Fremdplatzierung von Kindern in der Schweiz – eine historische Aufarbeitung 1940-1990

22.01.2016 by

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt untersucht die Praxis der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und fragt nach den Auswirkungen für die Betroffenen.

Placing-Childen-in-Care-Sozarch_F_Fe-0002-19

Institut St. Nicolas, Drognens, Kanton Freiburg, ca. 1914. Es handelt sich um ein Bild, das im Auftrag des Schweizerischen Armenerziehervereins im Hinblick auf die Schweizerische Landesausstellung von 1914 in Bern angefertigt wurde. (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich, Signatur: Sozarch_F_Fe-0003-02)

Kinder wachsen in ihren Herkunftsfamilien auf. So will es trotz der Vielfalt unserer heutigen Lebensformen wohl nach wie vor der gesellschaftliche Common Sense. Für viele Schweizer Kinder und Jugendliche der Vergangenheit galt das nicht. Unter dem Begriff der «administrativen Versorgung» und im Rahmen von behördlichen Zwangsmassnahmen wurden viele Tausende von ihnen bis 1981 meist ohne ein Gerichtsurteil und ohne die Möglichkeit eines Rekurses in Institutionen eingewiesen, verdingt oder anderweitig fremdplatziert.

Kooperationsprojekt von fünf Hochschulen
Seit Ende 2013 nimmt ein vom Schweizerischen Nationalfonds SNF gefördertes Kooperationsprojekt von fünf Hochschulen eine bisher in Bezug auf die Praxis der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen kaum beleuchtete Zeit der Schweizer Vergangenheit unter die Lupe: die Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er-Jahre. Das an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW am Institut Integration und Partizipation angesiedelte Projekt vereinigt neben der FHNW die Universitäten Freiburg, Genf und Zürich sowie die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW im interdisziplinären Unterfangen (Geschichtswissenschaft, Soziale Arbeit), auf verschiedenen Ebenen die Vorgänge im Bereich der Fremdplatzierung zu rekonstruieren und zu untersuchen.

Neben den behördlichen Entscheiden, die zu Fremdplatzierungen führten, stehen der fachlich-wissenschaftliche Diskurs in den Ausbildungsinstitutionen der angehenden Heimerzieherinnen und Heimerzieher sowie die Biografien der von einer Fremdplatzierung Betroffenen im Zentrum der Projektarbeiten. Die insgesamt 14 Personen des Projektteams befassen sich mit Archivarbeiten ebenso wie mit der Führung von Interviews mit Betroffenen, die über ihre Heimerfahrungen berichten.

Wissenschaftliche Arbeit findet selten so viele Aktualitätsbezüge
In der Regel geschieht wissenschaftliche Arbeit weit ab von der Öffentlichkeit und findet eher im Stillen statt. Für das Projekt Placing Children in Care trifft das jedoch nicht zu. Es steht seit Beginn in einem besonderen politischen und gesellschaftlichen Umfeld. Nachdem Bundesrätin Simonetta Sommaruga im April 2013 die Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen öffentlich und im Namen der Landesregierung für das begangene Unrecht um Entschuldigung bat, ist das Thema regelmässig Gegenstand in den Medien. Die Schweiz stellt sich wie andere europäische Länder auch einem schwierigen Thema ihrer Vergangenheit. Die Einsetzung eines Delegierten für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, ein runder Tisch, ein neues Gesetz (Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen), eine unabhängige Expertenkommission des Bundes und eine in kurzer Zeit zustande gekommene Volksinitiative (die  sogenannte Wiedergutmachungsinitiative) – selten findet wissenschaftliche Arbeit so viele Aktualitätsbezüge.

Weitere Informationen: www.placing-children-in-care.ch

Kontakt:
Dr. Christine Matter
Institut Integration und Partizipation IIP
christine.matter@fhnw.ch

Ein Handbuch: Kinder als Mitbetroffene von Gewalt in Paarbeziehungen

19.01.2016 by

Bei Gewalt in Paarbeziehungen sind die Kinder mitbetroffen, obwohl die Gewalthandlungen nicht direkt gegen sie gerichtet sind. Fachleute aus verschiedenen Bereichen beschreiben in diesem Band ihre Erfahrungen und stellen den Handlungsbedarf in den Institutionen, in Aus- und Weiterbildung sowie in Forschung und Politik dar.

