Archive for the ‘ Empfehlungen Kinder- und Jugendbücher ’ Category

Marloes Morshuis: Mick Mangodieb und die Rezepte der Sieben Weltmeere

11.08.2017 by

U_5940_1A_MICK_MANGODIEB.IND12Mick wohnt in einem fernen Land, in dem ein skrupelloser König herrscht. Wie viele andere Bewohner des Landes sind auch seine Eltern auf eine Gefangeneninsel verfrachtet worden. Sie gehörten zu jenen, die sich gegen die Tyrannei gewehrt haben. Als Mick eines Tages im Palastgarten beim Stehlen von Mangofrüchten erwischt wird, soll er wie alle andern Diebe in die Haibucht geworfen werden. Aber Mick ist einer, der nicht so schnell aufgibt. Der König ist bekannt für seinen verwöhnten Gaumen, alle Köche hat er entlassen oder ins Meer werfen lassen. Mick schlägt dem König nun einen Handel vor: Er wird während sieben Tagen für den König kochen. Sollten dem König wider Erwarten die Gerichte schmecken, wird er als Gegenleistung alle Gefangenen frei lassen. Mick hat in einer Truhe seiner Eltern ein Kochbuch mit dem Titel «Rezepte der Sieben Weltmeere» gefunden. Damit wird er in der nächsten Woche um sein Leben kochen. Schwierig ist nicht nur die Kocherei, es ist auch die ständige Angst und die verzwickte Suche nach den richtigen Zutaten. Ohne seine Freunde Remo, Lori und Pieke wäre das Zubereiten der Mahlzeiten gar nicht möglich gewesen. Aber Mick schafft es und der König freut sich mit jedem Tag mehr auf sein Essen (natürlich zeigt er dies nicht, immer wieder versucht er mit miesen Tricks, Mick bei seiner Arbeit zu stören). Als am letzten Tag die künftige Gemahlin des Königs am Tisch sitzt und Micks Kochkünste über alle Massen lobt, muss der König zu seinem Wort stehen. Alle Gefangenen kommen frei, kehren zurück und jagen den König mitsamt seiner heuchlerischen Gefolgschaft aus dem Land.

Der Autorin ist mit ihrem ersten Buch «Mick Mangodieb» gleich ein kleines Meisterwerk geglückt. Mick erzählt diese verrückte Geschichte selber und er tut dies auf sehr unterhaltsame Art und Weise. Mick ist kein Superheld, oft ist er verzweifelt, mutlos und voller Angst. Aber Mick hat nicht nur gute Freunde, sondern auch die Gabe, in schier aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben: Er will um alles in der Welt weiterleben und seine Eltern wieder umarmen können. Wie Mick und seine Freunde es schaffen, all die Zutaten zu ergattern, das ist nicht nur sehr spannend nachzulesen, sondern man bekommt beim Lesen auch richtig Appetit. Alle Rezepte sind im Anhang beschrieben, das sind keine einfachen Kinderrezepte, sondern, wie es sich für einen königlichen Koch gebührt, richtige Feinschmeckermenus. Ein wunderbares Buch, das sich auch gut zum Vorlesen eignet, für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Marloes Morshuis: Mick Mangodieb und die Rezepte der Sieben Weltmeere. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Gerstenberg 2017. ISBN 978-3-8369-5940-7

