Alter und Migration – Zur Situation der älteren Migrationsbevölkerung im Kanton Zug

22.04.2015 by

Im Auftrag des Kantons Zug führte das Institut für Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW eine Studie zur Situation der alternden Migrationsbevölkerung durch.

Ziel der Studie war es, Aussagen darüber zu machen, wie Migrantinnen und Migranten im Pensionsalter Angebote im Altersbereich nutzen, Angebotslücken zu identifizieren sowie Vorschläge für einen verbesserten Zugang und eine allfällige transkulturelle Öffnung bestehender Angebote zu machen.

Heterogene Migrationsbevölkerung im Kanton Zug

Die Migrationsbevölkerung im Kanton Zug ist äusserst heterogen, sowohl was die Nationalität, den Aufenthaltsstatus und die Aufenthaltsdauer in der Schweiz, den sozioökonomischen Status, als auch die sozialen Ressourcen und die gesundheitliche Situation betrifft.

Die Gastarbeitenden, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zugewandert sind, sind inzwischen pensioniert und müssen sich entscheiden, ob sie nach der Pensionierung in ihr Herkunftsland zurückkehren, in der Schweiz bleiben oder hin und her pendeln.

Angebotsvielfalt führt zu Überforderung

Die in Auftrag gegebene Studie hält fest, dass die vielfältigen Angebote wie Pflegedienstleistungen, Spitex, Sozialversicherungen und Ergänzungsleistungen, Anmeldung und Umzug ins Alters- oder Pflegeheim bei Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund häufig zu einer Überforderung führen.

Zudem wissen Migrantinnen und Migranten im Pensionsalter oft nicht, an wen sie sich mit ihren Fragen oder Problemen wenden können, oder sie gelangen damit nicht an die richtigen Stellen.

Ähnliche Bedürfnisse wie Schweizerinnen und Schweizer

Andererseits sind aber auch Vorurteile gegenüber staatlichen Institutionen, negative Erfahrungen in der Vergangenheit und Sprachhindernisse ein Grund für die geringfügigen Kenntnisse über die entsprechenden Dienstleistungen.

Die Studie fand auch heraus, dass es im Kanton Zug nicht grundsätzlich an Angeboten für ältere Menschen mit Migrationshintergrund mangelt, denn ihre Bedürfnisse decken sich in vielen Bereichen mit jenen der Schweizerinnen und Schweizer.

Hingegen muss der Zugang zu den bestehenden Angeboten verbessert sowie das Informationsdefizit und die Vorbehalte verringert werden.

Empfehlungen für einen besseren Zugang zu den Angeboten

Die wichtigsten Empfehlungen der Studie legen daher den Fokus auf folgende Punkte:

  • Informationsfluss zwischen Fachpersonen und Migrationsbevölkerung verbessern
  • Informationsgefässe für Fragen rund um die Pensionierung schaffen
  • Transkulturelle Öffnung von Institutionen und Angeboten vorantreiben
  • Erreichbarkeit der Zielgruppe verbessern
  • Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen stärken
  • Einbezug von Angehörigen in die Hilfeplanung
  • Situationsgerechtes Wohnangebot schaffen
  • Unterschiedliche Bestattungsriten anerkennen


Download Studie “Alter und Migration im Kanton Zug” (PDF, 350 KB)

Webseite des Kantons Zug

Kontakt

Luzia Jurt
Institut für Integration und Partizipation
luzia.jurt@fhnw.ch

Für Freiheit und Demokratie in unseren Migrationsgesellschaften – gegen Gewalt und Terror!

12.01.2015 by

Von Prof. Dr. Thomas Geisen (Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz), Prof. Dr. Markus Ottersbach (Fachhochschule Köln), Prof. Dr. Ria Puhl (Katholische Hochschule Nordrhein Westfalen)

Mit Fassungslosigkeit haben wir die Ereignisse der vergangenen Tage in Frankreich verfolgt. Das Attentat auf die Satire-Zeitschrift “Charlie Hebdo” mit zwölf Toten und die Ermordung der jüdischen Geiseln und einer Polizistin in Paris hat auch bei uns Entsetzen, Wut und Empörung ausgelöst. Die Opfer und ihre Angehörigen haben unser uneingeschränktes Mitgefühl, wir trauern mit ihnen. Die Anschläge erfordern jedoch mehr als Trauer und Mitgefühl, sie erfordern umso mehr ein mutiges Eintreten für eine Gesellschaft, in der “man ohne Angst verschieden sein kann” (Adorno). Sich dem Terror entgegenzustellen, das heisst aber auch, sich angesichts des Schreckens nicht blind machen zu lassen und damit gerade dem Vorschub zu leisten, was Terror und Gewalt bezwecken, nämlich der menschlichen Würde und dem Respekt anderen gegenüber ein Ende zu bereiten. Ziel des Terrors ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten, es soll jeden und jede irgendwo treffen können, das Vertrauen in die politischen und staatlichen Kräfte soll dadurch unterminiert werden. Die Menschen sollen dadurch so organisiert werden, “als gäbe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular” (Arendt). Das was Menschsein ausmacht, nämlich eine unbeschreibliche Vielfalt und zahllose Differenzen, die uns voneinander unterscheiden und zu einzigartigen Personen machen, soll nicht mehr Geltung haben, soll ausgelöscht werden. Dabei geht es nicht nur darum, die eigenen Reihen zu schliessen, sondern es geht auch darum, den vermeintlichen Gegner sich gleich zu machen. Dem müssen wir, die wir für uns in Anspruch nehmen, die Freiheit zu lieben, uns entgegenstellen: Freiheit und Demokratie sind unteilbar. Sie stehen aber immer dort auf dem Spiel, wo die Einzigartigkeit des Menschen nicht mehr zählt.