Während die Frauenbewegung in den 1970er Jahren dafür sorgte, dass die alltägliche Gewalt gegen Frauen auf die politische Agenda kam, entwickelte sich in Fachkreisen erst um die Jahrtausendwende das Bewusstsein, dass das Miterleben von Gewalt eine Kindeswohlgefährdung darstellen kann. Dennoch gehen die mitbetroffenen Kinder in der Praxis häufig vergessen und erhalten weder den erforderlichen Schutz noch die geeignete Unterstützung.

C_Handbuch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Fachkräfte in unterschiedlichen Handlungsfeldern, die mit betroffenen Familien in Kontakt kommen, ist deshalb nicht nur die Sensibilisierung auf die Situation der Kinder wichtig, sondern sie müssen auch über Handlungskompetenzen im Umgang mit den verschiedenen betroffenen Familienmitgliedern verfügen.

Das Handbuch ist im eFeF-Verlag erschienen. ISBN 978-3-906199-08-5

Kontakt
Prof. Dr. Luzia Jurt,
Institut Integration und Partizipation IIP,
luzia.jurt@fhnw.ch

Monika von Fellenberg,
Institut Integration und Partizipation IIP,
monika.vonfellenberg@fhnw.ch

Patenschaften für Kinder aus Familien mit einem psychisch erkrankten oder belasteten Elternteil: Projektevaluation

21.12.2015 by

In der Schweiz gibt es erst wenige spezifisch auf die Bedarfe von Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil ausgerichtete Hilfsangebote. Professionell, d.h. durch eine Fachperson der Sozialen Arbeit, begleitete Patenschaften ermöglichen betroffenen Kindern im Sinne der Resilienzförderung eine konstante und vertrauensvolle Beziehung zu einer zusätzlichen Bezugsperson, gleichzeitig werden die Eltern entlastet. Das Angebot ‘HELP! Patenschaften’ wurde gemeinsam durch die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und den Basler Träger «Help! For Families» in enger Zusammenarbeit entwickelt – die Kooperation erfolgte dabei im Rahmen der Konzeptentwicklung, der Begleitung während der Umsetzung und der Evaluation.

Bild-Patenschaften_WebDie Evaluation zeigt seitens der Zielgruppe, insbesondere bei alleinerziehenden psychisch belasteten Müttern, einen klaren Bedarf für das Angebot. Die Akquise von Paten- und Nutzerfamilien, die Abklärung von Ressourcen, Wünschen und Bedarfen sowie die Anbahnung und Vermittlung der Patenschaften gestaltete sich anspruchsvoll und forderte von der Patenschaftskoordinatorin ein hohes Mass an Fachwissen und Handlungskompetenzen. Auch zeigte sich, dass die niederschwellige und ehrenamtlich organisierte Unterstützung durch Patinnen und Paten für die Nutzerfamilien hilfreich ist und von den Freiwilligen als Bereicherung wahrgenommen wird. Für das Gelingen bzw. die Aufrechterhaltung einer langfristig laufenden Patenschaft sowie die Unterstützung der Beteiligten in Krisensituationen ist jedoch eine engmaschige und professionelle Begleitung unabdingbar.

Die Analyse der Zielerreichung hinsichtlich der angestrebten Wirkungen zeigte, dass sich auf Basis der wöchentlichen Treffen zwischen Kindern und ihren Patinnen und Paten eine Kontinuität im Beziehungsaufbau ergab, der sich positiv auf ihre Entwicklung auswirkte und als förderlich hinsichtlich einer erhöhten Resilienz gegenüber belastenden Lebensumständen gewertet werden kann. Die psychisch belasteten Mütter wurden durch die regelmässige Betreuung ihrer Kinder sowohl zeitlich wie auch emotional entlastet, was sich durch die langfristige Anlage der Patenschaften und des daraus resultierenden Vertrauens in die Stabilität des Arrangements noch verstärkte. Auch die Patinnen und Paten erlebten die Beziehung zu ihrem Patenkind als Bereicherung. Somit bestätigten sich die im Konzept festgehaltenen Wirkungsziele dieser Unterstützungsform.

In einem weiteren Schritt wird das Konzept des Patenschaftsangebots auf der Basis der Erfahrungen in der Pilotphase sowie der Evaluationsergebnisse überarbeitet und ist ab Mitte 2016 auf Nachfrage zugänglich.

Link zu Evaluationsbericht
(Gesamtbericht und Kurzbericht zum Download):
www.irf.fhnw.ch/handle/11654/10875

Link zu Projektträger und Projekt:
www.help-for-families.ch

Kontakt
Dr. Brigitte Müller,
Institut Kinder – und Jugendhilfe,
brigitte.mueller@fhnw.ch