Forschungsprojekte mit der EU Teil 5: Papiertiger EU-Projekt?

25.11.2014 by

 

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News aus dem Institut: Heute aus der Perspektive von Katja Lapadula. Sie schlägt sich mit den unzähligen rechtlichen und administrativen Fragen herum, die mit einem EU-Forschungsprojekt verbunden sind. Sie stellt sicher, dass alle Abrechnungen und Belege von der Europäischen Kommission akzeptiert werden und somit kein Projekt blockiert ist. Dies verlangt nicht selten akrobatisches Können  wie das Beherrschen des Spagats; eines Spagats zwischen autonomer/freier Forschung und der Einhaltung administrativer sowie finanzieller Vorgaben.

 

Frau Lapadula, für welche EU-Projekte haben Sie gearbeitet?

Ich war bei HESPE, CASSIS und HELIO für die verwaltungstechnische Betreuung und das Controlling innerhalb der FHNW zuständig sowie die periodischen und finalen Projektabrechnungen an die EU. Ab 2015 werde ich diese Aufgaben auch für unser neues Projekt FLARECAST übernehmen.

 

Was ist für Sie das Positive an EU-Projekten?

Die Gleichbehandlung: Als Controllerin sehe ich, dass die strengen Abrechnungsregeln bei den EU-Projekten für alle Projektmittelempfänger gleichermassen gelten. Es gibt keine Extrawürste. Niemand wird bevorzugt, z.B. aufgrund seiner Beziehungen.

Die Perspektivenvielfalt: Die Schweiz hat zwar bislang mehr EU-Forschungsgelder zurück erhalten, als sie eingezahlt hat. Es geht aber nicht nur ums Geld. Genau so wichtig ist die Förderung der länderübergreifenden Zusammenarbeit. Statt durch eine einzige, nationale Brille erfährt der Forschungsgegenstand eine Betrachtung durch viele Brillen der besten Brains und Kräfte aus vielen Ländern. Wir leben heute in einer multinationalen, vernetzten Welt. Umso zentraler ist die Zusammenarbeit.

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Ein Stück Berliner Mauer in Brüssel. Bild: K. Lapadula

 

Welche Aspekte finden Sie schwierig?

Die Controlling-Vorschriften sind sehr komplex und generieren viel administrativen Aufwand. Das Handbuch zur Finanzkontrolle zum Beispiel hat Buchstärke. Ohne eine ordentliche Schulung ist eine korrekte Abrechnung der Projekte gegenüber der Europäischen Kommission nicht möglich.

Die Kontrolle der Abrechnungen durch den Project-Controller der Europäischen Kommission ist sehr streng. Erfahrungsgemäss sind aber die meisten Sachbearbeiter unterstützend und akzeptieren begründete Belege. In einem unserer Projekte wurde allerdings jeder abgerechnete Cent dreimal umgedreht und einige Abrechnungsposten wurden nicht akzeptiert. Hier mussten die Abrechnungsformulare mehrmals neu begründet und wieder eingereicht werden.

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EU-Kommissionsgebäude by night. Bild: K. Lapadula

Fazit: Manchmal ist der Spagat zwischen freier, flexibler Forschung und der Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften mühsam. Mich als Controllerin stresst weniger, dass es an sich solche Vorgaben gibt, als vielmehr, diese immer in jedem Detail zu verstehen, bei den Projektmitarbeitern alles Mögliche einzufordern, alles stets richtlinientreu einzuhalten und dann das Projekt der EU Kommission gegenüber abzurechnen. Dies ist eine Herausforderung, die ich in meiner Arbeit schon mühsam, aber auch überaus spannend finde.

Gleichzeitig beruhigt mich das Wissen über die ordentliche Kontrolle der Finanzmittel. Keiner kann so behaupten, EU-Steuergelder würden verschwendet.

Persönlich erlebe ich die EU-Projekte aus meiner täglichen ‚Controlling’-Tätigkeit als eine echte Bereicherung. Sie haben meinen Horizont im Projektcontrolling erweitert und lassen mich so über unseren nationalen ‚Tellerrand’ hinausschauen.

Ich bin froh und stolz, dass unser Institut es trotz des Abstimmungsresultats vom 9.2. geschafft hat, ab Anfang 2015 an einem Horizon 2020 Projekt (FLARECAST) teilnehmen zu können, wenn auch in der für die Schweiz speziellen Finanzierungssituation über den Bund, aber immerhin.

 

Ausblick

Sollte am 30.11. die Initiative Ecopop angenommen werden, stellt sich die Frage nach EU-Forschungsförderung wahrscheinlich eh nicht mehr. Ebenso, wenn bis Ende 2016 keine Lösung zur Umsetzung der Initiative vom 9. 2. 2014 gefunden wird. Dann fällt die Schweiz aus allen drei Säulen des Forschugsprogrammes Horizon 2020 raus und erlangt gegenüber der EU Drittland-Status.

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Schweizer Beteiligung an den drei Säulen des EU-Forschungsprogrammes Horizon 2020

Man sollte die Situation also realistisch anschauen. Die Schweiz sollte darum alle Anstrengungen unternehmen, wieder als voll assoziierte Forschungspartnerin an EU Projekten teilnehmen zu können, auch als Projektleiterin. Das kann nur im Eigeninteresse der Schweiz sein.

Also bleiben wir dran. Die Schweiz gehört zu Europa: kulturell, historisch, geografisch und geopolitisch. Ich hoffe, sie koppelt sich nicht selbstverschuldet davon ab und kann ab 2017 wieder in voller Souveränität von der EU Forschungsförderung profitieren. Als exzellenter Forschungsstandort ist es ihr nur mehr als zu wünschen.

 

Vielen Dank, Frau Lapadula, für Ihre Einsichten und Überlegungen.

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Die Instituts-Administratorin Katja Lapadula ist unter anderem die Fachperson für Finance, Controlling und Administration der EU-Forschungsprojekte des Institut für 4D-Technologien an der Hochschule für Technik in Brugg-Windisch, das neben Projekten im Weltraumbereich noch andere interessante Forschungsbereiche der Informatik beherbergt und sich in der Lehre engagiert.

Kontakt: katja.lapadula@fhnw.ch

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In der Reihe EU-Projekte sind folgende Beiträge erschienen:

Sind wir noch dabei? Aus der Perspektive von Arnulf Bohnacker, Euresearch Contact Point & Forschungs-support FHNW

Was bringen sie? Aus der Perspektive von André Csillaghy, Leiter des Instituts für 4-D Technologien, FHNW

Erfahrungen aus der Praxis. Aus der Perspektive des Informatikers Marco Soldati

Wissenschaftsvermittlung. Aus der Perspektive von Hanna Sathiapal, Space Education and Public Outreach

Zurück in die Schweiz dank EU-Forschungsgeldern. Aus der Perspektive der Wissenschaftlerin Lucia Kleint

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Weiterführende Informationen:

zum Europäischen Forschungsprogramm Horizon 2020 ec.europa.eu/horizon2020

zur Teilnahme der Schweiz am europäischen Forschungsprogramm euresearch.ch

zu unseren EU-Projekten FLARECAST, HESPE, HELIO und CASSIS finden Sie auf der Projektseite dieses Blogs. Falls Sie mehr wissen möchten, gibt Ihnen der Institutsleiter André Csillaghy gerne Auskunft.

 

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