Rezension: Maria Riss

John Boyne: Der Junge auf dem Berg

01.08.2017 by

jungeDie ersten Jahre seiner Kindheit waren wunderschön. Pierrot lebte mit seiner Mutter in Paris, in der Nähe des Montmartre. Sein Vater, ein deutscher Soldat, hat sich das Leben genommen, weil er mit den Erinnerungen an den letzten Krieg nicht zurechtkam. Pierrot hatte einen Freund, Anshel, ein Judenjunge, der ganz wunderbare Geschichten schreiben konnte. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Als Pierrots Mutter an einer Lungenerkrankung stirbt, ist er gerade mal sechs Jahre alt. Er kommt zu seiner Tante Beatrix in die Nähe von Salzburg. Es ist gut, dass Pierrot zweisprachig aufgewachsen ist, so kann er sich problemlos auch auf Deutsch verständigen. Tante Beatrix ist Haushälterin auf einem Berghof, der Adolf Hitler gehört. Schon bald ist Pierrot, den hier alle ab sofort Peter nennen, von den vielen Uniformen und der Person des Führers absolut fasziniert. Endlich ein starker Mann, einer der sich durchsetzt, einer der gar schon ein Buch geschrieben hat. Auch Adolf Hitler scheint den kleinen Buben zu mögen, er verbringt immer wieder Zeit mit ihm, erklärt ihm die geschichtlichen Zusammenhänge und die Demütigungen, die das Deutsche Reich nach dem Krieg erleben musste. Der Führer spricht von der Judenplage und vom kommenden grossen Sieg. Als er Peter eines Tages eine Uniform der Hitlerjugend schenkt, ist es um den Jungen endgültig geschehen. Für seinen Führer würde er durchs Feuer gehen und wäre zu allem bereit. Auch zum Verrat an jenen Menschen, die er geliebt hat, die ihm früher sehr wichtig waren. Peter bleibt auf dem Berghof, auch dann, als der Führer sich in Berlin das Leben nimmt. Schliesslich kommen amerikanische Soldaten und nehmen ihn gefangen. Im Epilog erfahren Leserinnen und Leser, was später aus Peter wurde, wie er nie mehr ganz in ein normales Leben zurückfindet. Wie er aber durch einen glücklichen Zufall seinen alten Freund Anshel wieder trifft. Erst Anshel kann Peter erzählen, was er in den Jahren auf dem Berghof erlebt hat, wie er sich schuldig gemacht hat und wie er an dieser Schuld schier zerbricht. Es war schon früher so, wenn Peter oder eben damals Pierrot eine Geschichte erzählte, war es Anshel, der sie zu Papier brachte.
Wie schon in seinem ersten Buch «Der Junge im gestreiften Pyjama» zu diesem schrecklichen Teil deutscher Geschichte schreibt der Autor die Geschichte durchwegs aus der Perspektive eines Jungen. Und das geht unter die Haut. Als Leserin oder Leser kann man die Gedanken, die Entwicklung des Jungen, seinen Wandel der Werte ganz nah miterleben und zumindest stellenweise kann man dies gar verstehen. Zu Beginn der Lektüre schliesst man den kleinen Pierrot sofort ins Herz. Mit jedem Tag, den er auf dem Berghof verbringt, wird er einem fremder. Hitler hat diesen Jungen verführt, dies in einer solchen Geschichte nachzulesen, das ist sehr eindrücklich und lässt einen lange nicht mehr los. Ein überaus beeindruckender Roman für Jugendliche und Erwachsene.

John Boyne: Der Junge auf dem Berg. Fischer 2017. Aus dem Englischen von Ilse Layer. ISBN: 978-3-7373-4062-5

Rezension: Maria Riss

Caroline Carlson: Der weltbeste Detektiv

01.08.2017 by

etektivDie Geschichte spielt irgendwo in England zu einer Zeit, als es weder Autos noch Handys gab. Toby ist etwa 12 Jahre alt und erst kürzlich zu seinem Onkel an die Schnüfflergasse gezogen. Toby ist Vollwaise und wird von einem Familienmitglied zum nächsten weitergereicht. Bei seinem Onkel, einem bekannten Detektiv, gefällt es ihm aber auf Anhieb. Er will später unbedingt selber Detektiv werden. Wenn nur das Geld bei seinem Onkel nicht so knapp wäre. Da erfährt Toby von einem Wettbewerb, den der berühmte Detektiv Hugo Abercrombie ausgeschrieben hat. Gesucht wird der beste Detektiv der Welt und als Gewinn lockt eine sehr hohe Geldsumme. Mittels einer kleinen Lüge gelingt es Toby auf das Landgut zu reisen, wo der Wettbewerb stattfinden wird. Alle bekannten Detektive des Landes haben sich dort versammelt, um den fingierten Fall zu lösen. Aber schon am ersten Abend geschieht ein wahres Verbrechen: Hugo Abercrombie wird tot in seinem Arbeitszimmer aufgefunden. Er wurde vergiftet. Alle versammelten Detektive machen sich sofort an die Arbeit. Auch Toby und seine neue Freundin Ivy, ebenfalls eine junge Ermittlerin, suchen mit Feuereifer nach dem Täter. Alle sind verdächtig, aber nur einer wird den Fall lösen und das Preisgeld gewinnen. Klar, dass Toby und Ivy da ein Wörtchen mitreden.
Das Buch besticht nicht nur durch die spannende Handlung, sondern auch besonders durch die leicht ironische Beschreibung dieser englischen Detektive, die sich allesamt als kleine «Sherlock Holmes» fühlen. Gemeinsam mit den beiden Protagonisten geht man beim Lesen falschen Fährten nach und weiss nie, wem man trauen kann. Umso überraschender ist dann im allerletzten Kapitel die Auflösung des Falls. Die Lektüre ist nicht immer einfach, man muss viele Personen und Indizien im Kopf behalten. Beim Lesen helfen aber einerseits der wirklich spannende Plot und die gute Gliederung in kurze Kapitel. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Caroline Carlson: Der weltbeste Detektiv. Aus dem Amerikanischen von Emily Huggins. Ueberreuter 2017. ISBN: 978-3-7641-5130-0

