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Janina Kastevik: Noel und der geheimnisvolle Wunschzettel

24.11.2018 by

Noel ist etwa 11 Jahre alt. Er liest gerne, sammelt in einem Heft besonders schöne Wörter und schreibt auch Gedichte, meist aber heimlich. Diese grosse Lust am Lesen und Schreiben ist wohl auch der Grund, weshalb er in der neuen Schule ein völliger Aussenseiter ist, einer, den niemand beachtet, einer, der bei der Gruppeneinteilung zum Schluss immer übrigbleibt. Mama ist momentan in Afrika und Papa kaum zuhause. Es ist Advent und Noel überlegt sich, was er sich am meisten erhofft. Der Wünsche hätte er so viele, nur kann man die alle mit Geld nicht kaufen. Alles ändert sich, als er einen zerknitterten Zettel findet, auf dem er einen seiner Wünsche notiert. Ist es Magie? Sein grösster Wunsch, eine Freundin oder einen Freund zu finden, erfüllt sich fast auf der Stelle. Aber immer, wenn Noel einen neuen Wunsch auf diesem geheimnisvollen Zettel notiert, geht zugleich etwas Anderes schief. Erst allmählich begreift er, dass Wünsche nur dann in Erfüllung gehen können, wenn man selber etwas dafür tut.
Diese zarte Weihnachtsgeschichte ist in einer wunderschönen Sprache geschrieben und in 24 Kapitel eingeteilt. Wer will kann sich also jeden Tag ein Häppchen gönnen. Die meisten werden diese Geschichte aber möglichst wenig unterbrechen wollen, weil Noels Entwicklung so berührt und man für ihn und seine Familie ein gutes Ende herbeisehnt. Ein Lese- und Vorlesevergnügen für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Janina Kastevik: Noel und der geheimnisvolle Wunschzettel. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger. Hanser 2018. ISBN: 978-3-446-25989-8

Rezension: Maria Riss

Anna Lott: Der kleine Weihnachtsteufel und der verflixte Wunschzettel

24.11.2018 by

Otibuk ist ein kleiner Teufel. Er schläft eigentlich das ganze Jahr über im hohen düsteren Turm der Teufel, ausser an Halloween natürlich. Aber in dieser Nacht im Advent wird Otibuk von einem seltsamen Geräusch draussen geweckt. Er schleicht sich zum kaputten Fenster und schielt hinaus. Draussen glitzert und funkelt es und ein kleines, weiss gekleidetes Wesen mit Flügeln am Rücken liegt im Schnee. Es muss sich um einen Engel handeln. Otibuk ist völlig fasziniert von all diesem wunderbaren Glanz und er entschliesst sich kurzerhand, diesem Engelwesen zu folgen. So gelangt er schliesslich in den Turm des Weihnachtsmanns, obwohl an der Tür deutlich zu lesen ist: «Zutritt strengstens verboten». Natürlich wird er von einem grossen Engel erwischt und hinausgeworfen. Aber jetzt, da Otibuk mal Lunte gerochen hast, lässt er nicht mehr locker. Er will diese wunderbare Welt kennenlernen und auch er will Kinderwünsche erfüllen. Kurz darauf gerät ihm zufällig der Wunschzettel von Jannicke in die Hände: Sie wünscht sich, ihr frecher Bruder solle verschwinden. Der kleine Teufel Otibuk zögert nicht lange und bringt diesen Bruder an einen Ort, wo ihn mit Sicherheit niemand mehr finden wird. Wie es dazu kommt, dass Otibuk am Ende der Geschichte vom Weihnachtsmann persönlich umarmt wird, das soll hier noch nicht verraten werden. Nur so viel: Was Otibuk alles erlebt ist wirklich schier unglaublich, überaus spannend und teuflisch verzwickt.
Das vorliegende Buch ist kein besinnliches Weihnachtsbuch, es besticht vielmehr durch das Erzähltempo und die vielen wirklich fantastischen Ideen der Autorin. Da gibt es einen Leuchtturm für Osterhasen, einen speziellen Lift für Engel, einen Wunschzettelscanner, fliegende Schiffe oder spezielle Luftsurfbretter. Das Buch ist spannend, sehr unterhaltend und voll von unvorhersehbaren Wendungen, es eignet sich deshalb hervorragend zum Vorlesen. Ein Lesespass für Kinder ab etwa 8 Jahren.

