Weltuntergangsdebatte und Sonnenforschung

11.12.2012 by

Forschende spielen eine Rolle in der öffentlichen Debatte um den Weltuntergang. Aber die Erlösung von der Weltuntergangs-Panik kommt nicht von der angewandten Forschung, sondern von der Grundlagenforschung.

Die Sonne war diesen Sommer ein beliebtes Medienthema. Endlich machte sich das Sonnenmaximum bemerkbar. Es gab beeindruckende Bilder von Sonnenausbrüchen. Wir warteten auf den grossen Sturm.

Wissenschaftler/innen beschrieben deren potentielle Gefahr, wohl auch, um die Öffentlichkeit auf den Nutzen der Sonnenforschung für die Menschheit aufmerksam zu machen.

Die Botschaft war: Ein Sonnensturm kann Stromausfälle verursachen, die Telekommunikation stören, Navigationssysteme unterbrechen, Satelliten beschädigen. Um Schäden zu verhindern ist es wichtig, die Sonne zu studieren um zuverlässige Voraussagen machen zu können. Daran ist an sich nichts falsch.

Hinweise auf Gefahren öffneten selbstgebastelten Katastrophen-Szenarien Tür und Tor

Beim Ausmalen der Konsequenzen von Sonnensturmschäden waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Auf YouTube wurde behauptet, dass der Strom weltweit für Jahre ausfallen würde, was bedeutete: kein Fernsehen, kein GPS, keinen Kühlschrank, keinen Computer, kein Internet und sogar das Handy kaputt – Chaos! die komplette Desorientierung! Und wer sollte die Infrastruktur reparieren, ohne Elektrowerkzeug, ohne Computer? Es würde eine ökonomische Krise unerreichten Ausmasses folgen, so dass jeder gegen jeden kämpfen müsse (und das im Dunkeln!).

Oder würden in einem Anflug von Solidarität alle einander helfen, was quasi einem Neubeginn der Menschheit gleich käme?

Keine der angekündigten Störungen trat ein

Enttäuschung machte sich breit, als auf die Sonnenstürme nichts Spürbares folgte. Nachdem im Juni ein Sonnensturm die Erde knapp verpasst hatte, bezichtigten Leserinnen und Leser von Zeitungen wie 20 Minuten  Wissenschaftler/innen der Panikmache und deren Forschung als Geldverschwendung. Der erhoffte Effekt – grössere öffentliche Akzeptanz von Forschung – drohte in ihr Gegenteil zu kippen.

Die Forschenden, die sich anfänglich über die Medienaufmerksamkeit gefreut hatten, mussten Gegensteuer geben. Nein, so war das nicht gemeint, die Erde ist geschützt durch einen magnetischen Schutzschild. Alles, was wir von einem Sonnensturm sehen, sind die wunderschönen Polarlichter.

Viele wendeten sich mit ihrer Angst an einen Astronomen

Einen eigentlichen Kampf gegen die sich ausbreitende Weltuntergangsangst führte Florian Freistätter, der Blogger von Astrodictum Simplex. In unzähligen Artikeln bekräftigte er immer wieder, dass der Weltuntergang 2012 nicht stattfinden werde. Er veröffentlichte u.a. einen Fragenkatalog, in dem er über 50 Fragen beantwortet, die ihm zum Weltuntergang immer wieder gestellt wurden; vom Maya-Kalender über  das ‚Institute for Human Continuity’ bis zur Synchotronstrahlung … alles, was die Menschen im Zusammenhang mit den Weltuntergangsgerüchten irgendwo gehört und wovor sie Angst hatten.

Die Anstrengungen haben sich gelohnt. Die Stimmung in den Medien hat gewechselt. Ernst nimmt den Weltuntergang kaum mehr jemand, wenn man die zahlreichen Online-Kommentare überfliegt. Die NZZ thematisiert die heimliche Lust am Weltuntergang aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive. 20 Minuten hat das Ganze ins Kuriose gedreht. Der Tages-Anzeiger berichtet, wie Astronom/innen besorgte Bürger und Bürgerinnen beruhigen müssen.

Was ist hier beinahe schief gelaufen?

Als Wissenschaftsvermittlerin frage ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass Informationen aus der Wissenschaft beinahe nahtlos in Verschwörungstheorien übergingen. Haben die Forschenden die potentielle Gefährlichkeit von Sonnenstürmen übertrieben? Haben sie unterschätzt, was sie damit auslösen?

Die Wissenschaft steht unter Druck, nur zu produzieren, was für die Gesellschaft unmittelbar nützlich (d.h. ökonomisch verwertbar) ist. Daher gibt es seit einigen Jahren in der Sonnenforschung die Tendenz, in der öffentlichen Kommunikation, aber auch in Forschungsanträgen, die nutzbringende Seite der Forschung zu betonen, sogar wenn es um reine Grundlagenforschung geht.

Auf der anderen Seite muss man den Teil der Öffentlichkeit verstehen, der nicht mehr weiss, was er glauben soll. Denn, Hand aufs Herz, die Vorstellung, dass man einen auf die Erde zurasenden Asteroiden mit einem Sonnensegel von seiner Bahn ablenken könne, tönt genau so verrückt wie die Vorstellung, dass da ein unsichtbarer Planet existiere, der irgendwann mit der Erde zusammen stossen werde.

Für Antworten braucht es die Grundlagenforschung

Das Beispiel Weltuntergang zeigt, dass es grundlegende Fragen gibt, die die gesamte Gesellschaft zutiefst beschäftigen:

  • Wie funktioniert die Welt?
  • Was sind wir?
  • Woher kommen wir?
  • Wann kommt das Ende – und wie?

Sich solche Fragen zu stellen ist offenbar ein menschliches Bedürfnis. Ich behaupte, dass es zur menschlichen Kultur gehört.

Menschen konstruieren ihre Weltbilder anhand der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen. Wenn wissenschaftliches Grundwissen fehlt, weil ihm gesellschaftlich keinen Wert beigemessen wird oder weil kein geeignetes Bildungsangebot besteht, füllen Vorstellungen aus der Esotherik oder der Religion die Lücke. Hier ist die Grundlagenforschung gefordert. Denn sie ist nicht ein luxuriöser Zeitvertreib einiger abgehobener Geister, sondern ein notwendiges gesellschaftliches Gut, das sich mit genau diesen Fragen beschäftigt.

Eine Gesellschaft, die auf die Wissenschaften und deren gesellschaftliche Verankerung setzt, ist manipulativen Individuen oder Gruppen weniger ausgeliefert. Bürgerinnen und Bürger, die in der Lage sind, Behauptungen selber einzuschätzen und deren Plausibilität abzuwägen, sind ebenfalls besser fähig die Wissenschaft demokratisch zu steuern.

Wanderer am Weltenrand

Flammarions Holzstich, auch Wanderer am Weltenrand – in L’Atmosphère, Paris 1888,
als Illustration zu “La forme du ciel” im Kapitel “Le jour”.

 

Leave a Reply