Archive for the ‘ Empfehlungen Kinder- und Jugendbücher ’ Category

Ute Krause: Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben

31.07.2018 by

Der neue Freund von Theos Mama heisst Martin und ist Koch. Es schmeckt einfach grauenhaft, was da nun plötzlich daheim auf den Tisch kommt und es gibt dauernd Streit. Theo hat es wirklich nicht leicht, auch in der Schule wird öfters gehänselt und gemobbt. Als Mama ihm zudem erklärt, dass er über den Sommer in ein Ferienlager soll, ist Theo richtig verzweifelt. Aber Theo ist einer, der sich nicht wirklich wehren kann. Im Lager wird es nicht besser, dauernd wird er von den andern veräppelt. Ja, und dann passiert das Wunderbarste überhaupt: Ein altes fliegendes Segelschiff landet in einer Baumkrone und ein ziemlich zerzauster Rabe überredet Theo, einzusteigen. An Bord gibt es eine Katze, eine Möwe und einen ziemlich zerstreuten kleinen Koch. Der Rabe, eigentlich Kapitän diese Schiffs, weiss, wohin Theos richtiger Vater verschwunden ist. Die Reise dahin ist allerdings sehr abenteuerlich und voll lebensbedrohender Gefahren. Theo lernt zu navigieren, ein Segelschiff zu steuern und er meistert, zusammen mit seinen neuen Freunden, alle schrecklichen Gefahren. Da gibt es Riesenkraken, da gibt es Stimmen, die Theo in Untiefen locken, da gibt es die Insel der vergessenen Kinder, deren Bewohner Theo nicht mehr gehen lassen wollen. Theo lernt auf dieser Reise überaus viel, vor allem mehr Vertrauen ins eigene Tun. Erst ganz am Schluss deckt er das Geheimnis seines Vaters auf. Sein Vater wird nicht zurückkommen, aber Theo kennt jetzt nicht nur die Wahrheit, sondern er hat erfahren, dass er sehr viel stärker ist, als er glaubte. Jetzt kann er endlich heimkehren.
Ute Krause hat ein sehr packendes Buch geschrieben, dies nicht nur wegen dem spannenden Plot, sondern auch wegen der wundervollen Zeichnungen, die aus der gleichen Feder stammen. Auf jeder Doppelseite gibt es mindestens ein farbiges, eindrückliches Bild. Kinder werden beim Lesen kaum mehr aus dem Staunen herauskommen, so unglaublich ist der Verlauf dieser Geschichte. Witzig sind dann vor allem die Figuren auf dem Schiff, allen voran Koch Smutje mit seinem ewig gleichen Menu: Möwenspiegeleier mit Bratkartoffeln. Das Buch enthält nebst der spannenden, turbulenten Handlung viele Metaphern, die wohl eher die erwachsenen Vorleserinnen und Vorleser ansprechen werden. Das Buch eignet sich sehr gut Vorlesen, wenn auch die verzwickte Handlung recht hohe Anforderungen an die Vorstellungskraft stellt. Darum ist es gut, dass all die aussagekräftigen Bilder beim Verstehen und Behalten helfen. Für Kinder ab etwa 8 Jahren.

Ute Krause: Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben. cbj 2018. ISBN: 978-3-570-17579-8
Rezension: Maria Riss

