Rückblick 21. Internationale Aids-Konferenz in Südafrika

23.08.2016 by

«Access Equity Rights Now» (Zugang für Alle – Gerechtigkeit jetzt): so lautete das Thema der 21. Internationalen Aids Konferenz. Aus globaler Perspektive wurden die neusten Errungenschaften und Herausforderungen im Bereich HIV/Aids präsentiert und diskutiert. Über 15’000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 153 Ländern trafen sich vom 18. bis 22. Juli 2016 in Durban (Südafrika) – darunter auch zwei Mitarbeitende der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW.

Prof. Dr. Sibylle Nideröst und Christoph Imhof, lic.phil., vom Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW waren vor Ort. Sie präsentierten drei Posterbeiträge aus zwei verschiedenen Forschungsprojekten des Instituts-Schwerpunkts «Menschen im Kontext von HIV».AIDS-Konferenz_2_Web
Forschende, Aktivistinnen und Aktivisten wie auch Betroffene kamen an der 21. Internationalen AIDS-Konferenz zusammen.
(Foto: Christoph Imhof)

Zwei der Beiträge präsentierten die Resultate aus der Studie zur Akzeptanz der PrEP bei Männern, die Sex mit Männern haben. PrEP steht für Prä-Expositions-Prophylaxe und damit für die Möglichkeit, sich mit der Einnahme von HIV-Medikamenten vor einer Infektion mit HIV zu schützen.

Obwohl die Wirksamkeit der PrEP in mehreren klinischen Studien bereits gut belegt werden konnte, ist die «Pille zum Schutz vor HIV» bisher weltweit nur in acht Ländern, u.a. in den USA und in Frankreich, zugelassen. Auf der Konferenz herrschte der Grundtenor, dass die PrEP als weitere Präventionsmassnahme gegen das HI-Virus eingesetzt werden kann und muss. Gerade für die afrikanischen Länder, wo bisher nur Südafrika und Kenia, etwa für Sexarbeiterinnen, die PrEP eingeführt haben, wird die PrEP als ein wichtiges Mittel im Kampf gegen HIV gesehen – insbesondere für (jüngere) Frauen. Diese haben häufig Probleme mit der sexuellen Selbstbestimmung und können die Verwendung von Kondomen bei ihren Sexpartnern meist nur schwer durchsetzen. Mit der PrEP würde diesen Frauen ermöglicht, sich aktiv und unabhängig vom Verhalten des Partners vor dem Virus zu schützen. Allerdings liegt der Schlüssel zur Wirksamkeit der PrEP in deren regelmässigen Verwendung und gerade diese ist nicht immer gegeben, wie auch die am Kongress präsentierten Ergebnisse aus den ersten demonstration projects zeigten. Ebenso scheinen sich die Befürchtungen mancher PrEP-Skeptiker, dass der Kondomgebrauch mit Gelegenheitspartnern und -partnerinnen abnehmen wird und andere sexuell übertragbare Infektionen in Folge zunehmen werden, zu bewahrheiten. Kritisch kann auch bemerkt werden, dass das Proklamieren einer ganzflächigen Abdeckung durch PrEP nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn man bedenkt, dass weltweit nur knapp die Hälfte der HIV-positiven Menschen Zugang zur antiretroviralen Therapie hat. Hier gibt es noch viele ungelöste Fragen.

