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Kooperation methodisch strukturiert gestalten

22.01.2013 by

Gemeinsam mit Prof. Walter Stotz hat Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund, Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, die Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” entwickelt und darüber ein Buch geschrieben. Im Interview erklärt Hochuli, was unter dieser Methodik zu verstehen ist.

 

Ursula Hochuli, was ist unter der Methodik der “Kooperativen Prozessgestaltung” zu verstehen?

“Die Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” ist ein methodenintegrativer, professionstheoretisch fundierter, generalistischer Ansatz für die Soziale Arbeit. Dieser Ansatz lässt sich in den verschiedenen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit anwenden. Das Konzept bietet eine Prozessstruktur, um aktuelle Methoden für einzelne Prozessphasen (u.a. Erfassen, Analysieren, Verstehen und Erklären (Diagnose), Zielfindung, Intervention, Evaluation) auswählen bzw. auch einordnen zu können. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man Kooperation methodisch strukturiert gestaltet: die Kooperation mit Klientinnen- und Klienten-Systemen, aber auch die Kooperation im Team und mit anderen Fachleuten.”

Wie seid ihr bei der Entwicklung der Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” vorgegangen?

“Ich selber lehre an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW seit 2001 zum Thema “Professionelles Handeln/Prozessgestaltung”. Später hat Walter Stotz einen Teil der Lehre zu diesem Thema übernommen, dabei ist ein intensiver Austausch entstanden. Zunächst gab es kaum Literatur zu diesem Thema, abgesehen von Burkhardt Müllers Standardwerk “Sozialpädagogisches Können” (1. Aufl. 1993). Im Verlaufe der Jahre haben wir sehr viel Material entwickelt, u.a. die Diagnosemethode “Theoriegeleitetes Fallverstehen”, die Unterscheidung zwischen Bildungs- und Unterstützungszielen. Studierende haben uns immer wieder gefragt, warum es denn dazu nichts “Zitierbares” gibt.

So haben wir uns schliesslich im Frühjahr 2009 an das Projekt “Lehrbuch” gewagt und es geschafft, es innerhalb von 1 1/2 Jahren zu realisieren. Unsere Grundlage war das eigene, umfangreiche Unterrichtsmaterial und die gesamte aktuelle Methodenliteratur. Darüber hinaus haben wir auch einen professionstheoretischen Grundlagenteil konzipiert und einige Instrumente neu entwickelt.

Konkret sah unsere Arbeitsweise so aus: Gemeinsam ein Konzept entwickeln, aufteilen, wer was schreibt, lesen und Textentwürfe schreiben, diskutieren, überarbeiten, oft mit drei, vier Schlaufen. Unzählige Flip-Blätter sind dabei drauf gegangen.”

Handelt es sich bei der Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” um eine abgeschlossene Arbeit oder siehst du darin Weiterentwicklungsmöglichkeiten?

“Kooperative Prozessgestaltung ist in zweierlei Hinsicht nicht abgeschlossen.

Zum einen ist das Konzept methodenintegrativ: Wir haben versucht, den aktuellen Stand des Methodendiskurses abzubilden. Insbesondere zu “Analyse” gab es eine Vielzahl an Methoden, und die Zahl der Instrumente, die entwickelt werden, wächst ständig weiter. So werden wir für die dritte Auflage des Buches (jetzt, im Januar 2013, erscheint gerade die zweite, nicht überarbeitete Auflage) sicherlich den Methodendiskurs wieder sichten und neue Methoden aufnehmen und beschreiben, z.B. die in unserem Institut entwickelte Diagnose-Methode “Systemmodellierung“.

Zum anderen ist das Konzept generalistisch: Es ist für den praxisfeldübergreifenden Einsatz konzipiert und eignet sich sehr gut als Rahmenmodell für eine generalistische Ausbildung, wie sie das Bachelor-Studium darstellt. Für die Anwendung in einem bestimmten Praxisfeld oder einer konkreten Praxisorganisation jedoch muss es konkretisiert werden. Denn hier interessiert vielmehr, welche konkreten zwei oder drei Analysemethoden in der eigenen Organisation denn angewendet werden könnten. Und diese Arbeit muss jeweils noch geleistet werden.”

Wie lässt sich die Methodik in Praxisorganisationen implementieren?

