Forschungsbericht «Zusammenarbeit der IV-Stellen mit den Arbeitgebenden» erschienen

09.05.2016 by

Die Zusammenarbeit zwischen IV-Stellen und Arbeitgebenden ist insbesondere seit der 5. Revision des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) im Jahr 2008 von Seiten der IV-Stellen ausgebaut und weiterentwickelt worden. Aber auch Arbeitgende kommen vermehrt auf die IV-Stellen zu, um fallabhängig oder sogar fallunabhängig mit der IV-Stelle zusammenzuarbeiten. Für IV-Stellen und Arbeitgebende ist die Zusammenarbeit für eine erfolgreiche berufliche (Wieder-)Eingliederung von grosser Bedeutung.

Dies sind Ergebnisse einer neuen Studie, die im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) von Prof. Dr. Thomas Geisen und Prof. Dr. Edgar Baumgartner, beide von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, sowie von Prof. Dr. Guy Ochsenbein, Hochschule für Wirtschaft FHNW, durchgeführt wurde. Die Studie zeigt die Vielfalt der Zusammenarbeits- und Kontaktformen auf und hat dazu eine Typologie entwickelt.

Zur Ausgestaltung der Beziehungen zwischen IV-Stellen und Arbeitgebenden lagen bislang kaum systematische Erkenntnisse vor. Erstmals wurden nun die Kontakt- und Kooperationsformen von IV-Stellen und Arbeitgebenden mit zwei Online-Befragungen umfassend untersucht. Es handelt sich um eine Vollerhebung an der sich 23 von 26 IV-Stellen beteiligten und 109 Arbeitgebende befragt wurden, mit denen die IV-Stellen vorgängig bereits zusammengearbeitet und die sie für eine Beteiligung an der Umfrage vorgeschlagen haben. Darüber hinaus wurden Fokusgruppendiskussionen mit Mitarbeitenden der 23 einbezogenen IV-Stellen geführt.

Perspektive der Arbeitgeber
Die Kontaktaufnahme mit der zuständigen IV-Stelle erfolgt aus Sicht der befragten Unternehmen in erster Linie telefonisch und über Besuche von IV-Mitarbeitenden in den Betrieben. Die Besuche fanden zum Teil regelmässig statt, sowohl fallabhängig und fallunabhängig. Wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin erkrankt, ist es meistens der Betrieb selbst, der für die Kontaktaufnahme mit der IV-Stelle sorgt. Die Abläufe bei der Kontaktaufnahme und auch die Zusammenarbeit mit den IV-Stellen beurteilen die Arbeitgeber überwiegend positiv. Eine überwiegende Mehrheit der Arbeitgeber beurteilt die Ergebnisse sowie die Effizienz bzw. Wirksamkeit der Zusammenarbeit als gut. 69 Prozent der Befragten bestätigen, bei Angelegenheiten der beruflichen (Wieder-)Eingliederung (eher oder sehr) gut unterstützt zu werden. Aus Sicht der Arbeitgeber besteht aber auch Verbesserungsbedarf bei der fallbezogenen Bearbeitung, die ihnen oft zu lange dauert. Eine Einschätzung, die auch rund die Hälfte der 23 befragten IV-Stellen teilt.

Perspektive der IV-Stellen
Die Ergebnisse aus der Befragung der IV-Stellen zeigen, dass in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen wurden, um die Zusammenarbeit mit den Arbeitgebenden zu verbessern. Hierzu gehören vor allem Anpassungen in der Organisations- und Prozessstruktur der IV-Stellen sowie die Einführung neuer Kommunikations- und Arbeitsinstrumente. Ihre Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern wird als in der Regel unkompliziert und wenig formalisiert dargestellt. Von entscheidender Bedeutung für eine gelingende fallabhängige Zusammenarbeit sind ein rascher Kontaktaufbau durch die IV, die persönliche Kommunikation sowie der Wille von IV-Stelle und Arbeitgebern, sich regelmässig auszutauschen.
Insgesamt haben die IV-Stellen ihre Strukturen und Abläufe sowie ihr Kommunikations- und Arbeitsinstrumentarium inzwischen gut auf eine engere Zusammenarbeit mit Arbeitgebern ausgerichtet.