Damit kämen wir zu der für uns entscheidenden Frage: Was können wir tun angesichts dieser neuen Entwicklungen? Als Migrationsforschende in der Sozialen Arbeit haben wir uns bereits seit vielen Jahren mit den Problemen und Herausforderungen von Migrationsgesellschaften befasst und sind immer wieder auf vergleichbare Problemlagen gestossen, nämlich auf einen Mangel an Akzeptanz gegenüber Diversität und eine vielfach unzureichende und fehlende soziale und politische Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund in den westlichen Gesellschaften. Wir haben uns darum bemüht, Lösungen zu finden. Vieles, was von uns vorgebracht wurde, hat gesellschaftlich und politisch nicht immer unmittelbar seinen Niederschlag gefunden bzw. wurde umgesetzt. So ist die Forderung nach Akzeptanz der Diversität und nach Partizipation von Migrantinnen und Migranten bereit seit den 1970/80er Jahren mit Vehemenz eingefordert worden, allerdings wird sie erst seit der Jahrtausendwende tatsächlich und mit politischem Nachdruck betrieben. Dass die Umsetzung dieser Forderungen nicht von heute auf morgen gelingt, muss an dieser Stelle nicht betont werden. Radikalisierungen im Sinne von Rassismus, Sexismus, Hass, Ressentiment und Ausgrenzung Anderer sind vielfach Antworten auf langfristig nicht erfüllte Bedürfnisse und Hoffnungen. Hierin unterscheiden sich marginalisierte Gruppierungen kaum voneinander, ob es sich nun um rechtsradikale oder um religiös-fundamentalistische Strömungen handelt. Was sie eint, ist ihr ideologisches Denken, das keine Weltanschauung im eigentlichen Sinne hervorbringt. Die Gefahr dieses Denkens besteht vielmehr darin, dass es von aller weiteren Erfahrung völlig unberührt ist: “Ideologisches Denken ist, hat es einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt statuiert, prinzipiell von Erfahrungen unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar” (Arendt).

Für die Soziale Arbeit können hieraus folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

1) Im Sinne der Sozialen Arbeit als eine Menschenrechtsprofession gilt es, gesellschaftlichen Verhältnissen entgegenzutreten, in denen Menschen Opfer von Ausgrenzung, Gewalt und Verfolgung werden, und zwar sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen, denn eigene Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt bilden oft die Grundlage für spätere Gewaltkarrieren – dies gilt unabhängig von der jeweiligen Herkunft oder dem Migrationskontext;

2) Für Menschen, die an ihrer desolaten Lebenssituation zu zerbrechen drohen, die mit sich und der Welt unzufrieden sind, scheitern und verzweifeln, müssen bessere und wirksamere Möglichkeiten der Unterstützung angeboten werden, damit sie wieder in die Lage versetzt werden, für sich “einen Ort in der Welt” (Arendt) finden zu können;

3) Gesellschaftliche Aufklärung über die Bedingungen, unter denen Menschen leben, die von Marginalisierung betroffen sind, ist erforderlich, damit im politischen Diskurs ein besseres Wissen um gesellschaftliche Problemlagen vorhanden ist. Damit wird ein Beitrag dazu geleistet, dass konkrete Vorschläge und Massnahmen eine bessere Unterstützung finden, um solche Problemlagen besser zu bearbeiten.

Wir verstehen es als unsere Aufgabe, angesichts des Schreckens, der sich in den vergangenen Tagen ausgebreitet hat, mit vermehrter Anstrengung darüber nachzudenken, was wir selbst in unserem Tätigkeitsbereich tun können, welche Anregungen und Impulse wir in Ausbildung, Weiterbildung, Forschung & Entwicklung sowie in Dienstleistungen geben können, um zu einem besseren Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen und der Möglichkeiten ihrer Bearbeitung beizutragen. Wir denken, dass dies unmittelbar und dringend erforderlich ist. Denn wir sind davon überzeugt, dass die Ereignisse der vergangenen Tage durch die Bedrohung der Meinungsfreiheit als fundamentaler Bestandteil jeder Demokratie eine neue gesellschaftliche Situation geschaffen haben, die uns in den nächsten Wochen und Monaten auf vielfältige Weise herausfordern wird und auf die wir Antworten finden müssen, damit Freiheit und Demokratie nicht nur in Frankreich, sondern auch in unseren Ländern – in Deutschland und der Schweiz – keinen Schaden nehmen.