Rezension: Maria Riss

Anna Lott: Tildas Tierbande. Ein Wollschwein im Wohnzimmer

01.08.2017 by

tildailda freut sich sehr, dass ihre Familie an den Trüffelweg umzieht, denn hier hat es einen Bauernhof in der Nähe, hier gibt es Wiesen und Wälder. Tilda wünscht sich nichts sehnlicher als ein eigenes Schaf zu besitzen und im neuen Zuhause scheint es, dass sich dieser Wunsch eher erfüllen wird. Schon gleich am ersten Tag lernt sie das Nachbarmädchen Tomma kennen und gemeinsam schleichen sich die beiden zum nahen Bauernhof. Dort schlüpfen sie unbemerkt in den Stall und entdecken zu ihrer grossen Freude ein seltenes Huhn, ein Angorakaninchen und ein überaus hübsches Wollschwein, das man wunderbar streicheln kann. Das Wollschwein scheint von der Kraulerei der beiden ebenfalls begeistert zu sein und zwar so sehr, dass es den beiden Mädchen nach Hause folgt. Gehorchen kann das Schwein (noch) nicht, deshalb rennt es voller Begeisterung mit in Tildas Haus. Dort schnappt es sich sofort eine Packung Schnapspralinen, frisst diese alle auf und landet danach völlig beschwipst in der Badewanne. Als der Bauer das maledierte Schwein schliesslich abholt, wird vereinbart, dass sich die Mädchen künftig um die drei Tiere kümmern dürfen. Der Bauer hat kaum Zeit dazu und wollte die Tiere eh loshaben. Das Versorgen der Tiere ist aber gar nicht so einfach, vor allem, als ein paar Jungs aus der Siedlung auftauchen, die ebenfalls gerne Schweine kraulen und den Mädchen ein paar ziemlich fiese Streiche spielen. Zu guter Letzt kommt dann aber doch alles gut. Tiere pflegen, das kann man nämlich auch gemeinsam tun.
«Tildas Tierbande» ist ein lustiges, unbeschwertes Buch, das vielen Kindern gefallen wird. Kommen doch all die Themen vor, die etwa 10-jährige Kinder besonders interessieren: Tiere, das erste Beschnuppern des andern Geschlechts und das gegenseitige Austricksen. Die abenteuerliche Geschichte ist in kurze Kapitel gegliedert und die vielen Bilder helfen beim Verstehen. Eine gute Unterhaltungsgeschichte zum Lesen oder Vorlesen für Kinder ab etwa 9 Jahren.