Anna Lott: Der kleine Weihnachtsteufel und der verflixte Wunschzettel. dtv 2018. ISBN: ISBN 978-3-423-76231-1

Rezension: Maria Riss

Barbara Rose: Die wunderbare Weihnachts-Wunschmaschine

24.11.2018 by

Luis und Nele stehen am Fenster und beobachten, wie nebenan neue Nachbarn einziehen. Seltsame Dinge schleppen die zwei älteren Leute ins Haus. Eine riesengrosse Maschine, ein grosses Tier aus Metall, das aussieht wie ein Elch und ganz viele Kisten und Möbel. Neugierig wie die beiden sind, schleichen sich die Geschwister kurz darauf in Nachbars Garten – und werden natürlich entdeckt. Die neuen Nachbarn, Ida und Bert, bitten die Kinder herein und scheinen über einen unermesslichen Vorrat an Weihnachtsgebäck zu verfügen. Luis und Nele dürfen auf dem Sofa Platz nehmen, das einem den Hintern heizt und gleichzeitig den Rücken massiert. Kurz darauf erscheint Hektor 1, ein kleiner Roboter, der sich wie eine Mischung aus Hund und Katz benimmt. Luis und Nele kommen aus dem Staunen fast nicht mehr heraus. Ihre neuen Nachbarn, das sind Erfinder! Schon am nächsten Tag führt ihnen der alte Bert seine neuste Erfindung vor: Eine Weihnachts-Wunschmaschine. Nele probiert diese Maschine auch gleich aus, sie wünscht sich Schnee. Schon zwei Tage später können die Geschwister im Garten einen riesigen Schneemann bauen. Ob aber der grösste Wunsch von Luis in Erfüllung gehen wird? Er wünscht sich nichts sehnlicher, als seinen Opa endlich wiederzusehen. Luis und Nele lieben Opa über alles. Aber Mama hat sich mit ihm zerstritten, und sie will auf keinen Fall, dass dieser alte Mann an Weihnachten auftaucht. Aber Weihnachten ist nicht nur das Fest der Wünsche, es ist auch die Zeit der Wunder und des Versöhnens.
Diese Geschichte wird den meisten Kindern gefallen, weil sie voller Überraschungen steckt und weil sie so warmherzig erzählt wird. Auch lachen kann man zwischendurch, wenn Nele, die ausgefallen Wörter über alles liebt, neue Begriffe erfindet oder Buchstaben extra verdreht. Und schliesslich ist das Buch auch sehr berührend, vor allem zum Schluss, als Mama und Opa sich endlich wieder umarmen. Zum Vorlesen schon für Kinder ab etwa 6 Jahren, zum Selberlesen ab 8.

Barbara Rose: Die wunderbare Weihnachts-Wunschmaschine. Kerle im Herder Verlag 2018. ISBN: 978-3-451-71462-7

 

