Diagnostik in der Sozialen Arbeit – Vorschlag einer Definition

15.01.2013 by

“Ich habe gar nicht gewusst, dass Ihr in der Sozialen Arbeit auch Diagnosen erstellt” – diese Aussage höre ich häufig, wenn ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis von meinem Forschungsinteresse an der Diagnostik in der Sozialen Arbeit erzähle. Meist wird im Gespräch dann deutlich, dass sich mein Gegenüber zwar etwas unter einer medizinischen, psychiatrischen und allenfalls psychologischen Diagnose vorstellen kann, er/sie sich aber keine Vorstellung darüber machen kann, was und wie Sozialarbeitende diagnostizieren.

Wie und ob der Begriff der “Diagnose” in der Sozialen Arbeit verwendet werden soll, ist auch in der Fachwelt umstritten.

In der hochschulinternen Arbeitsgruppe zum Thema Diagnostik und Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit mussten wir uns deshalb damit auseinandersetzen, was die Mitglieder der Arbeitsgruppe unter Diagnostik in der Sozialen Arbeit verstehen.

Daraus wurde gemeinsam eine vorläufige Definition von Diagnostik in der Sozialen Arbeit bzw. Sozialer Diagnostik entwickelt. Diese Definition soll hier nun abschnittsweise vorgestellt, jeweils kurz kommentiert und zur Diskussion gestellt werden:

Diagnostik in der Sozialen Arbeit wird als Soziale Diagnostik bezeichnet. Ihre Rahmenbedingungen sind Auftrag und Zielsetzungen Sozialer Arbeit. Unter Sozialer Diagnostik verstehen wir den Prozess des wissens- und methodengestützten, wertebasierten, multiperspektivischen Erfassens, Erklärens und Verstehens von sozialen Problemlagen und bio-psycho-sozio-kulturellen Problemstellungen mit besonderem Fokus auf die soziale Dimension sowie die dialogische Verständigung darüber und …

Mit wissens- und methodengestützt ist gemeint, dass sich das Diagnostizieren in der Sozialen Arbeit auf den aktuellen Stand der professionellen Wissensbestände und Methoden der Sozialen Arbeit stützen soll. Soziale Diagnosen liegen – ob den Beteiligten bewusst oder unbewusst – immer Werte zugrunde. Sozialarbeitende sollen sich dabei an einer professionellen Wertebasis orientieren, wie sie beispielsweise im Berufskodex für Professionelle der Sozialen Arbeit festgehalten ist. Dies erfordert es, den Einfluss der eigenen Werte (auch die der Organisation) auf die Diagnose zu reflektieren.

Gerade soziale Situationen können von den daran Beteiligten sehr unterschiedlich eingeschätzt werden. Unter multiperspektivisch verstehen wir, dass Sozialarbeitende die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten in ihre Diagnosen miteinbeziehen. Diese Perspektiven sind häufig widersprüchlich. Zum Beispiel können sich die Problemwahrnehmung der Eltern(-teile) (“mein Kind befolgt meine Anweisungen nicht”) und der Kinder (“ich bin meinen Eltern egal”) in einer sozialpädagogischen Familienberatung stark unterscheiden. Möglicherweise haben Dritte wie bspw. der zuweisende Sozialdienst (“Erziehungsschwierigkeiten” und “möglicherweise ein Alkoholproblem”) oder die Schule (“zu viele Schulabsenzen des Schülers/der Schülerin”) nochmals eine andere Perspektive auf dieselbe Situation.

Insbesondere zwischen Professionellen und Klienten und Klientinnen bzw. Nutzer/innen braucht es deshalb auch eine dialogische Verständigung. Das Gegenüber zu verstehen kann nicht im Vornherein vorausgesetzt werden. Dies erfordert, dass Sozialarbeitende mit den Klienten und Klientinnen einen Dialog über die jeweiligen – auch die professionelle – Einschätzungen einer Situation führen. Dieser Dialog soll ein besseres Verstehen der Sichtweise des Gegenübers ermöglichen.

