ModularCity – Neue Planungssoftware für eine nachhaltige Stadtentwicklung

28.09.2012 by

Die Nutzung von Softwares zur Planung von neuen Wohnsiedlungen, öffentlichen Plätzen oder Gewerbekomplexen ist heute Standard, sowohl in der privaten wie in der kommunalen Siedlungs- und Stadtentwicklung. Sie dienen nicht nur zur Berechnung technischer Daten, sondern auch zur Visualisierung geplanter Bauvorhaben – sei es zur Überzeugung der Investierenden, zur Anziehung möglicher Käufer und Käuferinnen oder zur politischen Legitimation gegenüber den Steuerzahlenden. Weshalb also eine weiteres Tool entwickeln?

Ein Grossteil der heute verwendeten Planungssoftwares berücksichtigen in erster Linie das, was am Ende der Umsetzung sichtbar ist – Gebäude, Fassaden, Freiflächen, Bodenbedeckungen – und berechtigterweise auch die durch deren Bau entstehenden Kosten sowie die dann zu erwartende Rendite. Die Chance der Visualisierung liegt aber vor allem darin, das sichtbar zu machen, was von blossem Auge keine Beachtung finden würde: Atmosphären, Nutzungsformen, subjektive Empfindungen, kollektive Identitäten.

Ausgehend von einem gesellschaftszentriertem Raumverständnis (vgl. Läpple 1991) lässt sich unsere Umwelt nicht nur durch ihr materiell-physisches Substrat (Gebäude, Verkehrsflächen, bauliche Artefakte, etc.) beschreiben. Erst wenn wir auch die sozialräumlichen Handlungen, die in Räumen verorteten Normen und Wertvorstellungen sowie die an Orten haftenden Symbole berücksichtigen, erhalten wir ein ganzheitliches Verständnis davon, welche Bedeutung die gebaute Umwelt für uns Menschen hat.

Bezogen auf die Planung von Bauprojekten heisst dies, dass die soziale, symbolische und normative Dimension jeweils mitgedacht werden müssen, damit am Ende das Gebaute nicht  nur einen ökonomischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Mehrwert in der Form von Gestaltungs-, Aufenthalts- und schliesslich auch Lebensqualität hervorbringt.

Das Projekt ModularCity will unter dem Leitbild der nachhaltigen Stadtentwicklung eine Software entwickeln, mit welcher sich die materiell-physische mit der sozialräumlichen Dimension  integriert betrachten lässt. Ziel dieses Pilotprojektes ist es, ausgewählte sozialräumliche Variablen für ein bestimmtes Gebiet, in welchem Bauprojekte geplant sind, mittels der Software zu berechnen oder vor Ort zu erheben, anschliessend zu visualisieren und dadurch für die Planung der Bauprojekte nutzbar zu machen.

Fachlich orientiert sich die Projektgruppe einerseits an der klassischen Sozialraumanalyse, die sozialstrukturelle Daten zur Beschreibung von geographischen Räumen nutzt. Andererseits werden auch Daten situativ vor Ort erhoben (Befragungen, Beobachtungen, Begehungen), um die subjektive Sichtweise der Nutzenden in Erfahrung zu bringen.

Die Berücksichtigung dieser Daten eröffnet einen neuen Blickwinkel für Planungsprozesse jeglicher Art: Die Visualisierung von sozialräumlichen Daten sensibilisiert die an der Planung Beteiligten einerseits für allfällige Herausforderungen im Bauprojekt, die mit dem “rein technischen Auge” wohl nicht erkannt würden. Befragungen im öffentlichen Raum können beispielsweise wichtige Hinweise auf die Atmosphäre liefern, die gerade für die Qualität öffentlicher Räume eine zentrale Rolle spielt.

Aus Sicht des Projektteams noch zentraler scheint die Möglichkeit, zukünftige sozialräumliche Potentiale sichtbar und für das Bauprojekt nutzbar zu machen. So könnte beispielsweise die Gegenüberstellung objektiver Angaben zu Gebäudefunktionen und subjektiver Daten zur tatsächlichen Nutzung aufzeigen, welche Innovationspotentiale sich hinter den gebauten Strukturen verbergen.

ModularCity will diese Informationen als Diskussionsgrundlage im Planungsprozess nutzen: Im Idealfall werden die jeweils unterschiedlichen Perspektiven auf das Bauprojekt gleichwertig gewürdigt und von den beteiligten Akteuren unterschiedlicher Disziplinen als wertvolle Zusatzinformationen in das Vorgehen miteinbezogen.

Weitere Informationen zur Software finden Sie unter www.modularcity.ch.

Literatur:

Läpple, Dieter (1991). Gesellschaftszentriertes Raumkonzept. In: Wentz, Martin (Hg.). Stadt-Räume (35-46). Frankfurt am Main: Campus Verlag GmbH.

Mayer, Amelie-Theres/Schwehr, Peter/Bürgin, Matthias (2011). Nachhaltige Quartierentwicklung im Fokus flexibler Strukturen. Luzern/Zürich: vdf Hochschulverlag; interact Verlag.

Steffen, Gabriele/Baumann, Dorothee/Betz, Fabian (2004). Integration und Nutzungsvielfalt im Stadtquartier. Stuttgart / Berlin: WEEBER + PARTNER Institut für Stadtplanung und Sozialforschung.

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