Sarah Crossan / Brian Conaghan: Nicu & Jess

08.11.2018 by

Nicu ist ein Roma-Junge mit traditionsverhafteten, strengen Eltern, der erst seit etwa einem Monat in England lebt. Nicu will unbedingt in England bleiben, deshalb lernt er richtig verbissen diese Sprache, deshalb passt er sich immer und überall an und will keinesfalls auffallen. Er steckt alle Erniedrigungen weg, leidet still vor sich. Jess kommt aus einem völlig anderen Milieu, sie leidet unter ihrer ängstlichen Mutter und deren tyrannischem Freund, der trinkt und immer wieder zuschlägt. Trotz der unterschiedlichen Herkunft eint die beiden 15-Jährigen eines: Beide sind zum dritten Mal beim Klauen erwischt worden und müssen deshalb Sozialstunden absitzen, das heisst Müll einsammeln und in Sozialtrainings mitmachen. So kommen sich Jess und Nicu ganz allmählich näher. Aber Nicus Vater will zurück nach Rumänien und seinen Sohn dort verheiraten und bei Jess zuhause eskaliert der Streit zwischen ihr und ihrem gewalttätigen Stiefvater. Nicu und Jess haben sich lieben gelernt und wollen gemeinsam abhauen, nur weg und möglichst weit. Wie die Geschichte endet, das bleibt offen, stimmt aber Lesende nachdenklich.
Die Kapitel werden von Jess und Nicu abwechselnd in einer Art Gedichtform erzählt, in einer wunderbar einfachen, rhythmischen Sprache, oft leicht lesbar an der Oberfläche und mit ganz vielen Details, die zwischen den Zeilen stehen. Nicu erzählt mit den Wörter, die er in dieser fremden Sprache eben kennt. Das ist manchmal so, dass man lächeln muss, es ist aber auch unsagbar berührend, wie er um die richtigen Worte ringt und dabei grammatikalische Regeln ausser Acht lässt. Das Autorenteam hat es geschafft, dass diese Zeilen nicht klischeehaft, sondern überaus echt wirken. Das vorliegende Buch ist trotz der speziellen Form und der an sich leicht lesbaren Sprache keine einfache Kost. Da gilt es einerseits die vielen Leerstellen beim Lesen zu füllen und da ist auch das Geschehen, das unter die Haut geht und einen nicht mehr loslässt. Sarah Crossan hat für ihre Bücher bereits mehrere Preise erhalten, mit diesem Buch über diese ungewöhnliche und verbotene Liebe beweist sie ihr grosses Können erneut. Ein wundervolles, spezielles Buch für Jugendliche und Erwachsene.

Sarah Crossan / Brian Conaghan: Nicu & Jess. Aus dem Englischen von Cordula Setsman. mixtvision 2018. ISBN: 978-3-95854-106-1

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats November 2018

01.11.2018 by

Philip Waechter: Toni und alles nur wegen Renato Flash
Toni spielt fürs Leben gern Fussball. Und er wäre ein noch viel besserer Spieler, hätte er diese fantastischen neuen Fussballschuhe, für die der berühmte Kicker Renato Flash Werbung macht. Solche Schuhe zu haben, das wär der absolute Traum! Aber Mama ist dagegen, Tonis Schuhe sind ja noch in Ordnung und diese neuen Dinger sind viel zu teuer. Da kann Toni betteln und argumentierten, so viel er will. Auch Weihnachten ist keine Option, weil Mama und er beschlossen haben, sich in diesem Jahr nichts zu schenken. Also bleibt nur eins: Selber Geld verdienen. Toni versucht alles Mögliche: Hunde ausführen, Strassenmusik machen, alte Sachen auf dem Flohmarkt verkaufen oder Flyer austragen. All seine Versuche gehen in die Hose und am Ende der Woche hat er grad mal etwas über 5 Euro zusammen. Zu guter Letzt kann Toni aber trotzdem mit den supertollen neuen Schuhe zum Fussballplatz. Wie er das geschafft hat, das sei an dieser Stelle noch ein Geheimnis. Nur so viel: Weihnachten, das ist die Zeit der grossen Überraschungen.
Philip Waechter ist ein grossartiger Zeichenkünstler, das wissen alle, die schon einmal ein Buch von ihm in den Händen hatten. Die Geschichte von Toni erzählt er als Comic. Das Buch besticht durch die übersichtliche Gestaltung, die Gliederung in einzelne überschaubare Kapitel, die wundervollen Bilder und natürlich durch den so sympathischen kleinen Helden, dessen Problem so viele Kinder aus eigener Erfahrung kennen. Die Geschichte wird vor allem auch jene Kinder begeistern, die (noch) nicht so gerne lesen. Ein wunderbares Comic-Bilderbuch für Kinder ab etwa 8 Jahren.

Philip Waechter: Toni und alles nur wegen Renato Flash.Beltz 2018. ISBN: 978-3-407-75425-7

