Im Rahmen der KFH/HEM-Tagung zum Thema “Social Media – Herausforderungen für das Hochschulmanagement” in Luzern wurde ich angefragt, den Zugang zu sozialen Medien in der Forschung in Form eines Praxisberichts vorzustellen. Als Medien- und Lernforscher sehe ich soziale Medien einerseits als sehr spannenden Forschungsgegenstand und anderseits als nützliches Forschungswerkzeug.
Als Forschungsgegenstand scheinen mir insbesondere die Globalität und der transformative Charakter interessant. Soziale Medien nehmen in Kombination mit Mobiltelefonen sowohl in westlichen, vielmehr aber noch in Entwicklungs- und Transitionsländern eine wichtige, transformative Rolle ein. Sie verändern radikal Lebens- und Lerngewohnheiten: So loggen sich z.B. mehr als ein Drittel von Smartphone-Usern mit Hilfe von Mobiltelefonen in soziale Netzwerke ein – bevor sie überhaupt aufstehen (Ericsson Consumerlab, 2011). Soziale Medien durchdringen alle, auch sehr persönliche Lebenswelten. Es wird z.B. geschätzt, dass die Hälfte aller deutschen Singles Online-Dating-Plattformen- nutzt (zeit.de) – ebenfalls eine Spielart sozialer Netzwerke.
Da ist es nicht verwunderlich, dass sich auch Bildungsinstitutionen zunehmend für das Potenzial von Social Media interessieren. Deren pädagogische/didaktische Eignung ist bis dato allerdings noch weitgehend ungeklärt. Ergebnisse aus Piloteinsätzen sind ambivalenter Natur. Studierende und Dozierende sind interessiert – bleiben aber skeptisch. In diesem Zusammenhang setzen sich derzeit gleich zwei strategische Initiativen der FHNW intensiv mit den Themenstellungen auseinander. In der Initiative “Social Media in Lehr- und Lernszenarien” werden vielfältige didaktische Einsatzkonzepte mit unterschiedlichen Anwendergruppen entworfen, pilotiert und systematisch evaluiert.
Eine weitere Initiative beschäftigt sich mit dem Thema Wissenschaftskommunikation und Blogging. Ich persönlich nutze zahlreiche soziale Medien als Werkzeuge im gesamten Forschungs- und Publikationszyklus (Abbildung 1).

Soziale Medien im Forschungszyklus
Meine Wahrnehmung lässt sich durch die folgende Charakterisierung verdeutlichen: (1) Ich nutze diese Medien in erster Linie zum Networking, zur Dissemination von Ergebnissen und zur niederschwelligen Zusammenarbeit. Insbesondere Twitter hilft mir bei aktuellen Themenstellungen, wie z.B #socialmedia oder #mobilelearning, am “Puls der wissenschaftlicher Befundlage” meiner Forschungsgebiete zu bleiben. Interessant ist für mich dabei (2) die Dualität von “Friends and Themes“. Einerseits kann ich Aktivitäten mir bekannter Personen(kreise) verfolgen; z.B. was gerade an Konferenzen läuft, an denen ich nicht teilnehmen kann (siehe #mlearn2012); andererseits kann ich durch das Abonnement von Themensträngen das “Gezwitschere” weltweit verfolgen. Dabei bleibe ich nicht nur passiver Konsument sondern leite Beiträge aktiv weiter (z.B. durch “re-tweets”) und verfasse eigene Botschaften. Um sich bei der Vielzahl an Medien nicht zu verlieren nutze ich (3) Mechanismen wie “Cross-posting” oder “Cross-fertilisation“. Damit kann ich Botschaften von einer Plattform aus in verschiedene Kanäle streuen. “Socia-Media-Räume”, in denen ich arbeite, werden – im Gegensatz zu typischen Wissensmanagement-Plattformen in Unternehmen – nicht zentral gesteuert. Sie konstituieren sich (4) weitgehend “bottom-up” - vielleicht ist das auch ihr Erfolgsgeheimnis. Die Kommunikationsmuster verlaufen dabei typischerweise (5) “Cross-institutional”, d.h. über Institutionsgrenzen hinweg – sowohl im geografischen als auch im karrierebezogenen Sinne: Wechseln Hochschulmitarbeitende den Arbeitgeber, nehmen sie ihr gesamtes “Social-Media-Kapital” mit an den nächsten Arbeitsort. Dabei verlagert sich Macht aber auch Risiko weg von der Organisation und hin zum Individuum. Die persönliche Reputation und die Fähigkeit zur Meinungsführerschaft in sozialen Medien, die z.B. durch den Klout-Wert gemessen wird, (http://klout.com) ist ein zunehmend wichtigeres Kriterium. Der individuelle Klout-Wert gewinnt nicht nur in der Medienbranche, z.B. bei Bewerbungsgesprächen, sondern in zunehmend mehr Sparten und Branchen an Bedeutung (www.zeit.de). Auch in der Wissenschaftswelt, die sich ohnehin durch starke Quantifizierungstendenzen (wie z.B. “Impact-Faktoren oder H-Index) auszeichnet, wird diese Masszahl wichtiger werden: In diesem Sinne gilt (6) «It’s all about analytics». Das ist eine Tendenz, die auch nachdenklich stimmen darf. Schliesslich kann durch Quantität keineswegs die Qualität von Individuen und Werken zum Ausdruck gebracht werden.

Soziale Medien in der Forschung – eine persönliche Charakterisierung
Was bleibt für Hochschulverantwortliche zu tun? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Schliesslich widerspricht die zentrale Steuerung durch Regeln schon der grundsätzlichen Natur und Kultur von Sozialen Medien. Ich sehe zwei Möglichkeiten: Einerseits sollen Hochschulen Mitarbeitende bei der fachorientierten Nutzung dieser Kanäle unterstützen und sowohl auf Risiken als auch auf Potenziale aufmerksam machen: Stichwort Medienkompetenz. Zweitens können Hochschulen, die Mitarbeitenden dazu anregen bei der (oft privaten) Kommunikation die eigene Hochschule zu integrieren. In diesem Sinne zwitschere ich den Link zu diesem Blogbeitrag gleich unter #FHNW.
Die Slides zum Vortrag finden sich übrigens – in Social-Media-Manier auf Slideshare: http://de.slideshare.net/ChristophPimmer/social-media-in-der-forschung-referat-hem-christoph-pimmer
Ericsson Consumerlab. (2011). From Apps To Everyday Situations. from http://www.ericsson.com/res/docs/2011/silicon_valley_brochure_letter.pdf
Blogparade Social Media in der Lehre:
http://blogs.fhnw.ch/SMinLehre/?p=439