Der Begriff bio-psycho-sozio-kulturelle Problemstellungen macht deutlich, dass Sozialarbeitende die soziale Ebene nicht isoliert betrachten dürfen, sondern soziale Situationen im Zusammenhang mit anderen Ebenen erfassen, erklären und verstehen müssen.

… dessen Ergebnis: die soziale Diagnose. Soziale Diagnosen können Individuen, Gruppen, Organisationen oder Gemeinwesen betreffen; sie haben eine erklärende, handlungsleitende und prognostische Funktion. Eine soziale Diagnose bildet die Basis für fallspezifische Zielformulierungen und Interventionen und wird als Hypothese verstanden, die einer ständigen Überprüfung und Anpassung bedarf, sowie …

Es ist wichtig zu betonen, dass soziale Diagnosen immer nur vorläufige Einschätzungen (Hypothesen) sind. Das heisst, eigene aber auch (fach-)fremde Diagnosen sollen von Sozialarbeitenden reflektiert und – auch von Klienten und Klientinnen sowie weiteren Beteiligten – immer wieder hinterfragt werden können.

… die entsprechende Lehre: den methodischen Wissensbestand, der durch forschungsbasierte Entwicklung ständig erweitert wird.

Diagnostik beinhaltet auch die Lehre darüber. Die Lehre soll nicht “ideologisch” sein, sondern insbesondere durch Forschung hinterfragt und auf diesen Erkenntnissen basierend weiterentwickelt werden.

In diesem Blogbeitrag konnten nicht alle Aspekte der Definition ausgeführt werden. Wie diese allgemeine Definition von Sozialer Diagnostik in die verschiedenen Felder der Sozialen Arbeit zu übertragen wäre, ist eine weitere, hier nicht geklärte Frage. Falls Interesse besteht, können in späteren Blogbeiträgen oder Kommentaren weitere Aspekte erläutert und anhand von Beispielen veranschaulicht werden.

Literaturtipp für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema der Sozialen Diagnostik:
Rüegger, Cornelia (2009). Soziale Diagnostik als Teil der professionellen Rationalität Sozialer Arbeit. Skizzierung eines Orientierungsrahmens einer eigenständigen und integrativen sozialen Diagnostik. Bern: Soziothek.

Mitglieder der Arbeitsgruppe haben zudem verschiedene Methoden und Instrumente zur Unterstützung einer professionellen Diagnose entwickelt, die auf der Webseite der Arbeitsgruppe vorgestellt werden.

Kommentare (4)

Interessant, v.a. der multiperspektivische Aspekt. Können eigentlich auch Private zu einer Sozialarbeiterin gehen und eine Diagnose machen lassen, wie bei einem Psychologen oder einer Ärztin?

