30.04.2013 by Sarah Marti

Coaching als personenorientiertes Beratungsformat ist nicht mehr nur im Sport und der Personal- und Führungskräfteentwicklung zu finden. Mittlerweile gibt es Coaching auch im Kontext von Politik, Bildung, Gesundheit und weiteren Praxisfeldern. Das Thema „Job Coaching“ ist deshalb Gegenstand eines explorativ angelegten Forschungsprojekts, das im Rahmen des Instituts Beratung, Coaching und Sozialmanagement der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW in Zusammenarbeit mit dem Departement für Angewandte Psychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW realisiert wird.
Für die Rekrutierung des Forschungsprojekts „Rollenverständnis von Job Coachs“ wurde nun eine Website aufgeschaltet. Unter www.jobcoaching-forschung.ch finden sich neben Informationen zum Projekt auch die Zusammensetzung des Projektteams und ein Kontaktformular, auf dem sich Interessierte melden können.
Für die Befragung, die im Zeitraum von März bis September 2013 stattfindet, suchen wir nach Personen, die daran interessiert sind, im Rahmen eines Interviews mitzuwirken. Definieren Sie sich als Job Coach? Falls ja, können Sie sich via Kontaktformular bei uns melden.
Das Forschungsprojekt hat zum Ziel, die Arbeit von Job Coachs zu verstehen. Dabei soll geklärt werden, wie sich die Job Coachs in ihren Handlungsfeldern und jeweiligen Rollen bewegen. Erste Resultate sind Ende Jahr eingeplant.
Das Projekt wird finanziell unterstützt von der Biäsch-Stiftung zur Förderung der Angewandten Psychologie und dem Förderfonds der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW.
Mehr dazu finden Sie hier.
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19.04.2013 by Katrin Haltmeier

Die Ideensammlung und die Bewertung der einzelnen Vorschläge (siehe Blogbeitrag “Integrierte Quartierentwicklung Aarburg Nord”) stellte die thematische Ausgangsbasis für einen Planungsworkshop mit der Bevölkerung dar, zu dem das Quartierbüro im Januar 2013 die Ideengebenden und alle Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers einlud.
Zur Diskussion standen für alle Themen und Ideen die folgenden Leitfragen, die in den jeweiligen Interessierten-Gruppen erörtert wurden:
- Für welche Ideen gibt es Interessierte, die mitarbeiten möchten?
- Welche Schritte sind nötig, um diese Ideen zu verwirklichen?
- Welche Ressourcen (Zeit, Information und Wissen, mitarbeitende Personen, Geld, Material) braucht es, damit diese Ideen verwirklicht werden können?
- Was ist der Zeitplan für die Verwirklichung, was soll bis wann gemacht werden?
- Was möchten die Interessierten zur Verwirklichung beitragen?
- Welche Unterstützung brauchen wir für die Verwirklichung der Idee? Was könnte das Quartierbüro beitragen?
- Welche Fragen müssen noch geklärt werden?
- Wie verbleiben wir (nächster Schritt, Termin…)?

Katrin Haltmeier stellt ihre Arbeit im Quartierbüro vor und gibt zusammen mit Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Quartier einen Einblick in Ideen und Themen des Workshops:
Aktuell befinden sich mehrere Projekte zu Beginn der Umsetzung und das Quartierbüro bietet hierbei eine Plattform zur Vernetzung und hilft beim Initiieren konkreter Ideen wie beispielsweise der Organisation eines Mittagstischs für Schulkinder, dem Aufbau eines Deutsch-Lehr- und -Lern-Angebots oder beim Anlegen eines Gemeinschaftsgartens oder eines Vitaparcours.
Das Quartierbüro ist jeweils am Mittwochnachmittag für die Bevölkerung geöffnet. Es bietet neben der konkreten Unterstützung für Initiativen aus dem Quartier und einer Ansprechperson für die Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner von Aarburg Nord auch diverse Informationen, zwei Computer-Arbeitsplätze und Bücher zum Ausleihen.
Weitere Informationen zum “projet urbains” des Instituts Sozialplanung und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW finden Sie hier.
Links
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19.04.2013 by Katrin Haltmeier
Vorstellung des “Projet Urbains Integration in Wohngebiete” und der Arbeit des Quartierbüros
Im August 2012 startete das Projekt “Integrierte Quartierentwicklung Aarburg Nord” des Instituts Sozialplanung und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und der Gemeinde Aarburg, das im Rahmen der 2. Phase des Modellvorhabens des Bundes “projet urbains” umgesetzt wird. Das Projekt zielt über die Einrichtung eines Quartierbüros darauf ab, eine soziale und städtebauliche Vision zu entwickeln und konkrete Massnahmen in den Themenfeldern Soziales, Städtebau, Gewerbe und Verkehr zu realisieren. Schwerpunktthemen sind kinderfreundliches Quartier, Urban Gardening, Gewerbe und Bildung sowie Wohnen und Liegenschaften.