Kontakt- und Kooperationsformen
Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die IV-Stellen eine Vielzahl an unterschiedlichen Konzepten, Instrumenten und Massnahmen entwickelt und etabliert haben, die ihnen eine Vertiefung ihrer Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern erlauben. Um die beobachteten Ansätze der Zusammenarbeit zu systematisieren, wurde im Rahmen dieser Studie auf der Grundlage von Idealtypen eine Typologie der Kontakt- und Kooperationsformen entwickelt. Auf Basis der Umfrage und der Diskussionen mit den Fokusgruppen liessen sich mit der innovations-, koordinations- und anforderungsbezogenen Kooperation drei Typen der Zusammenarbeit identifizieren. Bei der innovationsorientierten Kooperation entwickeln oder optimieren IV-Stellen und Arbeitgeber Massnahmen und Angebote der (Wieder-)Eingliederung, die auf das Gesamtunternehmen ausgerichtet sind. Koordinationsorientierte Kooperationen überprüfen primär bestehende Abläufe und Prozesse zwischen IV-Stellen und Arbeitgebern bei der beruflichen (Wieder-)Eingliederung. In der anforderungsorientierten Kooperation schliesslich, unterstützt die IV-Stelle Arbeitgebende bei der konkreten, fallbezogenen (Wieder-)Eingliederung.

Ausblick
Die vorliegende Studie zeigt, dass die Zusammenarbeit der IV-Stellen mit den Arbeitgebern inzwischen vielfältige Formen angenommen und sich in Richtung einer wirksamen Unterstützung der Eingliederungsarbeit entwickelt hat. Entwicklungsbedarf besteht insbesondere bei der fallunabhängigen Zusammenarbeit. Um die Arbeitgebenden in der Bearbeitung komplexer Herausforderungen im Gesundheitsbereich effektiver unterstützen zu können, muss die Beratungskompetenz der IV-Mitarbeitenden vertieft werden.

Neben den Projektleitenden waren an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Pascal Amez-Droz und Roland Baur, Institut Professionsforschung und -entwicklung, sowie Lea Widmer und Cédric Duchêne-Lacroix, Institut Integration und Partizipation, beteiligt.

Zusammenarbeit mit IV-Stellen
Weitere Informationen zum Forschungsbericht.

 

Kontakt
Prof. Dr. Thomas Geisen,
Institut Integration und Partizipation IIP,
thomas.geisen@fhnw.ch
Prof. Dr. Edgar Baumgartner,
Institut Professionsforschung und -entwicklung IPP,
edgar.baumgartner@fhnw.ch

Integriertes Wohnen für Behinderte

11.12.2012 by

Prof. Dr. Dorothea Lage, Dozentin am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, hat im Auftrag der Organisation “Integriertes Wohnen für Behinderte” (IWB) in Zürich zusammen mit ihrem Forschungsteam die Bedürfnisse zukünftiger Bewohner/innen hinsichtlich kollektiver Wohnformen und deren Ausgestaltung untersucht. Zudem wurde untersucht, inwiefern diese Bedürfnisse im Rahmen der gesetzlichen Handhabung kollektiver Wohnformen erfüllt sind und wie eine individuellere Wohnform auf der Basis der kollektiven Wohnform umgesetzt werden könnte.

Elf Personen, sechs Frauen und fünf Männer im Alter zwischen 27 und 59 Jahren, mit einer teils schweren körperlichen Beeinträchtigung oder einer fortschreitenden chronischen Erkrankung, wurden in problemzentrierten Interviews (qualitative Interviews) befragt. Die elf Personen interessierten sich mehrheitlich für das Wohnangebot in der IWB als potentielle zukünftige Bewohnerin oder Bewohner. Als theoretische Grundlagen dienten das Lebensqualitätskonzept nach Seifert und das Social-Impact-Modell (SIM) nach Uebelhart/Zängl. Die Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.

Dorothea Lage, zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Wir haben festgestellt, dass eine möglichst grosse autonome und selbstbestimmte Lebensführung das zentrale Anliegen der befragten Personen ist. Sie wünschen sich mehrheitlich eine individuelle Wohnform, sprich: eigene vier Wände, mit gleichzeitigen kurzfristig abrufbaren Unterstützungsangeboten im Alltag. Mehrheitlich äusserten sich die befragten Personen dahingehend, dass sie gemischte Wohnformen, wie beispielsweise in grösseren Überbauungen in Zentrumsnähe der Stadt bevorzugen. Insbesondere wurde von den befragten Personen, die zurzeit (noch) selbständig wohnen (können), der Wunsch geäussert, in ihrem bisherigen Stadtquartier wohnen bleiben zu können, um ihre sozialen Kontakte und Netzwerke aufrechterhalten zu können. Weitere Ergebnisse der Befragung machen deutlich, dass eine barrierefreie Gestaltung der Wohnumgebung, die gute Erreichbarkeit zur Deckung des täglichen Bedarfs sowie der medizinischen Versorgung und auch verbesserte Transportmöglichkeiten notwendig sind, um die Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Geschehen aufrecht erhalten zu können bzw. erst zu ermöglichen. Eine individuelle Wohnform wird gegenüber der kollektiven Wohnform (Heimstrukturen) präferiert.

