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Buch des Monats Juli 2017

01.07.2017 by

inselSally Nicholls: Eine Insel für uns allein

Holly ist 13 Jahre alt und Vollwaise, der Vater starb, als sie sechs war, die Mutter fünf Jahre später. Sie lebt mit ihren beiden Brüdern zusammen. Jonathan, 20 Jahre, hat das Sorgerecht für Holly und das jüngste der Geschwister, den siebenjährigen Davy. Die drei sind eine eingeschworene Gemeinschaft, alle übernehmen Verantwortung füreinander. Jonathan hat sein Studium geschmissen, um Geld zu verdienen, und er denkt sich fast jeden Abend eine neue Geschichte zum Einschlafen für seine Geschwister aus. Holly sorgt dafür, dass Davy rechtzeitig zur Schule kommt und holt ihn jeden Tag auch dort wieder ab. So schaffen die drei den Alltag gar nicht mal so schlecht. Wenn nur diese ewige Sorge ums Geld nicht wäre. Und dann stirbt Tante Irene, diese stinkreiche, etwas merkwürdige alte Dame. Sie hat den Geschwistern ihren ganzen Schmuck vermacht, nur weiss niemand, wo sie diese wertvollen Stücke versteckt hat. Kurz vor ihrem Tod hat die Tante ihrer Nichte Holly ein kleines Fotoalbum mit merkwürdigen Bildern überreicht. Holly ist überzeugt, dass diese Bilder das Versteck des Schmucks verraten. Niemand will das so recht glauben und Jonathan, der ältere Bruder, schon gar nicht. Aber Holly ist hartnäckig, mit dem Schmuck wären die drei ihre finanziellen Nöte los. Sie setzt sich durch und die drei fahren mit ihrem allerletzten Geld auf eine schottische Insel. Und hier, schier am Ende der Welt, da bekommt Holly recht – manchmal, da muss man im Leben einfach ein bisschen stur sein.
Sally Nichols erzählt in einer klaren, schlichten Sprache konsequent aus der Perspektive von Holly. Holly macht sich viele Gedanken, nicht nur über das Geld und die Schmucksuche, auch darüber, was Waisenkinder von anderen unterscheidet, ab wann man erwachsen ist oder wie man die eigene Angst am besten bezwingen kann. Die Autorin hat es geschafft, eine sehr berührende Entwicklungsgeschichte mit einem überaus spannenden Abenteuerroman zu verflechten. Mit diesem Buch ist ihr ein kleines Meisterwerk geglückt, das Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen sei.

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv 2017. ISBN: 978-3-423-64028-2

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juni 2017

30.05.2017 by

ballonSimon van der Geest: Das geheime Logbuch, das magnetische Mädchen und eine fast brillante Erfindung
Aus dem Museum für «Fast Brillante Erfindungen» in einer kleinen holländischen Stadt ist ein berühmtes Logbuch gestohlen worden. Ausgerechnet die Mama des etwa 11-jährigen Ro soll es gestohlen haben. Deshalb sitzt sie nun in einem riesigen Gefängnis auf einer nahegelegenen Insel. Ros Vater hat seit der Verhaftung das kleine Haus kaum mehr verlassen. Jeden Abend  hockt er auf dem Sofa und spielt Computerspiele, pausenlos. Ro weiss, dass seine Mutter niemals etwas Unrechtes tun würde und Ro ist einer, der niemals aufgibt. Es ist gut, dass Ro seinen besten Freund Archie an seiner Seite hat. Auch Lela, mit ihrer dunklen Haut, dem ständig verschmitzten Lächeln im Gesicht und ihrer Allergie gegen Ungerechtigkeiten ist bei den vielen wichtigen Besprechungen dabei. Die drei wollen um alles in der Welt Ros Mama befreien. Dafür entwickeln sie einen absolut verrückten Plan: Einen Ballon wollen sie fertigen und damit auf die Gefängnisinsel fliegen. Das Unterfangen stellt sich allerdings als sehr viel schwieriger heraus, als sie erwartet haben. Aber als schliesslich alle Kinder aus Ros Schulklasse von dieser geheimen Mission erfahren und mithelfen, da hebt dieser Ballon in einer windstillen Mondnacht doch tatsächlich ab. Es gelingt den Kindern zwar nicht, Ros Mama zu befreien, aber ihre tollkühne Aktion löst einen solchen Wirbel aus, dass der Fall des gestohlenen Logbuchs neu recherchiert wird. Ja und zum Schluss, da kommt alles gut, sogar Papa ist aus seiner Starre erwacht, verlässt sein Sofa und wirft die Computerspiele in den Sondermüll.
Das Lesen dieses Buches macht vielleicht deshalb so grossen Spass, weil sich die Handlung haarscharf an der Grenze dessen bewegt, was überhaupt möglich ist. Um den Ballon zu fertigen, nähen die Kinder 37 Zelte aneinander und um an das nötige Helium zu kommen sind auch ein paar ziemlich gewagte Schwindeleien nötig. Der Spannungsbogen beginnt gleich auf den ersten Seiten und zieht sich bis zum überraschenden und glücklichen Ende durch. Ro erzählt diese Geschichte aus seiner Perspektive und er tut dies überaus glaubhaft. Mirjam Pressler hat das Buch übersetzt, dass sie eine Garantin für gute Lesestoffe ist, beweist sie mit dem vorliegenden Buch einmal mehr. Zum Vorlesen und Selberlesen für Kinder ab etwa 9 Jahren.