Tamara Bos: Romys Salon

31.07.2018 by

Romy ist 10 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Ort in Holland. Erst kürzlich haben sich ihre Eltern getrennt und Papa fehlt ihr sehr. Mama hat einen Job bei der Tankstelle und muss dauernd arbeiten. Romy geht nach der Schule immer zu Oma in deren Frisiersalon. Aber Oma macht es einem nicht leicht, sie gern zu haben. Oma ist Geschäftsfrau und Romy muss stundenlang alleine oben in der Wohnung sitzen. Oma ist streng und unnahbar. Aber dann
beginnt Oma sich zu verändern. Plötzlich ist sie für ziemlich verrückte Sachen zu haben, dreht dafür das Schild an der Ladentür einfach auf geschlossen. Auf einmal nimmt sie ihre Enkelin öfters in den Arm. Manchmal hat Oma Mühe mit dem Rechnen, vergisst die Türen abzuschliessen oder verlegt ihre Tageseinnahmen. Romy mag diese neue Oma viel lieber. Jetzt freut sie sich sogar, ihre freie Zeit im Salon zu verbringen, vor allem auch, weil sie nun mithelfen darf. Ohne ihre Enkelin wäre Oma ganz schön aufgeschmissen. Schliesslich drängt Mama darauf, mit Oma zum Arzt zu gehen. Die Diagnose steht schnell fest: Oma ist dement. Da helfen keine Pillen oder Therapien. Oma muss ins Pflegeheim. Romy kann sich damit nicht abfinden, zu lieb hat sie ihre Oma mittlerweile gewonnen. In letzter Zeit erzählt Oma viel von ihrer Kindheit, vom Strand in Dänemark. Und wenn sie davon berichtet, dann lächelt Oma und manchmal rinnt ihr eine Träne über die Wange. Weil sich nie jemand die Zeit nimmt, mit ihr zu reden, muss Romy handeln. Man darf Oma doch nicht einfach wegsperren. Sie packt ihren Rucksack, leert ihre Spardose und holt Oma aus dem Heim. Oma soll noch einmal diesen Strand sehen, koste es was es wolle. Erst als Romys Eltern ihre Tochter nach dieser abenteuerlichen Flucht wieder in ihre Arme schliessen, hören die Eltern endlich zu. Und Romy wird bewusst, dass Veränderungen nicht immer schön sind, aber dass sie zum Leben dazu gehören.
Tamara Bos beherrscht ihr Metier, das beweist sie mit dieser wunderschön feinfühligen Geschichte einmal mehr. Romy erzählt das Geschehen in einer einfachen und doch präzisen Sprache aus ihrer Perspektive. Man kommt der so mutigen Zehnjährigen sehr nahe und man gewinnt, gemeinsam mit Romy, diese altersschwache Oma lieb. Obwohl das Thema ja im Grunde sehr traurig ist, kann man beim Lesen auch immer wieder lächeln und man wird vielleicht sogar ein bisschen klüger dabei. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen und richtet sich an Kinder ab etwa 10 Jahren.
Die Autorin hat zu dieser Geschichte auch gleich ein Drehbuch verfasst, der Film wird noch in diesem Jahr produziert.

Tamara Bos: Romys Salon. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5626-0

 

Buch des Monats August 2018

31.07.2018 by

Martin Muser: Kannjawoniwasein
Kann ja wohl nicht wahr sein, was der 10-jährige Finn auf seiner Reise nach Berlin erlebt! Er wird von Papa in den Zug gesetzt, mit Fahrkarte, Handy, ein paar Broten und vielen guten Ratschlägen. Es ist ja nicht so weit nach Berlin, wo Mama Finn abholen wird. Aber schon kurz nach der Abfahrt  beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Da stiehlt ein leicht betrunkener Penner Finns Rucksack, da wird er von einem überkorrekten Schaffner aus dem Zug geworfen und der Polizei übergeben, da wird das Polizeiauto an der Ampel gerammt und da taucht plötzlich ein Mädchen auf, dass ihn überredet, die Reise nach Berlin doch besser selbständig und zusammen mit ihr unter die Füsse zu nehmen. Klar, dass dies für beide zu einem richtigen Abenteuer wird. Die beiden kapern einen Traktor, übernachten auf einem Jägersitz, jagen den Rucksackdieb und werden schliesslich von einer Rockergang in voller Montur und auf riesigen Motorrädern an ihr Ziel gebracht. Das alles nachzulesen ist nicht nur sehr spannend, sondern macht auch grossen Spass. Und lehrreich ist die Lektüre zudem, man lernt ein bisschen berlinerisch und dänisch, und man erfährt, dass es im Leben Momente gibt, in denen man einfach all seinen Mut zusammen nehmen muss. Man muss davonlaufen beispielsweise, auch wenn man erst 10 Jahre alt ist.
Martin Muser hat ein in jeder Beziehung tolles erstes Kinderbuch geschrieben. Spannend von der ersten Seite an, ein bisschen schräg und voll von unerwarteten Wendungen. Die verrückte Story ist zudem so gegliedert, dass man das Lesen auch mal unterbrechen kann und ist für Mädchen wie Jungen überaus attraktiv. Ein ideales Vorlesebuch also für alle, die spannende, nicht ganz so brave Kinder und Bücher lieben. Zum Selberlesen ab etwa 10 Jahren.