Aarburg-Nord (4100 Bewohnerinnen und Bewohner) ist ein durch Verkehrsachsen (Kantonsstrasse, SBB-Linien, topographische Felsenge, Aare) sowie politisch-administrative Lage (Kantonsgrenze) geteiltes Wohngebiet. Die Folgen drücken sich im Sozialen, Städtebaulichen und Gewerblichen aus: hohe Fluktuation der Bevölkerung, Vernachlässigung einzelner Wohnsiedlungen, Konzentration von sozial benachteiligten Menschen, Abwanderung des Kleingewerbes und Ausbreitung von agglomerationstypischen Gewerben entlang der Kantonsstrasse. Gleichzeitig ist Aarburg Nord sehr gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen. Aare und Wald sind in wenigen Minuten zu Fuss erreichbar.
Ideensammlung für Aarburg Nord
Im Herbst 2012 forderte das Quartierbüro die Bevölkerung auf, Ideen und Wünsche für Aarburg Nord einzureichen. Der dafür gestaltete Flyer wurde entsprechend der unterschiedlichen Nationalitäten der Bewohnerinnen und Bewohner in fünf Sprachen (Deutsch, Türkisch, Portugiesisch, Serbokroatisch, Englisch) veröffentlicht.
Insgesamt haben 40 Personen fast 100 Vorschläge eingereicht, die in einer Ausstellung im Oktober 2012 der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Konkrete Vorschläge wurden den Themen Natur und Gärtnern, Spazieren, Quartiergestaltung, Begegnung und Austausch, Nachbarschaft, Essen und Kochen u.a.m. zugeordnet. Während der Ausstellung konnten Besucherinnen und Besucher aus dem Quartier die Vorschläge bewerten, indem sie ihre drei Lieblingsideen mit einem Punkt bezeichneten.
So wurde beispielsweise folgender Vorschlag mit vielen Punkten bewertet: gute Verpflegungsmöglichkeiten für Kinder, Gemeinschaftsessen, Verpflegung vor Schulbeginn, Mittagstische vernetzen und koordinieren, gemeinsam bewusst essen, gemeinsam kochen und essen, Projekt Gesund kochen in der Kochschule, etc.
Auch Vorschläge zur Quartiergestaltung und zur Qualität von Aussenräumen wurden von vielen als sehr wichtig eingeschätzt, beispielsweise eine Fussgänger-Brücke über die Aare zwischen Längacker/Kloosmatte zum Ruttiger (das würde das Wandern v.a. für ältere Leute erleichtern), den fehlenden Fussweg ab Rotel bis Olten ergänzen, Personenunterführungen besser unterhalten und gestalten (Beleuchtung, Bemalung) und beleben.
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25.03.2013 by Barbara Bösiger

In Dienstleistungs- und Produktionsorganisationen hat die innerorganisationale Kooperationskompetenz hohe Relevanz. Die Kooperation wird neben der Zweckorientierung (Sicherung der oekonomischen Sicherheit des Unternehmens) und dem organisationalen Lernen (Aufgreifen von veränderten Marktansprüchen) öfters als dritte Grundfunktion bezeichnet.
Durch immer häufiger auftretende multiprofessionelle Teams muss die Kooperation “die Folgen professioneller Ausdifferenzierung [zu] kompensieren” (Bauer, 2011, S. 342ff). Um komplexe Problemstellungen und Fälle effizient und effektiv bearbeiten zu können, sind spezialisierte Teilsysteme mit ihrem jeweils eigenen Autonomieanspruch auf die gegenseitige Zusammenarbeit angewiesen.
Gelingende Kooperation zeichnet sich durch konstruktive Bearbeitung eines gemeinsamen Gegenstandes aus, wobei die gegenseitige Abstimmung und Unterstützung ebenso zu beachten ist wie die Zielvorstellungen und jeweiligen Logiken der unterschiedlichen Fachkräfte und Professionen.
Im Zentrum steht dabei das Wissen über Interaktions- und Kommunikationsprozesse, Konfliktbearbeitung, Unterstützungsprozesse, Verhandlungskompetenz, die Reziprozität des Handelns, der Umgang mit Ungewissheit ebenso wie aufgabenspezifische Aspekte und die Gestaltung der Betriebsarchitektur.
Wie aber kann nun gelingende Kooperation in einem Unternehmen gefördert werden? Wieviel Kooperation ist eigentlich angemessen? Und: Ist ein Mehr an Kooperation immer wünschenswert?
Diesen Fragen geht das Forschungsprojekt “Entwicklung der innerorganisationalen Kooperationskompetenz” nach. Basis dieser Untersuchung ist die Vorstudie “Kooperation im interdisziplinären Team – Förderliche und hinderliche Faktoren der Kooperation am Beispiel des Behandlungszentrums Janus in Basel” (Birk 2012).
Als Forschungsfeld wurden vier Organisationen aus dem Profit-, Nonprofit- sowie Publicbereich nach festgelegten Kriterien ausgewählt. In den verschiedenen Organisationen wird mittels Dokumentenanalyse, Online-Befragungen sowie Gruppendiskussionen der IST-Zustand sowie der Bedarf an innerorganisationaler Kooperation erhoben. Aufgrund der Datenanalyse wird im Anschluss individuell für jede/n Praxispartner/in ein Validierungsworkshop zur Festigung oder Weiterentwicklung der Kooperationskompetenz in der Organisation entwickelt und durchgeführt. Mögliche Veränderungen werden sechs Monate später mittels einer Nachbefragung abgefragt.
Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter www.organisationsdynamik.ch.
Literatur:
- Axelrod, R. (2009). Die Evolution der Kooperation (7. Auflage). München: Oldenbourg.
- Balz, H.-J., & Spiess, E. (2009). Kooperation in sozialen Organisationen – Grundlagen und Instrumente der Teamarbeit ein Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.
- Bauer, P. (2011). Multiprofessionelle Kooperation in Teams und Netzwerken – Anforderungen an die Soziale Arbeit. Zeitschrift für Sozialpädagogik. Thema: Kooperation in der Sozialen Arbeit. Jhg 9, (4). S. 341–361.
- Birk, A. (2012). Kooperation im interdisziplinären Team – Förderliche und hinderliche Faktoren der Kooperation am Beispiel des Behandlungszentrums Janus in Basel. Masterthesis: BFH Bern.
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05.03.2013 by Stephanie Weiss
Welche “Barrieren im Kopf” stehen der Zugänglichkeit von öffentlichen und privaten Räumen für möglichst viele Menschen und ihrer Teilhabe an sämtlichen Bereichen des alltäglichen Lebens im Weg? Wie müssen öffentliche Räume, Gebäude und Wohnsiedlungen geplant werden, damit sie behinderten und nicht-behinderten Menschen gleichermassen gerecht werden? Welche Funktionen übernimmt hierbei die Architektur und wo liegen die Grenzen der Inklusion über das Design der gebauten Umwelt? Diesen Fragen widmete sich ein Podiumsgespräch der FHNW mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Architektur, von Betroffenenverbänden, von Genossenschaften, aus der Prozessbegleitung, der Verwaltung und der Gleichstellung. Das Podiumsgespräch vom 22. November 2012 fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Kollaborative Siedlungsentwicklung” der FHNW statt.

Verständnis von Behinderung und Perspektiven der Teilhabe
“Wir werden alle im Laufe unseres Lebens einmal behindert.” Mit diesem Statement fasste Monika Sprecher, Geschäftsleiterin der Baugenossenschaft “mehr als wohnen“, den ersten Teil der Diskussion prägnant zusammen. Nicht die Zugänglichkeit für spezifische Anspruchsgruppen, sondern die Teilhabe möglichst vieler Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und Lebenslagen wurde von den Podiumsgästen einstimmig gefordert.
Nichtsdestotrotz betonte Gerhard Protschka, Leiter Zugang und Integration bei Procap Schweiz, dass die Sensibilisierung für die Belange behinderter Menschen noch zu wenig bei Planenden und Entscheidungsträger/innen angekommen sei, beispielsweise, wenn es um den räumlichen und sozialen Zugang zu Bildungsinstitutionen geht. Auch Eric Bertels von der Fachstelle für hindernisfreies Bauen, Pro Infirmis Basel Stadt, zeigte zahlreiche Beispiele, wie behinderte Menschen mit unbefriedigenden Lösungen in der gebauten Umwelt zusätzlich eingeschränkt werden.
Dass Zugang und Teilhabe wichtige und zukunftsweisende Hochschulthemen sind, verdeutlichte Susanne Burren, Gleichstellungsbeauftragte der Pädagogischen Hochschule FHNW: Hindernisfreiheit einerseits, aber auch Fragen der Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf oder Studieren mit Handicap sind Aufgaben, denen sich die Gleichstellungsbeauftragen der FHNW während der nächsten Jahre widmen werden.
Grundsatz der Verhältnismässigkeit und die Bedeutung von sozialer Inklusion durch die Architektur
Verschiedene Sonderbauten, aber auch Wohnbauten aus seinem Büro zeigte der Architekt Yves Stump, Partner von Stump & Schibli Architekten BSA Basel. U.a. am Beispiel des neu gebauten Basler Kinderspitals demonstrierte er, welche Herausforderungen entstehen, wenn Gebäude nicht nur der SIA Norm 500 zur Hindernisfreiheit entsprechen müssen, sondern auch die spezifischen Bedürfnisse von kranken Kindern, Angehörigen und Belegschaft gleichermassen berücksichtigen sollen.
Jacqueline Parish vom Tiefbauamt der Stadt Zürich präsentierte eine Reihe neu gestalteter öffentlicher Räume, die den Richtlinien der von der Stadt Zürich entwickelten Strategie Stadträume 2010 entsprechen. Durch Gestaltungslösungen, deren Maxime in einer grösstmöglichen Schlichtheit besteht, wird der hindernisfreien Zugänglichkeit städtischer Räume diskret Tribut gezollt.
Ein wichtiger Grundsatz, auf den sich alle Podiumsgäste beriefen, ist die Verhältnismässigkeit zwischen Anspruch, Aufwand und Umsetzungslösungen für eine hindernisfreie Zugänglichkeit. Design für Alle wurde in diesem Sinne als die Suche nach einem möglichst guten Interessenausgleich zwischen unterschiedlichen Anspruchsgruppen und den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen interpretiert. Wo durch eine hindernisfreie Zugänglichkeit die Interessen anderer Anspruchsgruppen behindert werden, muss das Thema unter den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren verhandelt werden.