Simon van der Geest: Das geheime Logbuch, das magnetische Mädchen und eine fast brillante Erfindung. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18454-0

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Mai 2017

04.05.2017 by

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande.

missiDie Geschichte beginnt in den Südstaaten von Amerika und spielt am Ende des 19. Jahrhunderts. Vier Kinder aus völlig verschiedenen Milieus haben in den Sümpfen heimlich eine Hütte gebaut und verbringen dort ihre ganze Freizeit. Beim Angeln passiert es: Sie fischen aus dem Fluss eine alte Dose mit drei Dollar drin. Die drei bestellen sich mit dem Geld beim Versandhauskatalog eine Pistole, mit passender Munition versteht sich. Als das Paket endlich eintrifft, finden sie darin aber bloss eine alte Uhr. Bald erfahren die vier, dass diese Uhr ein Vermögen wert ist, denn die Falschlieferung wird im ganzen Land gesucht. Wenn diese alte Uhr tatsächlich mehrere tausend Dollar wert ist, dann wollen die vier auch etwas davon abkriegen. Dafür muss man die Uhr aber in Chicago vorbeibringen. Also beschliessen die vier, nach Norden abzuhauen.
Diese Reise durch ganz Amerika wird für die Kinder abenteuerlich und gefährlich, zumal sie kaum Geld besitzen. Zuerst fahren sie in ihrem selbstgebauten Einbaum nach New Orleans, dann mit dem Raddampfer den Mississippi hoch, später als blinde Passagiere im Zug weiter gen Norden. Sie werden überfallen, fahren zum ersten Mal mit einem Tram, staunen über Automobile, erfahren, da der jüngste von allen schwarz ist, wie verbreitet der Rassismus in bestimmten Gegenden noch immer ist und erleben auch öfters, wie hilfsbereit Menschen sein können. Ja und am Schluss, nachdem sie sogar einen Mord aufgeklärt haben, da werden die vier doch tatsächlich steinreich.
Der italienische Autor Davide Morosinotto hat ein ganz wunderbares Abenteuerbuch geschrieben: Eine überaus packende Handlung mit vielen, unvorhersehbaren Wendungen, schrägen Typen, fernen Schauplätzen und Hauptfiguren, deren Abenteuer man am liebsten selbst bestehen würde. Und vor allem am Anfang hat man beim Lesen das Gefühl, Huckleberry Finn tauche nächstens hinter einer Hausecke auf. Besonders faszinierend sind zudem die vielen Einblicke in das Leben jener Zeit: der technische Fortschritt, das schwierige Leben der Farmer, der für alle Beteiligten schreckliche Aufenthalt in einem Gefängnis. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, jede der Hauptfiguren berichtet von einem Teil der gefährlichen Reise. Dadurch wird die Verschiedenartigkeit der vier Abenteurer spürbar. Diese spannende Art von Road Movie wird Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren, Mädchen wie Jungen, mit Sicherheit begeistern. Das Buch eignet sich zudem dank der klaren Gliederung auch hervorragend zum Vorlesen.

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18455-8

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats April 2017

31.03.2017 by

geldLorenz Pauli, Claudia de Weck: Geld zu verkaufen!