Anna Lott: Tildas Tierbande. Ein Wollschwein im Wohnzimmer. dtv 2017. ISBN: 978-3-423-76186-4

Rezension: Maria Riss

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern

01.08.2017 by

U_5955_1A_JUGE_BIS_DIE_STERNE_ZITTERN.IND11Die Geschichte spielt im Jahre 1936 in Leipzig. Hauptperson ist Harro, etwa 17 Jahre alt. Als eine Schar Hitlerjungen an ihm vorübergeht und Harro die Fahne nicht grüsst, wird er von den uniformierten Jungen angegriffen und verprügelt. Völlig unerwartet kommen ihm ein paar andere Jugendliche zu Hilfe und die Hitlerjungen ergreifen die Flucht. So lernt Harro die «Leipziger Meuten» kennen. Diese Gruppe junger Menschen ist eine Art Edelweisspiraten. Sie haben sich zusammengeschlossen, um für Freiheit, für Menschenrechte und gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen. Bei Harro zuhause, da wird kaum noch gesprochen, Harros Eltern sind verstummt und lassen den Jungen mehr oder weniger gewähren. Harro hat deshalb sehr viel Freiraum und schliesst sich schon bald dieser Bewegung mit Feuereifer an. Er lernt nicht nur viele gleichgesinnte Jugendliche kennen, er wird auch mit neuen Sichtweisen konfrontiert, hilft bei verschiedenen Aktionen mit und erlebt in dieser intensiven Zeit auch, was es mit der Liebe auf sich hat. Harro wird eines Tages zwar verhaftet, lernt die grausamen Verhörmethoden kennen, kommt aber wieder frei. Er ist einer von denen, die Glück hatten, zumindest vorläufig.
Johannes Herwig ermöglicht Leserinnen und Leser einen fundierten Einblick in einen wenig bekannten Bereich deutscher Geschichte. Und er tut dies absolut glaubhaft und gekonnt. Es ist vor allem die Sprache, welche diesen Roman so besonders eindrücklich macht. In fast kargen, ungeheuer dichten Sätzen und mit wunderschönen Metaphern lässt der Text unvergessliche Bilder entstehen. Das Buch berichtet nicht in erster Linie von den Gräueltaten der Nazis, es erzählt von Jugendlichen, die sich abgrenzen wollen, die sich wehren gegen das herrschende System, die auf der Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft sind. Dass sich junge Menschen gegen Regeln und Normen auflehnen, das kennen die meisten Jugendlichen, sie werden sich deshalb in der Figur von Harro, seinen Gedanken und Gefühlen sehr gut wiederfinden. Mit diesem Romandebut macht der Autor Geschichte auf eindrückliche Weise erlebbar.

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern. Gerstenberg 2017. ISBN: 978-3-8369-5955-1

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats August 2017

01.08.2017 by

knroffAndrea Schomburg: Otto & der kleine Herr Knorff
Der kleine Herr Knorff liebt Ordnung, Reinlichkeit und gute Manieren über alles. Dies ist auch der Grund, weshalb er das Land der immer schmutzigen und unhöflichen Knorffe verlässt und durch die Dunkelschlucht ins Reich der Menschen übersiedelt. Ausgerechnet im Schulsack von Otto kommt Herr Knorff wieder zu sich. Hier stinkt es und ordentlich ist es auch nicht. Als Herr Knorff aus dem Schulsack in Ottos Zimmer krabbelt, sieht es dort nicht besser aus. Herr Knorff macht sich deshalb gleich an die Arbeit und räumt das Kinderzimmer auf. Otto ist von diesem kleinen Kerl mit den grossen Ohren gar nicht begeistert, er findet seine Sachen nicht mehr und seine wunderschöne Zeichnung, die findet er im Papierkorb. Dieser Knorff soll doch dahin verschwinden, wo der Pfeffer wächst! Herr Knorff ist masslos enttäuscht, nicht nur wegen der Undankbarkeit von Otto, nein, alle Menschen hier sind absolut unordentlich und haben schreckliche Manieren, da hätte er gleich daheim bleiben können. Ottos Familie wohnt in einem Haus, das Tante Agathe gehört und diese Tante hat sich für einen Besuch angemeldet. Sie will überprüfen, ob in ihrem Haus Ordnung herrscht und ob es sauber ist. Tante Agathe mag niemand in der Familie, weil sie nach Puder stinkt, weil sie dauernd meckert und so überaus pedantisch ist. Nein, Ottos Familie hätte es ohne die Hilfe des kleinen Knorff niemals geschafft, dass Tante Agathe absolut zufrieden und begeistert von der Reinlichkeit in ihrem Haus wieder abzieht. Allen ist klar: Einen Herrn Knorff im Haus zu haben, das ist ganz wunderbar, auch wenn er mit seiner Wohlerzogenheit und seinem Sauberkeitsfimmel manchmal nervt.
Das Thema ist nicht neu, ein Wesen aus einer andern Welt kommt zu einem Menschenkind und bringt dort vieles durcheinander. Das Buch fällt aber aus dem Rahmen, weil dieser kleine Kerl so überaus wohlerzogen ist, weil er mit seinem ständigen Aufräumen alle oft zur Verzweiflung bringt. Kinder werden diese Geschichte mit Sicherheit lieben, zu ungewohnt und witzig sind plötzlich die Ereignisse im Alltag von Otto und seiner Familie. Da ist es gut, dass bereits im Herbst der zweite Band vom kleinen Herrn Knorff erscheinen wird. Ein Lese-und Vorlesespass für Kinder ab etwa 8 Jahren.