Der dritte Posterbeitrag thematisierte den Zusammenhang zwischen dem geringen HIV-Testverhalten und den starken Stigmatisierungstendenzen bezüglich HIV bei Sub-Sahara Migrantinnen und Migranten in der Schweiz. Der Beitrag bot Anlass zu Vergleichen mit anderen westlichen Ländern in Bezug auf diese Migrationspopulation. So wurden im Rahmen der Konferenz Modelle und Projekte präsentiert, die es ermöglichen, schwer erreichbare Zielgruppen für den HIV-Test zu gewinnen. Diesem kommt eine wichtige Funktion innerhalb der UNAIDS-Strategie «90-90-90» zu, die besagt, dass bis im Jahr 2020 90% aller Menschen mit HIV ihren HIV-Status kennen, 90% aller HIV-diagnostizierten Personen antiretrovirale Medikamente erhalten und 90% aller HIV-positiven Personen unter antiretroviraler Therapie eine supprimierte Viruslast aufweisen. Die in Kenia und Uganda durchgeführte SEARCH Studie konnte aufzeigen, dass mittels eines community-basierten Ansatzes zur HIV-Testung mit unmittelbarem Zugang zur antiretroviralen Therapie bei einer positiven HIV-Diagnose, die relative Häufigkeit der Personen mit supprimierter Viruslast innerhalb von zwei Jahren von 45% auf 81% gesteigert werden konnte und man damit dem UNAIDS-Ziel ein grosses Stück näher gekommen ist. Letztlich wurde auch immer wieder der Fortschritt seit der letzten Konferenz in Durban im Jahr 2000 hinsichtlich des Zugangs zur HIV-Therapie gewürdigt. Gleichzeitig wurden aber auch die Herausforderungen zur Erreichung einer AIDS-Free Generation bis im Jahr 2030 betont, wozu es neben der antiretroviralen Therapie auch den universellen Zugang zur PrEP brauche. Daneben kommt auch dem Kampf gegen Diskriminierung von Männern, die Sex mit Männern haben, Sexarbeiterinnen und Transgender Personen eine zentrale Rolle zu. Angesichts der Tatsache, dass gerade in zahlreichen Ländern dieser Welt Homosexualität und Sexarbeit weiterhin kriminalisiert werden, gibt es noch viel zu tun oder anders ausgedrückt: «The work is far from done».

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Die 21. Internationale Aids-Konferenz fand vom 18. bis 22. Juli 2016 in Durban statt. (Foto: Christoph Imhof)

Kontakt
Christoph Imhof, lic. phil., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
christoph.imhof@fhnw.ch,
Prof. Dr. Sibylle Nideröst, Institutsleiterin,
sibylle.nideroest@fhnw.ch,
Institut Integration und Partizipation IIP

Kooperation in der HIV/Aids-Forschung mit der Escuela de Trabajo Social der Universidad Libre de Costa Rica (ETS ULICORI)

30.10.2015 by

Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und die Escuela de Trabajo Social der Universidad Libre de Costa Rica (ETS ULICORI) haben 2011 die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre im Bereich der sozialwissenschaftlichen HIV/AIDS-Forschung vereinbart. Die Kooperation der zwei Hochschulen beinhaltet gemeinsame Forschung sowie den Austausch von Studierenden und Dozierenden. Nun liegen die Ergebnisse eines ersten gemeinsam durchgeführten Forschungsprojekts vor.

Diese internationale Kooperation wurde in Form des gemeinsamen Forschungsprojekts «SidaCosta» realisiert, das zwischen Juli 2012 und Januar 2015 mit Mitteln aus dem Development Cooperation Fund der Konferenz der Fachhochschulen KFH sowie vom Förderfonds der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW finanziert wurde.

Präventionsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene
Ein wichtiges Ziel des kooperativen Forschungsprojektes war es, Grundlagen für die Entwicklung von forschungsbasierten und kontextangemessenen Präventionsangeboten für Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 24 Jahren zu erarbeiten.

Denn obwohl Costa Rica das ökonomisch bestgestellte und stabilste Land Zentralamerikas ist, sind Massnahmen gegen die HIV-Epidemie bislang nur rudimentär entwickelt worden. Insbesondere fehlen angemessene Präventionsangebote für die nachwachsenden Generationen. Das Projekt fragte deshalb nach den Prädiktoren des Kondomgebrauchs von 18- bis 24-jährigen Frauen und Männern in Costa Rica beim Sex mit Gelegenheitspartnerinnen und -partnern sowie in «fest» erachteten Beziehungen.

Berücksichtigung situativer und partnerbezogener Faktoren
Dabei wurde von einem erweiterten Information-Motivation-Behavioral Skills (IMB) Modell ausgegangen, das von Mitgliedern der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW im Rahmen eines europäischen Projekts mitentwickelt und erprobt wurde (vgl. hierzu www.fhnw.ch/ppt/content/prj/s226-0008).