Martin Muser: Kannjawoniwasein. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-55375-1

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Juli 2018

03.07.2018 by

Philip Pullman: Über den wilden Fluss
Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Daemon Asta in Oxford. Er ist etwa 12 Jahre alt und ein ungemein kluger und hilfsbereiter Junge. Gegenüber dem Fluss gibt es ein Nonnenkloster, Malcolm hilft dort immer wieder aus. Eines Tages wird im Kloster ein Baby abgegeben, ein kleines Mädchen mit dem Namen Lyra. Zur gleichen Zeit passieren merkwürdige Dinge: Malcolm beobachtet einen Mord und belauscht beim Helfen in der Gaststube seiner Eltern geheime Gespräche über Macht, Krieg und Religion. Malcolm erfährt auch, wer der Vater der kleinen Lyra ist. Lyras Vater wird verfolgt und kann sich nicht um seine kleine Tochter kümmern. Malcolm verspricht ihm, was immer auch kommen möge, er werde Lyra beschützen. Man munkelt in diesen Tagen auch von einer Flut, die kommen werde, so gross, wie sie noch nie jemand erlebt habe. Es ist Malcom, der zusammen mit dem Küchenmädchen Alice das kleine Baby vor den schrecklichen Fluten rettet. In Malcolms kleinem Boot gelingt ihnen die Flucht. Um das Baby Lyra scheinen sich die Mächtigen des Landes zu streiten, deshalb wird Malcoms Boot verfolgt. Nicht nur die riesigen Wassermassen, auch bewaffnete Verfolger bedrohen das Leben der drei Flüchtenden. Alice und Malcolm haben Lyra vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen und verteidigen ihr Leben mit allen Mitteln. Erst ganz am Schluss, nach dem Bestehen von unglaublich vielen Gefahren, können sie Lyra endlich in die Hände ihres Vaters legen.
Philip Pullman hat einen ganz fantastischen Roman geschrieben, dies in jeder Beziehung. In welcher Zeit und Welt die Geschichte spielt, ist unklar, im Vordergrund steht aber der Konflikt zwischen mächtigen Religionsführern und den Gelehrten der Wissenschaft. Der Autor hat den Plot mit vielen fantastischen Elementen ausgestattet, so wird etwa jede Figur von einem passenden Daemon begleitet, dies macht die Lektüre zusätzlich spannend und geheimnisvoll. Auch die Beschreibungen der Figuren sind so treffend, dass Lesende Alice und Malcolm zu kennen glauben und wohl mit allen beiden gern befreundet wären. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst, würde man gerne weiterlesen, so eindrücklich ist diese Lektüre, auch wegen der vielen, aktuellen und politischen Anspielungen. Da ist es gut, dass bereits im Herbst der nächste Band «Ans andere Ende der Welt»erscheinen wird.
«Über den wilden Fluss» ist Teil der Vorgeschichte zur unvergesslichen Trilogie «Der goldene Kompass».

Philip Pullman: Über den wilden Fluss. Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger. Carlsen 2018. ISBN: 978-3-551-58393-2

