„Die Energiestrategie ist der Weg und nicht das Ziel“

06.05.2017 by

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Thomas Nordmann, Kurt Bisang und Irene Aegerter unterhalten sich vor der Veranstaltung über das Energiegesetz.

 

Was bestimmt das revidierte Energiegesetz, über das die Schweizerinnen und Schweizer am 21. Mai abstimmen? Der Studiengang Energie- und Umwelttechnik hat am vergangenen Freitag, 5. Mai, drei Experten eingeladen, um aus technischer Sicht über die Abstimmungsvorlage zu referieren.

Trotz Verlockung durch Sonnenschein und Töggelikasten auf der Freitreppe liessen sich am Freitagabend rund 170 Studentinnen, Studenten, Dozentinnen und Dozenten die Einladung des Studiengangs nicht entgehen: In der Aula sollte über die Energie-Zukunft der Schweiz diskutiert werden. Drei Referate, eines zur Information, eines von einem Solarenergie-Pionier und eines von einer Kernphysikerin, waren angekündigt.

 

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Der EUT-Anlass war gut besucht. Bilder: Jadwiga Gabrys, Ruth Wiederkehr, Concetta Beneduce.

 

Kurt Bisang, Politikwissenschaftler und seit 12 Jahren beim Bundesamt für Energie tätig, referierte als Fachspezialist für Energiepolitik über die Grundlagen der bevorstehenden Abstimmung: Die Energiestrategie wolle Energieeffizienz, die Förderung von erneuerbaren Energien, neue Grosskraftwerke und eine neue Energieaussenpolitik, sagte Bisang.

Das erste Massnahmenpaket, das die Zeit bis 2035 plant, ist wesentlich konkreter und ist nun in das revidierte Energiegesetz übergegangen. Faktisch werde über drei Dinge abgestimmt: Erstens die Senkung des Energieverbrauchs und die Energieeffizienz, zweitens den Ausbau von Erneuerbaren – insbesondere von Solarkraft – und drittens über den Ausstieg aus der Atomkraft. „Fossile Energien werden bis 2050 nach und nach subsituiert und so die Auslandsabhängigkeit verringert“, sagte Bisang. Als Beispiel: 20% des Stroms soll bis 2050 durch Photovoltaik produziert werden. Oder anders: Der Anteil der neuen erneuerbaren Energien (also Sonne, Wind, Biomasse, Geothermie, Fernwärme) sollen von heute 4,5% auf etwa 40% im Jahr 2050 gesteigert werden. Von diesen neuen Erneuerbaren soll der Photovoltaikstrom rund die Hälfte ausmachen.

Zu Bisangs Referat vgl.

http://www.bfe.admin.ch/energiestrategie2050/06445/index.html?lang=de

https://www.uvek.admin.ch/uvek/de/home/energie/energiestrategie-2050/worum-geht-es.html

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Wer sich über die Entwicklung der Photovoltaik in der Schweiz informiert, kommt nicht um den Namen Thomas Nordman herum. Mit seiner Firma TNC Consulting ist er seit 32 Jahren im Geschäft und hat 1989 die erste grosse Photovoltaikanlage der Schweiz installiert. Die Anlage über 130 kWp an der A13 produziert bis heute Strom, mit einem Wirkungsgrad von 11% – das ist die Hälfte dessen, was ein Solarpark heute hinbringt. Auch die Kosten seien gesunken: Kostete 1989 ein kWp 30 000 Franken, so sind die Kosten heute 92% tiefer.

„Die Energiestrategie ist der Weg und nicht das Ziel“, sagte Nordmann am Freitagabend. Einen starken Ausbau der Solarkraft hält Nordmann für möglich – es gehe darum, bestehende Flächen wie Dächer und Autobahnen ein zweites Mal zu nutzen. „Meine Aufgabe ist es nicht, Ihnen die Angst zu nehmen, sondern Ihnen Mut zu machen“, sagte er in seinem flammenden Plädoyer für die Solarkraft und verschwieg nicht, dass es diesbezüglich noch Probleme gäbe. Während der Wintermonate werde es nach momentanen Stand der Technik noch Probleme geben.

Zu Normdans Referat vgl. http://www.tnc.ch/energiestrategie-2050-informationen-meinungen-fragen.

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An Nordmanns Referat schloss Irene Aegeter, promovierte Physikerin, an. Sie hat sich intensiv mit Themen der Kernenergie beschäftigt und ist ehemalige Vizedirektorin des Verbands Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE) und Präsidentin von energiesuisse.net. An einer technischen Hochschule müsse man sich um die technischen Grundlagen kümmern, meinte sie zum Einstieg. „Wenn sie keine Sonne haben, dann haben Sie keinen Strom“, sagte Aegerter. Sonne habe dasselbe Profil wie Laufwasserkraft, die Stromversorgung könne mit der momentan vorgesehenen Strategie und dem revidierten Energiegesetz nicht gesichert werden. Die Netzstabilität sei zudem nicht gewährleistet. Gegenüber den smarten Technologien, die mit einem Umbau der Stromproduktion notwendig würden, zeigte Aegerter sich skeptisch. Smartmeter seien teuer, noch nicht vollständig entwickelt, können gehackt werden. Eine Illustration zur Tag-Nacht-Speicherung zeigte denn auch deutlich, was der Umbau des Schweizer Stromproduktionsmarkts bedeute: „Um Beznau zu ersetzten, sind 800 000 Tesla-Powerwalls nötig.“ Eine Powerwall ist gegenwärtig für 9000 Franken erhältlich.

Zu Aegerters Referat vgl. http://energiesuisse.net/index.php/de/

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Die Diskussion im Anschluss unter Moderation von Stefan Roth, Dozent für Enerneuerbare Energien, verlief rege und zeitweise hitzig. Die Studierenden waren interessiert am wirtschaftlichen Potenzial des Strommarktumbaus und an neuen Energieformen. Bisang verriet, dass der Bund nur von einem geringfügigen oder keinem Nutzen für das BIP ausgehe, und Aegerter machte klar, dass sie zum Beispiel in der Photosynthese eine mögliche Energieform der Zukunft sehe und daher die Forschung in diesem Bereich unterstütze.

Egal ob Gegner oder Befürworter des neuen Energiegesetzes: Es scheint, als ob die Automobilität so oder so elektrisch sein wird. Nordmann und Aegerter fahren einen Tesla.

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Die Kontrahenten schütteln sich die Hand zum Dank: Thomas Nordmann und Irene Aegerter. Bild: Klaus Eisele.

 

Kommentare (2)

Sind Sie schon Energieexperte? Lösen Sie das enru-Quiz zu dieser Veranstaltung: http://www.fierz.ch/enru-2050.html !

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