Dieses erweiterte IMB Modell umfasst nebst den sozial-kognitiven Variablen des traditionellen IMB auch Variablen zu kulturellen, sozialen und ökonomischen Ressourcen und berücksichtigt zudem situative und partnerbezogene Faktoren, die den Kondomgebrauch hindern können. Allerdings ist ein solches Modell erst auf die Untersuchungsgruppe und deren Lebenskontext hin anzupassen. Die Untersuchung kombinierte deshalb Methoden der qualitativen und der standardisierten Sozialforschung.

Persönliche HIV-Schutzstrategien
In einer ersten Projektphase wurden anhand qualitativer Methoden die Faktoren ermittelt, die den Kondomgebrauch fördern respektive behindern. Hierzu wurde eine Stichprobe von 29 jungen Erwachsenen mit maximal variierenden Hintergründen zusammengestellt, die in Problemzentrierten Interviews befragt wurden. Die Ergebnisse liessen konkret werden, welche persönlichen HIV-Schutzstrategien die jungen Erwachsenen sich zurechtgelegt hatten, welche kulturellen, sozialen und materiellen Ressourcen sie in ihrem Entscheid für einen Schutz gegen HIV unterstützten und welche situativen wie auch  partnerbezogenen Barrieren sie bei der Umsetzung von Safer Sex schon erfahren haben. Mit diesen Ergebnissen konnte das abstrakte erweiterte IMB Modell gruppen- und kontextangemessen konkretisiert werden.

Ungenügender Schutz vor HIV-Ansteckungen
In der zweiten Projektphase wurde eine Querschnittsuntersuchung durchgeführt. Auf Daten des Zensus basierend wurde eine geschichtete Zufallsstichprobe von 18- bis 24-jährigen jungen Erwachsenen in Costa Rica gezogen.

Die Analyse der Daten von 905 Befragten (484 Frauen und 419 Männer) zeigt, dass sich die jungen Erwachsenen nur ungenügend vor einer HIV-Ansteckung schützen. Beim Vaginalverkehr mit Gelegenheitspartnerinnen und -partnern in den letzten sechs Monaten vor der Befragung schützten sich 26,4 Prozent der 314 Befragten, die in diese Situation kamen, jedes Mal mit einem Kondom. Dabei
zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den jungen Männern und Frauen.

Weiter zeigte sich, dass die jungen Erwachsenen sich eine breite Palette von subjektiv als wirksam betrachteten HIV-Schutzstrategien angeeignet hatten, die aber auch Vorgehensweisen umfassten, die a priori keinen Schutz vor einer HIV-Infektion bieten. Nur ein verschwindend geringer Anteil von zwei Prozent machte keinen Versuch, sich zu schützen. An dieser an sich breit gestreuten Motivation, sich gesund zu erhalten, kann die Prävention ansetzen.

Persönliche, ökonomische, soziale und kulturelle Einflussfaktoren
Die Modellprüfung belegte, dass das erweiterte IMB Modell zusätzliche Prädiktoren des Kondomgebrauchs mit Gelegenheitspartnerinnen und -partnern benennen und das Schutzverhalten besser erklären kann.

So zeigte sich z.B. am Beispiel des Kondomgebrauchs mit Gelegenheitspartnerinnen und -partnern, dass nebst der Variablen Information und Motivation, die das traditionelle Modell schon vorsieht, auch die persönliche Schutzstrategie und ökonomische Ressourcen die Häufigkeit des Kondomgebrauchs beeinflussen. Zudem konnten Barrieren identifiziert werden, die darauf Einfluss nehmen, so z.B., dass das Kondom beim Sex nicht zur Hand ist oder die jungen Erwachsenen vor oder während dem Sex Alkohol oder Drogen konsumieren. Ein weiterer Faktor ist das Vertrauen in ihre Sexpartnerinnen und -partner.

