Banalisierung von HIV und Aids? Die Aids-Hilfe Schweiz lud zum Podiumsgespräch

15.11.2012 by

“Die bestehenden Herausforderungen in der Aids-Arbeit in der Schweiz allein der Banalisierung von HIV zuzuschreiben, greift zu kurz”, argumentierte Prof. Dr. Daniel Gredig gestützt auf die Erkenntnisse aus zwei neueren qualitativen Studien, die von den Mitarbeitenden im Schwerpunkt HIV der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW durchgeführt worden waren (Projekt “Schutzstrategien, Risikoverhalten und Umstände der Infektion aus der Sicht von kürzlich mit HIV infizierten Personen aus der Schweiz (CHAT)” und Projekt “Bedeutungshorizonte und Rationalitäten von HIV-Schutzstrategien sowie HIV-Schutz- und Risikoverhalten von Männern, die Sex mit Männern haben”).

Links im Bild: Prof. Dr. Daniel Gredig

Das Podiumsgespräch, das im Rahmen der Veranstaltung “Ein Abend mit der Aids-Hilfe Schweiz” am Montag, 5. November 2012, in Zürich stattfand, drehte sich um die Frage, ob in der Schweiz eine Banalisierung von HIV/Aids zu verzeichnen sei und welche Folgen eine solche Entwicklung für den Umgang mit der Krankheit und insbesondere die HIV-Prävention zeitigen würde. Es diskutierten Petra Wessalowski (Sonntagszeitung), Michael Kohlbacher (Geschäftsführer Aids-Hilfe Schweiz), Prof. Dr. med. Huldrych Günthard (Universitätsspital Zürich) und Prof. Dr. Daniel Gredig (Hochschule für Soziale Arbeit FHNW).

Gredig zeigte am Beispiel der stark von HIV betroffenen Bevölkerungsgruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), auf, dass die Konsequenzen einer HIV-Infektion heute unterschiedlich gravierend wahrgenommen werden. Einige MSM sehen eine HIV-Infektion nach wie vor als tödliche Krankheit. Andere schätzen die Infektion angesichts der erzielten medizinischen Fortschritte recht realistisch als eine chronische Krankheit ein, betonen allerdings die Beeinträchtigungen, die damit einhergehen. Andere charakterisieren eine HIV-Infektion als eine Krankheit, die man nicht möchte. Und schliesslich finden sich auch MSM, die HIV als medizinisch behandelbar und ein unbeschwertes Leben mit HIV für möglich erachten. Dabei beziehen sie sich auf die erzielten medizinischen Erfolge und z.T. auch auf ihre Wahrnehmung von Bekannten, die in antiretroviraler Therapie eine hohe Lebensqualität geniessen.

Weiter argumentierte Gredig, dass der seit der Jahrhundertwende zu verzeichnende Rückgang des HIV-Schutzverhaltens bei MSM nicht gradlinig auf die Banalisierung von HIV zurückgeführt werden dürfte. Zunächst ist festzuhalten, dass HIV-Schutzverhalten von einem komplexen Gefüge von Faktoren beeinflusst wird und nicht nur von der Wahrnehmung der Krankheit allein. Wie die Studie Gaysurvey 2009 (Universität Lausanne) ausserdem zeigte, schützten sich rund 80% der befragten MSM beim Sex mit Gelegenheitspartnern in den zwölf Monaten vor der Befragung konsequent mit Kondomen.

Auch wenn heute rund jeder fünfte MSM beim Sex mit einem Gelegenheitspartner nicht mehr den Safer-Sex-Empfehlungen folgt, so zeigen die neueren qualitativen Untersuchungen, die von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW durchgeführt wurden, doch eindrücklich auf, dass sich ein Teil dieser MSM, die sich Sex ohne Kondom wünschen, HIV nicht einfach gedanklich ausblenden. Vielmehr konnte aufgezeigt werden, dass MSM eine breite Palette von persönlichen HIV-Schutzstrategien verfolgen, die darauf zielen, das Risiko einer Infektion möglichst auszuschliessen. Die unterschiedlichen Strategien werden teilweise von aufwändigen Rechtfertigungen und Argumentationen begleitet, bei denen die MSM sich auch Elementen aus wissenschaftlichen Diskursen bedienen. Dies kann als Ausdruck davon gedeutet werden, dass diesen MSM eine HIV-Infektion nach wie vor keine Banalität darzustellen scheint.

Die vorgefundenen persönlichen Schutzstrategien sind allerdings kritisch zu betrachten, da einige dieser Strategien nicht adäquat sind und auf Schutzillusionen basieren. Andere Strategien vermögen eine Infektion vielleicht zu reduzieren, nicht aber wirklich auszuschliessen. Und zudem lassen diese Strategien Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu. Diese Situation gibt Anlass, die Prävention weiter zu entwickeln und voran zu treiben. Genauso hat sich die HIV-Prävention aber zu überlegen, wie sie die 80% MSM, die nach wie vor die Safer-Sex-Empfehlungen einhalten, hierin unterstützen kann – in einem Umfeld, in dem immer lauter dem Einsatz von antiretroviralen Medikamenten zum Schutz vor einer HIV-Infektion das Wort geredet wird.

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