Ankündigung: “Soziales Wohnen” als Thema der November-Ausgabe 2012 von “SozialAktuell”

02.10.2012 by

Die November-Ausgabe der Fachzeitschrift “SozialAktuell” widmet sich dem Thema “Wohnen für die Soziale Arbeit”. Zusammen mit Christoph Mattes vom Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW haben wir dafür einen Artikel zur sozialen und kulturellen Dimension des Wohnens verfasst, der das Thema als kulturelles Phänomen anhand verschiedener Lebenslagen und Lebensphasen sowie mit einem sozialstrukturellen Verständnis von sozialer Ungleichheit vorstellt.

Als Querschnittsthema zu vielen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit unternimmt der Artikel einen perspektivischen Ausblick zu neuen, sozialen Kompetenzen in der Planung und Realisierung von Wohnsiedlungen und in der Quartiersentwicklung.

Ausgehend von den Ergebnissen eines Forschungsprojekts unseres Instituts (Drilling & Weiss 2012) wird das Verständnis einer planungsbezogenen Sozialen Arbeit als sozialpolitische und sozialplanerische Strategie im Wohnungsbau und in der Quartierentwicklung vorgestellt.

Hier ein Beispiel einer planungsbezogenen Sozialen Arbeit:

 

 

Planung des Ersatzneubaus Werdwies in Zürich-Altstetten
Der breit abgestützte Abbruchentscheid der Vorgängersiedlung, im vormals benachteiligten Quartier Grünau, mit Inselcharakter am westlichen Rand der Stadt Zürich, erfolgte im Jahr 1995. Die Fertigstellung der neuen Siedlung, des Ersatzneubaus Werdwies, erfolgte im Jahr 2006. Für die Planung der 152 Wohneinheiten (davon ein Drittel subventioniert) und die ca. 500 Bewohnerinnen und Bewohner in der Siedlung der Stadt Zürich wurde eine interinstitutionelle Projektbegleitung erarbeitet.

Methoden und Instrumente in der Planung
Vom Abbruchentscheid bis zum Einzug der neuen Bewohnerinnen und Bewohner wurde die interinstitutionelle Projektbegleitung zwischen allen beteiligten Departementen der Stadt Zürich und den Quartierinstitutionen realisiert. Zur Vermittlung frei werdender Wohnungen in angrenzenden Stadtteilen wurde ein “MieterInnenbüro” eingerichtet, ein Zwischennutzungsprojekt thematisierte den Abbruch und gab den Bewohnerinnen und Bewohnern die Möglichkeit, von ihrem Wohnort Abschied zu nehmen. Akteure und Akteurinnen aus allen beteiligten Departementen und aus den Quartierinstitutionen waren in der Jury für die Vorgaben und Auswahl des Neubaus vertreten.

Die Verzahnung zwischen Sozialplanung, Sozialpolitik und städtebaulicher Umsetzung folgte im Beispiel der Werdwies der Strategie des “Design für Alle” und “Wohnen für Alle” durch unterschiedliche Wohntypologien, den Schwerpunkt auf familienfreundliche 4,5 Zimmerwohnungen gerichtet. Hier wurde auf eine durchgängige Barrierefreiheit aller Wege in die Siedlung, zu allen Gebäuden und zu den Wohnungen geachtet und öffentliche sowie halböffentliche Nutzungen in allen Erdgeschossen der Wohnhäuser (z.B. Kindergarten, Krippe, Einkaufsmarkt, Ateliers) ermöglicht.

Mehr zur sozialen Dimension nachhaltiger Quartiere und Wohnsiedlungen finden Sie hier.

 

ModularCity – Neue Planungssoftware für eine nachhaltige Stadtentwicklung

28.09.2012 by

Die Nutzung von Softwares zur Planung von neuen Wohnsiedlungen, öffentlichen Plätzen oder Gewerbekomplexen ist heute Standard, sowohl in der privaten wie in der kommunalen Siedlungs- und Stadtentwicklung. Sie dienen nicht nur zur Berechnung technischer Daten, sondern auch zur Visualisierung geplanter Bauvorhaben – sei es zur Überzeugung der Investierenden, zur Anziehung möglicher Käufer und Käuferinnen oder zur politischen Legitimation gegenüber den Steuerzahlenden. Weshalb also eine weiteres Tool entwickeln?