“Studierende haben in vielen Praxisorganisationen das Prozessmodell aus “Kooperative Prozessgestaltung” vorgestellt. Manche Organisationen verwenden mittlerweile auch diesen Begriff, zum Beispiel anstelle der früheren “Erziehungs- und Förderplanung”. Inwiefern tatsächlich das ganze Konzept bzw. wesentliche Aspekte davon eingeführt wurden, wäre eine Untersuchung wert. Einzelne Organisationen haben im Rahmen von Organisationsentwicklungs-Prozessen bereits ein eigenes, organisationsspezifisches Konzept von Kooperativer Prozessgestaltung entwickelt. Eine grosse Organisation begleiten wir derzeit im Rahmen einer Dienstleistung dabei, spezifische Instrumente zu entwickeln und die Mitarbeitenden zu schulen.

Eine nächste Projektidee besteht darin, eine Art Manual zu entwickeln für ausgewählte Felder der Sozialen Arbeit. Ein solches Arbeitsmittel dürfte sich aber nicht auf eine Sammlung von feldspezifischen Methoden und Instrumenten beschränken, sondern müsste ebenso eine professionelle Grundhaltung fördern (die u.a. ein bewertungsfreies Wahrnehmen, Ressourcenorientierung, die Nutzung theoretischer Wissensbestände, das Bemühen zu verstehen wollen, etc. beinhaltet). Diese Idee kann jedoch nur in enger Kooperation mit interessierten Praxisorganisationen und engagierten Praktiker/innen realisiert werden.”

 

Weil Anforderungen immer komplexer werden
Ab Sommer 2013 bieten Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund und Prof. Walter Stotz den CAS-Kurs Weil Anforderungen immer komplexer werden – Zielorientierte Arbeit mit Kooperativer Prozessgestaltung an. Dort wird – auf der Basis von Kooperativer Prozessgestaltung –  aktuelles Methodenwissen vermittelt, und die Teilnehmenden lernen, den Entwicklungsbedarf hinsichtlich Methoden in der eigenen Praxisorganisation zu ermitteln und eine Optimierung im Bereich des methodischen Handelns zu initiieren.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Diagnostik in der Sozialen Arbeit – Vorschlag einer Definition

15.01.2013 by

“Ich habe gar nicht gewusst, dass Ihr in der Sozialen Arbeit auch Diagnosen erstellt” – diese Aussage höre ich häufig, wenn ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis von meinem Forschungsinteresse an der Diagnostik in der Sozialen Arbeit erzähle. Meist wird im Gespräch dann deutlich, dass sich mein Gegenüber zwar etwas unter einer medizinischen, psychiatrischen und allenfalls psychologischen Diagnose vorstellen kann, er/sie sich aber keine Vorstellung darüber machen kann, was und wie Sozialarbeitende diagnostizieren.

Wie und ob der Begriff der “Diagnose” in der Sozialen Arbeit verwendet werden soll, ist auch in der Fachwelt umstritten.

In der hochschulinternen Arbeitsgruppe zum Thema Diagnostik und Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit mussten wir uns deshalb damit auseinandersetzen, was die Mitglieder der Arbeitsgruppe unter Diagnostik in der Sozialen Arbeit verstehen.

Daraus wurde gemeinsam eine vorläufige Definition von Diagnostik in der Sozialen Arbeit bzw. Sozialer Diagnostik entwickelt. Diese Definition soll hier nun abschnittsweise vorgestellt, jeweils kurz kommentiert und zur Diskussion gestellt werden:

Diagnostik in der Sozialen Arbeit wird als Soziale Diagnostik bezeichnet. Ihre Rahmenbedingungen sind Auftrag und Zielsetzungen Sozialer Arbeit. Unter Sozialer Diagnostik verstehen wir den Prozess des wissens- und methodengestützten, wertebasierten, multiperspektivischen Erfassens, Erklärens und Verstehens von sozialen Problemlagen und bio-psycho-sozio-kulturellen Problemstellungen mit besonderem Fokus auf die soziale Dimension sowie die dialogische Verständigung darüber und …

Mit wissens- und methodengestützt ist gemeint, dass sich das Diagnostizieren in der Sozialen Arbeit auf den aktuellen Stand der professionellen Wissensbestände und Methoden der Sozialen Arbeit stützen soll. Soziale Diagnosen liegen – ob den Beteiligten bewusst oder unbewusst – immer Werte zugrunde. Sozialarbeitende sollen sich dabei an einer professionellen Wertebasis orientieren, wie sie beispielsweise im Berufskodex für Professionelle der Sozialen Arbeit festgehalten ist. Dies erfordert es, den Einfluss der eigenen Werte (auch die der Organisation) auf die Diagnose zu reflektieren.