Einig waren sich alle Teilnehmenden, dass der sozialen Funktion von Architektur deutliche Grenzen gesetzt sind. Architektur und Planung sind aber wichtige und gewichtige Gestaltungsmittel zur Förderung von Vielfalt: Soziale Inklusion findet zwar auch über räumliche Zugänge statt, kann und soll aber nicht auf das Design der gebauten Umwelt reduziert werden.
Eingebettet waren das Podiumsgespräch und die sich anschliessende Diskussion in die Veranstaltungsreihe “Kollaborative Siedlungsentwicklung“, ein Produkt der Strategischen Initiative “Siedlungsentwicklung als kollaborativer Prozess” der FHNW.
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26.02.2013 by Cornelia Rüegger

Plädoyer für eine gleichberechtigte Expertise in der interprofessionellen Kooperation
Eine Reihe von Projekten der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW beschäftigt sich mit Integrationsprozessen und dem darauf bezogenen Beitrag Sozialer Arbeit. In der Psychiatrie werden ihr meist Aufträge in einem engen funktionalen Rahmen zugewiesen. Doch die Interdependenz zwischen der (bio)psychischen und sozialen Dimension von psychischer Krankheit verweist auf die Notwendigkeit einer starken Sozialen Arbeit in der interprofessionellen Kooperation.
Soziale Arbeit in der Psychiatrie
Soziale Arbeit beschäftigt sich seit ihrer Entstehung mit Gesundheits- und Krankheitsprozessen und deren Auswirkungen. Auch in der Psychiatrie lässt sich eine lange sozialpädagogische wie auch sozialarbeiterische Entwicklungslinie ausmachen. Mit der zunehmenden Auflösung der Anstaltspsychiatrie und der Entstehung von sozial- und gemeindepsychiatrischen Angeboten in den 1970er Jahren wird die Soziale Arbeit zu einem integralen Bestandteil der Psychiatrie im deutschsprachigen Raum. Dabei bearbeitet sie aber meistens delegierte Aufträge in einem engen funktionalen Zuschnitt und mit beschränkten Ressourcen (Sommerfeld/Rüegger 2012). Sozialarbeitende gehören also nicht automatisch zum behandelnden Kernteam, sondern werden je nach Bedarf für konkrete Aufgaben (bspw. Suchen einer neuen Wohnform oder Erschliessen von Sozialversicherungsansprüchen) “eingeschaltet”. Die Bearbeitung der sozialen Dimension psychischer Störungen bleibt damit weitgehend in der Zuständigkeit der Fall führenden Therapeutinnen und Therapeuten. Dabei wird aber gemäss unseren Analysen die Komplexität und Dynamik der sozialen Seite psychischer Krankheiten in der Behandlung nicht angemessen berücksichtigt (Hollenstein/Sommerfeld 2010).
Die soziale Dimension von psychischer Krankheit
Unzählige Studien (Sommerfeld et al. 2011; bspw. Wilkinson/Pickett 2010) verweisen auf das komplexe Interdependenzverhältnis zwischen (bio)psychischen und sozialen Problemen. Soziale Einflüsse werden dem Forschungsstand zufolge in biologische Schritte übersetzt (z.B. über Genexpression, Kandel 2009) und können sich auf sämtliche Körperfunktionen und dabei auch auf das Gehirn und seine Prozesse auswirken. Zusammengefasst lassen sich diese sozialen Einflüsse beschreiben als die Integrationsbedingungen – also die Art und Weise wie ein Individuum über Position und Interaktion in seine sozialen Systeme (z.B. Familie, Arbeit) eingebunden ist (Sommerfeld et al. 2011).
Der Zusammenhang zwischen psychischer Krankheit und ihrer sozialen Dimension kann über verschiedene Konzepte erklärt werden (ausführlich Rüegger 2011). Folgt man dem bio-psycho-soziokulturellen Modell des Menschen (Obrecht 2000), wird deutlich, dass problematische Formen der Integration und Lebensführung die Befriedigung verschiedener sozialer Bedürfnisse erschweren.
Soziale Bedürfnisse sind menschliche Grundbedürfnisse, deren Nichterfüllung genauso problematisch sind, wie die Nichterfüllung von biologischen oder psychischen Bedürfnissen (ebd.). Wie Obrecht erklärt auch Grawe (2004), dass psychische Krankheit unter anderem eine Folge von anhaltenden Bedürfnisversagungen ist. Die Krankheit wirkt wiederum zurück auf den sozialen Handlungsraum (z.B. Beziehungsnetz, Arbeitsplatz) bzw. auf das Lebensführungssystem und seine Integrationsbedingungen. Die Bedürfnisbefriedigung wird noch mehr gefährdet und der beschriebene Prozess verstärkt.
Zuständigkeit Sozialer Arbeit in der Psychiatrie
Ausgehend von einer Theorie Sozialer Arbeit mit den Kategorien “Integration” und “Lebensführung” (Sommerfeld/Hollenstein/Calzaferri 2011) ist die Soziale Arbeit in der Psychiatrie zuständig für die Bearbeitung der sozialen Dimension der psychischen Krankheit und somit auch für die Begleitung der Re-Integration der psychisch kranken Menschen in ihre Lebenswelt (Sommerfeld/Rüegger 2012). Sie bearbeitet also problematisch gewordene Lebensführungssysteme und fördert die Herstellung von Integration. Es geht um ein langfristiges Rearrangement der Integrationsbedingungen und somit um eine Veränderung der damit einhergehenden psychosozialen Problemdynamik.