Rezension: Maria Riss

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger

22.06.2018 by

Honey beginnt ihre Geschichte mit dem folgenden Satz: Also, es ist so: Meine Mutter hatte kein besonderes Glück mit ihren Kindern. Honeys ältere Schwester Mikala ist mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen und Honey selbst mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Deshalb fühlt sich Honey hässlich. Mit ihrer Familie kommt sie zwar einigermassen klar, nur benehmen sich diese alle ein bisschen eigenartig, Honey nennt das «viel zu viel». Ihre Schwester klammert sich so fest an Honey, dass sie nicht mal alleine pinkeln geht. Mama ist Kettenraucherin und packt ihr viel zu viele Süssigkeiten in die Pausenbox, ihr getrennt von der Familie lebender Vater, hält sich mit Dealen über Wasser und benimmt sich manchmal so was von peinlich, dass Honey am liebsten im Boden versinken würde. Honey macht sich häufig unsichtbar und traut sich auch nicht, Irrtümer aufzuklären. Das bringt sie  immer wieder in knifflige Situationen. So sitzt sie wegen einer Verwechslung unfreiwillig in einem Chinesisch-Kurs und lernt dort ein wichtiges Chinesisches Sprichwort «Mama huhu», zu Deutsch Pferd Pferd Tiger Tiger. Und dieses Sprichwort, das passt sehr gut zu Honeys momentaner Situation, es bedeutet so viel wie «soso lala». Und bald wird Honey wieder verwechselt und gerät an das Sterbebett des alten, ihr fremden Mannes Marcel. Der freut sich riesig über diesen unerwarteten Besuch und teilt mit Honey sofort seine Schnapspralinen. Honey, mit ihrem guten Herzen, besucht den alten Mann nun fast täglich und es entwickelt sich eine warmherzige Freundschaft zwischen den beiden. Vielleicht sind es diese Besuche, die Honey helfen, sich schliesslich zu wehren. Sie macht daheim Klarschiff, konfrontiert ihre Familie mit der Wahrheit und bringt damit alle nicht nur zum Staunen, sondern auch dazu, Honeys Bedürfnisse endlich ernster zu nehmen. Und Honey erkennt nun selber: Papa hatte Recht, sie ist wirklich ein toughes Mädchen.
Dieses Buch besticht vor allem durch die einfache, manchmal derbe, humorvolle und doch so feinfühlige Sprache. Und natürlich mit der brillant beschriebenen Protagonistin, die man mit jeder Seite lieber gewinnt. Kinder müssen manchmal so viel aushalten, da ist es gut, wenn sie beim Lesen so toughe Mädchen wie Honey kennenlernen. Honey lernt sich zu wehren, ihre eigenen Bedürfnisse genauso ernst zu nehmen, wie die von andern. Diese Entwicklung nachzulesen, das ist spannend und berührend zugleich. Das Buch ist zurecht für den Jugendliteraturpreis nominiert und eignet sich auch hervorragend zum Vorlesen. Für Kinder ab etwa 12 Jahren.

Mette Eike Neerlin: Pferd Pferd Tiger Tiger. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Dressler 2017. ISBN: 978-3-7915-0034-8

Rezension: Maria Riss

Nic Stone: Dear Martin

22.06.2018 by

Yustyce ist einer der besten Schüler seines Jahrgangs. Yustice sieht gut aus und kann auch im Sport mithalten. Fürs nächste Jahr hat er sich gar einen Studienplatz in Yale gesichert. Aber Yustice wird völlig willkürlich verhaftet und in Handschellen gelegt, obwohl er nur einem betrunkenen Mädchen helfen wollte. Denn Yustice ist schwarz. Er kommt zwar frei, weiss aber nicht, wie er mit seiner Wut umgehen soll. So beginnt er zu schreiben. Er schreibt Briefe an Martin Luther King, bittet um Rat, weil er einfach nicht weiss, wie er mit den vielen, oft kleinen rassistischen Beleidigungen im Alltag umgehen soll, und er weiss auch nicht, wem er sich anschliessen soll. Da gibt es die Gruppe der radikalen schwarzen Kämpfer, die mit roher Gewalt ihr Recht einfordern, manche von ihnen kennt Yustice seit dem Kindergarten. Da ist seine weisse Mitschülerin Sarah-Jane, die er so gut mag und die ihm nicht nur beim Debattieren zur Seite steht. Und da ist seine Mum, die für ihren Sohn alles tut, es aber niemals verstehen würde, wenn Yustice sich in ein weisses Mädchen verlieben würde. Egal wem sich Yustice anschliesst, er wird sich Feinde machen. Und von Martin Luther King bekommt er auch keine Antwort. Aber all die Briefe, die vielen Überlegungen, das Ordnen der Gefühle beim Schreiben, das ist trotz allem hilfreich. Und ganz zum Schluss weiss Yustice, welchen Weg er gehen will.
Gleich mit ihrem ersten Roman ist der jungen Autorin Nic Stone ein Wurf geglückt. Nicht nur, weil das Thema nach wie vor so aktuell ist, sondern auch, weil sie Yustice mit seinem Durcheinander an Gefühlen, seiner Suche nach dem für ihn richtigen Weg so glaubhaft und eindringlich beschrieben hat. Yustice gerät immer wieder zwischen die Fronten und wird bedroht. Dies ist nicht nur in Amerika so. Jugendliche werden Yustice Konflikte sehr gut nachvollziehen können. Es geht im Buch darum, seine Rechte einzufordern, sich über die eigene Haltung klar zu werden und dafür auch gerade zu stehen, ganz egal, ob man sich damit Feinde macht. Das spannende Buch sei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren wärmstens empfohlen.