Wie sieht es mit der gesetzlichen Handhabung kollektiver Wohnformen aus?

Das Bedürfnis nach uneingeschränkter Selbstbestimmung kann durch kollektive Wohnformen gemäss Artikel 3b IFEG derzeit nicht erfüllt werden. Vielmehr braucht es eine bedürfnisorientierte Verbindung von kollektiven und individuellen Wohnformen. Es sollten vermehrt flexible Wohnstrukturen und Wohnformen angeboten werden, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen ermöglichen.

Forschungsteam: Prof. Dr. phil. Sibylle Nideröst, Prof. Dr. Dorothea Lage, B.A. Jeremias Amstutz, M.A. Sarah Marti

Den Schlussbericht zur Untersuchung finden Sie hier.

Erfolgreicher Abschluss des Pilotprojekts UK-Referentinnen / UK-Referenten

22.11.2012 by

Gabriela Antener, Professorin am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW berichtet über das Pilotprojekt UK-Referentinnen / UK-Referenten. UK steht nicht für United Kingdom, sondern für Unterstützte Kommunikation.

Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen, die unterstützt kommunizieren, kommen in der Schweiz in Aus- und Weiterbildungen des Sozial-, Behinderten-, Gesundheits- oder Bildungswesens bisher als Personenkreis vor, über den man spricht. In das Bildungsgeschehen selbst sind sie allerdings noch nicht aktiv involviert. Eine Rolle als Dozierende scheint für unterstützt kommunizierende Personen aufgrund ihrer schweren Kommunikationsbeeinträchtigung ausser Reichweite, obwohl sie aus ihrer Perspektive und Lebenserfahrung Wesentliches beitragen könnten.

Sieben unterstützt kommunizierende Referentinnen und Referenten haben die Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen.

Ende Oktober 2012 wurde das Pilotprojekt „UK-Referentinnen / UK-Referenten“ an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW abgeschlossen. Sieben unterstützt kommunizierende Referentinnen und Referenten schlossen erfolgreich die erwachsenenbildnerische Weiterbildung zur UK-Referentin, zum UK-Referenten ab und sind nun bereit, Aufträge für Referate entgegenzunehmen.

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Ausschnitt aus dem Film „Gemeinsam für Unterstützte Kommunikation“, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von ISAAC- GSC

Link auf den vollständigen Beitrag

Die Weiterbildung für unterstützt kommunizierende Referentinnen und Referenten wurde vom Institut Integration und Partizipation als Pilotprojekt durchgeführt.

Für die Teilnehmenden eröffnete sich damit nicht nur der Zugang zu einer neuen beruflichen Rolle sondern auch zu einer beruflichen Weiterbildung, an der sie aufgrund ihrer Beeinträchtigungen im regulären Weiterbildungsmarkt meist nicht partizipieren könnten. Um der Heterogenität der Teilnehmenden in Bezug auf Vorkenntnisse, Lernmöglichkeiten und -bedürfnisse gerecht zu werden, wurde die Weiterbildung individualisiert. Für alle Teilnehmenden wurde über das Projekt eine Assistenzperson zur Verfügung gestellt, die die notwendige persönliche Unterstützung im Lernprozess sicherstellte. Insbesondere unterstützten / assistierten diese die Teilnehmenden in der Erarbeitung der individuellen Lernziele und des persönlichen Lernprogramms; bei der Erarbeitung und Durchführung eines Referats. Dabei ging es sowohl um technischen Support als auch um die Aufbereitung der Kursmaterialien (z. B. Verwendung von leichter Sprache), Erstellung von Präsentationsmaterial, Videoclips, Assistenz in der persönlichen Pflege und in der Mobilität während der Kursblöcke und für die Referate. Während der individuellen Lernphasen wurden die Assistenzleistungen am Wohn- oder Arbeitsort der Weiterbildungsteilnehmenden erbracht. Damit wurde die Weiterbildung auch für Personen mit starken Mobilitätseinschränkungen und großem Pflegebedarf absolvierbar.

Studierende der Sozialen Arbeit an der FHNW übernahmen die Assistenzaufgaben

Studierende der Sozialen Arbeit an der FHNW übernahmen die Assistenzaufgaben. Sie führten diese Tätigkeiten unentgeltlich im Rahmen eines Praxisausbildungsprojekts während ihres Bachelor-Studiums aus.

Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW übernahm die Trägerschaft für das Pilotprojekt und finanzierte die gesamte Praxisausbildung der Studierenden. Mitfinanziert und unterstützt wurde das Projekt durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Hilfsmittelfirmen boten kostenlosen technischen Support. Als wichtige Kooperationspartnerin leistete ISAAC-GSC – Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e. V. nicht nur einen finanziellen Beitrag, sondern auch die ideelle Unterstützung für das Projekt.