Ziel ist es, das Lebensführungssystem eines Individuums so zu gestalten, dass ein befriedigenderes Leben in angemessenen sozialen Beziehungen realisiert werden kann. Im Idealfall trägt dies dazu bei, dass das neue Integrationsarrangement über zirkuläre horizontale Regelkreise auf das Gehirn als “soziales Organ” und damit verbundene bio-psychische Prozesse zurückwirkt und einen positiven Einfluss auf den Verlauf der psychischen Krankheit nehmen kann (Rüegger 2011).
Es gilt aber, dass aufgrund des Zusammenhangs zwischen der biologischen, psychischen und sozialen Ebene psychischer Krankheit, weder die Psychiatrie, noch die Soziale Arbeit ihren Auftrag alleine, sondern nur in der interprofessionellen Kooperation erfüllen kann. Um aber die hier dargestellte Funktion der Sozialen Arbeit wahrnehmen zu können, bedarf es entsprechender organisationaler Rahmenbedingungen. Dazu gehören die Überwindung der eingangs erwähnten funktionalen Engführung Sozialer Arbeit und die Gestaltung einer echten interprofessionellen Kooperation.
Aber auch wir Sozialarbeitende sind aufgefordert, unsere Expertise noch weiter zu entwickeln. Dabei kommt der sozialen Diagnose – also dem Verstehen “was der Fall ist” – eine ebenso grosse Relevanz zu wie der darauf bezogenen Intervention in einem “integrierten Prozessbogen” (Hollenstein/Sommerfeld 2010). Entsprechende Instrumente und Verfahren für die Soziale Arbeit in der Psychiatrie wurden gemeinsam mit der Praxis entwickelt und erste Ergebnisse aus der Anwendung liegen vor (Dällenbach/Rüegger/Sommerfeld 2012).
Den vollständigen Artikel mit den Literaturangaben finden Sie hier.
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18.02.2013 by Silvia Ortiz
Absolventinnen und Absolventen des Master-Studiums in Sozialer Arbeit haben die Ergebnisse aus dem Modul 11 (Projektpraktikum) in wissenschaftliche Artikel gefasst. Entstanden ist daraus ein Buch über Innovationsimpulse in der Sozialen Arbeit.

Büschi, Eva/Roth, Claudia (Hrsg.) (2013). Innovationsimpulse in der Sozialen Arbeit. Beiträge zu kooperativen, forschungs- und theoriebasierten Praxisprojekten. Opladen: Budrich Uni-Press.
Die Herausgeberinnen Prof. Dr. Eva Büschi und Prof. Claudia Roth sind die Verantwortlichen des Moduls “Initiierung und Gestaltung von forschungs- und theoriebasierten Innovationsprozessen”, das seit 2008 im Master-Studium Soziale Arbeit mit Schwerpunkt “Soziale Innovation” in Form eines Projektpraktikums an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW angeboten wird. Eines der Ziele dieses Moduls ist es, dass Studierende die Kompetenzen erwerben, theorie- und forschungsbasierte Entwicklungen mit Innovationsgehalt in der Praxis kooperativ zu fördern.
Die Modulverantwortlichen haben einige Absolventinnen und Absolventen des Moduls an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW gebeten, die Ergebnisse ihrer selbst akquirierten und in der Praxis umgesetzten Projekte in Fachartikel zu fassen.
Die Autorinnen und Autoren stellen in der Publikation “Innovationsimpulse in der Sozialen Arbeit” forschungs- und theoriebasierte Innovationsprozesse vor, die sie in und mit der Praxis initiiert und gestaltet haben. In wissenschaftlich fundierten Fachartikeln schildern sie ihre innovativen Herangehensweisen und erläutern die damit gewonnenen Erkenntnisse. Die vielfältigen Beispiele sind das Resultat konsequent umgesetzter kompetenzorientierter Lehre und leisten einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Praxis Sozialer Arbeit.
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30.01.2013 by Edgar Baumgartner
Im Sozialgesetz des Kantons Solothurn ist eine periodische Sozialberichterstattung verankert. Gemäss § 20 dient sie als Informationsbasis für die kantonale Sozialplanung sowie zu deren Überprüfung. An der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW läuft derzeit die Erarbeitung des zweiten Sozialberichts des Kantons Solothurn, der im Sommer 2013 erscheinen wird. Den gesetzlich vorgesehenen Anspruch der Informationsfunktion löst er über die Beschreibung von Problembelastung, Angeboten und Leistungen in den Handlungsfeldern der kantonalen Sozialpolitik ein. Konkret heisst das, indikatorenbasiert zu Themen wie Armut, Migration, Pflege, usw. aus über 80 verschiedenen Datenquellen statistische Daten zu sammeln, aufzubereiten und darzustellen.