Zu Beginn haben sie Streit: Die Nachbarskinder Milan und Alma. Beide wollen ein Baumhaus bauen, beide kommen nicht wirklich weiter. Vor allem Alma nicht, denn ihr fehlen weitere Bretter. Geld müsste man haben! Also hilft Alma Milan beim Bauen, denn fürs Arbeiten, da wird man ja schliesslich bezahlt. Und sowieso, Hütten zu bauen, das macht gemeinsam sehr viel mehr Spass. Endlich ist die eine Baumhütte fertig (zwei Hütten brauchen sie eh nicht), nur eine Strickleiter muss noch her. Nachdem der Versuch, das nötige Geld selber herzustellen misslingt, entwickeln die beiden eine ziemlich clevere Geschäftsidee und bekommen so viel Geld zusammen, dass sie zu guter Letzt gar zwei Strickleitern kaufen.
Für dieses neue Bilderbuch haben sich zwei zusammengetan, die alle beide sehr viel von ihrem Fach verstehen. Lorenz Pauli hat eine ganz wunderbare, leicht verständliche Geschichte geschrieben und Claudia de Weck hat die Figuren und das Geschehen in ihrer gekonnt schwungvollen und bunten Manier grossartig eingefangen. Eine Geschichte nicht nur um Geld, sondern auch um Freundschaft, um das Miteinander und den grossen Spass, den man beim gemeinsamen Tun haben kann. Für Kinder ab etwa 4 Jahren.

Lorenz Pauli, Claudia de Weck: Geld zu verkaufen! Orell Füssli 2017. ISBN: 978-3-7152-0727-8

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats März 2017

02.03.2017 by

danielWesley King: Daniel is different
Daniel ist ein besonders kluger Schüler. Nur mit dem Rechnen hat er es nicht so, es gibt Zahlen, die ihm Angst machen, die Unglück bringen. Und der Sport, vor allem das Footballspielen, ist für Daniel eigentlich ein Albtraum, obwohl er in der Schulmannschaft mitspielt. Daniel ist anders und er läuft immer wieder Gefahr, von den andern ausgegrenzt zu werden. Aber er hat Gottlob einen Freund. Wenn der starke und bei allen beliebte Max an seiner Seite ist, kann ihm niemand was anhaben. Und dann findet er diesen seltsamen Zettel in seinem Schulrucksack: Ich brauche deine Hilfe. Ein anderes Sternenkind. Max ist verwirrt und muss sein abendliches Programm sofort ausbauen: Exakt 35-mal vom Bett ins Bad wandern, den Lichtschalter 120-mal betätigen, jede Hand mit zehn Rubbelbewegungen waschen und vieles mehr. Oft dauert sein Programm mehrere Stunden, bis er endlich einschlafen darf. Bald stellt sich heraus, dass dieser Zettel von Sara kam. Sara, die mit niemandem spricht. Sara, die stets nur mit einer Betreuerin in der Schule auftaucht. Aber Daniel wird von Sara angesprochen, sie bittet ihn um Hilfe, den Mörder ihres Vaters zu finden. Sara ist klug, Sara ist auch direkt und sie konfrontiert ihren neuen und bisher einzigen Freund mit seiner Krankheit. Daniel war bis dahin ein Meister darin, seine Zwangsstörung vor andern geheim zu halten. Sara hilft Daniel, endlich über seine Ängste zu reden. Daniel wiederum hilft seiner so ungewöhnlichen Freundin, dem mysteriösen Verschwinden ihres Vaters auf die Spur zu kommen. Dass sie dabei einbrechen, heimliche Tonaufnahmen machen und Überwachungen anstellen müssen, macht die Lektüre überaus spannend. Im Buch von Wesley King geht es nicht nur um das Tabu rund um Zwangsneurosen, es geht vor allem auch um Zivilcourage, um Freundschaft, um das «Über-sich-hinauswachsen». Der Autor litt als Jugendlicher selber unter Zwangsstörungen, dies ist sicherlich ein Grund, weshalb ihm die Beschreibung der Hauptfigur so überaus glaubhaft gelungen ist. Man versteht Daniel beim Lesen, leidet mit ihm mit, kann seine Ängste und Zwänge auch nachvollziehen. Dies alles ist verpackt in einen sehr spannenden und verzwickten Plot. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Wesley King: Daniel is different. Aus dem Englischen von Claudia Max. Magellan, 2017. ISBN: 978 3 7348 4710-3