Andrea Schomburg: Otto & der kleine Herr Knorff. cbj 2017. ISBN: 978-3-570-17375-6

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Juli 2017

01.07.2017 by

inselSally Nicholls: Eine Insel für uns allein

Holly ist 13 Jahre alt und Vollwaise, der Vater starb, als sie sechs war, die Mutter fünf Jahre später. Sie lebt mit ihren beiden Brüdern zusammen. Jonathan, 20 Jahre, hat das Sorgerecht für Holly und das jüngste der Geschwister, den siebenjährigen Davy. Die drei sind eine eingeschworene Gemeinschaft, alle übernehmen Verantwortung füreinander. Jonathan hat sein Studium geschmissen, um Geld zu verdienen, und er denkt sich fast jeden Abend eine neue Geschichte zum Einschlafen für seine Geschwister aus. Holly sorgt dafür, dass Davy rechtzeitig zur Schule kommt und holt ihn jeden Tag auch dort wieder ab. So schaffen die drei den Alltag gar nicht mal so schlecht. Wenn nur diese ewige Sorge ums Geld nicht wäre. Und dann stirbt Tante Irene, diese stinkreiche, etwas merkwürdige alte Dame. Sie hat den Geschwistern ihren ganzen Schmuck vermacht, nur weiss niemand, wo sie diese wertvollen Stücke versteckt hat. Kurz vor ihrem Tod hat die Tante ihrer Nichte Holly ein kleines Fotoalbum mit merkwürdigen Bildern überreicht. Holly ist überzeugt, dass diese Bilder das Versteck des Schmucks verraten. Niemand will das so recht glauben und Jonathan, der ältere Bruder, schon gar nicht. Aber Holly ist hartnäckig, mit dem Schmuck wären die drei ihre finanziellen Nöte los. Sie setzt sich durch und die drei fahren mit ihrem allerletzten Geld auf eine schottische Insel. Und hier, schier am Ende der Welt, da bekommt Holly recht – manchmal, da muss man im Leben einfach ein bisschen stur sein.
Sally Nichols erzählt in einer klaren, schlichten Sprache konsequent aus der Perspektive von Holly. Holly macht sich viele Gedanken, nicht nur über das Geld und die Schmucksuche, auch darüber, was Waisenkinder von anderen unterscheidet, ab wann man erwachsen ist oder wie man die eigene Angst am besten bezwingen kann. Die Autorin hat es geschafft, eine sehr berührende Entwicklungsgeschichte mit einem überaus spannenden Abenteuerroman zu verflechten. Mit diesem Buch ist ihr ein kleines Meisterwerk geglückt, das Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen sei.