Trotz des erheblichen Aufwands sind der Informationsfunktion jedoch auch Grenzen gesetzt, wie folgendes Beispiel zeigt:
Zu den analysierten Themen gehört auch die Finanzierung der Sozialen Sicherheit. Es zeigt sich, dass im Kanton Solothurn im Jahr 2011 gemäss Statistik der eidgenössischen Finanzverwaltung pro Kopf 1’540 Franken für die soziale Wohlfahrt ausgegeben wurden. Diese Zahl ist für sich genommen kaum sehr spektakulär und als Einzelwert wenig bedeutsam. Eine Bedeutung bzw. ein analytischer Gewinn entsteht erst durch eine vergleichende Betrachtung, primär in einer zeitlichen und geographischen Dimension: Da zeigt sich zunächst, dass der Kanton Solothurn im Vergleich aller Kantone bei den Pro-Kopf-Ausgaben für die soziale Wohlfahrt einen Mittelfeldplatz einnimmt und deutlich unter dem schweizerischen Mittel von 1’924 Franken liegt. Das mag auf kantonale Finanzpolitiker/innen zunächst beruhigend wirken, doch sind die kantonalen Pro-Kopf-Ausgaben für die Soziale Wohlfahrt seit 2002 um 32% gestiegen. Verschiedene Sicherungssysteme tragen zu dieser Entwicklung bei; besonders stark sind die Ausgaben für die Ergänzungsleistungen zu IV und AHV angewachsen, von 76 Mio. (2002) auf 197 Mio. Franken im Jahr 2011.
Diesen bemerkenswerten Kostenanstieg hat die Solothurner Zeitung in ihrer Ausgabe vom 7. August 2012 unter dem Titel “Ausgaben für die Ergänzungsleistungen explodieren” aufgegriffen und zu analysieren versucht: Die dort genannten Gründe reichen von gesetzlichen Änderungen bei der Leistungshöhe, über steigende Heimkosten bis hin zu Fehlanreizen im System.
Die Sache ist offensichtlich ziemlich komplex, und es ist absehbar, dass der Sozialbericht die Kostenentwicklung bei den Ergänzungsleistungen auch nicht vollständig aufklären kann. Angesichts seiner thematischen Breite ist das wenig erstaunlich, bei vielen Themen kann es nur bei Hinweisen auf Unterschiede bzw. Auffälligkeiten bleiben, ohne diese erklären zu können. Das heisst aber auch, dass es im Hinblick auf die Sozialplanung ergänzende und differenzierte Analysen braucht, um Ansatzpunkte für intendierte Veränderungen – etwa die Eindämmung der Kostenentwicklung bei den Ergänzungsleistungen – identifizieren zu können. Ob die Notwendigkeit hierfür besteht, darüber müssen die politischen Gremien im Kanton entscheiden, informiert durch den kantonalen Sozialbericht 2013.
Weitere Informationen unter www.sozialbericht-so.ch
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22.01.2013 by Joel Gautschi
Gemeinsam mit Prof. Walter Stotz hat Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund, Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, die Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” entwickelt und darüber ein Buch geschrieben. Im Interview erklärt Hochuli, was unter dieser Methodik zu verstehen ist.
Ursula Hochuli, was ist unter der Methodik der “Kooperativen Prozessgestaltung” zu verstehen?
“Die Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” ist ein methodenintegrativer, professionstheoretisch fundierter, generalistischer Ansatz für die Soziale Arbeit. Dieser Ansatz lässt sich in den verschiedenen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit anwenden. Das Konzept bietet eine Prozessstruktur, um aktuelle Methoden für einzelne Prozessphasen (u.a. Erfassen, Analysieren, Verstehen und Erklären (Diagnose), Zielfindung, Intervention, Evaluation) auswählen bzw. auch einordnen zu können. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man Kooperation methodisch strukturiert gestaltet: die Kooperation mit Klientinnen- und Klienten-Systemen, aber auch die Kooperation im Team und mit anderen Fachleuten.”

Wie seid ihr bei der Entwicklung der Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” vorgegangen?
“Ich selber lehre an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW seit 2001 zum Thema “Professionelles Handeln/Prozessgestaltung”. Später hat Walter Stotz einen Teil der Lehre zu diesem Thema übernommen, dabei ist ein intensiver Austausch entstanden. Zunächst gab es kaum Literatur zu diesem Thema, abgesehen von Burkhardt Müllers Standardwerk “Sozialpädagogisches Können” (1. Aufl. 1993). Im Verlaufe der Jahre haben wir sehr viel Material entwickelt, u.a. die Diagnosemethode “Theoriegeleitetes Fallverstehen”, die Unterscheidung zwischen Bildungs- und Unterstützungszielen. Studierende haben uns immer wieder gefragt, warum es denn dazu nichts “Zitierbares” gibt.
So haben wir uns schliesslich im Frühjahr 2009 an das Projekt “Lehrbuch” gewagt und es geschafft, es innerhalb von 1 1/2 Jahren zu realisieren. Unsere Grundlage war das eigene, umfangreiche Unterrichtsmaterial und die gesamte aktuelle Methodenliteratur. Darüber hinaus haben wir auch einen professionstheoretischen Grundlagenteil konzipiert und einige Instrumente neu entwickelt.
