Jonas Konrad & Steffen Dörhöfer

Die Potentialanalyse erschliesst konkrete Möglichkeiten für den Einsatz von Social Media in Lehr- und Lernszenarien. Sie sichtet innovative Ideen, Visionen und neue Lernkonzepte auf drei verschiedenen Analyseebenen: 1. werden Zeitschriftendatenbanken im Hinblick auf Studien ausgewertet, 2. werden einschlägige Blogs thematisch geclustert und 3. werden „Best Practices“ nationaler und internationaler Hochschulen sowie hochschulinterne Musterbeispiele erfasst.

Potential von Social Media im informellen vernetzten Lernen

Insbesondere die Arbeiten von Vordenker/innen und Visionär/innen zu Social-Media-affinen Lernmodellen wie dem Konnektivismus oder dem informellen Lernen erweisen sich als ein nützlicher Kompass, um Einsatzmöglichkeiten einschätzen zu können.

Im Gegensatz zu den formellen, auf der Präsenz der Studierenden aufbauenden Lehrveranstaltungen, betont das informelle Lernen das selbstbestimmte Lernen [1]. Das informelle Lernen richtet sich an den individuellen Bedürfnissen der Lernenden aus, die sich zum Beispiel durch Datenbankrecherche oder die Vernetzung mit Expertinnen und Experten in Fachcommunities gezielt Informationen zu einem aktuellen Lernthema beschaffen. Im besten Fall sind formelles und informelles Lernen (didaktisch) sinnvoll miteinander verbunden.

Der Konnektivismus kann als eine Lerntheorie verstanden werden, die sich an den Lerngewohnheiten der Digital Natives ausrichtet. Das beschleunigte und kontinuierliche Wachstum an zugänglichen Informationen erfordert es, dass neben dem „know-how“ und dem „know-what“ von Personen das „know-where“ zu berücksichtigen ist. Ausgehend von der Grundannahme des vernetzten Lernens entwickelt Georg Siemens folgende Definition:

„Learning is the creation and removal of connections between the entities, or the adjustment of the strengths of those connections. A learning theory is, literally, a theory describing how these connections are created or adjusted. In this book I describe four major mechanisms: similarity, contiguity, feedback, and harmony. There may be other mechanisms, these and others may work together, and the precise mechanism for any given person may be irreducibly complex.“ (http://www.connectivism.ca)

Insgesamt bieten die Social Media-orientierten Lernkonzepte – bei aller Kritik, die an diesen Modellen geübt wird – erste Anhaltspunkte, wie durch Social Media-Einsatz der klassische Präsenzunterricht ergänzt und bereichert werden kann. Unseres Erachtens erweist sich die Entkopplung vom gemeinsamen Lernen und der raumzeitlichen Gebundenheit als wichtige Basis, den Lernenden neue Optionen der Vernetzung und des informellen Lernens anzubieten. Im Folgenden werden einige Einsatzmöglichkeiten aufgezeigt.

Interessante Einsatzmöglichkeiten für Social Media in der Lehre

Social Media begleitend zum Selbststudium

Auf seinem Lernblog beschreibt Andreas König verschiedene Einsatzgebiete von Social Media in der Lehre, so z.B. die Microblogging Plattform Twitter als Begleitung zum Selbststudium zu verwenden. In seinem Ansatz ergänzt er das formelle Setting des Präsenzunterrichts dadurch, „’lessons learnd’ in Form von Tweets nach dem Unterricht abzufragen”. Unter Einsatz von Twitter können so die Reflexion von Gelerntem wie auch gegenseitige Feedbacks von Studierenden und Dozierenden gefördert werden. Desweitern stellen die Einsatzmöglichkeiten von u.a. Twitter willkommene Ergänzungen und/oder Alternativen zum Präsenzunterricht dar [2].

Interaktive Lerngruppen

Die deutsche Fernhochschule ILS setzt zunehmend interaktive Lerngruppen ein, um die Beteiligungsmöglichkeiten der Studierenden am Fernunterricht zu erhöhen. Birger Tralau [3] beschreibt dazu die beiden folgenden Einsatzfelder:

  • Prüfungsrelevante Inhalte generieren: Studierende sollen in Onlineseminaren zusammen die für sie (praxis-) relevanten Themen ermitteln und diskutieren, woraus sich später die prüfungsrelevanten Inhalte ergeben.
  • Kontaktintensivierung: Die Lerngruppen intensivieren den Kontakt der Studierenden untereinander und zum Fernlehrenden.

Vernetzung mit Experten und Expertinnen aus der Unternehmenspraxis

In einem Diplomstudiengang an der Universität Tübingen wurde nach dem Vorbild des MIT (Massachusetts Institute of Technology) das Konzept des „Blended Open Course“ eingeführt. Ein geschlossenes Seminar sollte nach aussen geöffnet werden, indem Studierende vor Ort und externe Interessierte (Experten und Expertinnen aus der Unternehmenspraxis) zusammen arbeiteten. Ziel war es, formales und informelles Lernen zu kombinieren. So wurden Offline-Veranstaltungen genauso wie Online-Sessions mit unterschiedlichen Referierenden abgehalten. Blogs, Video- und Audiochats wurden eingerichtet, um eine unkomplizierte Kommunikation zwischen Offline- und Online-Teilnehmenden zu ermöglichen. Im Verlauf des Semesters hatten 170 Interessierte den Newsletter (als Grundlage zur Veranstaltung) abonniert. Daraus ergab sich ein harter Kern von 20-30 Personen, die sich rege über die verschiedenen Kanäle beteiligten. Lesen Sie dazu das Interview mit Johannes Moskaliuk.


[1] Seufert, S. (2011). Informelles Lernen. Zeitschrift Führung und Organisation, 5, 299-305.

[2] Hissenreich, J., & Primsch, J. (2010). Wissensmanagement in 140 Zeichen – Twitter in der hochschullehre. Open Journal of Knowledge Management, 2, 23-35. Online (30.08.2012): http://www.community-of-knowledge.de/beitrag/wissensmanagement-in-140-zeichen/

[3] Tralau, B. (2011). Social Learning: Kollaborativ zu neuem Wissen. Wissensmanagment, 4.