Integriertes Wohnen für Behinderte

11.12.2012 by

Prof. Dr. Dorothea Lage, Dozentin am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, hat im Auftrag der Organisation “Integriertes Wohnen für Behinderte” (IWB) in Zürich zusammen mit ihrem Forschungsteam die Bedürfnisse zukünftiger Bewohner/innen hinsichtlich kollektiver Wohnformen und deren Ausgestaltung untersucht. Zudem wurde untersucht, inwiefern diese Bedürfnisse im Rahmen der gesetzlichen Handhabung kollektiver Wohnformen erfüllt sind und wie eine individuellere Wohnform auf der Basis der kollektiven Wohnform umgesetzt werden könnte.

Elf Personen, sechs Frauen und fünf Männer im Alter zwischen 27 und 59 Jahren, mit einer teils schweren körperlichen Beeinträchtigung oder einer fortschreitenden chronischen Erkrankung, wurden in problemzentrierten Interviews (qualitative Interviews) befragt. Die elf Personen interessierten sich mehrheitlich für das Wohnangebot in der IWB als potentielle zukünftige Bewohnerin oder Bewohner. Als theoretische Grundlagen dienten das Lebensqualitätskonzept nach Seifert und das Social-Impact-Modell (SIM) nach Uebelhart/Zängl. Die Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.

Dorothea Lage, zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Wir haben festgestellt, dass eine möglichst grosse autonome und selbstbestimmte Lebensführung das zentrale Anliegen der befragten Personen ist. Sie wünschen sich mehrheitlich eine individuelle Wohnform, sprich: eigene vier Wände, mit gleichzeitigen kurzfristig abrufbaren Unterstützungsangeboten im Alltag. Mehrheitlich äusserten sich die befragten Personen dahingehend, dass sie gemischte Wohnformen, wie beispielsweise in grösseren Überbauungen in Zentrumsnähe der Stadt bevorzugen. Insbesondere wurde von den befragten Personen, die zurzeit (noch) selbständig wohnen (können), der Wunsch geäussert, in ihrem bisherigen Stadtquartier wohnen bleiben zu können, um ihre sozialen Kontakte und Netzwerke aufrechterhalten zu können. Weitere Ergebnisse der Befragung machen deutlich, dass eine barrierefreie Gestaltung der Wohnumgebung, die gute Erreichbarkeit zur Deckung des täglichen Bedarfs sowie der medizinischen Versorgung und auch verbesserte Transportmöglichkeiten notwendig sind, um die Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Geschehen aufrecht erhalten zu können bzw. erst zu ermöglichen. Eine individuelle Wohnform wird gegenüber der kollektiven Wohnform (Heimstrukturen) präferiert.

Wie sieht es mit der gesetzlichen Handhabung kollektiver Wohnformen aus?

Das Bedürfnis nach uneingeschränkter Selbstbestimmung kann durch kollektive Wohnformen gemäss Artikel 3b IFEG derzeit nicht erfüllt werden. Vielmehr braucht es eine bedürfnisorientierte Verbindung von kollektiven und individuellen Wohnformen. Es sollten vermehrt flexible Wohnstrukturen und Wohnformen angeboten werden, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen ermöglichen.

Forschungsteam: Prof. Dr. phil. Sibylle Nideröst, Prof. Dr. Dorothea Lage, B.A. Jeremias Amstutz, M.A. Sarah Marti

Den Schlussbericht zur Untersuchung finden Sie hier.

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