Konkret sah unsere Arbeitsweise so aus: Gemeinsam ein Konzept entwickeln, aufteilen, wer was schreibt, lesen und Textentwürfe schreiben, diskutieren, überarbeiten, oft mit drei, vier Schlaufen. Unzählige Flip-Blätter sind dabei drauf gegangen.”
Handelt es sich bei der Methodik “Kooperative Prozessgestaltung” um eine abgeschlossene Arbeit oder siehst du darin Weiterentwicklungsmöglichkeiten?
“Kooperative Prozessgestaltung ist in zweierlei Hinsicht nicht abgeschlossen.
Zum einen ist das Konzept methodenintegrativ: Wir haben versucht, den aktuellen Stand des Methodendiskurses abzubilden. Insbesondere zu “Analyse” gab es eine Vielzahl an Methoden, und die Zahl der Instrumente, die entwickelt werden, wächst ständig weiter. So werden wir für die dritte Auflage des Buches (jetzt, im Januar 2013, erscheint gerade die zweite, nicht überarbeitete Auflage) sicherlich den Methodendiskurs wieder sichten und neue Methoden aufnehmen und beschreiben, z.B. die in unserem Institut entwickelte Diagnose-Methode “Systemmodellierung“.
Zum anderen ist das Konzept generalistisch: Es ist für den praxisfeldübergreifenden Einsatz konzipiert und eignet sich sehr gut als Rahmenmodell für eine generalistische Ausbildung, wie sie das Bachelor-Studium darstellt. Für die Anwendung in einem bestimmten Praxisfeld oder einer konkreten Praxisorganisation jedoch muss es konkretisiert werden. Denn hier interessiert vielmehr, welche konkreten zwei oder drei Analysemethoden in der eigenen Organisation denn angewendet werden könnten. Und diese Arbeit muss jeweils noch geleistet werden.”

Wie lässt sich die Methodik in Praxisorganisationen implementieren?
“Studierende haben in vielen Praxisorganisationen das Prozessmodell aus “Kooperative Prozessgestaltung” vorgestellt. Manche Organisationen verwenden mittlerweile auch diesen Begriff, zum Beispiel anstelle der früheren “Erziehungs- und Förderplanung”. Inwiefern tatsächlich das ganze Konzept bzw. wesentliche Aspekte davon eingeführt wurden, wäre eine Untersuchung wert. Einzelne Organisationen haben im Rahmen von Organisationsentwicklungs-Prozessen bereits ein eigenes, organisationsspezifisches Konzept von Kooperativer Prozessgestaltung entwickelt. Eine grosse Organisation begleiten wir derzeit im Rahmen einer Dienstleistung dabei, spezifische Instrumente zu entwickeln und die Mitarbeitenden zu schulen.
Eine nächste Projektidee besteht darin, eine Art Manual zu entwickeln für ausgewählte Felder der Sozialen Arbeit. Ein solches Arbeitsmittel dürfte sich aber nicht auf eine Sammlung von feldspezifischen Methoden und Instrumenten beschränken, sondern müsste ebenso eine professionelle Grundhaltung fördern (die u.a. ein bewertungsfreies Wahrnehmen, Ressourcenorientierung, die Nutzung theoretischer Wissensbestände, das Bemühen zu verstehen wollen, etc. beinhaltet). Diese Idee kann jedoch nur in enger Kooperation mit interessierten Praxisorganisationen und engagierten Praktiker/innen realisiert werden.”
Weil Anforderungen immer komplexer werden
Ab Sommer 2013 bieten Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund und Prof. Walter Stotz den CAS-Kurs Weil Anforderungen immer komplexer werden – Zielorientierte Arbeit mit Kooperativer Prozessgestaltung an. Dort wird – auf der Basis von Kooperativer Prozessgestaltung – aktuelles Methodenwissen vermittelt, und die Teilnehmenden lernen, den Entwicklungsbedarf hinsichtlich Methoden in der eigenen Praxisorganisation zu ermitteln und eine Optimierung im Bereich des methodischen Handelns zu initiieren.
Weitere Informationen finden Sie hier.
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15.01.2013 by Joel Gautschi
“Ich habe gar nicht gewusst, dass Ihr in der Sozialen Arbeit auch Diagnosen erstellt” – diese Aussage höre ich häufig, wenn ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis von meinem Forschungsinteresse an der Diagnostik in der Sozialen Arbeit erzähle. Meist wird im Gespräch dann deutlich, dass sich mein Gegenüber zwar etwas unter einer medizinischen, psychiatrischen und allenfalls psychologischen Diagnose vorstellen kann, er/sie sich aber keine Vorstellung darüber machen kann, was und wie Sozialarbeitende diagnostizieren.

Wie und ob der Begriff der “Diagnose” in der Sozialen Arbeit verwendet werden soll, ist auch in der Fachwelt umstritten.
In der hochschulinternen Arbeitsgruppe zum Thema Diagnostik und Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit mussten wir uns deshalb damit auseinandersetzen, was die Mitglieder der Arbeitsgruppe unter Diagnostik in der Sozialen Arbeit verstehen.