Rezension: Maria Riss

Ben Guterson: Winterhaus

05.10.2018 by

Die elfjährige Elizabeth lebt bei ihrem Onkel und ihrer Tante und hat es nicht eben leicht. Onkel und Tante sind sehr streng, kümmern sich überhaupt nicht um das Mädchen und sitzen eigentlich Tag und Nacht vor dem Fernseher. Kurz vor Weihnachten schicken die beiden das Mädchen weg. Sie soll im Hotel Winterhaus die Weihnachtsferien verbringen. Onkel und Tante wollen endlich mal ihre Ruhe haben. Elizabeth hat Angst, ganz alleine an einen ihr unbekannten Ort zu reisen. Bereits im Bus fällt ihr zudem ein unheimliches Paar auf. Beide schwarz gekleidet, beide mit einem sehr bösen, stechenden Blick. Auch diese Paar will Weihnachten im Hotel Winterhaus verbringen. Nach der Ankunft im Hotel kommt Elizabeth allerdings aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und alle Ängste sind vorerst vergessen. Im Hotel gibt es einfach alles, was man sich nur wünschen kann. Einen äusserst netten Hoteldirektor, feines Essen, ein Hallenbad, eine Rodel- und Eisbahn und am wundervollsten: eine riesige Bibliothek. Elizabeth liebt Bücher über alles. Schon am ersten Morgen freundet sie sich mit Freddy an, einem Jungen in ihrem Alter, der ebenfalls alleine im Hotel wohnt. Alles wäre wunderbar, gäbe es nicht dieses Paar, das Elizabeth die ganze Zeit zu beobachten scheint und all diese seltsamen Dinge, die Elizabeth im Hotel beobachtet. Bücher, die sich bewegen, eine Lampe, die grundlos zerbricht, ein Türfalle, die glühend heiss wird oder ein rotes Licht, dass manchmal in der Nacht durch die Bibliothek irrt. Da muss Magie im Spiel sein, eine alte Legende scheint das wunderbare Hotel zu bedrohen. Da ist es gut, dass Elizabeth eine so geniale Rätsellöserin ist und dass sie, zusammen mit Freddy, diesen bedrohenden Geisterwesen auf die Spur kommt.
Ben Guterson hat ein wunderbares und spannendes Buch geschrieben mit zwei Kinderhelden, die man sofort ins Herz schliesst. Und vielleicht ist es auch dieses wunderbare Hotel, in dem man am liebsten absteigen würde, das so fasziniert. Oder der alte, liebevolle Hoteldirektor, der einen stellenweise an den alten Dumbledore aus Harry Potter erinnert. Die Spannung beginnt gleich auf den ersten Seiten und bricht bis zum vorläufig guten Ende nicht ab. Die Handlung ist in kurze, übersichtliche Kapitel gegliedert, zudem gibt es im Buch immer wieder spannende Wortspiele und Rätsel, die zum Raten und Knobeln mit Sprache auffordern. Ein herrliches Lese- und Vorlesevergnügen mit vielen Bildern für Kinder ab etwa 11 Jahren.

Ben Guterson: Winterhaus. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Freies Geistesleben 2018. ISBN: 978-3-7725-2891-0

Rezension: Maria Riss

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee

05.10.2018 by

Die Tagebucheintragungen der Zwillinge Nadja und Viktor beginnen in Leningrad, am 23. Juni 1941. Die deutsche Front nähert sich und alle Kinder der Stadt müssen sich am Bahnhof einfinden, um evakuiert zu werden. Vor der Abreise muss Viktor seinem Vater versprechen, immer bei seiner Schwester Nadja zu bleiben und gut auf sie aufzupassen. Aber schon bei der Aufteilung der vielen Kinder auf die hereinfahrenden Züge werden die Zwillinge getrennt. Viktor landet im Zug Nr. 77 und wird in eine Kolchose in Tatarstan gebracht. Nadjas Zug kommt nicht weit, die Lokomotive bleibt bereits nach rund 70 Kilometern stecken. Nadja und all die andern Kinder aus dem Zug werden in ein nahegelgenes Dorf gebracht, das schon kurze Zeit später von den Deutschen eingenommen wird. Nadja gelingt die Flucht und sie rettet sich auf die Inselfestung Oreschek im riesigen Ladoga-See. Diese Festung ist noch immer in russischer Hand, wird aber ständig beschossen und bombardiert. Nicht erst hier entpuppt sich Nadja als überaus mutiges Mädchen. Die Zwillinge waren noch nie voneinander getrennt, beide sehnen sich schrecklich nacheinander und deshalb will Viktor seine Schwester um alles in der Welt wiederfinden, auch weil er dies seinen Eltern verspochen hat. Nichts kann ihn dabei aufhalten. Er flieht aus der Kolchose, wird gefangen genommen, reisst aus, kämpft sich, zusammen mit ein paar Kameraden, über mehrere hundert Kilometer durch Eis und Schnee, überlistet die Truppen an der Front und gelangt schliesslich in einem gestohlenen Lastwagen über den mittlerweile zugefrorenen See zur Festung Oreschek, wo er seine geliebte Schwester Nadja lebend wiederfindet.
Die Geschichte wird von Nadja und Viktor in Tagebucheinträgen erzählt, beide sind mit zahlreichen Fotografien, Zeitungsausschnitten und Karten ergänzt. Der Autor hat sich über weite Strecken an historischen Fakten gehalten, die Geschichte der beiden Geschwister ist aber frei erfunden. Was die beiden erleben und vor allem, was sie beim Kampf ums Überleben unternehmen, erinnert hier und da an ein Heldenepos, es macht dieses Buch aber unglaublich spannend. Oft geht der Autor an die Grenze des Beschreibbaren, er tut dies aber behutsam und geht öfters auf eine gewisse Distanz. Trotzdem erlebt man beim Lesen sehr eindringlich mit, wie schrecklich dieser Krieg war und wie Hunger, Kälte, Gewalt und Angst Menschen verändern können. Vergangenes darf nicht in Vergessenheit geraten, weil sich Geschichte immer wiederholt, so die klare Botschaft dieser so eindringlich verfassten Erzählung. Der grosse Spannungsbogen, das fundiert recherchierte Hintergrundwissen und die wunderschöne, spezielle Aufmachung, all dies kann hoffentlich viele jugendliche Leserinnen und Leser zum Lesen dieses Buches verlocken.

