überhaupt rein gar keine Rolle. Es geht um Beziehungen, um Vertrauen, das gegenseitige «Ernstnehmen» und um die Kraft, die sich daraus entwickeln kann. Das Buch ist wunderschön farbig illustriert und man hat es schnell gelesen, auch deshalb eignet es sich hervorragend zum Vorlesen an einem Winterabend. Für Schulkinder und Erwachsene jeden Alters.

Hermann Schulz: Die Reise nach Ägypten. dtv Hardcover, 2016. ISBN: 978-3-423-64022-0

Rezension: Maria Riss