Diese primären Einflussfaktoren werden ihrerseits von kulturellen und sozialen Ressourcen beeinflusst. Dabei kommt der Unterstützung in der Peergruppe eine zentrale Bedeutung zu. Jene jungen Erwachsenen, die von ihren Peers einen direkten Ansporn zum Kondomgebrauch erhalten, erreichen in allen direkten Prädiktoren des Kondomgebrauchs höhere Werte und gebrauchen das Kondom dann auch öfter.

Dies – wie das gesamte Modell – ist eine für die Prävention höchst interessante Erkenntnis, die einen Ansatz für die Entwicklung von Präventionsangeboten für diese Altersgruppe bietet. Die umfangreichen Ergebnisse des Projekts tragen damit zur Realisierung des globalen Entwicklungsziels der HIV- und Aids- Bekämpfung bei (MDG 6) und sind vom zuständigen Ministerium mit Interesse zur Kenntnis genommen worden.

Kontakt:
Prof. Dr. Daniel Gredig
Leiter Master-Studium, Studienzentrum Soziale Arbeit SZSA
daniel.gredig@fhnw.ch

Prof. Dr. Maritza Le Breton
Institut Integration und Partizipation IIP
maritza.lebreton@fhnw.ch

Afrimedia – Evaluation des HIV/STI-Präventionsprogramms für Migrantinnen und Migranten aus Subsahara-Afrika

25.09.2015 by

Viele Migrantinnen und Migranten aus Subsahara-Afrika sind aufgrund ihrer Lebensumstände besonders vulnerabel für eine Ansteckung mit dem HI-Virus. Im Jahr 2013 entfielen 15 Prozent aller HIV-Neudiagnosen in der Schweiz auf diese Personengruppe. Das Afrimedia-Programm der Aids-Hilfe Schweiz will die entsprechenden Migrantinnen und Migranten über HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) informieren.

Das Programm zielt darauf ab, mithilfe interkultureller Mediatorinnen und Mediatoren afrikanischer Herkunft das Wissen über HIV-/STI-Risiken, Präventions-, Test- und Therapieangebote zu vergrössern und den HIV/STI-bezogenen Schutz sowie das Testverhalten der Migrantinnen und Migranten aus Subsahara-Afrika zu verbessern.

Die Thematisierung von HIV/Aids trägt zudem zur Entstigmatisierung von HIV/Aids in den afrikanischen Gemeinschaften bei. Die Evaluation seitens der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW prüfte, inwiefern die mit Afrimedia geplanten Wirkungen und Veränderungen erreicht wurden. Ebenso wurde die Umsetzung der Intervention und deren Leistungen überprüft.

Den Fokus auf soziokulturelle Faktoren legen
Neben einer Dokumentenanalyse wurden fünf Fokusgruppendiskussionen mit nationalen und regionalen Programmverantwortlichen sowie den Mediatorinnen und Mediatoren durchgeführt. Ebenso fanden zwei Experteninterviews statt. Darüber hinaus wurden 93 Frauen und 108 Männer aus Subsahara-Afrika in standardisierten mündlichen Interviews befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass trotz regionaler Unterschiede hinsichtlich Organisation, Aktivitäten und Zielsetzungen das Programm Afrimedia von allen Beteiligten grundsätzlich als gut befunden wird und einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung über HIV-Risiken in der Subsahara-Bevölkerung zu leisten vermag. Allerdings trägt die Informationsvermittlung wenig zur Veränderung des HIVbezogenen Schutz- und Testverhaltens bei. Es sollten daher vermehrt soziokulturelle Faktoren sowie die Einstellung gegenüber HIV und den Betroffenen innerhalb der Subsahara-Bevölkerung berücksichtigt werden. Dabei gilt es, die Zielgruppe weiter zu differenzieren und entsprechend bedürfnis- und bedarfsgerechte Angebote zu initiieren.

Kontakt
Prof. Dr. Luzia Jurt
Institut Integration und Partizipation IIP
luzia.jurt@fhnw.ch

Prof. Dr. Sibylle Nideröst
Leiterin Institut Integration und Partizipation IIP
sibylle.nideroest@fhnw.ch