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann 2018. ISBN: 978-3-522-20251-0

Rezension: Maria Riss

 

Buch des Monats Oktober 2018

01.10.2018 by

Roger Duvoisin: Petunia
Petunia, das ist eine Gans und zwar eine ziemlich dumme Gans. Sie lebt auf einem Bauernhof und findet dort eines Tages doch tatsächlich ein Buch im Gestrüpp. Wer Bücher besitzt, ist klug, das hat Petunia schon mal gehört. Ab sofort ist sie also klug und weise und lässt dies alle Tiere auf dem Hof auch sofort wissen. Die Tiere glauben ihr, zumal Petunia ihren Kopf immer höher trägt und ihr Hals tagtäglich zu wachsen scheint. So wird nun, wenn immer etwas passiert, nach Petunia gerufen. Sie hat zwar immer ein paar Ratschläge bereit, aber helfen tun diese nicht wirklich. Der Hund beispielsweise bekommt seinen Kopf nicht mehr aus dem Kaninchenbau, Petunia macht es wie die Menschen und entfacht am andern Eingang des Baus einfach ein Feuer. Auch beim Zählen der Küken kommt die dumme, eingebildete Gans immer wieder durcheinander. Und als sie dem Esel, weil er Zahnweh hat, gleich alle Zähne ziehen will, da zweifeln die ersten an der Weisheit dieser Gans. Erst ganz zum Schluss, als Petunia per Zufall entdeckt, dass man dieses Buch auch öffnen kann, wird sie tatsächlich klüger: «Es reicht nicht, die Weisheit mit mir herumzutragen. Ich muss sie in meinen Kopf aufnehmen. Dazu muss ich lesen lernen.»
Bereits 1950 ist diese wunderbare Geschichte erstmals in New York erschienen. Von seinem Witz und Charme hat das Bilderbuch aber nichts eingebüsst, auch die Botschaft ist ja nach wie vor aktuell. Kinder mögen es zudem genau wie vor 60 Jahren immer noch, wenn sie klüger sind als die Buchfiguren, deshalb werden wohl die meisten ihre helle Freude an dieser dummen Gans haben. Roger Duvoisin hatte vor allem mit den Büchern vom «Glücklichen Löwen» grossen Erfolg. Petunia steht dem Löwen aber in nichts nach. Auch hier beweist der Künstler sein Können. Mit wenigen Strichen und reduzierten Farben, bringt er all die unterschiedlichen Charaktere und Stimmungen der Tiere ganz wunderbar zu Papier.