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Februar 2017

01.02.2017 by

kondomDudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen
Anton ist 13 Jahre alt und seit jeher der Kleinste in der Klasse. Und abstehende, grosse Ohren, das hat er auch. Nicht gerade gute Voraussetzungen um in der Schule gross Eindruck machen zu können. Eines Tages, Anton flickt gerade seinen gerissenen Fahrradschlauch, bemerkt sein Vater mit einem Grinsen im Gesicht: «Gummis sind eben nicht immer reissfest.» Anton wird klar, dass er kein gewolltes Kind war, ein Kondomunfall quasi. Diese Tatsache bringt Anton dermassen ins Grübeln, dass seine Welt richtig in Schieflage gerät. Aber nicht nur er selber ist aus dem Takt, auch sein Papa macht einen unglücklichen Eindruck. Seit Mamas Tod hatte er nie mehr näheren Kontakt zu einer Frau. Anton ist überzeugt: Papa braucht dringend eine Abwechslung, sprich eine neue Frau. Da ist es gut, dass er Ine hat. Ine ist seine allerbeste Freundin, seit er denken kann. Die beiden machen sich also daran, für Antons Papa eine Frau zu finden. Das ist gar nicht so einfach: Was macht Menschen anziehend? Wie kann man sich verlieben? Es war dann schliesslich Ines Idee, Papa ausgerechnet für einen Strickkurs anzumelden. Ulla aus dem Strickkurs ist zwar nett, will aber am liebsten gleich einziehen und das Kommando übernehmen, das vor allem. Nein, so kommt das nicht gut. Wie das ganze Unterfangen schliesslich doch zu einem guten Ende findet, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Das alles nachzulesen macht nicht nur grossen Spass, man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei.
Gudrun Skretting ist eine norwegische Autorin und dies ihr erstes Kinderbuch. Bücher aus Norwegen sind oft etwas schräg. Das vorliegende Buch macht da keine Ausnahme. Es ist humorvoll, voll von unglaublichen Zufällen, spannend und doch auch überaus klug. Und wenn Ine und Anton über die Liebe diskutieren, wenn sie beide merken, wie wichtig sie füreinander sind, was Freundschaft ausmacht, dann ist das Buch stellenweise auch richtig weise. Der Text ist voll von passenden Metaphern, die muss man beim Lesen nicht unbedingt alle verstehen, es macht die Lektüre aber vielschichtiger, so dass auch geübte Leserinnen und Leser voll auf ihre Rechnung kommen. Ein Buch, das man gar nicht mehr weglegen mag für Kinder ab etwa 12 Jahren ebenso wie für Erwachsene.

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carlsen 2016. ISBN: 978-3-551-58370-3
Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Januar 2017

13.12.2016 by

omaPeter Schössow: Wo ist Oma?
Zu Besuch im Krankenhaus
Henry will mit seiner Babysitterin Gülsa seine Oma im Krankenhaus besuchen. Aber Gülsa hat ein neues Handy und sie hört einfach nicht auf zu telefonieren. Henry kennt das schon, das kann dauern. Also macht er sich selbst auf die Suche nach seiner Oma. Mensch, ist dieses Krankenhaus riesig! Henry probiert alle Türen aus, schreitet kilometerlange Korridore ab, trifft sehr viele nette Menschen, kommt in die unterschiedlichsten Abteilungen. Nur seine Oma, die findet er nicht. Weiter geht die Suche, von der Geburtenabteilung über den Flur vor dem Operationssaal, von einem Zimmer mit streitenden Männern zu einem Jungen ganz ohne Haare und zur Notfallstation, wo er Dakota aus der Kita begegnet, ausgerechnet. Dakota hat sich eine Bohne in die Nase gesteckt, die jetzt irgendwie wieder raus muss. Nur seine Oma, die findet Henry nicht. Und dann endlich, im riesigen Keller, trifft er den Hausmeister, der ihm weiterhilft. Und so kommt es, dass Henry, mitsamt seinem mittlerweile etwas kümmerlich aussehenden Blumenstrauss, endlich bei Oma ankommt. Natürlich ist auch Gülsa da und die heult, weil sie solche Angst um Henry hatte. Oma schimpft ihren Enkel zuerst aus und dann schliesst sie ihn ganz fest in den Arm. Allerdings nur in den einen Arm, der andere ist zugegipst.
Mit Henry durch dieses riesige Krankenhaus zu wuseln, das macht ganz grossen Spass. Obwohl das Thema so ernst ist, gelingt es dem grossen Meister der Illustrationen, das alles völlig undramatisch und doch realistisch darzustellen. Die Farben sind gedämpft, drücken die sterile Stimmung aus, die Menschen dafür sind umso farbiger. Henry begegnet einem richtigen Sammelsurium an unterschiedlichsten Leuten, Patienten, Besuchern und schier dem ganzen Personal. Peter Schössow malt nicht nur ganz wunderbare Bilder, es ist ihm auch sprachlich gelungen, das Leben in einem Gebäude, das man in aller Regel nicht gerne betritt, locker und leicht darzustellen. Eine wunderbare Mischung aus Erzählung und Sachbuch für Kinder ab dem Kindergartenalter.

