Mobile Learning: Trends, Chancen und Stolpersteine

23.05.2011 von

Publikationen, Projektberichte oder Events zu Mobilem Lernen spriessen zurzeit wie Pilze aus dem Boden. Ende März habe ich in Bremen an der ersten deutschen Mobile Learning Konferenz “Crossing boundaries in convergent environments” teilgenommen. Der von der London Mobile Learning Group und der Universität Bremen organisierte Anlass war international ausgerichtet und bot eine attraktive Diskussionsplattform für über 100 Forschende aus 19 Ländern. Neben zahlreichen deutschsprachigen Teilnehmern waren vor allem Wissenschaftler aus Grossbritannien vertreten. Die  Konferenzorganisatoren haben retrospektiv zwei Trends identifiziert, die auch meine persönliche Einschätzung bestätigen:

  • Mobiles Lernen an der Hochschule
  • Mobiles Lernen im medizinisch-klinischen Umfeld

Während eine Vielzahl von Einsatzbeispielen – an der Konferenz als auch in aktuellen Medienbeiträgen –  auf die steigende Popularität von Mobilem Lernen an der Hochschule hinweisen, sind für mich die Nutzenpotenziale jedoch nicht immer klar ersichtlich. Überlegungen bei der Anschaffung von mobilen Geräten für den Hochschulalltag und deren Implementierung scheinen allzu oft durch die Attraktivität der neuen, innovativen “Gadgets” und weniger von ernsthaften Überlegungen zu didaktischen Einsatzszenarien geleitet zu sein. Das vielzitierte Paradigma “Anytime” und “Anywhere” ist aus wissenschaftlicher Perspektive überholt. Foren, die bereits in klassischen E-Learning Umgebungen kaum genutzt wurden, werden vermutlich auch nicht via Mobilgeräte an einem x-beliebigen Ort angesteuert; und schlecht gestaltete Online-Vorlesungsmaterialien verbessern sich ebenso wenig durch die Betrachtung am Minidisplay. Didaktisch interessante Potenziale ergeben sich vielmehr durch die Integration von formelleren Hochschul- und Bildungskontexten mit anderen Arbeits- oder Lebenswelten der Studierenden, z.B. durch die (multimediale) Dokumentation von Joberfahrungen und die darauffolgende Diskussion im Hörsaal. (Vgl. auch Schiefner, Pimmer, & Rohs, 2011). Weil sich auch an der HSW/FHNW vermehrt Interessenten für mobile Applikationen zeigen, wird das learning.lab in naher Zukunft entsprechende didaktische Konzepte ausarbeiten und diverse Applikationen und Geräte kritisch prüfen. Von den Ergebnissen werde ich an dieser Stelle sicherlich wieder berichten.

In medizinisch-klinischen Bereichen zeichnen sich für mich hingegen eindeutige didaktische Nutzenpotenziale ab. Mobiltechnologien können ein erfolgsversprechender Weg sein, um die Herausforderungen in diesem komplexen Arbeitsumfeld zu bewältigen und klinische Lernprozesse zu unterstützen. Aufgrund der hohen Spezialisierung der Arbeitskräfte und dem grossen Kooperationsbedarf ist die Mobilität in diesen Kontexten sehr hoch. Dies resultiert in einem “continuous flow of people, knowledge, resources or tools across different places” (vgl. z.B. Bardram & Bossen, 2005). Auf welch unterschiedliche Weise Mobilgeräte Lernende in Kliniken unterstützen, wurde bei der Konferenz anhand verschiedener, iPhone-basierter Projekte aus England, Botswana und der Schweiz (KTI Projekt MobileMed/unsere Folien) aufgezeigt. Die Smartphones ermöglichen bei Fragen Just-in-time-Zugriff auf klinische Informationen sowie die Kommunikation mit erfahrenen Kollegen. Die Dokumentation von “Lernerlebnissen” resp. Artefakten z.B. in Form von Bild- und Videoaufnahmen und deren Wiederverwendung und Diskussion in weiteren Lernsituationen (wie z.B. Teambesprechungen) sowie die Unterstützung von (Selbst-)Evaluation im Arbeitsalltag zeigen eine weitere didaktische Einsatzmöglichkeit von Mobilgeräten auf. (vgl. dazu z.B. Pimmer, Pachler, & Genewein, 2011).

Diesen Überlegungen zufolge erachte ich Mobiles Lernen keinesfalls als Pauschalrezept für (formelle) Bildungskontexte. Bei der Anschaffung der Geräte sollte man sich nicht von der gegenwärtigen Euphorie blenden lassen, sondern eine gezielte didaktische Konzeption vornehmen. In diesem Fall kann Mobiles Lernen bestehende Szenarien anreichern und neue Lernpraktiken ermöglichen.

Weiterführende Informationen:

 

Quellen:

Bardram, J. E., & Bossen, C. (2005). Mobility Work: The Spatial Dimension of Collaboration at a Hospital. Computer Supported Cooperative Work (CSCW), 14(2), 131-160.

Pimmer, C., Pachler, N., & Genewein, U. (2011). The potential of smartphones to mediate intra-hospital communication and learning practices of doctors. Preliminary results from a scenario-based study. (accepted for publication). Paper presented at the Mobile learning: Crossing boundaries in convergent environments, Bremen.

Schiefner, M., Pimmer, C., & Rohs, M. (2011). Im Trend: Mobiles Lernen – mehr als bloss : Nur Informationshäppchen? Education Permanente.

 

(Crossposting auf christoph.pimmer.info)

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