Nic Stone: Dear Martin. Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21833-0

Rezension: Maria Riss

Buch des Monats Juni 2018

08.06.2018 by

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht
Emilia ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie alleine und heimlich nach New York fliegt. Mithilfe einer der Kreditkarten ihres Papas war das kein so grosses Problem. Als sie spät abends ihr bereits bezahltes Appartement beziehen will, stellt sich heraus, dass es dieses Appartement gar nicht gibt. An der Adresse trifft sie nur Seth, einen etwa gleichaltrigen Jungen, und seine kleine Schwester Abby. Emilia steht also mit ihrem grossen Koffer wieder alleine auf der Strasse, müde ist sie und kalt ist ihr auch. Bei Jim, einem ziemlich bekifften und kaum mehr ansprechbaren Jungen, findet sie schliesslich Unterschlupf in einem Abbruchhaus. Diese Nacht wird ein einziger Albtraum, weil Emilia, immer so sehr auf Sauberkeit und Ordnung bedacht, in dieser völlig verdreckten Absteige kaum ein Auge schliessen kann. Am nächsten Morgen herrscht in ganz New York Alarmstimmung. Ein Wirbelsturm nähert sich der Stadt. Emilia wendet sich in ihrer Not an die beiden einzigen Menschen, mit denen sie schon einigermassen normal hatte sprechen können, an den Jungen Seth und seine Schwester Abby. Beide lassen Emilia und schliesslich auch Jim nach einigem Zögern in die Wohnung. Weil ihre Mutter für ein paar Tage verreist ist, haben sie Platz. Mit Emilias Kreditkarte lassen sich Vorräte einkaufen und die vier verschanzen sich in der Wohnung. Dann bricht der Sturm mit aller Kraft los, das Haus wackelt und bald gehen auch alle Lichter aus. Die vier müssen zusammenrücken, ob sie wollen oder nicht. So nah mit andern zusammen kann Emilia ihren Sauberkeits-Zwang nicht länger verheimlichen, und sie verrät jetzt auch den Grund ihrer Flucht nach New York: Ihr Vater, Schuldirektor an ihrer Schule, hatte mit einer Schülerin ein Verhältnis. Dies ist erst kürzlich durch die sozialen Medien ans Licht gekommen. Aber jetzt gilt es erstmal, diesen Hurrikan gemeinsam zu überleben. Alle vier wachsen in dieser Situation über sich hinaus. Und in den langen Gesprächen während der dunklen Sturmnächte lernt Emilia eine völlig neue Art von Freundschaft und Geborgenheit kennen. Und das tut unsagbar gut.
Anna Woltz hat einen in jeder Beziehung sehr spannenden Roman geschrieben. Da ist die äusserliche Spannung, dieser Hurrikan, der bei allen grosse Angst auslöst und der so viel Überlebenskunst, Solidarität und Ideenreichtum erfordert. Da ist aber auch die innere Spannung von Emilia, wie kann sie ihre Zwänge meistern, wie soll sie sich gegenüber ihren Eltern verhalten? Einfach wegzulaufen, das kann ja nicht die Lösung sein. Da hilft die grosse Anteilnahme der andern in diesem Hurrikan-Asyl, die zarten Zeichen einer ersten Liebe zu Seth, die Erkenntnis, dass sie selber sehr viel stärker ist, als sie es jemals vermutet hätte. «Hundert Stunden Nacht» ist ein Buch, das vor allem junge Mädchen mit Sicherheit begeistern wird, weil es so viele aktuelle Themen auf eine sehr spannende und doch auch humorvolle Weise anspricht. Für Lesende ab etwa 14 Jahren.