Daraus wurde gemeinsam eine vorläufige Definition von Diagnostik in der Sozialen Arbeit bzw. Sozialer Diagnostik entwickelt. Diese Definition soll hier nun abschnittsweise vorgestellt, jeweils kurz kommentiert und zur Diskussion gestellt werden:
Diagnostik in der Sozialen Arbeit wird als Soziale Diagnostik bezeichnet. Ihre Rahmenbedingungen sind Auftrag und Zielsetzungen Sozialer Arbeit. Unter Sozialer Diagnostik verstehen wir den Prozess des wissens- und methodengestützten, wertebasierten, multiperspektivischen Erfassens, Erklärens und Verstehens von sozialen Problemlagen und bio-psycho-sozio-kulturellen Problemstellungen mit besonderem Fokus auf die soziale Dimension sowie die dialogische Verständigung darüber und …
Mit wissens- und methodengestützt ist gemeint, dass sich das Diagnostizieren in der Sozialen Arbeit auf den aktuellen Stand der professionellen Wissensbestände und Methoden der Sozialen Arbeit stützen soll. Soziale Diagnosen liegen – ob den Beteiligten bewusst oder unbewusst – immer Werte zugrunde. Sozialarbeitende sollen sich dabei an einer professionellen Wertebasis orientieren, wie sie beispielsweise im Berufskodex für Professionelle der Sozialen Arbeit festgehalten ist. Dies erfordert es, den Einfluss der eigenen Werte (auch die der Organisation) auf die Diagnose zu reflektieren.
Gerade soziale Situationen können von den daran Beteiligten sehr unterschiedlich eingeschätzt werden. Unter multiperspektivisch verstehen wir, dass Sozialarbeitende die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten in ihre Diagnosen miteinbeziehen. Diese Perspektiven sind häufig widersprüchlich. Zum Beispiel können sich die Problemwahrnehmung der Eltern(-teile) (“mein Kind befolgt meine Anweisungen nicht”) und der Kinder (“ich bin meinen Eltern egal”) in einer sozialpädagogischen Familienberatung stark unterscheiden. Möglicherweise haben Dritte wie bspw. der zuweisende Sozialdienst (“Erziehungsschwierigkeiten” und “möglicherweise ein Alkoholproblem”) oder die Schule (“zu viele Schulabsenzen des Schülers/der Schülerin”) nochmals eine andere Perspektive auf dieselbe Situation.
Insbesondere zwischen Professionellen und Klienten und Klientinnen bzw. Nutzer/innen braucht es deshalb auch eine dialogische Verständigung. Das Gegenüber zu verstehen kann nicht im Vornherein vorausgesetzt werden. Dies erfordert, dass Sozialarbeitende mit den Klienten und Klientinnen einen Dialog über die jeweiligen – auch die professionelle – Einschätzungen einer Situation führen. Dieser Dialog soll ein besseres Verstehen der Sichtweise des Gegenübers ermöglichen.
Der Begriff bio-psycho-sozio-kulturelle Problemstellungen macht deutlich, dass Sozialarbeitende die soziale Ebene nicht isoliert betrachten dürfen, sondern soziale Situationen im Zusammenhang mit anderen Ebenen erfassen, erklären und verstehen müssen.
… dessen Ergebnis: die soziale Diagnose. Soziale Diagnosen können Individuen, Gruppen, Organisationen oder Gemeinwesen betreffen; sie haben eine erklärende, handlungsleitende und prognostische Funktion. Eine soziale Diagnose bildet die Basis für fallspezifische Zielformulierungen und Interventionen und wird als Hypothese verstanden, die einer ständigen Überprüfung und Anpassung bedarf, sowie …
Es ist wichtig zu betonen, dass soziale Diagnosen immer nur vorläufige Einschätzungen (Hypothesen) sind. Das heisst, eigene aber auch (fach-)fremde Diagnosen sollen von Sozialarbeitenden reflektiert und – auch von Klienten und Klientinnen sowie weiteren Beteiligten – immer wieder hinterfragt werden können.
… die entsprechende Lehre: den methodischen Wissensbestand, der durch forschungsbasierte Entwicklung ständig erweitert wird.
Diagnostik beinhaltet auch die Lehre darüber. Die Lehre soll nicht “ideologisch” sein, sondern insbesondere durch Forschung hinterfragt und auf diesen Erkenntnissen basierend weiterentwickelt werden.
In diesem Blogbeitrag konnten nicht alle Aspekte der Definition ausgeführt werden. Wie diese allgemeine Definition von Sozialer Diagnostik in die verschiedenen Felder der Sozialen Arbeit zu übertragen wäre, ist eine weitere, hier nicht geklärte Frage. Falls Interesse besteht, können in späteren Blogbeiträgen oder Kommentaren weitere Aspekte erläutert und anhand von Beispielen veranschaulicht werden.
Literaturtipp für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema der Sozialen Diagnostik:
Rüegger, Cornelia (2009). Soziale Diagnostik als Teil der professionellen Rationalität Sozialer Arbeit. Skizzierung eines Orientierungsrahmens einer eigenständigen und integrativen sozialen Diagnostik. Bern: Soziothek.
Mitglieder der Arbeitsgruppe haben zudem verschiedene Methoden und Instrumente zur Unterstützung einer professionellen Diagnose entwickelt, die auf der Webseite der Arbeitsgruppe vorgestellt werden.
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