Attraktive Gebäude und Siedlungen – kann auf Interessen von Nutzenden Rücksicht genommen werden?

25.09.2012 by

Themen der Architektur und des Siedlungsbaus auf ihre gesellschaftlichen Bedeutungen und Wirkungen zu untersuchen, hat derzeit Hochkonjunktur. So war es nicht verwunderlich, dass ich anlässlich der grössten Schweizer Baumesse «Swissbau» eine Anfrage erhielt, mich zum Thema «Nutzerinteressen im Siedlungsbau» zu äussern und dabei davon auszugehen, dass die Berücksichtigung derselben unmittelbar zu einem «attraktiveren Gebäude» führen würde.

Sinnvoll erschien mir, erst einmal zu fragen, was «attraktiv» bedeutet und wer bewertet, was attraktiv ist? In einer modernen Gesellschaft hat jeder Mensch einen anderen Anspruch an das Wohnen: der eine liebt die Loftwohnung, die andere den nichtmodernisierten Altbau oder das ehemalige Bauernhaus, für jemanden im Rollstuhl steigt die Attraktivität durch einen ebenerdigen und barrierefreien Zugang zum Gebäude.

Die Architektur entwickelt seit vielen Jahrzehnten spannende Ideen über die «richtige» Beschaffenheit von Siedlungen und Gebäuden. Interessant ist, dass viele der heute noch geltenden Modelle auf diejenige Bevölkerung abzielte, die sich ein Wohnen im Hochpreissegment nicht leisten konnte. Die Wohnung für das Existenzminimum (Ernst May in Frankfurt) ist eines der bekanntesten Beispiele. Andere Ideen stellen die Autofreiheit (zum Beispiel Arcosanti von Paolo Soleri in den USA) oder den qualitativ hochwertigen Erholungsraum (Modell der Gartenstadt nach Ebenezer Howard) ins Zentrum.

Wenn also nicht nur jede/r Bewohner/in, sondern auch jede/r Architekt/in seine Vorstellung davon hat, wie Gebäude und Siedlungen gestaltet werden müssen, um einen attraktiven Lebens- und Arbeitsraum zu bieten, dann wird die Planung von Siedlungen und Gebäuden zur Verhandlungssache.

Clevere Bauherrschaften haben dies längst entdeckt und punkten damit, dass die richtige Vorbereitung eines Projektes bei der Frage nach den Nutzenden beginnt und bei niedrigen Leerstandsquoten endet. Das macht sich dann auch finanziell bemerkbar (zum Beispiel durch geringere Unterhaltskosten, konstante Mieteinnahmen).

Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverband SIA hat mit der Empfehlung 112/1 «Nachhaltiges Bauen – Hochbau» eine Grundlage erarbeitet, die Architekten und Architektinnen sowie der Bauherrschaft ganz konkret zeigt, worüber zu verhandeln ist, wenn man eine attraktive Anlage erstellen möchte. Rund 15 Kriterien reichen von Themen wie «Gemeinschaft» (Integration/Durchmischung, Soziale Kontakte, Partizipation) über «Gestaltung» (Räumliche Identität, Wiedererkennung/Personalisierung) oder «Nutzung/Erschliessung» Grundversorgung/Nutzungsmischung, Zugänglichkeit) bis zu den klassischen gebäudebezogenen Kriterien wie «Wohlbefinden» und «Gesundheit» (Sicherheit, Licht, Raumluft, Strahlung).

Ein Architekt oder eine Architektin soll – so die Idee des SIA – vor einem Projekt mit der Bauherrschaft darüber verhandeln, was beachtet werden soll, Ziele festlegen und dann im Bauprozess darauf achten, dass diese eingehalten werden. Dieser Ansatz ist beachtenswert und es wäre zu wünschen, dass er sich zur SIA-Norm weiterentwickelt. Seine Grenzen sind dort, wo es Architektinnen und Architekten gibt, die kein Interesse an der längerfristigen Betrachtung der Immobilie haben, weil sie für Investierende planen, die das Objekt nach Fertigstellung verkaufen. Ob zehn Jahre später niemand mehr einziehen möchte, spielt für derart kurzfristiges und auf Rendite fokussiertes Denken keine Rolle. Dieses Problem zu lösen, dazu fehlen bisher gute Ideen.

Mehr dazu finden Sie in diesem Artikel (Raum & Umwelt, Nr. 3/12).