@Hanna Sathiapal: Sehr gute Frage. So etwas wie Hausärztinnen und Hausärzte, die ich mir frei wählen kann und die eine erste Diagnose erstellen können, gibt es in der Sozialen Arbeit in der Schweiz meines Wissens – bis auf wenige private Sozialdienste – nicht (ich lasse mich gerne korrigieren). Mit Kolleginnen und Kollegen war die Frage der Notwendigkeit einer solchen Funktion von Sozialer Arbeit aber schon häufiger ein Diskussionsthema.
Am nächsten kommen dem sonst vielleicht die öffentlichen Sozialdienste in den Gemeinden (bzw. die regionalen Sozialdienste), die eine Anlaufstelle sein könnten für allgemeine Fragen/Abklärungen. Meines Wissens sind die meisten öffentlichen Sozialdienste auch zu immaterieller Hilfe verpflichtet. Ob diese eine erste allgemeine, professionelle Diagnose machen können/wollen ist vermutlich sehr unterschiedlich. Während es stark professionalisierte Sozialdienste gibt, die über entsprechende Komeptenzen verfügen würden (die Frage ist, ob sie auch die Zeit dazu haben!), gibt es nachwievor Sozialdienste deren Mitarbeiter/innen über keine Ausbildung in Sozialer Arbeit und somit auch nicht über die notwendigen Kompetenzen für eine Diagnose verfügen. Alle Sozialdienste der Gemeinden/Regionen sollten ihre Klientinnen und Klienten aber mindestens an eine für das Anlassproblem (der Grund weshalb der Sozialdienst aufgesucht wurde) spezialisierte Organisation vermitteln können. Es gibt spezialiserte Beratungsstellen für viele verschiedenen Themen wie Sucht, Familie, Kinder/Jugend, Schulden, körperliche/psychische Behinderungen etc. Diese können auch direkt kontaktiert und aufgesucht werden.
Private Praxen von Sozialarbeiter/innen gibt es bspw. in den USA – darüber weiss ich aber nur sehr wenig. Dies setzt (meist) eine entsprechende Lizenzierung durch den Staat/den Berufsverband voraus. Eine Linzenzierung durch den Staat und/oder Berufsverband gibt es in der Schweiz nicht. Gerade im klinischen Bereich ist die Soziale Arbeit in den USA (clinical social work) aber häufig stärke psychotherapeutische ausgerichtet. Ein Vergleich zur Schweiz fällt schwierig – wäre aber eine interessante Frage für die Professionsforschung.

Wie “gut” Diagnosen gelingen bzw. wie Diagnosen bewusst oder unbewusst gemacht werden, ist mindestens für den deutsprachigen Bereich noch sehr wenig erforscht. Es ist eines der Ziele der Arbeitsgruppe hier mit Forschung weitere Erkenntnise gewinnen zu können.

Falls jemand mehr weiss oder mich korrigieren möchte, dann freu ich mich über einen Kommentar.

Abgesehen vom unbestrittenen Wert für Klienten und Klientinnen, könnte die Diagnostik für die gesamte SA in ihrer Aussenansicht einen legitimierenden Effekt erzeugen. Schliesslich ist eine Diagnose ein Beleg für eine gründliche Untersuchung – getane Arbeit also. Das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild einer abstrakten Profession könnte so an Kontur gewinnen. Ein Aspekt, welchem keine Gestaltungsmacht über Theorie und Methoden zugesprochen werden sollte. Dennoch nicht zu vernachlässigen, wenn es um unsere Profession geht.

Ja, das ist eine sehr spannende Frage: Ob Private zu einer Sozialarbeiterin gehen und eine Diagnose machen lassen, wie bei einem Psychologen oder einer Ärztin.

Derzeit kaum, meine ich – aber für die Profession ist es eine spannende Perspektive, die diagnostische Kompetenz so deutlich zu machen, dass Menschen diese Möglichkeit in naher Zukunft vielleicht kennen und nutzen.

Andererseits: Eine Diagnose in der Sozialen Arbeit hat immer eine handlungsleitende Funktion (siehe Definition, Teil 2), hat also keinen Zweck an sich, sondern dient immer als Basis für sinnvolle Interventionen (für die es eben ein fundiertes Fallverstehen braucht!). Und Menschen suchen die Hilfe der Sozialen Arbeit wahrscheinlich, weil sie ein Problem haben und Unterstützung bei der Lösungssuche und der Lösung brauchen, und nicht weil sie eine Diagnose haben möchten (was in der Medizin anders ist, da suchen PatientInnen ja manchmal wirklich eine (Zweit-)Diagnose – als Basis für Behandlungsvarianten).
Vor allem die Sozialarbeiterin selber aber muss m.E. wissen, dass es für diese gemeinsame Lösungssuche eine Diagnose braucht als Basis: einen gemeinsamen Prozess des Verstehens, warum eine Situation so schwierig ist für einen Menschen – und hierfür hat sie spezifisches Fachwissen zur Verfügung.

Aber es ist eine schöne Vorstellung: Dass Menschen auch eine Sozialpädagogin oder einen Sozialarbeiter aufsuchen für diesen Prozess des gemeinsamen Verstehens.

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