Wir sind der Überzeugung, dass allein eine der Freiheit verpflichtete und sich für Partizipation aller Mitglieder und für Toleranz gegenüber Minderheiten einsetzende Gesellschaft in der Lage ist, dem Terror zu widerstehen, der seit dem 11. September 2001 begonnen hat, sich auch im Innern unserer Gesellschaften auszubreiten. Dafür wollen wir eintreten!

An folgenden Anlässen werden wir unsere Positionen und Überlegungen einbringen:

  • Internationales Modul “Arbeit, Migration und Soziale Arbeit” der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, der Fachhochschule Köln und der Katholischen Hochschule Nordrhein Westfalen NRW vom 15. bis 17. Januar 2015 in Köln.
  • Internationale Migrationskonferenz www.migrationskonferenz.ch “Migration und Geschlecht” vom 18. bis 20. Juni 2015 in Dudelange/Luxemburg, an deren Organisation und Durchführung die Autoren und die Autorin dieses Blogbeitrags mit beteiligt sind.

Kontakt: Prof. Dr. Thomas Geisen, Institut Integration und Partizipation IIP, thomas.geisen@fhnw.ch

15. Internationale Migrationskonferenz “Migration und Gender/Migration and Gender”

16.12.2014 by

Vom 18. bis 20. Juni 2015 findet in Dudelange/Luxemburg die 15. Internationale Migrationskonferenz zum Thema “Migration und Gender/Migration and Gender” statt. Der Call for Papers dauert bis am 30. Dezember 2014.

Gender ist neben “race” und “class” eine gesellschaftlich relevante und ungleichheitsstrukturierende Differenzlinie, die auch im Kontext von Migration von zentraler Bedeutung ist. Seit den 1980er-Jahren hat sich die sozialwissenschaftliche Forschung über Migration und Geschlecht ausdifferenziert, zunächst insbesondere mit Blick auf die Motive, die Lebenslagen von Migrantinnen und das Bild der Migrantin, später mit Interesse für die Geschlechterverhältnisse. Auch in der Jugendforschung wurden ab Ende der 1990er-Jahre die spezifischen Sozialisationsbedingungen von weiblichen und männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund vermehrt in den Blick genommen. In den 1990er-Jahren wurde zeitweise von einer Feminisierung der Migration gesprochen. Anlass war die verstärkte Einwanderung von Frauen zur Erwerbstätigkeit in privaten Haushalten und im Care-Sektor – eine Migration, die deshalb von Interesse ist, weil hier in der öffentlichen Diskussion erneut das Klischee von Frauenarbeit bedient wurde. Männlichkeit im Kontext von Migration hat als eigenständiges Forschungsfeld im deutschsprachigen Raum erst in der vergangenen Dekade vermehrt Beachtung in der Männlichkeitsforschung gefunden.

In der Analyse von Männlichkeiten und Migration – wie bei der Forschung über Migrantinnen – müssen neben den Kategorien Geschlecht und Ethnizität auch die Kategorien Klasse und Körper mitberücksichtigt werden. Eine Verbindung dieser verschiedenen Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnisse, deren Bedeutung für die sozialen Positionierungen und verschiedene Ein- und Ausgrenzungsmechanismen fokussiert der Ansatz der Intersektionalität. Inzwischen findet auch die Queer-Theorie verstärkt Beachtung, mit der weitere Dimensionen des Geschlechterverhältnisses im Kontext von Migration sichtbar gemacht werden können und insbesondere die Bipolarität von Geschlechterkonstruktionen infrage gestellt wird.

Im Rahmen der Konferenz wird das Verhältnis von Migration und Gender in interdisziplinärer und internationaler Perspektive und in unterschiedlichen Kontexten analysiert und diskutiert. Folgende Perspektiven stehen im Zentrum: Geschlechterverhältnisse im Kontext von Migration; Ansätze der Forschung zu Gender und Migration; Mediale und öffentliche Repräsentationen von Gender und Migration; Sexualität, Körper, Identität im Kontext von Migration; Fluchtmigration und Gender; Migration und Gender in Erinnerungskulturen; Ausstellungen, Museen und öffentlicher Raum.

Mehr dazu auf www.migrationskonferenz.ch.

Kontakt: Prof. Dr. Thomas Geisen, Institut Integration und Partizipation IIP, thomas.geisen@fhnw.ch