Peter Schössow: Wo ist Oma? Zu Besuch im Krankenhaus. Hanser 2016. ISBN: 978-3-446-24952-3

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Dezember 2016

30.11.2016 by

niklasMatt Haig: Ein Junge namens Weihnacht
Nikolas lebt mit seinem Vater, einem mausarmen Holzfäller, hoch oben im Norden Finnlands. Die beiden sind dermassen arm, dass manchmal gar das Geld für eine wärmende Suppe fehlt. Da bricht der Vater auf, er will zusammen mit ein paar Männern einen Beweis finden, dass es im nördlichsten Zipfel des Landes tatsächlich Wichtel gibt. Der König hat einen hohen Geldpreis für einen solchen Beweis versprochen. Tante Carlotta soll unterdessen auf Nikolas aufpassen. Aber Tante Carlotta ist so schrecklich böse, dass Nikolas es einfach nicht mehr aushält und sich aufmacht, seinen Vater zu suchen. Hätte er sich unterwegs nicht ein Rentier zum Freund gemacht, er wäre mit Sicherheit in der eisigen Kälte erfroren und verhungert. Und dann, als er am Ende seiner Kräfte ist, als er eigentlich beschlossen hat, umzukehren, entdeckt er dieses wunderbare Leuchten am Himmel. Nikolas ist einer, der nicht nur an Wunder, sondern auch an das Gute glaubt, vielleicht auch deshalb kann er in der Ferne das Wichteldorf ausmachen. Die Wichtel nehmen den halb verhungerten Jungen zwar auf, geben ihm zu essen, stecken ihn aber sofort ins Gefängnis. Sie wollen keine Menschen hier haben, zu viel Schlechtes haben sie von ihnen gehört. Wie es Nikolas trotzdem gelingt, sich mit den Wichteln anzufreunden, wie er gar zum Wichtelvorsitzenden gewählt wird und zum Schluss zum ersten richtigen Weihnachtsmann, das ist einmalig spannend nachzulesen.
Selten ist wohl ein Weihnachtsbuch erschienen, bei dessen Lektüre man sich schon ab der ersten Seite so gut unterhalten kann. Matt Haig hat ein Buch geschrieben, das alle Kriterien für ein wirklich gutes Kinderbuch erfüllt: Eine überaus packende Handlung mit vielen unvorhersehbaren Wendungen, die richtige Prise Humor und einen Protagonisten, den man gleich zu Beginn schon ins Herz schliesst. Die Geschichte ist an manchen Stellen tiefsinnig und voll von wichtigen Wahrheiten, dann wiederum kann man beim Lesen herzhaft lachen. Die pointierten, ausdrucksstarken schwarzweissen Zeichnungen von Chris Mould oder die handschriftlichen Bestimmungen des Wichtelrates laden zusätzlich zum Schmunzeln ein. Ein wunderbares Lese- und Vorlesevergnügen für Kinder ab etwa 10 Jahren und Erwachsene.

Matt Haig: Ein Junge namens Weihnacht. dtv Hardcover. ISBN: 978-3-423-28088-4

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats November 2016

14.11.2016 by

okJason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay!