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen 2017. ISBN: 978-3-551-58348-2

Rezension: Maria Riss

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente

03.05.2018 by

lebenTess und Jonah haben sich geliebt. Sie haben sich einmal gesehen und sich danach tagtäglich, oft stundenlang über soziale Netzwerke unterhalten. Beide haben sich all ihre Geheimnisse anvertraut und alles preisgegeben, was sie beschäftigt. Und dann kam die Nachricht, Jonah habe sich das Leben genommen. Für Tess bricht eine Welt zusammen. Sie verlässt Hals über Kopf ihr Internat und reist zu ihrem ziemlich schrägen Vater. Tess schreibt weiterhin Nachrichten an Jonah, sie braucht diese Gespräche, um mit ihrer Trauer klarzukommen, auch wenn diese einseitig verlaufen. Und dann nach ein paar Wochen schreibt Jonah zurück. Tess weiss, dass diese Botschaften nie und nimmer von Jonah sein können. Trotzdem schreibt sie weiter und erfährt dann auch, dass dieser andere, Jonahs bester Freund, sich schon lange vorher als Jonah ausgegeben hat. Tess ist hin und her gerissen. Einerseits braucht sie jemanden zum Reden, aber dass dieser unbekannte Daniel nun alles über sie weiss, dass er sich schon so lange als Jonah ausgegeben hat, das macht sie unheimlich wütend. Und eines Tages, da steht dieser Daniel doch tatsächlich vor ihrer Haustür. Trotz all der Wut verbindet die beiden ihre Liebe und Freundschaft zu Jonah, der sich nicht helfen liess und jetzt einfach nicht mehr da ist. Tess und Daniel unterstützen sich gegenseitig, um über diesen Verlust hinwegzukommen, dazu braucht es viele Gespräche über das Leben, über den Tod und dem, was danach kommt. Ganz langsam kommen sich Tess und Daniel deshalb nun auch in der realen Welt näher.
Der vorliegende Roman stellt recht hohe Ansprüche an die Lesenden: Einerseits durch die die Erzählstruktur, die Geschichte wird teilweise in Posts und Mails erzählt, dann aber auch durch die angesprochenen Themen. Es geht um Tod, um Trauer, um Abschied und die Frage, was nach unserem Tod zurückbleibt. Es geht aber auch um die digitale Welt und inwiefern unsere Kommunikation und unser Handeln davon abhängen und wo die Grenzen zwischen der Realität und dem, was sich im Netz abspielt, verlaufen. Da ist es gut, dass man zwischendurch über die vielleicht etwas gar verrückte Protagonistin schmunzeln und sich an dieser so ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen Daniel und Tess erfreuen kann. Für Jugendliche und Erwachsene.

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. Hanser 2018. ISBN: 978-3-446-25863-1

Rezension: Maria Riss

Jutta Wilke: Stechmückensommer

03.05.2018 by

stechmücke«Eine Made ist weiss. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal.» So die ersten Sätze in Madeleines Aufzeichnungen. Weil ihre Eltern auf einer Ferienreise in Japan sind, muss die fast 15-jährige Madeleine in ein Feriencamp nach Schweden. Für Madeleine ein Albtraum. Gleich am zweiten Tag macht die Gruppe mit einem Bus einen Ausflug zu einem stillgelegten Bergwerk. Und schon geht es los in die Stollen. Heimlich entfernt sich Madeleine von der Gruppe und legt sich in den leeren VW-Bus, sie ist müde und froh, dieser Meute zu entkommen. Madeleine erwacht, weil der Bus plötzlich ruckelt, obwohl sie immer noch alleine darin sitzt. Am Steuer sitzt ein unbekannter Junge, mit Punkfrisur und einem frechen Grinsen. Der Junge heisst Juli und ist nur wenig älter als Madeleine. Und Juli will, wie er seinem kürzlich verstorbenen Opa versprochen hat, zum Nordkap. Nach dem ersten Schock findet Madeleine diese Idee zwar vollkommen verrückt, aber auch gar nicht so schlecht. Alles ist besser, als den Sommer in diesem Feriencamp zu verbringen. Und Juli ist der erste, der keine blöde Bemerkung über ihre Figur macht. Diese gemeinsame Fahrt ist abenteuerlich und etwas planlos und weil die Polizei nach ihnen sucht, müssen sie viele Umwege durch die Wildnis machen. Eines Morgens beim Losfahren entdecken die beiden, dass sich ein weiterer blinder Passagier zu ihnen gesellt hat. Der etwa gleichaltrige Vincent mit Down-Syndrom. Auch er will weg und zwar möglichst weit und möglichst schnell. Nein, ans Nordkap schaffen sie es nicht, aber sich selbst, da sind alle drei am Ende dieser turbulenten Reise ein ganzes Stück näher gekommen.
Jutta Wilke hat ein wunderbares Buch geschrieben. Spannend, gleich ab der ersten Seite, dies nicht nur, was die äusserlichen Handlung betrifft, sondern auch was den Einblick in Madeleines Gefühlswelt angeht. Oft lässt sie ihre Gedanken schweifen, in solchen Abschnitten hat man auch ein wirklich kluges Buch in Händen. Besonders gelungen sind der Autorin auch die Beschreibung der drei Figuren, ihre oft humorvollen aber auch nachdenklich stimmenden Dialoge. Und es sind die vielen nicht explizit beschriebenen Details und Wahrheiten, die man zwischen den Worten und Sätzen entdecken kann. Die Lektüre sei Mädchen ab etwa 12 Jahren wärmstens empfohlen.