Ein Grossteil der heute verwendeten Planungssoftwares berücksichtigen in erster Linie das, was am Ende der Umsetzung sichtbar ist – Gebäude, Fassaden, Freiflächen, Bodenbedeckungen – und berechtigterweise auch die durch deren Bau entstehenden Kosten sowie die dann zu erwartende Rendite. Die Chance der Visualisierung liegt aber vor allem darin, das sichtbar zu machen, was von blossem Auge keine Beachtung finden würde: Atmosphären, Nutzungsformen, subjektive Empfindungen, kollektive Identitäten.

Ausgehend von einem gesellschaftszentriertem Raumverständnis (vgl. Läpple 1991) lässt sich unsere Umwelt nicht nur durch ihr materiell-physisches Substrat (Gebäude, Verkehrsflächen, bauliche Artefakte, etc.) beschreiben. Erst wenn wir auch die sozialräumlichen Handlungen, die in Räumen verorteten Normen und Wertvorstellungen sowie die an Orten haftenden Symbole berücksichtigen, erhalten wir ein ganzheitliches Verständnis davon, welche Bedeutung die gebaute Umwelt für uns Menschen hat.

Bezogen auf die Planung von Bauprojekten heisst dies, dass die soziale, symbolische und normative Dimension jeweils mitgedacht werden müssen, damit am Ende das Gebaute nicht  nur einen ökonomischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Mehrwert in der Form von Gestaltungs-, Aufenthalts- und schliesslich auch Lebensqualität hervorbringt.

Das Projekt ModularCity will unter dem Leitbild der nachhaltigen Stadtentwicklung eine Software entwickeln, mit welcher sich die materiell-physische mit der sozialräumlichen Dimension  integriert betrachten lässt. Ziel dieses Pilotprojektes ist es, ausgewählte sozialräumliche Variablen für ein bestimmtes Gebiet, in welchem Bauprojekte geplant sind, mittels der Software zu berechnen oder vor Ort zu erheben, anschliessend zu visualisieren und dadurch für die Planung der Bauprojekte nutzbar zu machen.

Fachlich orientiert sich die Projektgruppe einerseits an der klassischen Sozialraumanalyse, die sozialstrukturelle Daten zur Beschreibung von geographischen Räumen nutzt. Andererseits werden auch Daten situativ vor Ort erhoben (Befragungen, Beobachtungen, Begehungen), um die subjektive Sichtweise der Nutzenden in Erfahrung zu bringen.

Die Berücksichtigung dieser Daten eröffnet einen neuen Blickwinkel für Planungsprozesse jeglicher Art: Die Visualisierung von sozialräumlichen Daten sensibilisiert die an der Planung Beteiligten einerseits für allfällige Herausforderungen im Bauprojekt, die mit dem “rein technischen Auge” wohl nicht erkannt würden. Befragungen im öffentlichen Raum können beispielsweise wichtige Hinweise auf die Atmosphäre liefern, die gerade für die Qualität öffentlicher Räume eine zentrale Rolle spielt.

Aus Sicht des Projektteams noch zentraler scheint die Möglichkeit, zukünftige sozialräumliche Potentiale sichtbar und für das Bauprojekt nutzbar zu machen. So könnte beispielsweise die Gegenüberstellung objektiver Angaben zu Gebäudefunktionen und subjektiver Daten zur tatsächlichen Nutzung aufzeigen, welche Innovationspotentiale sich hinter den gebauten Strukturen verbergen.

ModularCity will diese Informationen als Diskussionsgrundlage im Planungsprozess nutzen: Im Idealfall werden die jeweils unterschiedlichen Perspektiven auf das Bauprojekt gleichwertig gewürdigt und von den beteiligten Akteuren unterschiedlicher Disziplinen als wertvolle Zusatzinformationen in das Vorgehen miteinbezogen.

Weitere Informationen zur Software finden Sie unter www.modularcity.ch.

Literatur:

Läpple, Dieter (1991). Gesellschaftszentriertes Raumkonzept. In: Wentz, Martin (Hg.). Stadt-Räume (35-46). Frankfurt am Main: Campus Verlag GmbH.

Mayer, Amelie-Theres/Schwehr, Peter/Bürgin, Matthias (2011). Nachhaltige Quartierentwicklung im Fokus flexibler Strukturen. Luzern/Zürich: vdf Hochschulverlag; interact Verlag.

Steffen, Gabriele/Baumann, Dorothee/Betz, Fabian (2004). Integration und Nutzungsvielfalt im Stadtquartier. Stuttgart / Berlin: WEEBER + PARTNER Institut für Stadtplanung und Sozialforschung.