Gerade soziale Situationen können von den daran Beteiligten sehr unterschiedlich eingeschätzt werden. Unter multiperspektivisch verstehen wir, dass Sozialarbeitende die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten in ihre Diagnosen miteinbeziehen. Diese Perspektiven sind häufig widersprüchlich. Zum Beispiel können sich die Problemwahrnehmung der Eltern(-teile) (“mein Kind befolgt meine Anweisungen nicht”) und der Kinder (“ich bin meinen Eltern egal”) in einer sozialpädagogischen Familienberatung stark unterscheiden. Möglicherweise haben Dritte wie bspw. der zuweisende Sozialdienst (“Erziehungsschwierigkeiten” und “möglicherweise ein Alkoholproblem”) oder die Schule (“zu viele Schulabsenzen des Schülers/der Schülerin”) nochmals eine andere Perspektive auf dieselbe Situation.

Insbesondere zwischen Professionellen und Klienten und Klientinnen bzw. Nutzer/innen braucht es deshalb auch eine dialogische Verständigung. Das Gegenüber zu verstehen kann nicht im Vornherein vorausgesetzt werden. Dies erfordert, dass Sozialarbeitende mit den Klienten und Klientinnen einen Dialog über die jeweiligen – auch die professionelle – Einschätzungen einer Situation führen. Dieser Dialog soll ein besseres Verstehen der Sichtweise des Gegenübers ermöglichen.

Der Begriff bio-psycho-sozio-kulturelle Problemstellungen macht deutlich, dass Sozialarbeitende die soziale Ebene nicht isoliert betrachten dürfen, sondern soziale Situationen im Zusammenhang mit anderen Ebenen erfassen, erklären und verstehen müssen.

… dessen Ergebnis: die soziale Diagnose. Soziale Diagnosen können Individuen, Gruppen, Organisationen oder Gemeinwesen betreffen; sie haben eine erklärende, handlungsleitende und prognostische Funktion. Eine soziale Diagnose bildet die Basis für fallspezifische Zielformulierungen und Interventionen und wird als Hypothese verstanden, die einer ständigen Überprüfung und Anpassung bedarf, sowie …

Es ist wichtig zu betonen, dass soziale Diagnosen immer nur vorläufige Einschätzungen (Hypothesen) sind. Das heisst, eigene aber auch (fach-)fremde Diagnosen sollen von Sozialarbeitenden reflektiert und – auch von Klienten und Klientinnen sowie weiteren Beteiligten – immer wieder hinterfragt werden können.

… die entsprechende Lehre: den methodischen Wissensbestand, der durch forschungsbasierte Entwicklung ständig erweitert wird.

Diagnostik beinhaltet auch die Lehre darüber. Die Lehre soll nicht “ideologisch” sein, sondern insbesondere durch Forschung hinterfragt und auf diesen Erkenntnissen basierend weiterentwickelt werden.

In diesem Blogbeitrag konnten nicht alle Aspekte der Definition ausgeführt werden. Wie diese allgemeine Definition von Sozialer Diagnostik in die verschiedenen Felder der Sozialen Arbeit zu übertragen wäre, ist eine weitere, hier nicht geklärte Frage. Falls Interesse besteht, können in späteren Blogbeiträgen oder Kommentaren weitere Aspekte erläutert und anhand von Beispielen veranschaulicht werden.

Literaturtipp für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema der Sozialen Diagnostik:
Rüegger, Cornelia (2009). Soziale Diagnostik als Teil der professionellen Rationalität Sozialer Arbeit. Skizzierung eines Orientierungsrahmens einer eigenständigen und integrativen sozialen Diagnostik. Bern: Soziothek.

Mitglieder der Arbeitsgruppe haben zudem verschiedene Methoden und Instrumente zur Unterstützung einer professionellen Diagnose entwickelt, die auf der Webseite der Arbeitsgruppe vorgestellt werden.