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv 2017. ISBN: 978-3-423-64028-2

Rezension: Maria Riss

Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete

18.06.2017 by

bienenWolf ist gut zwölf Jahre alt. Er ist ein angepasster Junge, fleissig, eher still, und er kümmert sich überaus liebevoll um seine kleinen Zwillingsschwestern. Wolfs Mom ist überzeugt, dass die Welt bald untergehen wird, weil sich niemand wirklich für die Umwelt, das Klima und all die bedrohten Tierarten einsetzt. Sie ist sich sicher, dass ihre Kinder keine Zukunft haben werden. Irgendwo muss man anfangen, meint sie, warum nicht mit Bienen, die für das Überleben der Menschheit absolut zentral sind? Wolfs Eltern beschliessen deshalb, mit der ganzen Familie eine Tour durch die Staaten zu machen. Ein alter Van wird gekauft, Mom näht Bienenkostüme für ihre Kinder, druckt Flyer und grosse Plakate und bereitet eine eindrückliche Präsentation vor. Früher als geplant, wird das Haus weitervermietet und die Reise geht los. Wolf will nicht fahren, sein Zuhause und all seine Schulfreunde zu verlassen, das ist so schwer. Dazu kommt, dass er absolut keine Lust hat, vor fremden Leuten aufzutreten, er ist eher scheu und dieses absolut dämliche Bienenkostüm zu tragen, ist ihm so was von peinlich. Aber Mom, die hört einfach nicht hin, zu wichtig ist ihr diese Fahrt. Auch Whisper, eine der kleinen Zwillingsschwestern, scheint diese Reise nicht zu gefallen. Sie spricht seit der Abfahrt kein einziges Wort mehr. Erst als Whisper auch kaum mehr isst, erst als Wolfs ältere Schwester einfach abhaut und der alte Van endgültig den Geist aufgibt, hört Mom endlich zu. Wolf macht ihr klar, dass sie mit ihrem Vorhaben zwar einen Beitrag zur Rettung der Welt leistet, dass sie dabei aber die Bedürfnisse ihrer Kinder vollkommen ignoriert hat. «Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete» ist nicht nur ein spannendes Buch, es sind auch die Figuren, deren Beschreibung der Autorin sehr treffend und differenziert gelungen ist. Es ist vor allem Wolf, dem man beim Lesen sehr nahe kommt. Man versteht seine Gedanken und Konflikte und man sorgt sich mit ihm um seine kleine Schwester, die an dieser Reise und den ständigen Auftritten vor Publikum zu zerbrechen droht. Durch diese Innensichten gewinnt die Geschichte nicht nur an Spannung und Dynamik, sondern es werden auch verschiedene Perspektiven rund um die Thematik eindrücklich geschildert und nachvollziehbar: Wo liegen die Grenzen zwischen den eigenen Zielen, den Bedürfnissen anderer und dem Engagement für eine gute Sache? Das Buch bietet neben der sehr eindrücklichen Handlung viel Gesprächs- und Diskussionsstoff und zwingt dazu, über eigene Haltungen und Handlungsweisen nachzudenken. Ein wunderschöner Roman, dem man viele jugendliche Leserinnen und Leser wünscht.

Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete. Aus dem Englischen von Bettina Münch. Rowohlt 2017. ISBN: 978-3-499-21782-1

Rezension: Maria Riss

 

Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten

18.06.2017 by

wasDer ganze Albtraum beginnt an einem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen während einer Matheklausur. Ein Attentäter, vermummt und mit vorgehaltener Pistole, hat sich Zugang zum Klassenzimmer verschafft. Er knallt dem Lehrer einen Stapel Couverts aufs Pult. Darin sind Aufgaben für einzelne Mitglieder der Klasse notiert. Anscheinend kennt der Attentäter die Klasse sehr genau, denn durch diese Befehle werden die Geheimnisse der Schülerinnen und Schüler schonungslos offenbart: Lügen, Diebstahl, heimliche Liebschaften, Arroganz, Neid. Und er meint es ernst, dieser Attentäter, er schiesst immer wieder und einige werden auch verletzt. Erst nach 143 Minuten wird der Attentäter enttarnt, die Klasse befreit. Niemals wieder wird es sein wie früher, zu tief sitzt der Schock, zu viele Geheimnisse wurden ans Tageslicht gezerrt. Mark, Fiona und der Lehrer erzählen diesen realen Albtraum abwechselnd und aus unterschiedlichen Perspektiven. Mark kann sich am besten in den Attentäter einfühlen, weil er selber ein Aussenseiter ist. Er spürt eine gewisse Genugtuung, als die Tricks und Lügereien der Leader aus der Klasse aufgedeckt werden. Fiona will helfen, will vermitteln, traut sich aber doch nicht, sich wirklich zu wehren, zu gross ist ihre Angst. Der Lehrer wiederum ist voller Wut, er bleibt passiv und wehrt sich nicht wirklich für seine Schülerinnen und Schüler. Seine starken Schultern sind nur aufgepolstert, das wussten die meisten der Klasse bereits vorher.
Die erst 19-jährige Autorin hat einen richtigen Psychothriller geschrieben. Zu Recht wurde dieser Debütroman mit dem «Hans-im-Glück-Preis» für Jugendliteratur ausgezeichnet. In einer sehr prägnanten, einfachen Sprache beschreibt sie das Geschehen so, dass man das Gefühl hat, selber im Klassenraum zu sitzen. Die beklemmende, grauenhafte Stimmung wird in jeder Zeile spürbar. Durch die drei verschiedenen Erzählperspektiven erhält der Plot zusätzlich einen gewissen Tiefgang und man versteht gar einzelne Motive und Handlungen. Die Spannung bleibt bis zum Ende dermassen gross, dass jugendliche Leserinnen und Leser ihre Lektüre kaum vor der letzten Seite abbrechen werden.

Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten. Beltz 2017. ISBN: 978-3-407-82298-7

Rezension: Maria Riss

 

Luv Frohde: Ein Hund für Jacob

18.06.2017 by

jacobAls Jacobs Hund stirbt, bricht für Jacob eine Welt zusammen. Sein Hund Buster war sein allerbester Freund. Er war immer an seiner Seite, hat gespürt, wenn Jacob traurig war und war ausgelassen und spielfreudig, wenn Jacob guter Dinge war. Erwachsene haben gut reden, wenn sie meinen, dass die Zeit Wunden heile oder dass er sich doch einfach einen neuen Hund wünschen solle. Jacob ist sich sicher, dass seine Trauer nie aufhören wird, und einen Hund will Jacob niemals mehr haben. Und dann sind Sommerferien. Die Familie fährt wie in jedem Jahr an den grossen See. Dort hat Jacob im letzten Jahr zusammen mit anderen Kindern eine Waldhütte gebaut. Jacob baut an der Hütte weiter, er übernachtet sogar dort. Und dann ist da plötzlich dieser Hund, klein, scheu, ausgehungert und schwarz. Der Hund scheint niemandem zu gehören. Jacob legt dem Hund Essen vor die Hütte und spricht beruhigend auf ihn ein. Mit jedem Ferientag traut sich der Hund näher an den Jungen heran und bald lässt er sich auch streicheln. Jacob ist überglücklich, denn der Hund scheint ihm zu vertrauen. Ganz allmählich wird Ronny, so nennt er den kleinen Hund, zum steten Begleiter. Als sich bis zum Ende der Ferien kein Besitzer meldet, darf Jacob den Hund Ronny sogar mit nach Hause nehmen. Erst zwei Monaten später kommt dieser Anruf von den Leuten, denen der Hund offensichtlich gehört. Erneut verliert Jacob seinen treusten Freund. Jacob weiss weder ein noch aus und ist völlig verzweifelt. Aber dann, ein paar Wochen später, steht der kleine schwarze Ronny plötzlich vor Jacobs Tür: Hunde sind klug und wissen ganz genau, wer sie lieb hat und wo sie hingehören.

Die Geschichte ist ganz nah an der Alltagswelt von Kindern. Jacobs Verzweiflung, seine grosse Trauer, das kennen die meisten Kinder in irgendeiner Form. Die Autorin fokussiert ihre Geschichte ganz stark auf die Beziehung zwischen Jacob und seinem Hund und lässt anderes bewusst weg. So wird Jacobs Kummer und sein eindrücklicher Weg aus der Trauer besonders gut nachvollziehbar. Und dass zu guter Letzt doch noch alles gut kommt, das tut selbst erwachsenen Lesenden gut. Die berührende Geschichte ist in kurze Leseportionen eingeteilt und eignet sich auch deshalb sehr gut zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 9 Jahren.

Luv Frohde: Ein Hund für Jacob. Aus dem Norwegischen von Inge Wehrmann.Thienemann 2017. ISBN: 978-3-522-18435-9

Rezension: Maria Riss