Attraktive Gebäude und Siedlungen – kann auf Interessen von Nutzenden Rücksicht genommen werden?

25.09.2012 by

Themen der Architektur und des Siedlungsbaus auf ihre gesellschaftlichen Bedeutungen und Wirkungen zu untersuchen, hat derzeit Hochkonjunktur. So war es nicht verwunderlich, dass ich anlässlich der grössten Schweizer Baumesse «Swissbau» eine Anfrage erhielt, mich zum Thema «Nutzerinteressen im Siedlungsbau» zu äussern und dabei davon auszugehen, dass die Berücksichtigung derselben unmittelbar zu einem «attraktiveren Gebäude» führen würde.

Sinnvoll erschien mir, erst einmal zu fragen, was «attraktiv» bedeutet und wer bewertet, was attraktiv ist? In einer modernen Gesellschaft hat jeder Mensch einen anderen Anspruch an das Wohnen: der eine liebt die Loftwohnung, die andere den nichtmodernisierten Altbau oder das ehemalige Bauernhaus, für jemanden im Rollstuhl steigt die Attraktivität durch einen ebenerdigen und barrierefreien Zugang zum Gebäude.

Die Architektur entwickelt seit vielen Jahrzehnten spannende Ideen über die «richtige» Beschaffenheit von Siedlungen und Gebäuden. Interessant ist, dass viele der heute noch geltenden Modelle auf diejenige Bevölkerung abzielte, die sich ein Wohnen im Hochpreissegment nicht leisten konnte. Die Wohnung für das Existenzminimum (Ernst May in Frankfurt) ist eines der bekanntesten Beispiele. Andere Ideen stellen die Autofreiheit (zum Beispiel Arcosanti von Paolo Soleri in den USA) oder den qualitativ hochwertigen Erholungsraum (Modell der Gartenstadt nach Ebenezer Howard) ins Zentrum.

Wenn also nicht nur jede/r Bewohner/in, sondern auch jede/r Architekt/in seine Vorstellung davon hat, wie Gebäude und Siedlungen gestaltet werden müssen, um einen attraktiven Lebens- und Arbeitsraum zu bieten, dann wird die Planung von Siedlungen und Gebäuden zur Verhandlungssache.

Clevere Bauherrschaften haben dies längst entdeckt und punkten damit, dass die richtige Vorbereitung eines Projektes bei der Frage nach den Nutzenden beginnt und bei niedrigen Leerstandsquoten endet. Das macht sich dann auch finanziell bemerkbar (zum Beispiel durch geringere Unterhaltskosten, konstante Mieteinnahmen).

Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverband SIA hat mit der Empfehlung 112/1 «Nachhaltiges Bauen – Hochbau» eine Grundlage erarbeitet, die Architekten und Architektinnen sowie der Bauherrschaft ganz konkret zeigt, worüber zu verhandeln ist, wenn man eine attraktive Anlage erstellen möchte. Rund 15 Kriterien reichen von Themen wie «Gemeinschaft» (Integration/Durchmischung, Soziale Kontakte, Partizipation) über «Gestaltung» (Räumliche Identität, Wiedererkennung/Personalisierung) oder «Nutzung/Erschliessung» Grundversorgung/Nutzungsmischung, Zugänglichkeit) bis zu den klassischen gebäudebezogenen Kriterien wie «Wohlbefinden» und «Gesundheit» (Sicherheit, Licht, Raumluft, Strahlung).

Ein Architekt oder eine Architektin soll – so die Idee des SIA – vor einem Projekt mit der Bauherrschaft darüber verhandeln, was beachtet werden soll, Ziele festlegen und dann im Bauprozess darauf achten, dass diese eingehalten werden. Dieser Ansatz ist beachtenswert und es wäre zu wünschen, dass er sich zur SIA-Norm weiterentwickelt. Seine Grenzen sind dort, wo es Architektinnen und Architekten gibt, die kein Interesse an der längerfristigen Betrachtung der Immobilie haben, weil sie für Investierende planen, die das Objekt nach Fertigstellung verkaufen. Ob zehn Jahre später niemand mehr einziehen möchte, spielt für derart kurzfristiges und auf Rendite fokussiertes Denken keine Rolle. Dieses Problem zu lösen, dazu fehlen bisher gute Ideen.

Mehr dazu finden Sie in diesem Artikel (Raum & Umwelt, Nr. 3/12).