Rashad ist schwarz. Er soll, wenn es nach dem Willen seines Vaters geht, Offizier werden und dem Land dienen. Deshalb besucht er auch eine Schule, wo militärischer Drill dazugehört. Es ist Freitag, Rashad will den Abend mit seinen Freunden verbringen. Nur rasch noch eine Tüte Chips im Laden kaufen. Und da passiert es: Rashad stösst unabsichtlich mit einer Frau zusammen. Sekunden später steht ein Polizist mit Waffe vor ihm, beschuldigt Rashad wegen Diebstahls und schlägt ihn nieder. Schlägt immer weiter, zerrt den Jungen auf die Strasse, legt ihm Handschellen an und tritt ohne Unterlass auf ihn ein. Schreit und schlägt und hört einfach nicht auf. Erst im Krankenhaus kommt Rashad wieder zu sich. Und hier muss er die nächsten Tage auch bleiben, zu schwer sind seine Verletzungen. Quinn, ein weisser Junge, hat das alles gesehen. Hat beobachtet, wie brutal der weisse Polizist zugeschlagen hat. Hat mitbekommen, wie wehrlos Rashad am Boden lag. Aber Quinn kennt diesen Polizisten sehr gut, ein Nachbar, ein Freund der Familie. Kann er da wirklich als Zeuge aussagen? Ihn als Täter belasten? Gleichzeitig wird ein Video des Vorfalls in den Medien gezeigt und Rashads Freunde organisieren eine Demonstration gegen die Gewalt an schwarzen Jugendlichen. Alle Einwohner der Stadt müssen nun auf irgendeine Weise Stellung beziehen.
Rashad und Quinn erzählen ihre Geschichte, ihre Sichtweise, ihre Gedanken und Gefühle selber, abwechselnd, jeder aus seiner Perspektive. Zwei verschiedene Autoren haben diese Geschichte auch geschrieben: Jason Reynolds , ein dunkelhäutiger Afroamerikaner, schildert das Geschehen aus der Sicht von Rashad, Brendan Kiely, ein weisser Autor, erzählt aus der Perspektive von Quinn. Zwei Seiten kommen zu Wort, zwei Seiten einer Medaille werden Leserinnen und Leser aufgezeigt. Das Buch zeigt Jugendliche im moralischen Dilemma und macht den überaus grossen Druck nachvollziehbar, unter dem die Menschen in dieser amerikanischen Stadt leben. Die beiden Autoren haben den Opfern und Tätern der zahlreichen Zeitungsberichte Namen gegeben und lassen Lesende unmittelbar teilhaben. Ein eindringlich erzähltes Buch, das nachdenklich stimmt, dem man viele jugendliche und erwachsene Leserinnen und Leser wünscht.

Jason Reynolds/Brendan Kiely: Nichts ist okay! dtv: Reihe Hanser, 2016. ISBN: 978-3-423-65024-3

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Oktober 2016

03.10.2016 by

erdeAleksandra & Daniel Mizielinscy: Unter der Erde – Tief im Wasser

Kaum jemand weiss, wie es tief in der Erde oder unter dem Wasser aussieht, wie viele Mysterien es da gibt. Das Autorenteam lüftet viele dieser Geheimnisse auf sehr eindrückliche Art und Weise. Da gibt es Seiten, auf denen die so unterschiedlichen Wurzeln von Pflanzen und Bäumen gezeigt werden, da gibt es Bilder mit Höhlensystemen, wo man all die Begriffe für die verschiedenen Gesteinsformen lernen kann. Da gibt es Seiten, die von Bohrtürmen berichten, von Tiefseefischen, von U-Bahnen, von glühenden Lavamassen und unterirdischen Leitungssystemen. Das Bilderbuch ist grossformatig und lässt sich von zwei Seiten her durchblättern und das tun Kinder wie auch Erwachsene mit Sicherheit stundenlang. Es gibt so viel Neues, Unbekanntes zu entdecken und zu lernen. Und dies alles mithilfe von wunderbaren Illustrationen und einer ganz speziellen Schrift, die jede Seite zu einem kleinen Kunstwerk machen. Ein Buch, das wohl wirklich jedes Lesealter bedient: Ganz kleine Kinder werden es als besondere Art von Wimmelbuch nutzen und Details suchen, ältere Kinder und Erwachsene werden staunen und lernen. Alle werden sie fasziniert sein von der sorgfältigen Machart und dem wunderschönen Zusammenspiel von Text und Bild. Vom gleichen Autorenteam erschein bereits das vielfach ausgezeichnete Buch «Alle Welt», ein ebenfalls aussergewöhnlicher Atlas für Kinder.

Aleksandra & Daniel Mizielinscy: Unter der Erde · Tief im Wasser. Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Moritz Verlag, 2016. ISBN: 978 3 89565 330 8

Rezension: Maria Riss