Jutta Wilke: Stechmückensommer. Knesebeck 2018. ISBN 978-3-95728-105-0

Rezension: Maria Riss

Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

03.05.2018 by

meersauAnton soll nach den Sommerferien in die dritte Klasse, da sei dann die Welpenzeit vorbei, meint die Lehrerin. Das macht Anton Angst. Er gehört zu jener Sorte von Jungen, die lieber träumen, als raufen, die eher allein sein mögen, als sich in einer grossen Gruppe zu behaupten und die öfters auch mal weinen müssen. Hinzu kommt, dass Mama ihren Job verloren hat und Geld deshalb Mangelware ist. Papa ist ausgezogen und hat keine Zeit für einen Urlaub. Aber Mama hat eine Idee: Eigentlich braucht es für Ferien nur zwei Schlafsäcke, ein Zelt und einen Gaskocher. Mama und Anton machen sich also mit einem grossen Rucksack auf. Zu Fuss, das geht auch. Klar, dass Anton sein Meerschweinchen mitnimmt. Er hat dafür eine wunderschöne Transportbox gebastelt. Auf dem Campingplatz hat es aber keinen Platz mehr für die beiden, kein Grund aufzugeben: «Wir zelten einfach an einem versteckten Ort im Wald. Das ist zwar verboten, aber ein bisschen Ferien haben wir doch wohl beide verdient», meint Mama. Diese Woche im Wald ist einfach wunderschön, vor allem, weil Mama ihrem Sohn gleich am ersten Tag ein richtiges Schnitzmesser übergibt. Stundenlang schnitzt Anton nun Stöcke, Kochlöffel und Speere. Und dann taucht Liane auf, ein rotzfreches Mädchen vom Campingplatz, das nicht nur Antons Schnitz-Kunstwerke bewundert, sondern ihn auch zu allerlei Abenteuern überredet. Und als Mama eines Tages vom Einkaufen einfach nicht mehr zum Zelt zurückkehrt, da macht sich Anton zwar grosse Sorgen, aber er weiss sich zu helfen und geht ganz alleine zum Campingplatz. Mama hatte einen kleinen Unfall und kommt dann Gott sei Dank spät in der Nacht wieder.Am Ende dieser Ferien ist Anton nicht nur körperlich kräftiger geworden, er traut sich viel mehr zu und hat auch weniger Angst vor andern Kindern, jetzt ist er nur noch ab und zu ein Welpe.
Mareike Krüger kennt sich mit verträumten Welpen aus, das merkt man beim Lesen schon auf den ersten Seiten. Viele Kinder werden sich in Anton wiederfinden: Wenn er für sein Meerschweinchen eine prächtige Waldvilla baut beispielsweise, wenn er darüber nachdenkt, wie er sich in der Schule besser wehren könnte oder wenn ihn die Sehnsucht nach seinem Papa übermannt. «Zelten mit Meerschwein» ist ein leises und doch spannendes Buch, in einer einfachen, aber treffenden Sprache geschrieben. Ein Lesestoff wohl eher für verträumte Kinder ab etwa 8 Jahren und zum Vorlesen im Familienkreis wunderbar geeignet.

Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein. Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-82352-6

Rezension: Maria Riss