Aus dem Englischen von Sabine Ludwig. Esslinger 2018. ISBN: 978-3480234776

Rezension: Maria Riss

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden

27.09.2018 by

Die Geschichte spielt im November 1945 in einem kleinen Dorf in Deutschland. Der Krieg ist vorbei, aber die Welt ist noch nicht wieder in ihren Fugen. Dies spürt die vierzehnjährige Hanne täglich. Ihre Familie lebte den Krieg über auf dem Bauernhof ihres Onkels und vom wirklichen Kriegsgeschehen hat Hanne nicht so viel mitbekommen. Umso mehr treffen sie jetzt all die schlimmen Erzählungen und die Wahrheit über das Regime der Nazis. Sie selbst kann sich ja auch nicht erklären, weshalb sie sich dermassen täuschen liess in den letzten Jahren. Sie hat sich an den BDM Heimabenden so amüsiert und mitreissen lassen. Im Dorf gibt es viele alte Nazis und einige davon können auch jetzt noch ihren Hass gegen alles Fremde nicht zügeln. Es gibt Schlägereien und einige aus der Dorfgemeinschaft zerbrechen daran, dass sie nicht mehr die Anführer sind, dass alles, wofür sie gekämpft haben, nun zerstört ist. Hanne ist ein kluges und vor allem auch mutiges Mädchen und stellt sich der neuen Zeit. Bald zieht sie in die Stadt, um an die Oberschule zu wechseln. Wenn man Bescheid weiss, läuft man viel weniger Gefahr, blindlings irgendwelchen Parolen zu gehorchen und Leuten hinterherzulaufen. Es ist gut, dass ihre Tante ihr zur Seite steht und noch viel besser, dass sie in der Stadt auf Gunnar trifft, mit dem sie all das, was sie belastet, besprechen kann. Von Gunnar bekommt sie auch ihren ersten Kuss und das ist eine ganz wunderbare neue Erfahrung.
Kann man so schnell seine Gesinnung ändern? Wie kommt man damit zurecht, dass man lange einfach weggeschaut hat? Ist man ein Fähnchen im Wind, wenn man plötzlich seine Gesinnung ändert? Weshalb kann man sich so täuschen lassen und einfach alles glauben, was erzählt wird? All diese Fragen beschäftigen Hanne und sie versteht es wunderbar, Leserinnen und Leser an all diesen Gedanken teilhaben zu lassen. Herbert Günther hat einen berührenden und spannenden Roman geschrieben. So wird Geschichte erlebbar und man schafft damit auch, weil all diese Fragen ja nach wie vor aktuell sind, einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart und zu eigenen Erfahrungen. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren.

Herbert Günther: Seit gestern ist Frieden. Gerstenberg 2018. ISBN: 978-3-8369-5661-1

Rezension: Maria Riss

Mira Gysi: Die Geiss, die alles weiss.

02.09.2018 by

Die neugierige Geiss Ina, wird wie alle Geissen im Stall jeden Tag gemolken. Sie will aber unbedingt wissen, was mit ihrer Milch passiert. Einmal steht die Stalltür offen und die Geiss kann sich auf dem Bauernhof genauer umsehen. Sie folgt Herrn Schmaus, der Maus, und entdeckt, wie die Milch zu Käse verarbeitet wird. Kater Anton erzählt ihr, wie Würste gemacht werden und dass diese nachher geräuchert werden. Doch Ina interessieren vor allem die Delikatessen, die im Gemüsegarten der Bäuerin wachsen: Karotten und knackiger Salat. Mit vollem Bauch erzählt sie den anderen Geissen, was mit der Milch passiert, wie diese zu Käse wird und wie Wurst und Salat auf dem Tisch der Familie landen. Mit den holzschnittartigen farbigen Illustrationen und kurzen Dialogen eignet sich das Bilderbuch hervorragend zum Vorlesen und Staunen ab 4 Jahren.
Mira Gysi wohnt mit Mann, Kind, Milchziegen und Mutterkühen auf einem abgelegenen Bauernhof oberhalb von Trub im Emmental. In diesem humorvollen Sachbilderbuch, ihrem Erstlingswerk, erklärt sie kleinen Kindern in wunderschönen Bildern, woher das Essen kommt.

Mira Gysi: Die Geiss, die alles weiss. NordSüd Verlag, 2018. ISBN: 978-3-314-10426-8

Rezension: Almut Hansen